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Der Israelit · 1937-12-09 · Heft 49 (9.12.1937) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 49 (9.12.1937)
Date
1937-12-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nummer 49 1937 Zr3^Ü ^^r!r^£x! »Ifi^l Das Fenster des fünften Stockes, Von O. Felyne, Einzig berechtigte freie Uebertragung u. Bearbeitung von Dr. Bernhard Hirschberg-Schrader. . Es waren zweiundachtzig Stufen bis zum vierten. Stock, wo David Herzfeld ein Zimmer bewohnte. Einst konnte er aus dem Fenster seines Zimmers über dieganze Stadt hinwegblicken, bis zum fernen Horizont.. Aber später hatte sich seinem Fenster gegenüber die Wand des Nachbarhauses aufgerichtet. Glatt und steil. Sie nahm ihm Licht und Luft. Anfangs war er darüber sehr empört und trug sich mit der Absicht, auszuziehen. Dann aber ließ er es beim alten. Jetzt schien ihm, als wäre damals der Horizont nur deshalb so weit .und grenzenlos gewesen, damit sich später einmal seinem Bewußtsein einprägen konnte, wie-^sinnlos sein Leben sei, das sich in diesem kleinen Räume abspielte und noch in einem anderen, nicht minder düsteren und freudlosen, dem Büro, wo er tätig war. Auch der Ausblick nach unten war ihm genommen. Sein Zimmer, befand sich in einem Anbau, und' das Gesichtsfeld war verdeckt durch das graugelbe Ziegeldach des unter ihm liegenden Stockes. In der Mitte dieses Daches ragte ein dunkelroter Schornstein empor, und man hatte das Gefühl, daß der aufsteigende Rauch besonders ätzend und penetrant war; Als ob sich mit dem Rauch alles Leid und: alle Verzweiflung hinausdrängen "würden, die die Menschen in ihren vier Wänden nicht loszuwerden vermochten. Dieses ewige Einerlei zu Hause und im Büro, das ständige Verharren in kleinen Verhältnissen, fingen ah, Herzfelds Gemüt zu bedrücken. Allmählich setzte sich in ihm der Gedanke fest, daß sein Leben verfehlt sei, und daß er ihm durch einen Sturz aus seinem Fenster ein für allemal ein Ende machen müsser Aber trotz dieses Verlangens nach dem Tode hatte er doch einige Bedenken: das kleine Ziegeldach könnte seinen Sturz aufhalten, und . er würde vielleicht, statt zu sterben, zum Krüppel verstümmelt werden. Weshalb Herzfeld gerade " diese Tödesart wählen zu müssen glaubte, ist schwer zu sagen. Wer vermag in die einzelnen Phasen der so ungeheuer komplizierten Vorgänge in der menschlichen Seele,, besonders in Depressiönszuständen, einzudringen. Der Entschluß, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, war nicht plötzlich gekommen. Herzfeld hatte ihn schon vor langer Zeit gefaßt; Ihm war damals gewesen, als leuchtete die Notwendigkeit, daß er Hand an sich lege, nicht nur ihm allein ein, sondern auch allen anderen, mit denen er in Berührung kam. Er konnte in ihren Augen deutlich die Verwunderung lesen, daß er noch ihre Wege kreuzte, daß er noch zögerte, den letzten Schritt zu wagen. Morgens, wenn er ins Büro ging, abends, wenn er aui dem Heimweg war, begegnete .er. im Laufe von zwanzig Jahren immer wieder den gleichen Menschen. Aber dadurch, daß viele von ihnen nur langsam vor seinen Augen alterten, konnte es den Anschein erwecken, daß sich in ihnen die trügerische Jugend erhalten habe, und daß die Zeit stehen geblieben sei. Und immer wieder spielte er. mit dem Gedanken, aus dem Leben zu scheiden. Morgen für Morgen sah Herzfeld, wie gegenüber im fünften Stock in der schmutzig-weißen Wand eine Frau das Fenster öffnete und verstohlen ab und zu einen Blick nach seinem Fenster warf. Er kannte sie von Angesicht' schon seit vielen Jahren, seit der Zeit, als . das Haus gegenüber noch den weißen Stuck hätte. Aber er konnte sich hie entschließen, sie anzureden, wenn er ihr auf der Straße begegnete. Schon damals hatte -er' das peinliche Bewußtsein seiner .eigenen Nichtigkeit.' Ihr Lächeln, das ihm die fehlende Sonne hätte ersetzen können, konnte auch Spott sein über sein pünktliches Kommen genau zur gleichen Stunde, über seinen ewig stummen Blick. v Eines Tages hatte er seine Schüchternheit überwunden und beschlossen, sie am Abend zu besuchen. Kurz zuvor warf er noch einen Blick nach ihrem Fenster. Er verfärbte: sich: Auf dem Vorhang waren cfie Silhouetten, zweier Menschen deutlich sichtbar, die sich lebhaft unterhielten. Und sein Besuch unterblieb. Ein anderes Mal sah er, wie sie das Fenster öffnete und mit einein jungen Mann im Rahmen erschien. Sie waren in heiterster Stimmung und beulten sich sorglos über das Fensterbrett, als wollten sie die Gefahr, ja die ganze Welt durch ihr grenzenloses Glück herausfordern. ' Herzfeld schloß das Fenster. Er hatte das Gefühl, das die Blicke der Verliebten spöttelnd in sein Zimmer drangen und sich über die dürftige Einrichtung und den Menschen lustig machten, der einsam und sinnlos darin lebte. Dann kam ein Tag, an dem die Frau im Fensterrahmenstand mit fahlen Zügen und unruhigem Gesichtsausdruck. Sie starrte hinunter, ' wo sie den jungen-Menschen wahnte, der noch vor kurzem jeden Abend gekommen war und nun fortblieb. Aus dem Fenster des fünften Stockes, stundenlang hinunterzuschauen, konnte heißen, sich nicht mehr hoch über der Erde dunken, fern vom Alltag und emporgetragen auf den Flügeln der Liebe und des unermeßlichen Glückes. Aber stundenlang aus dem Fenster des fünften Stockes hinunterzuschauen, konnte auch die qualvolle Erkenntnis furchtbarer Einsamkeit bedeuten und das Gefühl der Trennung von allem, was. dort unten lebte, und von dem Menschen, der einst Freude in ihr trauriges Heim hineingetragen hatte. Aus dem Fenster des fünften Stockes stundenlang hinuntefzusehauen, konnte endlich auch ein Suchen nach einem geeigneten Weg für den Tod sein und ein Ausharren bis zu dem Moment, wenn im Bewußtsein jene letzte Gruppe des Kummers überschritten ist, hinter der die Furcht zusammenschrumpft und das Entsetzen verblaßt. Und als Herzfeld eines Tages die Frau wieder im Fensterrahmen stehen sah, war sie von Licht umstrahlt. Acht Flämmchen warfen helles Licht auf ihr Gesicht* ' Und er beschloß, zu der Frau in den fünften Stock zu gehen. * *- Hundertvier Stufen müßten überwunden werden, bis der fünfte Stock des gegenüberliegenden Hauses erklommen war. Er läutete. Die Frau öffnete ihm und sagte verlegen: ,.Bitte, treten Sie ein. Entschuldigen Sie, daß hier so viele Sachen herumliegen. Bei mir ist alles so einfach und dürftig . . . Nicht wie. bei Ihnen." Das, was Herzfeld nunmehr zu sehen bekam, entsprach vollkommen dem Bilde, das er sich von ihr gemacht hatte: eine einsame Frau arbeitete Tag und Nacht, um ihr Dasein fristen, zu können. In einer Ecke stand eine mit einem Ueberzug bedeckte Nähmaschine und auf denr Fußboden und den Möbeln lagen Stoffreste 'herum. Sie hatte eine Arbeitspause eingelegt, weil acht Lichtlein das Fest in seinem Ausklingen anzeigten. Er dankte und setzte-sich. „Wie seltsam," fuhr sie fort, „wir sprechen heute zum ersten Male miteinander und kennen uns doch schon so lange." „Ja, sehr seltsam," eirwiderte Herzfeld. „Ich kenne Sie genau. Ich weiß sogar, was Sie immer tun, wie Sie Ihre Zeit verbringen, wie Sie die Treppe hinaufgehen, welche Gewohnheiten Sie haben. Ich weiß ferner, daß Sie ein pünktlicher, besonnener Mensch sind und in einem soliden Unternehmen arbeiten. Ich habe auch beobachtet, wie Sic im Laufe der vielen Jahre tagaus, tagein Ihr schönes, reich und geschmackvoll eingerichtetes Zimmer beträten, wie Sie Ihre Lampe anzündeten, die ein weiches, abgetöntes Licht aussandte und Ruhe und Frieden verbreitete." Er erfuhr noch von ihr, was sein Leben vorstellte, von außen betrachtet, so gesehen, daß nur einzelne Erscheinungen bemerkt wurden, während andere, vielleicht wesentlichere, im Schatten blieben, als würden sie überhaupt nicht vorhanden sein, Die Frau wußte, daß er einsam war. Nie hatte sie ihv mit einem weiblichen Wesen gesehen. Aber das, was ihr einst vielleicht lächerlich vorgekommen wäre, hatte jetzt in ihren Augen Würde und' Ernst angenommen. Er war für sie ein Mensch, der durch die Arbeit und für die Arbeit lebte. Ein kluger, ernster Mann, nicht so einer wie „jener". Sie wollte ihn kennen . Sein zielloses Dasein konnte, aus der Ferne gesehen, bei einem anderen Menschen mit einem eigenen mißglückten Leben eine Illusion erwecken. Die Leere, in der er sich allmählich verloren und einen Widerhall nur in dem ihn immer wieder verfolgenden Gedanken an eine Selbstvernichtung gefunden hatte, konnte für einen anderen Form und Gestalt annehmen. Er selbst, in den eigenen Augen, in den eigenen Gedanken ein vollkommenes Nichts; konnte der Frau als ein wertvoller Mensch erscheinen, weiF sie ihn nur von weitem, durch ein Fenster und zuletzt durch ihr. eigenes Leid hindurch beobachtet hatte; Sie führte ihn ans Fenster und zeigte ihm sein Zimmer, wie er es während der letzten zwanzig Jahre noch nie gesehen, hatte. Nur . die Wand war sichtbar, in welche die Tür eingebaut und vor der ein Teil der Möbel gestellt war. "Die Tapeten, mit denen er vor zwanzig Jahren eigenhändig die Wände beklebt hatte, schienen nicht vergilbt, zerschlissen und an verschiedenen Stellen aufgerissen. Von weitem sah man nur einen gelbgrauen Hintergrund mit einigen Radierungen. Von der Seite her konnte man nicht mehr als das Kopfende des Bettes mit den Kissen wahrnehmen. Und gerade deshalb mochte es aus der Ferne den Anschein erwecken, daß Friede und wohlige Ruhe den Menschen umgaben, der sich nach getaner Arbeit dort niederlegte. Sie zeigte ihm auch seinen Schreibtisch. Einst hatte er vor ihm halbe Nächte in fleißiger Arbeit zugebracht. Aber jetzt . . . Die Frau ahnte nicht, daß der Schreibtisch nur deshalb so aufgeräumt aussah, weil, er in einer fernen Nacht, als die Einsamkeit ihn fast zu erdrücken schien, alle Schriften verbrannt und nie wieder geschrieben hatte. Neben dem Schreibtisch stand ein großer niedriger Lehnstuhl und ein kleiner Divan, auf dem er ausruhte, wenn er abends müde nach Hause kam. Hier überdachte er all die unkomplizierten Kleinigkeiten, die immer mehr wuchsen und ihn durch ihre Wucht fast erdrückten. Und hier war er auch auf den Gedanken gekommen, zu der Frau in den fünften Stock zu gehen, um sich aus dem Fenster ihres Zimmers sein Leben anzusehen ... ■ „Bitte setzen Sie sich hierher," sagte die Frau und deutete auf einen der Stühle hin. „Leider kann ich Ihnen keinen Sessel anbieten. Einst hatte auch ich Polstermöbel . . . Bequem und gemütlich . . . Wie bei Ihnen". Auf der -Kommode stand zwischen verstaubten Papierblumen eine Photographie: sie und er. Sie nahm das Bild und zeigte es ihm, „Können Sie sich seiner entsinnen? Sie kannten ihn auch." „Ja, ich kannte ihn." Ein banales, albernes Gesicht. Aber die Frau sah ihn auch jetzt noch mit den Augen der Liebe an. Sie öffnete die Schublade der Kommode, nahm aus -einer Schatulle ein Paket mit alten Photographien und zeigte sie ihm. „Hier, sehen Sie sich diese Aufnahme an." Ein junger Mann in einem hellen Anzug steht am geöffneten Fenster. Ein verschwommenes Bild auf vergilbtem Papier. „Wer ist das?" fragte Herzfeld. „Erkennen Sie ihn nicht? Sehen Sie nur genau hin. Das Bild ist etwas undeutlich." Sie lachte auf. Nun erkannte er das Fenster seines Zimmers und sich selbst. Das vergilbte Papier hatte, wie ein Dokument der Zeit, seine Züge festgehalten, „Er hat oft von mir Aufnahmen gemacht. Einmal hatte ich ihn gebeten, das. Haus gegenüber zu photographieren, da ich umziehen wollte. Sie waren gerade im Fensterrahmen." Und leise fügte sie hinzu! „Vielleicht hatte ich ihn absichtlich darum gebeten, weil Sie im Fensterrahmen standen." „Weshalb taten Sie das?" „Ich weiß es nicht. Vielleicht deshalb, weil ich in mein zukünftiges Leben auch dieses Andenken mitnehmen wollte." Sie deutete auf das Bild hin und sagte: „Das ist mein Plätzchen, wo ich einst glücklich war. Eine Erinnerung, die ich nirgends mitgenommen habe, weil ich doch nicht fortgezogen bin." Sie sah ihn schweigend an, aber ihr Blick schien zu fragen: „Warum sind Sie nicht damals zu mir gekommen'7 Damals, als Sie deutlich erkannt hatten, daß ich vereinsamt war und ohne Liebe und Schutz dahinlebte. Warum haben Sie mich nicht gerufen? Sie pflegten mich doch so oft mit den Augen zu verfolgen. Ich gefiel Ihnen. Und Sie ... gefielen mir. Warum behielten Sie die Behaglichkeit und die Stille Ihres Zimmers für sich allein? Wollten Sie nicht oder konnten Sie nicht begreifen, daß so glücklich einer ist, eine Gefährtin in sein Leben noch mehr Glück hätte hineintragen können?" Sie sprach noch davon, daß sie im Laufe der vielen Jahre nur eine Ecke seines Zimmers gesehen hätte, und sich danach sein Leben ausmalte. Sind Sie eigentlich religiös?" fragte sie unvermittelt. „Warum fragen Sie danach?" „Weil ich sehr gläubig bin." „Waren Ihre Eltern auch sehr religiös?" „Ja. Sehr. Sie haben mich in G'ttesfurcht und Nächstenliebe erzogen. In unserem Hause verkehrten viele religiöse Menschen. Sehen Sie sich diesen Chanukahleuchter an; ein Familienerbstück." „Lebennoch Ihre Eltern?" „Nein, schon lange nicht mehr. Ich bin allein." „Sie fragten mich vorher, ob ich gläubig sei. Ich habe den Glauben mit der Zeit verloren." „Aus welchem Grunde?" „Häufige Schicksalsschläge erschüttern den stärksten Glauben." „Aber viele kehren gerade durch Mißgeschick zum * Ewigen zurück." „Vielleicht finde auch ich noch einmal den Weg zu ihm." „Wirklich?" fragte sie sichtlich erfreut. „Schon heute glaube ich, ihn zu sehen." „Schon heute? Wie soll ich das verstehen?"

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