Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1937)
- Date
- 1937-11-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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18. November 1937 Der I s r a e Ii t Nr. 46 Seite 3 Die Agudas Jisroel und die Auswanderung. (Fortsetzung von Seite 1.) gips es Leben nicht möglich und nicht denkbar ist? Das ist die brennende Frage, die nicht nur den Auswanderer selbst angeht, sondern in gleichem Maße die religiöse Gesamtheit, denn, seien wir offen, es wäre beschämend für uns und für die Zukunft der jüdischen Traditionen beängstigend, wenn wir weite Kreise dieser Auswanderer sich selbst überlassen würden. Wir müssen zumindest mit ruhigem Gewissen dem Schöpfer sagen können: ntn DTI J1K MÖW HÖ im „Unsere - Hände haben dieses Blut nicht vergossen" und alles versuchen, was nur menschenmöglich ist, um diese Auswanderer bei der Fahne des Judenturas zu halten. Wie steht es nun heute im Allgemeinen, besonders wenn es sich um Siedler handelt? Der fromme Jude, der in fernen Landen vom Dampfer steigt, sieht sich gleich nach seiner Landung wenn auch nicht von einer materiellen, so doch von einer geistigen Not bedrückt, und letztere ist noch drückender und gefährlicher als die erste, weil sie den Menschen,in seinem religiös sittlichen Halt bedroht; denn der Mensch lebt ja nicht nur von Brot man "TP mb anVn "?y SV' und nur wenn er ein gehämmerter Jude bleiben kann, wird er dem .Lebensschicksal gewachsen sein und mit ihm den siegreichen Kampf aufnehmen können. Findet er dort eine einwandfreie Schechitah, eine brauchbare Mikwoh, kurz, diejenigen religiösen Institutionen, die ihm Lebensinhalt und Lebensnotwendigkeit sind? " Und wenn dieselben in beschränkter Anzahl vorhanden sind, kennt er deren Adressen? Kanner sie leicht erreichen, ohne allzugroßen Kostenaufwand und Zeitverlust; beides ist ja zu berücksichtigen, denn es sind ja eben Menschen, die um ihren kärglichen Lebensunterhalt ringen und weder Zeit noch Geld verschwenden können. Gewiß, es ist eine Synagoge vorhanden, gewiß, eine gute, praktische und nützliche Sache, aber Wir wissen ja zur Genüge, daß dies hoch langst nicht alles ist; eine Synagoge beweist für das religiöse Leben einer Kolonie noch gar nichts. Man kann auch ohne monumentale Synagoge seinen G'tt finden T3TK D1j?on Vd? aber der fromme Jude katin weder Schechitah noch Mikwoh entbehren. Und dann wozu könnte auch die schönste Synagoge nützen, wenn sie meilenweit von den Siedlern entfernt ist? Wie kann - er am Sabbat dorthin gelangen? Und wenn der Kolonist Kinder hat, wer kann ihnen den notwendigen Unterricht in JTnfp vermitteln? Und wenn sogar wunderbarer Weise der Eingewanderte seinem Judentum trotz größter Opfer und Entbehrungen treu bleiben mag, so ist doch meistens die zweite Generation schon völlig für uns -\ erhören. Hier ein kleiner Ausschnitt der moralischen Seite der Frage, der materielle Teil geht die großen Auswandererorganisationen an. Können wir uns diesem Problem verschließen? Zwingt uns die Idee des nimj' der Solidarität nicht gerade, uns damit besonders zu befassen? Die Mittel und Wege, um eine Lösung anzubahnen?! Es gilt zunächst, eine öffentliche Meinung zu schaffen und den großen Organisationen, die schließlich guten Willen haben, aber es nicht besser/wissen.' die Mitarbeit der Aguda anzubieten, die Sitz und Stimme in diesen Organisationen haben sollte, um ihnen in religiösen Fragen treu beiseite zu stehen. Man würde hiermit den, Kolonien Südamerikas ein religiöses Relief geben. '■ Gewiß, , wir verlangen nun nicht gerade, so Wünschenswert dies auch wäre, daßi z. B. die ICA von jetzt ab nur Agudisten oder Misrachistea nach Amerika bringen möge, wir sind Realpolitiker und weder Egoisten noch Utopisten, aber was wir dringend wünschen, ist, daß der fromme Jude in seinem Kreise, in Südamerika dieselben religiösen Möglichkeiten wie in Berlin oder Warschau findet. Es ist ein religiöses Problem, gewiß, es ist aber ebenso eine politische und eine soziale Frage, die von großer Bedeutung ist. In der Tat ist der religiöse Jude allen politisch schädlichen Einflüssen völlig unzugänglich. Er ist ein politisch gesundes Element und der vorzüglichste Agent gegen Bolschewismus, was von ungeheurer Wichtigkeit für den ihn aufnehmenden Staat ist. Sich selbst überlassen, von allen isoliert, verliert der religiöse Jude mit der Zeit seine religiöse Kraft und Widerstandskraft, denn Judentum kann nur in Gemeinschaft blühen und gedeihen. Es ist infolgedessen dringend nötig, Gruppensiedlung vorzunehmen, damit ein Siedler ,SO nahe als möglich neben dem anderen wohnt, und jeder Gruppe, die mindestens eine Zehnzahl bilden soll, einen Schochet mitzugeben, der auch in anderen religiösen Fragen Bescheid weiß und mit Unterricht betraut werden kann. Die Aguda ist bereit, für diese Kräfte zu sorgen- Nach und nach wird sich die Gruppe dann* zum Gemein- 4 wesen bilden. Vergessen wir nicht: Das Rad des Schicksals dreht sich. D^iyi nnnn hih> Unsere Geschichte beweist dies zur Genüge. Wer weiß, ob uns nicht eines Tages von diesen jetzt armen Emigranten das Heil erblühen wird. Darum hat Agudas Jisroel auf der Marienbader Kenessio die Schaffung eines Auswahdererbüros beschlossen, das sich mit diesen einschlägigen * Aufgaben befassen und evtl. nach Vereinbarung mit den großen Weltorganisationen besondere Leute nach Südamerika senden soll, um dort die einschlägigen religiösen Möglichkeiten zu studieren. Was ebenso dringend ist und auch schon in Marienbad vorgeschlagen wurde, ist die Druck- * legung eines „Führers", der die Emigranten noch vor der Einwanderung alles Wünschenswerte in jeder Hinsicht klar und einfach vermitteln soll. Gewiß ist dies alles eine Riesenarbeit, aber gerade deswegen rufen wir alle zur Mitarbeit auf. Wir wollen weder das Judentum noch die Thora für uns monopolisieren. Wir wollen nur unseren Brüdern helfen, ihnen in der Bedrängnis ein Wegweiser sein. Von dieser Arbeit darf sich keiner, der noch einen Funken von jüdischem Interesse hat, ausschließen. Helfen Sie Ihren Brüdern, helfen Sie dem Judentum, helfen Sie der Thora, Sie helfen sich dadurch selbst. Wochenrundschau- — t Das jüdische Buch. —Warum keine Synagoge? — Ghettobänke an polnischen Hochschulen. Einige jüdischen Zeitungen in Deutschland haben ihre letzten Nummern dem jüdischen Buch gewidmet. In der „Buch"»Nummer der „C. V."-Zeitung vom 11. November knüpft Jakob Picard an Moses II. an, wo von B e z a 1 e 1, dem ersten jüdischen Künstler, erzählt wird, der „von G'tt berufen wurde, dem Stiftszelt die seinem hochheiligen Zwecke gemäße Ausstattung zu geben" und~von dem es heißt, daß .er „mit g'ttlichem Geiste, mit Weisheit und Einsicht; mit Wissen und allerlei Fertigkeiten erfüllt war." Picard meint, daß mit diesen Worten keineswegs nur das Wesen des bildenden Künstlers, wie es Bezalel war, umschrieben ist, sondern des Künstlers schlechthin, auch des Musikers und des Dichters, denn darin gleichen sie alle, daß sie aus den Tiefen des Unbewußten schöpfen und schaffen. Wir glauben^ aber^ daß mit jenen Worten der Bibel nicht allein die Quelle für die schöpferische Kraft des Künstlers bloßgelegt ist, sondern auch die Grenzen der jüdischen Kunst, d. h. der von Juden für Juden produzierten Kunst genau gesteckt sind. Will der jüdische Künstler, sei es durch Bild oder Ton oder Wort, auf Bezalel zurückblicken, so denke er an die agadische Definition '» - Ssa „Im Schatten G'ttes". Das G'ttesgnadentum des Künstlers ist eine Auszeichnung, aber, auch eine Verpflichtung, die Verpflichtung, dem Heiligtum zu dienen, dem Schönen, dem Guten, dem Reinen; erzieherisch und veredelnd zu wirken. Und ist esv gar ein Künstler und Schriftsteller, der für jüdische Jugend schafft, so hat er eine doppelte Mission: seine Gemeinde zu den Sphären der Bezälel-Kunst in den heiligen Hallen des Lebens zu erheben. Man berufe sich nicht dabei auf die alle Schranken und Marksteine überwindende Intuition, auf die ungebunden schaffende Künstlerseele. Was vom Moralischen her zu verwerfen ist, ist im letzten auch unkünstlerisch. Wir könnten mit Beweisen dienen, doch würde das hier zu weit führen. Wenn ein bekannter Schriftsteller, dessen Werke in hunderttausenden von Exemplaren abgesetzt wurden, beispielsweise alle widerliche Unmoral in der „hohen Gesellschaft" des 18. Jahrhunderts in einem" „Hofjuden" personifiziert und diesen in den Mittelpunkt seines Romanes stellt, wei\n er es überdies für gut findet, getreu einem leichtfertig gefällten Urteil über Jonathan Eibenschütz bei Graetz, so ganz ohne Not auch diesen rabbinischen Führer : in den Bann jenes Sumpfes hineinzuzerren und ein Bild von ihm zu zeichnen; das aller Wahrheit, aller Tradition und aller Pietät ins Gesicht schlägt, so ist dies ein einziger, aber ein drastischer Beweis für ein Kunstschaffen, das die künstlerische Freiheit, mißbraucht und es nie wagen darf, Bezalel als Schutzpatron zu proklamieren. Hemmungslos darf auch die Kunst im jüdischen Bereiche nicht sein. Unter den dreizehn Beiträgen über das jüdische Buch und die jüdische Kunst in der genannten jüdischen Zeitung hat es aber kein einziger der Mühe wert gefunden, auf dieses Moment hinzuweisen. Im „Hapoel Hazair" vom 19. Tischri veröffentlicht Mirjam Singer, Mitglied der Kewuzah in Deganja. Reminiszenzen an Thomas Masaryk, Wir lesen darin u. a.: „Meine Auskunft über die Verhältnisse der Kolonie interessierten ihn ungemein. Dann aber fragte er fast im Tone einer Zurechtweisung: „Warum gibt es bei Ihnen keine Synagoge?" Ich bemühte mich, ihm klar zu machen, daß die Mitglieder unserer Kolonie nicht gewillt seien, mechanische Gebete ins Weltall hinauszuschicken, auch nicht ihre religiösen Gefühle, falls sie solche empfinden, an Zeit, Wort und Raum zu binden, Da hielt Masaryk mitten im Gehen still, schaute mich durchdringend an und sprach: „Ein Irrtum. Jedes Gebet, auch wenn an Wort und Zeit gebunden, hat eine reinigende und stärkende Wirkung. Gebet ist Ausdruck der Religiosität und diese ist Urquelle aller Tugend, alles Guten und Reinen." Ich hörte Worte, die wohl zu meinem Verstand sprachen, aber nicht zu meinem Herzen. Jetzt aber, im reiferen Alter, begreife ich erst die Aeußerung des Präsidenten der tschechischen Republik in der ganzen Tiefe ihrer Bedeutung." Zu diesem Bekenntnis von Mirjam Singer bemerkt der Tel Awiwer „Haarez"; „Und zu welchem Resultate führte die späte Erkenntnis der Frau Singer und der anderen Mitglieder in Deganja, die die Mutter der neuen nationalen Siedlungen in Erez Israel ist? E i n e S y n a g o g e hat Deganja heute noch nicht. Es wird aber ein Tag kommen, da diese Fragen uns auch von den Kindern gestellt werden. Was wollten die Männer und Frauen von Deganja darauf antworten?" Daß einmal die Frage von den Kindern gestellt wird, befürchten wir nicht, sondern ist unsere Hoffnung. * * Die Lage in Polen hat sich nicht wesentlich geändert. Es zeigt sich eine Grenzlinie zwischen Warschau und Lemberg. Während in Warschau, ohne Zutun der Behörden, die Ghettobänke an den Hochschulen praktisch fast lückenlos durchgeführt sind, widersetzte sich in Lemberg der Rektor der Universität, Kulcuzynski, der Trennung und quittierte eine Auflehnung gegen seinen Standpunkt m im STRUMPFHAUS METZ6ER ZEIL 8T aueh Herrenwäsche, Trikotagen und Badewäsche ^Winter-rMäntel und % i 1 e r: A.;i\'t j ig: u t ,u n| d p r e i s wj $ .■Auf iWiunsch •Vpa-Vei- Anzüge;r t bieij rbeitunf i Frankfurt a. M. Hindenburgplatz 12 am Hauptbahnhof