Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1937)
- Date
- 1937-11-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Nr. 45 Der Israelit IL November 1937 einer wesentlichen Entlastung des Wohlfahrtsetats der jüdischen Gemeinden führen. Die jüdischen Arbeiter und Angestellten werden durch die neue Sozialversicherung gegen Krankheit und Arbeitslosigkeit versichert und erhalten eine Altersrente nach dem 65. Lebensjahr. Bisher hatten die jüdischen Gemeinden für die kranken, arbeitslosen und alten jüdischen Arbeiter selbst zu sorgen. Die Arbeitslosigkeit in Griechenland ist im übrigen durch die Maßnahmen der Regierung fast völlig beseitigt worden, die Kaufkraft der Bevölkerung hat sich dank den von der Regierung vorgeschriebenen Kollektivverträgen gehoben. Für die jüdischen Gemeinden haben sich diese Verbesserungen bereits in einer wesentlichen Senkung der Ausgaben für Sozialfürsorge ausgewirkt. Indien. Der Maharadscha von Cochin spendet Edelholz für den Bau einer Synagoge. Bombay, 5. Nov. Der Maharadscha von Cochin hat für den Bau einer Synagoge in Kadvobagam fünf Candies (ein indisches Holzmaß) Tiekbaumholz abgabenfrei zur Verfügung gestellt. Das von der Regierung von Cochin eingesetzte Wahlreform-Komitee hat die Abschaffung des bisher für die Juden reservierten Mandates vorgeschlagen- Das Komitee hat dabei betont, daß dies nur mit Rücksicht auf die geringe Zahl der Juden (1451 bei einer Gesamtbevölkerung von 1,205,016), keineswegs aber aus Verkennung der Bedeutung der jüdischen Bevölkerung geschehen soll. Führende jüdische Persönlichkeiten würden sich sicherlich erfolgreich in einem allgemeinen Wahlkreis um ein Mandat bewerben können. Gegenwärtig werden die Juden auf Grund des Kuriensystems durch einen eigenen Abgeordneten, Shabdai S. Köder, in der Gesetzgebenden Versammlung von Cochin vertreten. Amerika. Einwanderung nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika. New York, 28. Okt. In den ersten sechs Monaten des Jahres 1937 sind 9796 Juden (gemäß den amtlichen Ziffern der Einwanderungsbehörde) in die Vereinigten Staaten von Nordamerika eingewandert. Hiervon sind 6265 Personen als Immigranten eingewandert, während 3331 Personen als Besucher das Land betreten haben. Rabbi Elchanan Wasserman in Amerika. New York, 28. Okt. Heute traf hier der weltberühmte Gaon Elchanan Wassermann ein. Die amerikanischen Vertreter der Weltzentrale des „Keren Hathora", Rabbiner Dr. Leo Jung und Meier Schenkolewski, sowie der Präsident der Kehilla „Shomre Schabbos", Dr. Jonas Simon, erhielten von den offiziellen Staats- und Stadtbehörden die Erlaubnis, auf einem Regierungsboot dem großen Gast entgegenzufahren. Die Delegation bestieg den Dampfer Aquitania bei Eintreffen desselben in den ersten amerikanischen Außenhafen und überbrachte dem Gast die herzlichsten Scholaum Alechem-Grüße der amerikanischen Orthodoxie. Am Hafen selbst hatte sich eine vielhundertköpfige Menschenmenge zum Empfang von Raw Wassermann versammelt. An der Spitze einer großen Rabbiner-Delegation erwarteten den Gast die bekanntesten amerikanischen Rabbiner. Die Zeiire Agudath Jisroel waren mit dem größten Teil ihrer Mitglieder am Hafen erschienen. Hunderte von Jeschiwa-Bachurim und Schulkindern standen längs der Ankunftshalle. Sie hatten zu Ehren der Ankunft des großen Gastes schulfrei. Personalien. Dr. Abraham Lob "?"XT' - Berlin, 4. Nov. Im Alter von erst 52 Jahren ist der Vorsitzende der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde, R.-A. Dr. Abraham L ö b, gestorben. Löb war ein Mann von großer Begabung und hervorragenden jüdischen Qualitäten, mit denen er viel zur Erstarkung des konservativen Judentums^ in Berlin beigetragen hat. Einer alten Rabbinerfamilie entstammend, zeichnete sich Dr. Löb durch ein umfassendes jüdisches Wissen aus, das er an eine große Zahl von Hörern in besonderer Weise weiterzugeben verstand. Er ist mit mehreren Publikationen über jüdische Rechtsfragen hervorgetreten, Schon als junger Mann betätigte er sich für die Gemeinschaft und war einer der Gründer des Misrachi in Deutschland. Im Jahre 1920 wurde er in die Repräsentantenversammlung der Berliner Gemeinde gewählt und im März d. J. zu ihrem Vorsitzenden berufen. Am Freitag Vormittag fand die Beisetzung Dr. Löbs unter Beteiligung einer überaus großen Zahl von Verehrern und Freunden statt. Außer den in Berlin anwesenden Mitgliedern .des Vorstandes der Gemeinde waren zahlreiche Rabbiner, ein großer Teil der Mitglieder der Repräsentanten-Versammlung, darunter fast vollzählig die Fraktion der Zionistischen Arbeitsgemeinschaft, zugegen. Zahlreiche Besucher der Synagoge Münchener Straße, zu dessen Vorstand der Verstorbene gehörte, folgten mit einer unübersehbaren Menschenmenge Abraham Löb auf seinem letzten Wege. Die Trauerrede hielt Rabbiner Dr. Alexander Alt mann, der Charakter und Persönlichkeit Abraham Löbs zeichnete, Für den Gemeindevorstand sprach der Gemeindevorsitzende Direktor Heinrich Stahl Worte des Dankes für die Arbeit Abraham Löbs im Dienste der Allgemeinheit und der Jüdischen Gemeinde im besonderen. R.-A. Dr. Alfred Klee erinnerte an den gemeinsamen Werdegang in der Arbeit für die Gemeinde, sprach von der harmonischen Persönlichkeit des Verstorbenen, der Gesetzestreue, Zionsliebe und Hingabe an das jüdische Volk in unermüdlicher Arbeit in sich zu vereinigen wußte und von der Vornehmheit und Reinheit des Charakters des Verstorbenen. R.-A. Dr. R ab au sprach Worte des Dankes im Namen der Repräsentanten-Versammlung, die aufrichtig den Verlust ihres Vorsitzenden betrauere. Im Namen der Synagoge Münchenerstraße sprach Synagogenvorsteher B u c h h o 1 z. Er erinnerte an Tage gemeinsamer Jugend mit dem Verstorbenen im Heimatstädtchen und dankte für die in all den Jahren geleistete unvergeßliche Lehrtätigkeit, die Abraham Löb gerade innerhalb des engeren Kreises der Synagoge Münchenerstraße ausübte. mxin Kippenheim (B.), 1. Nov. Im selten hohen Alter von nahe 9 8 Jahren starb im Krankenhaus in Straßburg Frau Rosa Wertheimer geb. Weil aus Ihringen. In Gemeinschaft mit ihrem Gatten Simon Wertheimer gründete die Verstorbene hier ein streng frommes Haus und in gleichem religiösen Sinne erzog sie auch ihre Kinder. Nie fehlte die Verstorbene im G'tteshause und war ein treues Mitglied der Chewrah Kadischa und des Frauenvereins. Sie erfreute sich hier allgemeiner Wertschätzung und wird bei allen, die sie kannten, in steter Erinnerung bleiben. n-asan Vermischtes. Eröffnung einer jüdischen Bezirksvolksschule in Hanau. Hanau, 10. Nov. Zu Beginn des Wintersemesters wurde in Hanau eine jüdische Bezirksvolksschule eröffnet. Sie verdankt ihr Entstehen vor allem der Tatkraft des Provinzialrabbiners Dr. Gradenwitz, der bei seinen schweren und verantwortungsvollen Verhandlungen mit den Behörden in der Mitarbeit des Vorstandes, vor allem des Vorstehers, wertvollste Stütze fand. — Zur feierlichen Eröffnung im Saale des Gemeindehauses waren zahlreiche Gäste aus dem ganzen Bezirk erschienen. Herr Vorsteher Strauß wies in seiner Begrüßungsrede auf die Schwierigkeiten hin, die nun glücklich überwunden seien und gab seiner Freude über das Gelingen des schönen Werkes Ausdruck. In seiner Weiherede legte Provinzialrabbiner Dr. Gradenwitz die Notwendigkeit der jüdischen Schule erneut überzeugend dar. Darauf gab der Lehrer der Schule, Trepp, einen Ueberblick über die Aufgaben der Schule im Einzelnen. Die neue Schule hat bisher etwa 20 Schüler, es wird aber mit einer wesentlichen Steigerung der Schülerzahl gerechnet. Köln, 31. Okt. Zu einer Notiz in unserem Blatte zum Jubiläum von Rabb. Dr. Rosenthal in Köln schreibt uns der Jubilar: „Meine Bialik-Arbeit, deren Herausgabe der Vorstand der Synagogengemeinde Köln aus diesem Anlaß beschlossen hat, ist nicht nur die „Nachdichtung" des Ha-Matmid (die übrigens im 30. Band des Jahrbuchs für Jüdische Geschichte und Literatur bereits erschienen ist), sondern im wesentlichen ein Kommentar, als Ergebnis einer in den drei letzten Wintern mit Lehrpersonen der hiesigen jüdischen Schulen abgehaltenen Arbeitsgemeinschaft, in dem ungefähr 1100 Tln -Stellen sprachlich und inhaltlich mit dem Wort- und Sinn- Gefüge des größten Bialik'sohen Gedichtes in Beziehung gebracht sind." Hamburg, 1. Nov. Das Delegiertenkollegium des Deutsch-Israelitischen Synagogenverbandes wählte in seiner Sitzung vom 23. Oktober bei Abwesenheit von drei Mitgliedern mit 4 gegen 3 Stimmen Herrn Alexander L e v y zum Mitglied des Vorstandes für das zurückgetretene Mitglied des Vorstandes Herrn Dr. Bodenheimer. Herr Levy, der bereits wiederholt, dem Vorstand angehörte, hat die Wiederwahl aus Gesundheitsgründen abgelehnt. Bücherbesprechungensinn und Geschichte. Historisch-systematische Einleitung in die Sinn erforschende Philosophie, von Paul Hof mann. 193 7. Verlag von Ernst Reinhardt. Der Philosophie - Professor Paul Hof mann hat in diesem beinahe 700 Seiten starken Bande das Ergebnis Jahrzehnte langer ernster und schöpferischer Denkarbeit niedergelegt. Wenn wir dieser Arbeit das Prädikat „schöpferisch" beilegen, so soll das nicht bedeuten, daß hier neue odet gar umstürzlerische Gedanken über den Sinn des Weltprozesses dargeboten werden — vielmehr waltet über dem Ganzen des Hofmann'schen Denkens ein Zug wohltuender Bescheidenheit. Die alten Wege der idealistischen Philosophie werden mit angespannter denkerischer Konzentration neu begangen, die Momente beseitigt, die für uns nicht mehr überzeugend sind und dafür diejenigen Gedankengänge herausgehoben und fundiert, die dem Bedürfnis der Zeit nach weltanschaulicher Gewißheit genügen. Zwischen Sinnverlust und Sinnbesitz pendelt die Geschichte der Menschheitskultur hin und her. Die objektivistische Kultur des Abendlandes, wie sie sich, vom Griechentum ausgehend, entwickelt hat, ist dem Sinnverlust mit allen Konsequenzen der Verzweiflung oder der dumpfen, lähmenden Leere verfallen. Die tiefste Ursache dafür erblickt Hofmann in der Einaeitigkeit des Objektivismus, dessen organische Fortentwicklung er jedoch für möglich hält. .Worauf es ankommt, ist Vertiefung der Selbstbesinnung und durch sie „der beseelenden Bewußtheit und der Wahrhaftigkeit des eigensten Lebens". Diese Selbstbesinnung führt nach innen zu der in .der Tiefe der Seele liegenden gemeinsamen Wurzel, aus der .sowohl der Objektivismus wie sein Gegenteil als differenzierte Möglichkeiten des Ausdrucks des „Ich- Sagens" entspringen. Hofmanns Buch zeigt den Weg zu dieser Urtiefe. Die ersten Kapitel gelten der Darstellung der griechischen Wissenschafts-Kultur, aus der im Verlaufe irrationalistische und subjektivistische Elemente hervorbrechen. Die Theorien des Irrationalismus werden in ihrem Sinne und ihren geschichtlichen Konsequenzen herausgearbeitet. Damit ist die Grundlage für die positiv wegweisenden Ueberlegungen zu den ethischen Problemen der Lebenssinn-Erforschung geschaffen. Als inhaltlichen Sinn des Lebens erkennt Hofmann die Liebe, wie sie in der sittlichen Bezogenheit des wirklichen Menschen auf die Gemeinschaft zum Ausdruck gelangt und von der jüdisch-christlichen Ethik — im Gegensatz zur objektivistisch - intellektualistischen Geisteshaltung des Abendlandes und der einseitig subjektivistischen Indiens — zum Fundament des Ethischen gemacht worden ist. Das sittliche Problem der Gemeinschaft wird deshalb in den letzten Kapiteln des Werkes zum Gegenstand tiefschürfender und aufschlußreicher Untersuchungen. Diese kurze Anzeige kann dem überreichen Gedankeninhalt des Hofmann'schen Werkes nicht gerecht werden. Wer die genügende:, Vorbildung lür ernste abstrakte Denkarbeit besitzt, lasse sich das Studium des umfangreichen Bandes nicht verdrießen; er wird sich reich belohnt fühlen. —-m. Jüdisch« Geistesschätze gehobelt und noch nicht ausgewertet. Schon vor einigen Jahren, als ich in Montreux weilte, durfte ich Einsicht nehmen in ein Manuskript, das mich ungemein fesselte: eine Zusammenstellung aller nisBin 'pöö ih neuartiger übersichtlicher Form, nach der Methode des nj?Tnn t von Maimonides. Cs war eine mit Liebe und Sachkenntnis angefertigte Arbeit von Salomon Hamburger (Enkel von R. Salman Spitzer ^"Si und Urenkels von "isio onn)» damals Dozent an der Montreuxer Jeschiwa. Vor wenigen Tagen traf ich den jungen Gelehrten in Paris, wo er jetzt als Dajan der orthodoxen Gemeinden der Rabbiner Langer und Dr. Münk wirkt. „Na, wie steht es mit den moomn tpOB?" war meine erste Frage. Das Manuskript liegt noch wohlverwahrt im Schreibtische des Autors, aber wieviele? ist noch inzwischen hinzugekommen! Salomon Hamburger bieten' sich in der Stadt der Bibliotheken, Archive und Museen Fundgruben in Fülle dar, und er versteht sie zu nutzen. So gehören zu den kostbaren Funden Salomon Hamburgers alte Abschriften des Mainmn'schen nStfo mm mit Randglossen und Anmerkungen, alte Abschriften des T'as'v die mit ihren Abweichungen von unserem Texte seine Polemik gegen Rambam in ganz neues Licht rücken, alte Handschriften von "W '38100 ij?Tn u. v. m. Zu all diesen. Handschriften hat Hamburger^ seine eigenen Anmerkungen literaturhistorischer und halachischer Art gemacht, die viel zum Verständnis des Ganzen beitragen. || Wann werden diese Manuskripte im Drucke dien Gelehrten und Halachisten zugänglich gemacht werden? Sobald sich ein Mäzen oder ein wissenschaftliches Institut findet, die sich dieser wertvollen Schätze zur Bereicherung der jüdischen Geisteswissenschait annehmen. Daß sich solche bald finden, ist der Zweck dieser Zeilen. —tz.