Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1937)
- Date
- 1937-11-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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11. Novemb%*M93,7 D' e r * V Iii Nr. H Seite 3 Die Agudas Jisroel auf historischem Boden. {(Fortsetzung von Seite 1.) Pariser Judenheit zusammensetzt und welch .schweres Unterf angen es "wäre* diesem bunten, stets in Bewegung sich befindenden Gemisch von Menschen aller Länder und aller Art, die das Pariser Judentum bilden, das Gepräge eines einheitlichen Gemeindelebens aufzudrücken; Noch hat der Sabbat auch in der östlichen Kolonie, die im Ganzen etwa hunderttausend Seelen zählen soll, seine Heimat nicht gefunden, noch muß echte Jüdischkeit in dieser Riesengemeinde in kleinen Winkeln, kleinen jüdischen Inseln, einigen östlichen Klausen und zwei Synagogen westlicher Prägung Unterkunft suchen. Aber man darf heute schon Wohl sagen, daß diese zwei Gemeinden keine „Isolierräume für religiösen Geist nach heimischer Art" mehr sind, sondern wahre Zentren, Herzpunkt des Judentums und •der Jüdischkeit bilden, Urzellen, die sich durch tteue Blutzufuhr immer mehr und üppiger mit Fleisch und Gewebe umgeben. Der Agudagedanke hat seinen reichlichen Anteil an dieser Entwicklung, die eine merkliche Kurve nach oben zeigt. Die Aguda kann' mit ihren Menschen und Mitteln aüch in Paris heute noch „keine Bastillen in Sturm" nehmen. Aber der Agudagedanke hätte auch diesen bescheidenen Boden, von dem aus er immerhin in die jüdische Oeffentlichkeit hinausflackern kann, * nicht gefunden, wenn nicht schon seit Jahren, besonders ^eit der jüdischen Einwanderung aus Deutschland, gute Vorarbeit^- geleistet worden wäre. Seine Wurzeln hat schließlich der Agudismus nicht in Kattowitz, nicht in Wien oder Marien- Ibad, sondern im Sinai. Und es ist heute schon so, daß die Synagoge in der „Rue Cadet" unter der jungen Amtwirkung Rabb. Dr. E. Münks zu einem „Platz der Jugend" im Sinne der jüdischen Renaissance geworden ist, daß man nach Paris und, Le Havre kommen muß, um musterhafte und technisch wie organisatorisch vollendete Koscher-Einrichtungen in den Betrieben und auf den Luxus-Ozeandampfern unter Leistung von Rabbiner Dr. Langer zu bewundern. Gewiß: es muß heute noch viel in Paris für die Thora auf. steinigem Boden gekämpft werden. Aber Rabbi Israel S a 1 a n t e r, der im letzten Jährzehnt seines Lebens sich eine Zeitlang;, in Paris aufhielt, um dort eine Atmosphäre der Jür dischkeit zu schaffen, hätte heute seine Freude daran, vieles verwirklicht zu sehen, was Ihm damals vielleicht nur als Traum vorschwebte. Er fände heute seine Freude an dem kleinen Menschenkreise um Me. Müller, den verdienten "Vorsitzenden der französischen Landesorganisation der Agudas Jisroel; er hätte auch seine Freude an dem Heime in der Rue de 1' Ar - rivee, wo junge Agudisten und überhaupt junge jüdische Menschen in Dr. Herz nichl Hausvater im gewöhnlichen Sinne, sondern wirklichen Vater, Lehrer und Wegweiser finden. Mit der Errichtung dieses jüdischen und Agudaheimes wurde der Thoragedanke in einen Bezirk der Lichtstadt hineingetragen, wo früher Jüdentum und Judenheit. unbekannte Begriffe waren, All dieses ergab den Boden, auf dem der Agudagedanke in Paris bis zur Konferenz zwischen Oktober und November dieses Jahres gedeihen konnte. - Ueber ^die Verhandlungen und . die öffentliche Kundgebung geht uns aus Paris folgender Bericht zu: Am Montag abend wurde die Westeuropäische Kpnferetii;,iim Agudaheim .jSunamith^'ieröfmetv: delegierte! iaushden meisten Ländern. Westeuropas sowie Vertretei^äjes, G. "*:AV und :. der Exekutive -waren zu dieser J^q^f^iiiüz erschienen. Alles,';waS;S.ich .in. Pä? rijs'züm'Äguda^ und ihm 'Zeit ' und; Kjrait i^idme^nhätte sich^eii^emnden; eiiie;;nicht] allzüjgrpße .'Anzahl5!viö&' rgleicEgesuinte'ii - Menschen,' so; daß i 'die• yerhandlungen,-'die unter- Vorsitz von Me. Mathifeu M ül 1 e; r ■ die Form einer vertraulichen Aussprache hatten, einen harmonischen Verlauf nehmen konnten. An erster Stelle der Tagesordnung stand die Frage, .der Auswanderung. Es erweist sich als dringend notwendig, daß orthodoxe Vertreter Sitz in den Verwaltungen der großen Organisationen, die sich mit Auswanderung befassen, erhalten, damit bei der Regelung der Auswanderung auch das religiöse Moment nach Gebühr berücksichtigt wird Die „Tropfenwanderung" kostet' uns schwere Opfer da die Menschen auf einsamen Siedlungen dem Ju dentume zumeist vollkommen verloren gehen. Zu fordern sei eine Gruppenwanderung und Gruppensiedlung, die freilich aber nur dann ihren Zweck erfüllt, wenn bei der Schaffung der kleinen Zentren die religiösen Institutionen gleich von vornherein mit in den Etat hineingenommen werden. Auch andere Fragen, die speziell den westeuropäischen Organisationen und besonders Frankreich und Paris zur Lösung zufallen, wurden eingehend besprochen. Demnächst soll ein Jugendtreffen, verbunden mit agudis tischen Lehrgängen für Westeuropa veranstaltet werden, dessen Vorbereitung in den Händen von Herrn Marcus Breuer liegt. Zur Ausführung all dieser von den westlichen Landesorganisationen übernommenen Aufträge ist die Bildung eines eigenen A g u d a s e k r e t a r i a t s für die westlichen Länder unabweislieh notwendig. Ein solches Sekretariat wurde mit dem Sitz in Paris auch errichtet. Auf Antrag des Herrn H. A. Goodman wurde beschlossen, ein Emigrations- und Kolonisationsamt unter der Leitung der Weltexekutive der Agudas Jisroel zu schaffen. In allen Kolonisa tionspunkten sollen so etwas wie „Konsulate" der Aguda errichtet werden, an die die Emigranten von den heimischen Agudazentralen in der Form eines „Agudapasses" empfohlen werden. Dieses Zeugnis verpflichtet den Agudav er treter, dem Eingewanderten alle. materielle und ideelle Unterstützung angedeihen zu lassen. Es sei ferner von der Aguda aus dahin zu arbeiten, daß Rabbiner, Lehrer und Schoehtim in die neuen Siedlungen geschickt werden. Herr Goodman betonte auch die Notwendigkeit einer vereinigten Front aller Richtungen nach außen, in der Ueberzeugung, daß jede separate Intervention und Aktion beim Völkerbund und den Regierungsstellen Schäden und Gefahren nach sich ziehen. Die Konferenz schloß am Montag abend mit der einstimmigen Annahme folgender Resolution ab, die auch;von der öffentlichen Versammlung am Dienstag akzeptiert wurde: Die am 2. November 1937 tagende Zusammenkunft der Pariser Agudas Jisroel gemeinschaftlich mit den Vertretern der westeuropäischen agudistischen Landes-Organisationen Belgien. Holland, England, Schweiz haben einmütig folgende Resolution angenommen: - Angesichts der großen materiellen und seelischen Nöte des jüdischen Volkes in der Gegenwart rufen die westeuropäischen Landes-Organisationen ihre Mitglieder und darüber hinaus alle Juden und Jüdinnen, denen die Sache des religiösen Judentums am Herzen liegt,, auf, alle ihre Kräfte in den Dienst folgender Aufgaben zu stellen: 1. Den heutigen 20. Jahrestag der Balfour- Deklaration als Beginn einer neuen starken Förderung allerwirtschaftlichen Positionen in Erez Israel zu machen, welche durch ihre religiöse Grundlage Gewähr dafür bieten, daß der Heiligkeitscharakter von Erez Jisroel in Schule und Haus, in Land und Stadt, beim Arbeiter und Siedler gewährt wird. Damit sollen gleichzeitig für einen etwaigen zukünftigen jüdischen Staat die Grundlinien der jüdischen, historischen Kultur geschaffen werden und gewahrt bleiben. 2.. Im Zusammenhang mit allen in der-jüdischen Auswanderungnach Uebersee dienenden Organisationen erblickt es die Agudas Jisroel- Westeuropa als ihre heilige Pflicht," praktisch .und organisatorisch mitzuarbeiten und vor allem" dafür Sorge zu tragen, daß die religiösen Belange der Emigranten mit derselben Hingabe und Sorgfalt gewährt werden wie die materiellen Interesse.. Zum||Zwecke einer Kooperation mit den / übrigen jüdischen Hilfsorganisationen wird ein A u s w a n dje.r ungsamt der Agudas Jisroel- : Westeuropa eingerichtet; - " ' 3. Alle J.üden^ denen die Vertiefung und Verbreitung der : jüdischen Religion am j Herzen liegt, alle diejenigen, die wünschen, daß*; die .jüdische Jugend inV.jG^isjte: des geschichtlichen\Judentums ,.; '! erlogen wirdi;,;und daß;; im jüdischen; Gemein- '.'schaftslebenj das;stolze Erbe. unsejprj; Vergangenheit in Gegenwart"; und; Zukunft .herübergerettet wird, forderidie Agudas Jisroel aur,;zür gemeinsamen Arbeit in ihre Reihen einzutreten. Die öffentliche Kundgebung am Dienstag abend/ Am Dienstag abend hielt im geräumigen Festsaale des Hotel des „Deux Mondes" eine illustre Versammlung, die sich aus allen Schichten der jüdischen Bevölkerung zusammensetzte, sämtliche Plätze besetzt. Man sah offizielle Vertreter des Konsistoriums, der in Paris domizilierenden jüdischen Organisationen und der Presse. Neben den Rabbinern Dr. Langer und Dr. Münk am Vorstandstische waren fast alle Rabbiner der östlichen Kolonie von Paris anwesend. Nach einer warmen Ansprache des Vorsitzenden, Me. Mathieu Müller, über das Wesen der Agudas Jisroel und den Zweck der Pariser Konferenz und Veranstaltung ergriff als erster Redner Herr Oberrabbiner Hirsch, Zwolle, der Vorsitzende der holländischen Landesorganisation, das Wort zu seinem Thema: „Die Aguda als Idee und Organisation". Anknüpfend an den Segen des Vaters an Jakob in der kommenden Sidra schilderte er in kurzen prägnanten Worten den doppelten Segen der Agudas Jisroel nach der himmlischen und nach der irdischen Seite und wies an einzelnen Fakten nach, wie die Weltorganisation in den 25 Jahren ihres Bestehens diesen doppelten Segen in reichem Maße gespendet hat. Gerade Herr Oberrabbiner Hirsch, der bei den politischen Interventionen der Agudas Jisroel stets in vorderster Reihe mit tätig war, war der Berufenste, über diese Dinge aus Erfahrung zu sprechen, und so fand er das ungeteilte Ohr der Versammlung. Nunmehr entwickelte Herr Redakteur S. S c h a c litt o w i t z , Frankfurt a. M., in ungemein anschaulicher und gemütsvoller Art ein grandioses Gemälde von der großen Versammlung in Marienbad, um durch die einzelnen Episoden zum zentralen Punkte, dem Gesamteindruck und der Gesamtwirkung vorzustoßen. Seine Interpretation der Erez Jisroel- Beschlüsse des Rabbinischen Rates und einiger Resolutionen der K. G. wurde stellenweise mit starker Ergriffenheit angehört. So als er, als Geschichtler, aus der Pariser Zeit von Rabbi Israel S a 1 a n - t e r sprach und davon, wie viele damalige Träume des großen Mussarmeisters jetzt, mit Hilfe der Aguda, in Paris mählich zur Verwirklichung kommen. Es fehlte auch nicht eine historische Skizze über die Männer, die in früheren Jahrhunderten in Frankreich und in Paris als Leuchten der Diaspora lebten und lehrten. Der Vortrag klang in der Hoffnung auf ein ungeteiltes Erez Israel aus der Hand G'ttes aus. Nachdem sich der starke Beifall gelegt hatte, ergriff Herr Dr. S. Ehrmann das Wort zu seinem r*alästinareferat. Es war zunächst eine liebenswürdige, h'umordurchwürzte Plauderei, die sich aber zwischendurch unvermerkt zu Höhen erhob, die spontane Zustimmungssalven auslösten, Dr. Ehrmann erinnerte an den zwanzigjährigen Geburtstag der B alfourdeklaration am heutigen - Tage und meinte, die Zeit, da die A. J. Kostkind der anderen Organisationen war, habe ihr Ende genommen, sie habe jetzt selber ihre Erez Jisroel-Belange in die Hand genommen. „Wir standen und stehen nach wie vor auf dem Boden der Balfourdeklaration!" In plastischer Weise kehrte der Redner den Unterschied hervor zwischen den sog. Konjunkturpalästinensern, die von der Prosperität nach „Erez" angelockt wurden und daher heute daheim bleiben, und den idealen Zionsfreunden, die eine Aufgabe auf heiligem Boden zu erfüllen haben und sich von keiner Not und keiner Gefahr in ihrer Liebe zum Lande beeinträchtigen lassen. Unter Hervorhebung der Bereitschaft der A. J., mit all denen zusammenzuarbeiten, die ohne ein Opfer an Ueberzeugung von uns _ zu verlangen, mit uns Erez Israel im jüdischen Geiste aufbauen wollen, schloß der Redner mit einem warn men Appell an alle, sich in die Reihen unserer Weltorganisation zu stellen, um das bis jetzt etwas vernachlässigte Feld im Westen intensiv zu bearbeiten. Trotz der vorgerückten Stunde hörte man noch eine Rede von Rabbiner Margolies, London, an, der in geistvoller Ausdeutung eines Midrasch zur Sidra über die Einzigartigkeit Erez Israels als Land G'ttes sprach. Mit einer Schlußrede des Vorsitzenden, in der er noch einmal alle Anregungen und Eindrücke des Abends zusammenfaßte, den Rednern und dem vorbereitenden' Komitee, das zum Gelingen der Veranstaltung soviel beigetragen hat, dankte, fand der für Paris nach Beteiligung wie nach Niveau ganz ungewohnte Werbeabend nach Mitternacht sein Ende. Man darf hoffen, daß der Auftrieb, den der Agudagedanke in Paris durch die Konferenz und Veranstaltung erhalten hat, bald praktische Erfolge zeitigt, die . sich für die westeuropäischen Gruppen wie für die Agudas Jisroel-Weltprgänisation zum Segen auswirken. Die von Herrn Dr. S. Ehrmann eingeleiteten Verhandlungen mit dem Direktor der Pica darf als erstes Resultat der Pariser Tagung gebucht werden. —r.