Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1937)
- Date
- 1937-11-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 44 1937 Glaube und Tai. Das Bekenntnisbuch eines englisch-jüdischen Staatsmannes. Das Buch, das Herbert Samuel, der als erster jüdischer High-Commissioner of Palestine in die jüdische Geschichte eingegangene britische Politiker, als Frucht seiner unfreiwilligen politischen Muße soeben veröffentlicht hat,*) verdient das Interesse auch der jüdischen Lesewelt-aus zwei Gründen: wegen der Person des Autors sowohl als auch im Hinblick auf seinen Gegenstand.; Während seiner langen politischen Laufbahn hat S a in u e 1 naturgemäß nur selten Gelegenheit gehabt, sich über jüdische, insbesondere über jüdischr e Ii g i ö s e Dinge zu äußern und dadurch erkennen zu . lassen, inwieweit spezifisch' jüdische Werte an der Bildung seiner geistigen Physiognomie beteiligt waren, inwieweit das Judentum Anlaß hat, diesen repräsentativen Vertreter der englisch-jüdischen Gemeinschaft auch als Träger jüdischer Wahrheitserkenntnis und jüdischer Ethik für sich in Anspruch zu nehmen. Aeußerlich hat Herbert Samuel, nach guter britischer Tradition, solange er in Jerusalem residierte, die Gefühle der traditionstreuen Judenheit allezeit respektiert, den Tangen Weg zur Synagoge an den besonderen Sabbaten und Festtagen zu Fuß "zurückgelegt und sich auch durch positive Teilnahme an offiziellen religiösen Akten als Sohn-, der jüdischen Gemeinschaft bekannt. Daß hinter dieser Haltung immerhin ein starkes Maß bewußt negativer Einstellung zur religiösen Tradition steckte, bewies die berühmt gewordene Erasmus-Rede des Hochkommissars bei der Einweihung des judaistischen Instituts der hebräischen Universität, die kaum verhüllte kräftige Spitzen gegen die jüdische Orthodoxie enthielt und die künftigen Forscher an der, Universität ermahnte, nur ja nicht schüchtern und zurückhaltend in der Kritik am Ueberkommenen zu sein. Inzwischen ist Herbert Samuel -zum Viscount Samuel of Mount Carmel geworden, nachdem er, sofort nach der erlittenen Wahlniederlage, seine freigewordene Tatkraft mit stärker Initiative in den Dienst des jüdischen Hilfswerks für die deutschen Juden gestellt und damit der jüdischen Gesamtheit einen wertvollen Dienst erwiesen hat. Man darf annehmen, daß Viscount Samuels Rolle auch als jüdische r Politiker, nachdem er nunmehr ins Oberhaus berufen wurde) .noch nicht ausgespielt ist, so daß die „Gesamtheit ein Interesse daran hati einen Blick in das Denken und Fühlen des Mannes zu tun, wie es sich in diesem. Buche entfaltet. Schon der bloße Titel des Buches: „Gl a u b e und Tat " beweist, daß sich der-Autor des unlösbaren Zusammenhanges zwischen theoretischer Weltanschauung und praktischer Politik bewußt ist, daß ihm die Einheit von Glauben und Handeln als selbstverständliches Axiom, als Bedürfnis jedenfalls der nach konsequenter Lebensgestaltung verlangengen Persönlichkeit erscheint. Dieses stärke Einheitsbewußtsein, das Ethik und Politik grundsätzlich nur auf der .Erkenntnis des Weltsinnes begründen kann, ist vielleicht ein spezifisch jüdisches Erbe. Darüber hinaus aber läßt sich in dem Glaubensfundament der Samuel'schen Ethik und Politik nichts Jüdisches- .erkennen. Zwar hat der Autor, indem er seinem' Werke den Untertitel gab; „Eine All t a g s - Philosophie" mit liebenswürdiger Bescheidenheit den Kritiker von vornherein entwaffnet, der seiner Erkenntnistheorie und Religionsphilosophie rationalistische Flachheit vorwerfen möchte. Aber mit dieser subjektiven Rechtfertigung wird das Mißbehagen nicht beseitigt, das dem durch die Schule strengeren philosophischen und religiösen Denkens gegangenen Leser dieses leichtgeschürzte, souveräne Spiel mit den schwersten ewigen Problemen menschlichen Denkens bereitet. Man möchte den Autor beneidenum die Meisterschaft seiner durchsichtigen,, reizvollen Diktion,' die die Lektüre seines Buches rem ästhetisch zum Genüsse' macht — aber weniger beneidenswert istdie Sicherheitf. mit der auf ein paar Seiten das Wunder und das Geheimnis, die Mystik und die Intuition-aus der legitimen Philosophie hinausgeworfen, die historischen Religionen — sie scheinen dem _ Verfasser alle gleich relativ an Wahrheitswert zu sein— zur Ordnung gerufen und stattdessen als angeblich ausreichende Lösungen für das Problem des Bösen in der Welt wie für die Fundamentierung des Sittlichen Gedanken entwickelt werden, die sich gegenüber dem wahren Ernste dieser Grundfragen wie rationalistische Spielereien ausnehmen. Dabei soll in keiner Weise, verkannt werden, daß Samuel sich mit einer Unzahl philosophischer und *) Belief and Actipn.' An Everyday Philosophy. By Viscount «Samuel. London. 193 7. Gas seil and Comp. Ltd. naturwissenschaftlicher insbesondere biologischer Werke vertraut gemacht und vielleicht auch die großen Quellenwerke des philosophischen Denkens und der religiösen Erkenntnis zum Teil angesehen hat — aber man wird die Empfindung nicht lös, daß seine Seele niemals von den großen ewigen Fragezeichen des Seinsgepackt worden ist und darum auch niemals'^die Fähigkeit erlangt hat, wahrhaft rel'ig Lös es Erleben in seinem entscheidenden Wert Charakter für die Existenz der Menschheit zu würdigen. Um so peinlicher empfindet der gläubige Mensch das Aburteilen oder Totschweigen gegenüber den religiösen Werten und den geschichtlichen Erscheinungen, in denen sie sich verkörpert haben. Muß daher der erste, philosophische Teil des Buches' vom Standpunkte des religiösen Juden abgelehnt werden, so gilt das nicht von dem zweiten Teil, der über die Gründfragen desmenschlichen Zusammenlebens, über Familie, Eigentum, Wirtschaft, Freiheit, Nationalismus und Weltfriede handelt und in die Mahnung zu aktivem, freiheitsbewußtem Eingreifen in das geschichtliche Geschehen ausklingt. Auch wenn man die Begründung der menschlichen Sittlichkeit auf das Prinzip der „Wohlfahrt der Meisten" für eine wissenschaftlich höchst unzuläng-, liehe Erneuerung der längst widerlegten Lehren John Stuart Mills und Benthams hält und tiefere Quel- Jen für ethisches Handeln fordert, wie sie eben nur die religiöse Weltanschauung bieten kann — wird man doch das soziale und politische Gebäude, das Samuel auf seinem brüchigen Fundament errichtet, mit tiefem Interesse durchschreiten. Hier spürt man den erfahrenen, scharfblickenden Politiker, der nicht aus Büchern, sondern aus dem Vollen schöpft und mit starkem Wollen die Anwendung der ethischen Prinzipien auf das soziale und politische Leben der Zeit fordert. Interessant ist, wie Samuel, bei aller Betonung der Unverletzlichkeit unterschriebener Verträge, aus der Gerechtigkeit seines ethisch-politischen Denkens heraus die deutsche Aufrüstung rechtfertigt. Er schreibt; »Es ist anerkannt, daß von den Alliierten ein Versprechen gegeben worden war, daß der deutschen Abrüstung eine allgemeine Abrüstung folgen werde, ein Versprechen, das, obgleich nicht in die Form eines Vertrages gefaßt, endgültig und moralisch bindend war. Jahre waren vergangen — es wurde niAt erfüllt; es war kein Anzeichen lür eine Erfüllung da. Es konnte nicht erwartet werden, daß eine große und stolze Nation auf unbestimmte Zeit hinaus damit zufrieden sein werde, unbewaffnet, ohnmächtig und ohne -Einfluß zu bleiben inmitten schwer bewaffneter allmächtiger Nachbarn." Auch in der Frage der Kolonien vertritt der Politiker Herbert Samuel den moralischen Anspruch der „besitzlosen" Völker an die besitzenden, die von den 55% Millionen Quadratmeileft der Erde 37*/4 Millionen mit Beschlag belegt haben. Das Buch schließt mit einer in eindrucksvolle Worte gefaßten Vision, die den klärenden Wert des über alles Irdische sich erhebenden Geistes für die Gestaltung dieses Irdischen selbst symbolisieren soll. Wie ganz anders noch mag sich diese Durchleuchtung der irdischen Verwicklungen durch das Licht des ewigen Geistes vollziehen, wenn das Licht nicht aus leeren Welträumen kommt, sondern aus dem „Schutze des Lebens", den der Schöpfer der Welt in seiner Wort' gewordenen Offenbarung für sein Volk und für die Menschheit niedergelegt hat. - J. R. KURIOSA. Die ITA. meldet aus Paris: „Eine in Paris neugegründete Filmgesellschaft läßt unter dem Titel „Kol Nidre" einen Film drehen, in dem der bekannte Tenor Joseph Schmidt eine tragende Rolle übernimmt. Der Film wird unter der Regie von Dr. Robert Wiene hergestellt. Der Film wird Bilder von der jüdischen Kolonisation in Palästina und eindrucksvolle Massenszenen zeigen." Warum ein Kolonisationsfilm~unter dem Titel „Kol Nidre" laufen muß, berichtet die ITA. nicht. * * im „Israelitischen Familienblatt" vom 7. Oktober wird folgendes Rezept für die jüdische Küche empfohlen: „Fischsülze. Man löst 6—8 Blatt weiße Gelatine in wenig heißer Brühe und gibt sie in l/2 Liier geklärte Fischbrühe. Sodann usw." In der gleichen Rubrik einer späteren Nummer wird eine Milchspeise durch „Anrühren mit Fleischbrühe" besonders schmackhaft gemacht.- Wer Gelatine zur Verwendung beim Kochen empfiehlt, wird wohl auch ohne Bedenken Milchspeisen mit Fleischbrühe aufbessern. Man soll aber den Takt haben, es nicht unter dem Titel „Für die jüdische Küche" zu tun. „Zur Ehrenrettung einer Feuerwehrspritze" könnte' die Ueberschrift folgender Notiz lauten: Zu unserer Wiener Reisebeschreibung, in der wir auch der jüdischen Feuerwehr in Eisenstadt im Burgenland Erwähnung taten, schreibt uns ein „alter Feuerwehrmann" aus, dem Kreise unserer Leser in Deutschland u. a.: „Ich hatte durch einen sehr erfreulichen Zufall Gelegenheit, bei meiner diesjährigen Sommerreise einer Uebung dieser Feuerwehr beizuwohnen und kann auf Grund meiner dabei gewonnenen Eindrücke feststellen, daß weder die junge Mannschaft, noch deren Geräte etwas zu wünschen übrig lassen. Die „große Spritze" ist eine ganz moderne Saug- und Druckspritze, 'den dortigen Verhältnissen durchaus angepaßt und wird im Bedarfsfalle sehr gute Dienste tun. Die jungen "Leute sind mit Eifer und Geschick bei der Sache; ihre Ausbildung ist so, daß sie jederzeit mit der städtischen Feuerwehr zusammenarbeiten können und, wie mir der die Ausbildung leitende Brandmeister sagte, ist es eine Selbstverständlichkeit, daß die jüdische Feuerwehr bei Bränden in der Stadt zu Hilfe kommt, wie umgekehrt die städtische Feuerwehr Brände im Judenviertel^ekämpft." Im besagten Artikel hieß es wörtlich: „Ich höre, daß eine jüdische Feuerwehr, vornehmlich aus Jeschiwabachurim mit Schläfenlocken bestehend, unter Anleitung eines nichtjüdischen Konstrukteurs (der Druckfehlerteufel machte aus Instrukteur „Konstrukteur") in den Uebungsstunden Vortreffliches leistet." Verletzt kann sich demnach nur die „große Spritze" selbst fühlen, die wir, durch den Spalt gesehen, zu gering einschätzten. Es sei ihr hier durch Abdruck obiger Ehrenrettung in aller Form Abbitte geleistet. Aus der Agudas Jisroel-Bewegung. Anträge, der Frauenorganisation. Antrag der Leitung. Die Konferenz erteilt dem Vorstand der H. O. N. U. A. J. Vollmachten, bis zum Zusammentritt der nächsten Konferenz die praktischen Maßnahmen zu ergreifen, die sie für erforderlich hält. Anträge Frau Flora Rothschild, Antwerpen. > Die Konferenz beschließt, daß jedes Mitglied einer der H. O. N. U. A. J. angeschlossenen Organisation oder unmittelbare Mitglieder der H. O. N. U. A. J. verpflichtet sind, monatlich 10 Stunden im Interesse der Aguda tätig zu sein. Die Tätigkeit bestimmt der Vorstand der Organisation, deren unmittelbares Mitglied die einzelne Person ist. Er kann auch Ausnahmen von Vorstehendem zulassen, Wir verlangen das Recht, uns zum Zwecke der Verbreiterung der finanziellen Basis der Gesamt- Agudas Jisroel in Erez Jisroel und in der Gauloh eine eigene Finanzverwaltung zu geben, da wir als die der Tauroh verantwortliche orthodoxe Frauenorganisation organisatorische, propagandistische und vor allem s o z i a 1 e Aufgaben zu erfüllen haben, die unsere weiblichen Agudisten in Erez Jisroel und in der Gauloh von uns verlangen. Sie fallen entweder nicht in das Aufgabengebiet des Keren Hajischuw oder können von ihm nicht befriedigt werden. Als Beweis dafür, daß wir unsere Kräfte in allen den Keren Hajischuw zu eröffnenden Kreisen einsetzen wollen, bestimmen wir unsere stärkste Werbekraft, Frau Schmulewitz-Kowno, als Leiterin der Keren Hajischuw-Kommission. Wir wollen ferner, um den Schein einer Dezentralisation zu vermeiden, trotz der Sorge für unseren eigenen Organisationsapparat, einen zu vereinbarenden kleinen Prozentsatz an die. Weltorganisation abführen, sobald unsere eigenen niedrig zu haltenden .Organisationskosten aufgebracht sind. Anträge der Erez Jisroel-Kommission. 1. Erez Jisroel braucht dringend Jugendliteratur. Gedacht sind Uebersetzungen religiöser Jugendliteratur in Iwrith. Um die Druckkosten möglichst gering zu gestalten, werden Vervielfältigungen vorgeschlagen. Zur Auswahl der^Literatur und Ausführung dieser Arbeit soll die Frauentagung eine Kommission einsetzen. 2. Dringendste Notwendigkeit ist die Schaffung resp. Erhaltung von Mädchen-Aufenthalts- und Wohnheimen, „Stadtkibbuzim", mit Arbeitsvermittlungsstellen in den drei Städten Jerusalem, Haifa und Tel Awiw. Als Mindestbeitrag erfordert jeder dieser Kibbuzim 20 Lst. Monatlich. In Bne Berak und Petach Tikvah müssen Zentren für Kurse und Arbeitsvermittlung geschaffen werden, die jeder min-