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Der Israelit · 1937-10-28 · Heft 43 (28.10.1937) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 43 (28.10.1937)
Date
1937-10-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Feüiüetön- Beilage Der Israelit Nummer 43 1937 Wie ganz anders ist doch Wien . . . (Schluß.) Wiedersehn mit und in Preßburg. Der letzte Tag meiner Festferien — Isru chag — gehörte Preßburg. Die. Preßburger hören lieber Bratislava und sprechen den tschechischen Stadtnamen mit einer gewissen Dankbarkeit aus, die man verstehen kann. Aber das Historische und Gefühlsbetonte von Preßburg läßt sich nicht übertragen. Chatam Sofer lebte und wirkte einmal in Preßburg. Man fährt nach Bratislava und es ist gut sein in Bratislava, aber man bleibt doch in Bratislava ein „Preßburger". Jünger fahren nach Bratislava, um auf der P r e ß b'u r g e r Jeschiwa zu lernen Indes muß konstatiert werden, daß seitdem sich Preßburg in Bratislava verwandelt hat, die Stadt erheblich an Leben, Betrieb, Schönheit und großstädtischem Komfort zugenommen hat. Ich habe nie Preßburg anders als bei Sonnenschein gesehen, in dem .sich heute neue monumentale Gebäude, elegante Hotels und Cafes, schöne, Promenaden und freie Denkmalsplätze spiegeln. Die Stadt hat etwas von einer kleinen Residenz, der helle Fassaden und muntere Menschen von fast südlichem Temperament das Gesicht geben, - Gleich am Morgen nach dem Feste fahre ich mit dem Frühzuge in einer guten Stunde nach Preßburg hinüber, um noch ein paar Stunden mit meinem Freunde Jakob. Joel Braun zu verleben. Wenn ich den Namen, ziemlich als einzigen, hier nenne, so deswegen, weil er für Viele. schon" etwas Unpersönliches an sich hat, Programm ist, Programm der Agudas Jisroel. In unserer raschlebigen und gedächtnisschwachen Zeit vergißt man leicht der Männer, von denen Erkenntnisse,« Ueberzeugungen, Begriffe und Parolen ausgingen, die unserer jüngeren Generation so geläufig sind, als stammten sie schon vom ersten Schöpfungstage. Unter dieser „Vergeßlichkeit", die manche als den Weltlohn der Undankbarkeit nehmen, litt „schwer Nathan Birnbaum , der oft 2usehen mußte, wie von ihm geschaffene Worte und Weisungen, wie vaterlose Findlinge von Anderen adoptiert und zuweilen sogar gegen ihn angewandt wurden. Ich treffe den Freund, dessen langjährige Krankheit wir mit schwerer Besorgnis verfolgten, in b e s t er Verfassung an. Es ist der alte, kenntnisreiche und in seinem ideologischen Denken dennoch weltkluge Jakob Joel Braun, wie vor vierzig Jahren, als wir, noch zwei Jünglinge, in der Dachkammer der deutschen Universitätsstadt alle Probleme der Menschheit „restlos lösten"; die gleiche Vitalität und Elastizität, der gleiche Reichtum an Ideen und Initiativen wie vor dreißig Jahren, als unser Braun im Büro auf der Frankfurter Zeil die ersten Protokolle der ersten Aguda-Zusammenkünfte in Homburg und später, in Kattowitz' abfaßte' und täglich mit einer Mappe voller Akten und einem Kopf voll neuer schöpferischer Gedanken zu den Beratungen wanderte. Wenn zwei Freunde sich nach Jahrzehnten wiedersehen, so schauen sie sich einen Moment still und betroffen gegenseitig in die Augen: „Bist Du aber alt geworden?" Und jeder sieht in des Anderen Gesicht sein eigenes Spiegelbild . .1. . Aber ein paar Jahrzehnte sind wie glatt weggewischt in der Unterhaltung. Die Vergangenheit erwacht zu neuem Leben, auch eine vergangene Frankfurter Welt, die die Generation von heute nicht mehr kennt. Es ist erstaunlich, wie oft belanglose Dinge einem im Unterbewußtsein aufgespeichert bleiben, um nun bei der Zusammenkunft mit dem Jugendfreunde aus der Versenkung wieder ins offene Bewußtsein zu treten und sich wieder in Gegenwartsleben zu verwandeln. In zwei Stunden zieht auch die ganze Entstehungsgeschichte der Agudas .Hsroel" an unserem Auge vorbei, in all ihren Wandlungen, mit all den Klippen, die-den Lauf ihrer Entwicklung hemmten. Jakob Joel Braun, der erste Sekretär der Aguda in jedwedem Sinne, ist nicht Üanz zufrieden, nicht restlos glücklich. Er hat, wie damals und wie immer, ungemein viel auszusetzen, ungemein viel zu beanstanden, viel vorzuschlagen und zu beantragen . .-. Er spricht so laut und so lebhaft, aus einem inneren Feuer heraus, daß wir den Gedanken \einer Krankheit oder auch . nur einer Unpäßlichkeit mit dieser Aktivität de^ Seele nicht zu verbinden vermögen. Er ist ein lebendiges Lexikon, ein Lex i k o n ohne Druckf ehl e r , und nicht allein für. die Historie der Agudas Jisroel und' alle Dinge, die die Entstehung und die Entwicklung dieser Weltorganisation betreffen, sondern, nicht minder auch für die Entstehungsgeschichte des Zionismus inrall seinen; Observanzen, des Misrachi in all seinen Wandlungen. Das rege Gehirn'dieses Mannes ' ist überbevölkert mit Menschen aller Art, die ihre Sprache, die Sprache von anno dazumal, führen. Ein Stück lebendige Geschichte aus der Neuzeit erlebe ich wieder. „Du mußt Deine Memoiren schreiben, lieber Braun, aber schleunigst, denn unser Nachwuchs hat Interesse daran, zu erfahren, woher er kommt, was er ist, und wie er sein soll!" „Und daß Du mir, alter Freund, keine Possen machst und hübsch gesund bleibst! . . ." Aguda, Jeschiwa und Rabbinerhaus. Abends beim Vortrag das gleiche Bild wie in Wien, Der Saal überfüllt. Auf der Galerie die Frauen 'und Mädchen Kopf an Kopf." Der Agudagedanke hat hier einen guten Boden, was in erster Reihe der rührigen und aktiven Jugend zu verdanken ist, die aus Jeschiwa das Beste ins Leben hineinnimmt und damit auch den Acker der Agudas Jisroel befruchtet. Im Lokale der Jugendgruppe, das man, von außen gesehen, eine Kellerwohnung nennen könnte, flutet das Leben buchstäblich von erster Morgenfrühe bis in die tiefe Nacht hinein, vom Frühg'ttesdienst bis zu den Abendschiurim, ohne Unterbrechung. Vom tiefgelegenen Räume her können sich die Gedanken über das Straßenleben oben zur höchsten Höhe erheben. Eigenen G'ttesdienst an Wochentagen wie an Sabbaten und Festtagen hat die Preßburger Agudajugend. Alles, von dem jüngsten Kinde bis zum fortgeschrittenen Bachur, ist in diesem Räume auf dem Eingeleise agudistischer Arbeit vereinigt, eine Art Stufenleiter, eine geistige Pyramide bildend. Der Agudagedanke in Preßburg hat noch eine besondere Resonanz erhalten durch den Oberrabbiner, der von der* Kenessio Gedaulo in Marienbad, wo er am Eröffnungsabend mit einer Ansprache vertreten war, heimgekehrt, seine Eindrücke gelegentlich auch in Ansprachen an Gemeinde und an die Schüler hineinspielen läßt. Im Rabbihaus, dem ich, wie üblich, meinen Besuch abstatte, ist großes Reinemachen. Im Vorplatz stolpert man über ganze Batterien von leider leeren ■Weinflaschen, die darauf hindeuten, daß es gestern, am Simchath Thora, hier hoch herging zu Ehren des Thorabfäutigams. Wahrlich ein würdiger Bräutigam der Thora in der Stadt, in der der Geist des Rabbi Mosche Sofer durch die Straßen wandelt und segnend auf eine ununterbrochene Kette von Tradition und Führung durch vier Generationen herabblickt. Der Segen macht sich bemerkbar, Ein langjähriger Traum im Leben des Oberrabbiners beginnt sich zu verwirklichen. Der Jeschiwa soll nämlich ein Internat angegliedert werden. An den Festtagen sind ansehnliche Summen für diesen Zweck gespendet worden und Freunde der Preßburger Jeschiwa in überseeischen Ländern haben ihre Mithilfe zugesagt. Das schöne Sofer-Gesicht im graumelierten Bartrahmen strahlt im Glücke der nahen Erfüllung . . . Das Hotel, das mich für eine Nacht aufnimmt, soll das beste am Platze sein und wird mir von meinen jungen Mentoren mit den Worten empfohlen: „Hier pflegten Thomas Masaryk und Isaac Breuer zu wohnen . . ." Lange kann ich mich indes der historischen Ruhestätte nicht erfreuen, denn schon in aller Frühe werde ich von den jungen Freunden ins Agudaheim geholt, wo eigens für mich ein Frühminjan angesetzt ist. Am Bahnhof herrscht trotz der frühen Stunde reges Leben. Es ist Semesterbeginn. Neue Bachurim kommen mit den ansausenden Zügen an. Andere, aus Preßburg, und Umgegend, fahren nach Galanta oder Neutra. Väter mahnen zu Fleiß, Mütter weinen Vorschuß tränen und Tanten geben gute Ratschläge. „Daß Du mir die Grieben 'und die Gänseleber im Schmalz recht kalt stellst ..." höre ich den letzten tränenreichen Segen einer Mutter an das Söhncheh in dem sich schon langsam bewegenden Wagen ... Bald ist auch unser Zug da, der mich zurück nach .Wien zur endgültigen Heimreise bringen soll. In wenigen Minuten erreichen wir die Grenze, an der sich die-Zollgeister scheiden. Der Tscheche will wissen, wieviele Kronen ich aus dem Lande führe. „Außer der des guten Namens keine einzige," kann ichmit gutem Gewissen sagen. Ein Blick von der Höhe zum Abschied. Noch ein Blick zum Abschied vom höchsten Gipfel des "neu errichteten Hochhauses auf die schöne Stadt! Durch wie viele Kanäle fließt doch die Liebe der Welt zum schönen Wien! Welche, die von den blauen Wellen der Donau schwärmen, Andere, die sich nicht satt genug am Siephansdom oder am Riesenrad sehen können. Vielen ist der Prater Gipfelpunkt aller paradiesischen Freuden. Es gibt auch welche, die glauben, alle Schönheit und alle Gemütlichkeit sei mit dem letzten F i a k e r aus Wien für immer weggefahren. Für Viele ist Wien nur die Stadt der leichten Operette und für Andere ist Wien ein großes Cafehaus , , , Ein Wiener, so wird erzählt, der ein paar Tage in Paris weilte, kam furchtbar enttäuscht nach Hause zurück. „Eine Stadt," sagte er wegwerfend, „in der es kein Wasser und keine Z~e itungen gib t." Er meinte natürlich das Pariser Cafehaus, wo der Kellner, nicht wie in Wien fast Naturgesetz ist, dem Gast das traditionelle Glas Wasser und den Haufen Zeitungen bringt . . . Jeder fand und findet eben das Seine in dieser Stadt an der Grenze zwischen Ost und West. Ich aber laß von meinem erhöhten Standpunkte aus das Auge über den Donaukanal schweifen, bis zu jenen engen Gassen und düsteren Stuben hinter bröckelndem Gemäuer, die von früh bis spät angefüllt sind von frischem, flutendem jüdischem Lebeni wo der Sabbat und das jüdische Fest noch ganz daheim sind, und in einer jüdischen Atmosphäre ein Menschenstamm uns heranblüht, der unsere Zukunft sichert. Als ich in Paris auf dem Sacri Coeur stand und sich die Riesenstadt wie' auf einem Präsentierteller mit ihren Türmen und Zinnen, Palästen und Schlössern vor mir ausbreitete, sah ich zu der Kuppel des Napoleondenkmals hin, von wo ein schmerzvolles Kapitel europäischer Geschichte auf mich einsprach. Vom Hochhause in Wien aus sehe ich aber nur einen silbernen Wasserstreifen und dahinter eine eigene jüdische Stadt in der Stadt, die ein großes Becken geworden ist für jüdisches Leben, das ihr von allen Seiten zuströmt. Wie ganz anders ist doch Wien! . . . —tz. Was der Lulbliner Raw von Felix M. Warburg erzählte. Das Ableben Felix M. Warburgs weckt in uns Erinnerungen an den unvergeßlichen Lubliner Sabbat, den wir im Hochsommer 1932 in der Nähe von Rabbi Meir Schapira verleben durften, Unvergeßlich auch die Stunden nach Sabbatausgang, da uns der Rabbi in seiner einmaligen und unnachahmbaren Art aus seinen Erlebnissen auf seiner Propagandareise in Amerika erzählte. Auf einem Massenmeeting in New York sprach der Lubliner Raw über die geistige Not des Kindes in Polen und verglich diese in seiner bekannten Bildersprache mit dem kleinen Moses,. der hilflos im Schilfmeere treibt, der Rettung durch hilfreiche Hand harrend. Viele waren zu Tränen gerührt. Nach dem Vortrag überreichte ihm der Saaldiener ein Kuvert mit 50 Dollar. Von einer Damenhand war auf dem danebenliegenden Zettel geschrieben: „Diese Spende für die armen jüdischen Kinder in Polen, die dort ins Meer geworfen we r'd e n ". Die Dame, mit der fremden Sprache des Rabbi nicht ganz vertraut, hatte nämlich die Schilderung ganz wörtlich genommen. Ein bekannter Millionär und Philanthrop fertigte den Rabbi mit einer kleinen Gabe für die Weltjeschiwa ab und mit dem Bemerken: „Nehmen Sie das, obwohl ich und meine Kinder und Kindeskinder niemals von Ihrer Institution Gebrauch machen werden." Rabbi Schapira, den diese Aeußerung verdroß, quittierte sie mit einem kurzen Worte: „Sie werden, mein Herr, nicht schlimmer sein als Haman und Sissra ..." Neugierig und auch etwas betroffen, wollte der mächtige Mann wissen, was er eigentlich damit sagen wolle. „Nichts anderes," erklärte der Rabbi, „als was unsere Weisen im Talmud sagen. Es heißt dort nämlich: Nachkommen von Haman und Sissra lernten und lehrten Thora in öffentlicher Versammlung. Warum sollten nicht erst recht Nachkommen der großen amerikanischen Herren später einmal Interesse an einer Thorapflanzstätte haben? ..." Dieses freimütige Wort brachte der Lubliner Jeschiwa einen ansehnlichen Betrag ein. Ein eigenes Erlebnis hatte Rabbi Schapira mit Felix M. Warburg. Dieser wunderte sich: „Wollen Sie, verehrter' Rabbi, jährlich vierhundert Rabbiner aus Ihrer Anstalt entlassen, wo doch alle Gemeinden mit Rabbinern versorgt sind und ihre Kultusbeamten kaum ernähren können?" .' „Nein," sagte Rabbi Schapira, „es genügt mir, wenn ich jährlich drei oder vier Rabbiner in Gemeinden entsende. Dabei aber 396 oder 397 jüdische Männer ausbilde, die von solchen Dingen was verstehen und bei der Wahl eines Rabbiners mitreden dürfen."

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