Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1937)
- Date
- 1937-10-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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lieh bis zum letzten Schlage, und es wird, wie wir hoffen, sich noch über sein Grab hinaus segensvoll auswirken. Was wir im thoratreuen Kreise, die wir ihn vielleicht in Dingen der Weltanschauung nicht voll als den Unsrigen ansehen durften, zum Andenken Warburgs zu sagen haben, drückt in wenigen Worten der von der „ITA." wiedergegebene Ausspruch des Lubawitscher Rebben, Rabbi Schneursöhn, aus: „Es schlug in ihm ein warmes jüdisches Herz, das, losgelöst von seinem großen und kleinen äußeren Leben, im jüdischen Bereiche beheimatet war. Die Juden der ganzen Welt werden darum Felix M. Warburg betrauern und sein Andenken bewahren." Vertreter des Waad Leumi in Erez Israel sind in London mit dem Krönungsgeschenk des Jischuw für König Georg VI. eingetroffen. Ein etwas verspätetes, aber ein durchaus sinniges und gut jüdisches Geschenk: Eine auf kostbarem .Pergamente geschriebene und künstlerisch ausgestaltete Thorarolle, dazu ein Album mit Bildern, die den Fortschritt des jüdischen Aufbauwerkes unter der britischen Mandatsverwaltung veranschaulichen, all dieses begleitet von einer Huldigungsadresse in hebräischer und englischer Sprache. Man kann wohl verschiedener Meinung sein über die Ueberreichurig von Thorarollen an nichtjüdische Fürsten. Die Frage beschäftigte schon im Altertum und im Mittelalter die großen Halachisten, aber es geschah dies, wenn für gut und nötig befunden, doch immer. Die Beziehungen der Könige zur Thora sind im Buche der Thora selbst und in der jüdischen Tradition begründet. — Der jüdische König' besaß, nach Vorschrift, eine Doppelrolle, die nie aus seiner Hand wich, ob er in den Krieg zog, ob er sich zu Gericht begab, ob er an der Spitze der königlichen Tafel saß oder sich in seiner Schatzkammer aufhielt. Immer die gleiche Lehre und die gleiche Moral. Keine zweierlei Moral, etwa nach des Schicksals Gunst und Ungunst verschiedentlich geartet. Es.gibt eben nur eine Thora, für König und Knecht, für Krieg und Frieden gleich verbindlich und zu Recht bestehend. ' ~ In der Krone des englischen Königshauses darf das in der . Rolle aufbewahrte älteste und heiligste Kleinod der Menschheit leuchten. Eine kleine Mahnung wird aber dieses Diadem . ausstrahlen in die Parlamente und Kabinette, die über Schicksal und Zukunft Palästinas zu entscheiden haben. In dieser heiligen Lehre sind die Grenzen des heiligen Landes festgesetzt, die nicht verrückt wer-. den dürfen, ohne ein g'ttliches Naturgesetz zu verletzen. An diese Thora haben die Propheten ihre Verheißungen geknüpft, die in den Worten gipfeln; „Und es kehren zurück die Söhne in ihr Gebiet innerhalb der diesem von G'tt gezogenen Grenzen." Vielleicht dringt auch eine kleine Mahnung aus diesem Nebeneinander von Thora und Palästinaaufbau nach Palästina selbst hin und in die Aemter, von denen aus der neue Jischuw verwaltet wird Thora und Palästina-Album! Wohl ihnen und wohl uns, wenn sie nebeneinander stehen dürfen, wenn die Bilder des Aufschwungs und des Aufbaus den heiligen Text allein zum reinen Untergrunde haben . . . Doch gehört dieses auf ein anderes Blatt. Sally m und Agudas Jisroel Mit Sally Guggenheim, über dessen allzufrühes Hinscheiden schon berichtet wurde, hat die Agudas Jisroel eine ihrer markantesten führenden Persönlichkeiten verloren, und es ist eine Pflicht der Dankbarkeit, dieser Seite der reichen Lebensarbeit des Heimgegangenen besonders zu gedenken. Es soll dabei nicht die Rede sein von den finanziellen Opfern, die Sally Guggenheim der Aguda in früheren Jahren brachte — die gesamte Finanzierung der historisch bedeutsamen Züricher Konferenz von 1919, der ersten Wiederzusammenkunft der Orthodoxie aller Länder nach dem Weltkriege, war Guggenheims persönliche Leistung —, sondern von seiner persönlichen Tätigkeit als Mitglied der politischen Exekutive der Aguda. In den Sitzungen schweigsam und zurückhaltend bis zum äußersten, entfaltete er, wenn es sich um die praktische Ausführung von Beschlüssen handelte, eine vorbildliche, nimmer ermattende Aktivität. Nichts war ihm so verhaßt, wie Lässigkeit oder Oberflächlichkeit bei der Vertretung der religiösen Interessen nach außen, vor den Mächten der Erde ödef vor dem Völkerbund. Er ging rastlos von Instanz zu Instanz, von Mann zu Mann und scheute lange Tagen- und Nachtreisen nicht, wenn es galt, den thoratreuen jüdischen Massen ihr Recht zu verschaffen, Aufklärung zu verbreiten über die wahren Bedürfnisse und Wünsche der Orthodoxie oder Pläne abzuwehren, die die Verwirklichung der Thora im öffentlichen und privaten Leben gefährden konnten. Seine ausgedehnte geschäftliche Tätigkeit an der Spitze eines großen kaufmännischen TJnter- . nehmens hatte ihm nicht nur ein hohes Maß von Verhandlungsgeschick, Sprachkenntnis und Technik der Umgangsformen verliehen, sondern auch seinen Blick für die Verwicklungen des sozialen und politischen Lebens geschärft, Vährend eine ungewöhnliche Willensenergie ihn auch auf den ersten Blick unüberwindlich scheinende Widerstände besiegen ließ. , Bei wichtigen Entscheidungen der jüdischpolitischen Geschichte der letzten Jahrzehnte durfte Sally Guggenheim mitwirken; so gehörte er jener Aguda-Delegation an, die in London darüber zu beschließen hatte," ob die organisierte Orthodoxie ihren Einspruch gegen gewisse Formulierungen des Palästina-Mandates aufrechterhalten oder durch Zurückziehung dieses Einspruches die sofortige Annahme des Mandates durch den Völkerbundsrat ermöglichen sollte. In der Palästina-Politik gehörte Sally Guggenheim seit Jahrzehnten zu den entschiedensten und konsequentesten Verfechtern des Gedankens einer direkten jüdisch-arabischen Verständigung. Er -ging dabei so weit, daß er nicht selten in Gegensatz geriet zu der großen Mehrheit seiner Kollegen? die weniger als er an die Möglichkeit und Zweckmäßigkeit-einer selbständigen agudistischen Araber-Politik glaubten. Wer weiß, welche Schritte. Guggenheim aus der Tiefe seiner Ueberzeugung heraus auf. diesem Gebiete noch unternommen und welche Erfolge er zum Besten des ganzen jüdischen Volkes erzielt hätte, wäre nicht frühzeitige Krankheit sein tragisches Los gewesen, die seine aktive Teilnahme an der politischen Arbeit doch mehr und mehr verhinderte. Auch aus der Stille des Krankenzimmers verfolgte er mit ungeschwächtem Interesse jede Phase dieser Arbeit und stand,' wenn ihm auch nur vorübergehende Tage oder Wochen relativer Gesundheit vergönnt wären, jeden Augenblick zur Verfügung, wann und wo es galt, für Juden und Judentum in die Schranken zu treten. So wird die thoratreue jüdische Gesamtheit, wird „Agudas Jisroel" insbesondere, Sally Guggenheim für alle Zeiten ein treues, dankbares Gedenken bewahren und, in sich selber die Segenskeime weiterentwickeln, die der Heimgegangene durch sein Wirken ausgestreut hat: •mmb pmr' idt Die KEREN HATORAH-Sammeldose gehört .n jedes jüdische Haus! Sie gibt jedem die Möglichkeit, durch kleine tägliche Spenden die Arbeit des Keren Hatorah zu fördern. Bitte Dosen anfordern: Keren Hatorah, 0Ha m bürg 13, Hei n r i c h Barthstraße 2 1 £v~£ BHp^VT * y ^•*Jfär^^\ ■ Von Sarahs Tod und ewigem Leben. Von Dr. S. Neuwerth in Stuttgart. Es klingt wie ein Trost in die Trauer Abrahams hinein, wie eine Besänftigung seines Schmerzes, wenn unsere Weisen zu dem Bericht der Sidro über den Tod Sarahs die Worte des Psalmisten hinzufügen: „G'tt kennt die Tage der Frommen und ihr Erbe bleibt auf ewig". Was besagt denn dieses Wort? Es ist der einzige wahre Trost, an dem die Trauer sich bricht, die das Abscheiden großer Männer und Frauen in uns hervorruft, und gerade die Anwendung auf den Tod Sarahs erschließt uns seinen eigentlichen Sinn, enthüllt uns den wahren Trost, den es in sich birgt. Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele hat seine Anhänger, aber auch seine Gegner. Er wird von vielen, von allen denen, die um Religion und religiöse Ueberlieferung sich nicht mehr kümmern und nur das glauben, was sie mit ihren Sinnen wahrnehmen, als ein unerwiesener und unerweislicher Glaubenssatz bekämpft und verworfen. Da aber die Glaubenslehre von der Unsterblichkeit der Seele auch eine notwendige Forderung des Lebens ist, so nehmen sie zu einer anderen Lehre ihre Zuflucht» zur Lehre von der Unsterblichkeit des Wirkens und des Namens. Gewiß ist das Wirken unsterblich. E«s teilt, sich der Gesamtheit mit, pflanzt sich dort von Geschlecht auf Geschlecht fort und bleibt unsterbliches Eigentum der unsterblichen Welt. Auch der Name kann mitunter unsterblich sein, wenn er auf Werken ruht, die keine Zeit zu zerstören imstande ist, auf Werken, von denen ein Glanz ausstrahlt, der von keiner Staubwolke der Vergessenheit getrübt und verdunkelt werden kann. Aber diese Unsterblichkeitslehre anstelle der alten Glaubenslehre von der Unsterblichkeit der Seele zu setzen ist eine Verblendung. Der alte Glaube an die Unsterblichkeit der Seele bannt die Schrecken des Todes, er läßt uns nicht verzagen im Schmerz, wenn einer unserer Lieben in der Vollkraft seiner Jahre an unserer Sejte niedergerissen wird. Der alte Glaube an die Unsterblichkeit der Seele dient uns zum Antrieb und zum Ansporn, unseren Handel und Wandel in keiner Lage des Lebens in Widerspruch zu setzen mit den Grundsätzen der Moral und des Rechtes, er regt und eifert uns an, uneigennützig, selbstlos Opfer der Entbehrung und der Entsagung auf dem Altare gemeinnütziger Bestrebungen niederzulegen. Wir erleiden. Schmach und Schande, ohne auf Rache zu sinnen, ertragen Verkennung und Enttäuschung, ohne in unserer Schaffenskraft zu erlahmen. Entströmt auch der neuen Lehre von der Unsterblichkeit des Wirkens und des Namens ein solcher Segen? Mit nichten. Was soll uns eine Unsterblichkeit, die sich nicht auf unsere Persönlichkeit, auf unser eigenes Ich erstreckt? Was haben wir davon, wenn wir wissen, daß unser Wirken in der Welt nicht untergeht, wenn wir wissen, daß es nach unserem Tode wqhl der Welt, dem Weltganzen, aber nicht auch uns selber zum "Nutzeh und Frommen gereicht?-Das Bewußtsein, daß die Nachwelt uns ihre Anerkennung nicht versagen wird, reicht nicht aus, uns selber über unserem Wirken zu vergessen, noch weniger" uns von dem Schrecken des Todes zu befreien, Denn die Anerkennung kommt nicht immer, kann nicht immer kommen. Wieviele wirken geräuschlos, leiden und dulden im Stillen, so daß es außer ihnen nur noch einen G'tt im Himmel weiß. Und ist es gar so selten, daß unserem segensreichen, heilvollen Wirken anstatt Anerkennung, Verkennung, anstatt Xob, Tadel zuteil wird? Die Welt ist mehr zum Verurteilten als zum Verherrlichen geneigt. Wie oft hat sich nicht schon ein Mensch seinen guten ehrbaren Ruf, den er sich in jahrzehntelangem redlichem Streben erworben, in einer unbesonnenen Viertelstunde verscherzt. Und wie ist es, wenn wir unseren Wohnsitz von einem Platz nach einem anderen, von einer Stadt nach einer anderen, von einem Land nach einem anderen verlegen? Ziehen immer Boten-mit. uns, oder eilen uns gar voraus, die dem Kreis, der sich neu um uns bildet, verkünden, was wir bisher getan: und geleistet haben? Wohl ist es wahr, es kann ein Mensch sich einen Ruf erwerbe«,- der die ganze Welt durcheilt und alle Zeiten überdauert. Wieviele aber erreichen ihn? Einzelne, auserlesene, überragende Geister, zehn--zwanzig in einem Jahrhundert. Die meisten aber sterben und mit ihrem Körper wird auch ihr Name zu Grabe getragen. Nein, eine Lehre, die uns sagt, „Dein Wirken ist. unsterblich, Deine Taten und Handlungen dauern ewig, Du selbst aber stirbst, hörst mit dem Tode, mit Deinem ganzen Wesen aufzu sein, gehst mit Deiner Seele zugrunde" — eine solche Lehre ist e^n Phantom, - eine sonderliche Weisheit und hat fürs praktische Leben, zur Bekämpfung und Unterdrückung unerlaubter Triebe und Neigungen, zur Bewahrung vor Verzweiflung in Not und Gefahr keinen Sinn und keine Bedeutung. Sie kann uns nicht als Quelle dienen, aus der wir Trost und Linderung