Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1937)
- Date
- 1937-10-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 41 1937 Wie ganz anders ist doch Wien . . . IL Nach den Feiertagen. — Graue Not und warme Hilfe. In der Nacht nach den sonnigen, fast hochsommerlichen Feiertagen setzt ein Regen ein, als wollte er alle Weihe und Freude wegwaschen und den kommenden Abschnitt der „großen Flut" einleiten. Naßgrau und trübe liegen morgens die Gassen des zweiten Bezirks da. Nicht anders sehen die Menschen aus in der wie immer voll gefüllten Schul. Eine Zdokobüchse mit einer brennenden Kerze daran erinnert an die Entrichtung der Jiskor-Spende. (Seelengebete, die dort an den Feiertagen an Stelle unseres „Madnas Jad" verrichtet werden). Unverändert bleibt das große Heer derer, die vor der Schul und allen anderen Synagogen mit ausgestreckter Hand dastehen. So viel stumme, weinende und hilfeheischende Armut wie in der Wiener Judenstadt habe ich seit meiner Polenreise und seit meinem Gange durch die Jerusalemer Altstadt zur Westmauer nicht mehr gesehen. Vielleicht ist es so, daß sich hier die Armut mehr auf der Straße breitmacht, während sie in Westeuropa in der Zurückgezogenheit der kalten Stuben brütet. Wien ist vom Osten und Südosten her das Einfallstor nach Europa, und die jüdische Not aus vier oder fünf Ländern, den Karpathen, aus dem Balkan, aus Galizien und aus allen Gebieten Halbasiens hat ihre stärksten Legionen hierher geschickt, und diese zumeist unkonstruktiven Elemente blieben hier hängen. Gute jüdische Qualifikationen haben diese Menschen fast 'alle, aber damit kann man keinen Laib Brot beim Bäcker und keinen Happen Fleisch beim Metzger kaufen. In ihren feuchten Dach- oder Kellerkammern im Norden des zwanzigsten Bezirks husten und hungern ihre engbrüstigen Kinder. So stehen sie vor den Synagogen mit offener Hand. In den ersten Tagen jagte ihnen vielleicht die in die Hand gedrückte Spende die Schamröte ins Gesicht, später wurden sie schamrot — wenn man ihnen nichts in die Hand, drückte. Die sonderlichsten Gestalten, Typen und Physionomien trifft man hier; eine Fundgrube für Freunde der Volkskunde. Jüdische Schicksale offenbaren sich, die uns erschauern lassen, aber oft auch ein Auflachen unter Tränen abzwingen. Da stellt sich mir ein relativ gut angezogener Mann vor. Er ist geboren in Galizien, hat geheiratet in Ungarn, besitzt einen türkischen Paß, heißen heißt er Amsterdam, war Schochet in Bayern, wurde ausgewiesen aus Holland (trotzdem er Amsterdam heißt), suchte (leider vergeblich) eine Erbschaftssache in Antwerpen, machte Konkurs in F i u m e und wartet nun in Wien auf ein Zertifikat nach Palästina. Ein wandernder Globus des jüdischen Golus; Stoff für zehn tragische Romane. In den reichen vornehmen Vierteln jenseits der Brücke, wo die Palasthotels und eleganten Cafes das feine fesche Wien hervorkehren, sieht man diese Gestalten nicht. Sie bewegen sich nur in den armen und ärmsten Gegenden, in der sicheren Erwägung, daß der Arme noch am ehesten die Not des noch Aermeren kennt. Gegen einige Groschen, die für uns einen ganz geringen Pfennigswert haben, tauscht man ein ganzes Schock von ehrlich gemeinten Segenswünschen ein. Und hat man einmal nichts zu geben, so bekommt man dennoch zu hören: „So soll Euch takke der liebe G'tt a gut Johr geben!" So ist der jüdische Bettler ... Dabei drückt die wirtschaftliche Krise auch auf das Leben der Einheimischen sehr schwer. Oesterreich ist, wie die Wiener bildlich sagen, ein „Wasserkopf", hat einen großen Kopf mit der Hauptstadt und sonst fast nichts dahinter. Die Riesenstadt hat kein Hinterland, ist rings von Zollgrenzen umgeben, und jenseits der Grenze, ob der ungarischen, der tschechischen oder jugoslavischen, sind alle Mittel des täglichen Bedarfes fast um die Hälfte billiger. Zollgrenzen sind eine Sache des internationalen Handels, aber keine für den kleinen Mann und den Mittelstand. Darum ist die wirtschaftliche Not auch unter den eingesessenen Wiener Juden groß genug. Die Männer und Frauen der Wohlfahrtspflege wissen ein Lied davon zu singen. _ Aber die jüdische Wohltätigkeit in Wien sucht mit größter Energie, der Not zu Leibe zu rücken. Die Leistungen der. Kultusgemeinde auf diesem Gebiete sind staunenswert, und anzuerkennen ist, daß die Kultusgemeinde manche Gebiete der Wohlfahrt, so sie in den religiösen Bezirk hineinreichen, neidlos den Männern und Frauen der Schiffschulgemeinde in Regie gab, ohne ihre Subventionen zu entziehen. Sie denkt dabei ganz logisch: „Was die Frommen machen, können ohne Bedenken auch unsere Menschen mitgenießen, umgekehrt aber nicht.." Die Kinderheime und Versorgungsanstalten der Wiener Judenheit sind mustergültig. Ich besuchte und besichtigte den Mittagstisch des Vereins zur Errichtung und Erhaltung von Volksspeisehallen „Einheit" in der Malzgasse 12. Der Verein feiert zur Zeit gerade sein 25jähriges Jubiläum. Nicht durch ein Fest, nicht durch einen akademischen Akt, sondern durch mehrere hundert Menschen, die hier täglich bei gedeckten Tischen sitzen und gegen ein ganz geringes Entgelt wie im Restaurant ein gutes Essen durch Kellner serviert bekommen, im Winter hier auch angenehmen warmen Aufenthalt finden. Im Hofe finden wir — es ist Hoschana Rabba — eine geräumige Sukko, in der „in Schicht" gegessen wird. In Küche und Keller finden wir die schönsten Einrichtungen, die wir je in einem Hotelbetrieb gesehen haben. Alles und überall blitzblank und peinlich sauber, eine Augenweide für Hausfrauen. Daß man selbst Kartoffeln elektrisch schälen kann, wußten wir bis dahin nicht. Die Riesentöpfe und Kasserollen auf dem Herde würden für ein kleines Regiment ausreichen. Und das Essen ist — wir haben uns davon überzeugt — nahrhaft, gut und schmackhaft. An der Spitze der Statuten lesen wir den Satz: „Der Zweck ist, streng rituelle Volksspeisehallen unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Adaß Jisroel (Schiffschul) (das ist der verehrte fromme Rabbiner S. Fürst) zu erhalten und auszugestalten." Der Verein wurde zu Anfang 1906 gebildet, der dann 1907, natürlich durch unseren Wolf Pappenheim, eine Reorganisation und sein heutiges Gepräge erhalten hat. Zwei Philanthropen, deren Namen heute noch gern genannt werden, Bernhard Hofbauer und Moritz Felsenburg, brachten in rastloser Sammelarbeit die Gelder auf. Als Bernh. Hofbauer in den Sukkothtagen von 1929 starb, konnte er mit dem glücklichen Bewußtsein von dannen gehen, daß das acht Jahre vor dem Krieg geschaffene Werk eine Art „Heilmittel vor dem Schlage" war. In den weiteren acht Jahren bis heute wuchs der Segen mit der steigenden Not von Tag zu Tag mehr an. Schwiegersohn und Sohn des heimgegangenen Bernhard Hofbauer nahmen sich des väterlichen Erbes mit unverwüstlicher Energie an und führten es mit Hilfe anderer verdienter Männer heil durch alle Miseren der Zeit. Ich sehe mir die Gäste oben und unten und auch in der Sukkoh im Hofe an. Es sind Menschen und Frauen, die nicht allein für den Tag gesättigt werden, sondern die durch die ganze Aufmachung und Behandlung aufgerichtet werden — vielleicht auch für alle kommenden Zeiten. Ich greife dieses eine lebendige Beispiel aus der Wiener Wohlfahrtspflege heraus, das zu erleben ich gerade Gelegenheit hatte. Auch manche andere Institutionen verdienten es, daß sie von den jüdischen Helfern aller Länder besucht und zum Beispiel genommen werden. Das geistige und Agudaleben. Das geistige Leben im orthodoxen Wiea nötigt uns dauernd den tröstlichen Talmudspruch ab: „Noch ist Israel nicht verwaist!"; es strömt in breitem Flusse auch auf andere Kreise über, und die Einheitslinie bei der Jugend ist, bei allen divergierenden Schattierungen und Observanzen in den Klausen, unverkennbar. Die ersten Grundlagen bekommt die Jugend in der Talmud Thora-Schule und in der Jesode Thora-Schule, an denen bewährte Lehrer, leider nicht gerade unter rosigen materiellen Verhältnissen, mit unerschöpflicher Liebe zur Thora und zum Kinde wirken. Ein B e t h Jakob-Seminar sorgt für Lehrerinnennachwuchs. Die reifere Jugend lernt in einer Weise, wie sie bei uns zulande leider noch nicht überall durchführbar ist. Zu Semesterbeginn heißt die Frage; Wo gehen wir hin, nach Preßburg, Neutra oder Galanta oder gar nach Litauen? Der Jeschiwabesuch an sich ist selbstverständlich. Die orthodoxe Wieher Jugend ist, das sei hier festgestellt, durchwegs agudistisch. Im Lokale der Agudas Jisroel-Jugendgruppe flutet das jugendlich-frische lachende Leben bei Schiurim, Kursen, auch bei Sport und Spiel bis in die tiefe Nacht hinein. Hier zersplitterte sich dieJugendkraft noch nicht in Grüppchen und Klübchen. Man tanzt in gehobenen Stunden im Kreise rund h e, f u m , und das ist symbolisch. Man reicht sich die Hand und gehört zueinander. Es gibt keine partikularistischen Unstimmigkeiten innerhalb der Aguda, auch ist das Generationproblem GsD. noch nicht so scharf herausgebildet wie anderswo. Eine Agudagruppe der „Achtzehnjährigen" bittet mich, ihre „Freitagabende" einzuleiten. Was, auch hier Absonderung? Im Beisammenseih mit ihnen lernte ich den bindenden Wert dieser Sondergruppe kennen, Diese Menschen sind noch jung genug, um die Jüngsten zu verstehen, aber auch schon alt genug, um, die Aelteren zu begreifen, also sind sie der verbindende Pol zwischen den Generationen, und ich wunderte mich nicht, die gleichen jungen Freunde später fast vollzählig auch bei Veranstaltungen der anderen Gruppen anzutreffen. Aus einer neugegründeten Führerschule der Aguda, über die an anderer Stelle bei uns berichtet ist, Wird uns gute Führung erwachsen. Aber auch jetzt schon wird die Jugend musterhaft geführt. Das oft verlästerte „Kanouth" der Wiener Jugend, das rücksichtslos und unnachgiebig bis zur letzten Konsequenz geht, hat sich hier zum Segen ausgewirkt, Die erfaßten Jungen werden ganz erfaßt, es gibt keine Halbheiten. Schon der Schüler weiß, wo er seine Freizeit verbringen soll, er steigt dann höher und höher, aber immer begleitet ihn von Phase zu Phase der reine und unverfälschte A g u d a g e U a n ke. Wenn in Wien zu einem agudapolitischen Vortrag annähernd tausend Menschen kommen, so darf sich der Redner nicht viel darauf einbilden, es liegt eben an den Massen und der Mentalität der Wiener Judenheit, nicht zuletzt natürlich an der kraftvollen Tätigkeit der Jugendführer, die eine einmal begonnene Sache mit allen Mitteln der Propaganda bis zu Ende führen. Am Sabbat zwischen den Feiertagen soll ein Kohelethvortrag in einem „geschlossenen intimen Kreise" stattfinden. (Es ist diesmal nicht Aguda, sondern Mekor Chajim, aber immer die gleichen Menschen.) Ein „geschlossener intimer Kreis" heißt aber in Wien, wenn zwei- oder dreihundert Menschen im Saale sind und etwa fünfzig draußen an der Türe poltern, weil sie nicht mehr hereingelassen werden können . . . Wir verabschieden uns am Festausgang von den jungen Freunden mit dem erhebenden Bewußtsein, daß in dieser sonnigen Atmosphäre an der Donau (man erlebt das Gleiche in Preßburg und im Burgenland) der Agudas Jisroel die besten, treibenden Kräfte für die Zukunft erblühen werden. —tz. (Schluß folgt.) KURIOSA. In einem Kunstberichte einer jüdischen Zeitung über die Aufführung des Guttmann'schen „Bereschith" lesen wir; „Zu den vielen schönen jüdischen Bräuchen, aus denen die Freude und Liebe zur Thora spricht, gehört das Tanzen mit der Thora am Hoschana rabb a." — Scholem Alechem, der bekannte jiddische Humorist, läßt seinen Tuwje von „Jomkippur, der auf Schabbat Bereschith fällt", sprechen. Das Blatt wirft Hoschana rabba, Simchasthora und Bereschith in einen Topf. * * Im Inseratenteil eines jüdischen Familienblattes vom 19. August sucht ein Leipziger Cafeetablissement Bardamen, Wie bar aller Gefühle für die Lage müssen doch jüdische Menschen und Zeitungen sein, die heute noch „Bardamen" suchen. Man schreibt uns aus Jerusalem: Die Jerusalemer Autobusse werden von einer Chauffeur-Korporation betrieben, die sich „Hamkascher" (die Verkehrsverbindung, von kescher Knoten) nennt. Vorsorglich ist der Name des Unternehmens nicht nur in hebräischen,, sondern auch in lateinischen Buchstaben in jedem Omnibus zu lesen. Diese Vorsichtsmaßregel aber ist wie jede Transkription hebräischer Wörter), eine Quelle -des Mißverständnisses, oft heiterster Natur. So wurde ich dieser Tage im Omnibus Zeuge folgenden Gesprächs; Ein vornehm gekleideter älterer Herr, seinem Aussehen nach deutlich als amerikanischer Tourist kenntlich, studierte kopfschüttelnd die Aufschrift im Omnibus und buchstabierte laut vor sich hin. „Harn . . . kascher", Schließlich wandte er sich an seinen Nebenmann und sagte in dem unvergleichlichen Gemisch von englisch und jiddisch, das den amerikanischen Juden zu eigen ist: „Wonderful, was es alles in Erez Jisroel gibt, sogar koscheren Schinken habt Ihr hier." Es kann weiter nicht wundernehmen, daß der Palästinenser das Erstaunen des Amerikaners nicht teilen konnte, da ihm das beliebte Frühstück „Harn and eggs" (wie wir hoffen) zur Gänze unbekannt war. S. B. Ch. * * Im Philo-Zitatenlexikon lesen wir auf Seite 102: „Liebet die Wahrheit.' Liebet den Frieden! (Moses Mendelssohn: „Jerusalem" 1783)". Moses Mendelssohn, der Bibelübersetzer, hat sicherlich gewußt, was die Herausgeber des Lexikon scheinbar nicht wissen, daß jener Spruch ein wenig älter ist. Er steht nämlich in Secharja 8, 19, mit den Worten: Tins wbvm nnsnii