Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1937)
- Date
- 1937-10-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Nr. 41 Der Israel 14. Oktober I937 Straßburg, 3. Okt. Am Abend zu wr> 3"»y verschied Frau Regine Cohen-Altmann. Sie war jüngstes Kind im Hause des Oberrates Altmann, "Karlsruhe. Dieser —- weit über Deutschland hinaus bekannte — Repräsentant geistigen Adels und jüdi sehen Führertums leitete, ausgezeichnet durch das Vertrauen der höchsten Regierungsbehörden und der jüdischen Gemeinden, viele Jahre die Geschicke der Gemeinden Badens. Sein Haus war nicht nur der Mittelpunkt des jüdisch-geistigen Lebens des badischen Landes; jeder Fremde in Karlsruhe wurde in den Altmann'sehen Familienkreis mit Liebe und Wärme aufgenommen, durfte mitgenießen die fast unbeschreibliche Stimmung und Weihe unserer Festtage, die durch den süßen Wohllaut unserer Gesänge zu einem Erlebnis von unvergeßlicher Größe und Schönheit gesteigert wurden. Als ebenbürtige Toch ter trug sie diese besondere Kunst, Israels Feste in Harmonie und Glanz erstrahlen zu lassen, in ihre eigene Häuslichkeit und übermittelte dieses Erbe getreulich ihren Kindern. Die großen Ideale des Karlsruher Elternhauses, glühende G'ttes- und Thoraliebe, paarten sich in ihr mit gleicher Glut und Hingabe in der Liebe zu den Menschen. Sie folgte dem hochgeschätzten, ebenbürtigen Gatten Josef Cohen erst nach Halberstadt, einige. Jahre später nach Holland. Nach dem frühen Scheiden des Gatten zog sie mit drei jungen Kindern 1900 nach Straßburg, sich ganz der Erziehung der Kinder widmend. Noch härtere Prüfung ward ihr auferlegt. Ihr Haus war ein Treffpunkt der Armen und Hilfsbedürftigen. Wieviel Hungrige sie gesättigt, wieviel Arme sie bekleidet, schwächlichen Kindern sie durch ihre Fürbitte Ferienerholung verschaffte, für Flüchtlinge Gelder sammelte, sie mit Rat und Tat betreute, das vermag niemand in der großen Judenheit von Straßburg anzugeben. Mehr noch als die Zahl ihrer Guttaten wiegt die Ar.t und Weise ihrer Mizwoherfüllung.. Niemals, und war es zur unpassendsten Stunde, wurde einem Armen das Ohr versagt. Die leichte Empfindlichkeit des Hilfesuchenden zu schonen, war ihr ein angeborenes Bedürfnis. Doch war es nicht nur angeborene Güte, die uns oft aus innerem Ruhebedürfnis heraus gut handeln heißt; in Regina Cohen lebte ein starkes Klallgefühl, das sie mit den Juden aller Länder verband und sie ihre Leiden und Freuden innig mitfühlen ließ. So ver» folgte sie mit lebendiger Anteilnahme den Aufbau von "'"S und die große Tagung der Kenessio Gedaulo. — Wenige Stunden vor Kol Nidre trug man den letzten Sproß des Altmann'schen Stammhauses zu Grabe, Ein Frauenleben aus einer vergangenen Generation in die unsrige hineinragend; eine Hilfs- / freudigkeit, die sich so oft im Helfen und Betreuen der einzelnen Ortsarmen erschöpft, verbindend mit der Einsicht. von der Notwendigkeit des starken Gefüges der Gesamtheit: finden wir solche Frauentypen häufig in unseren Tagen? Sie wird uns unvergessen bleiben. mxan Nürnberg, 10 .Okt. Kurz vor n*"i wurde unsere Kehilloh Adaß Jisroel von einem schweren Verlust betroffen. Unser langjähriges Mitglied, Ludwig Schwarz wurde plötzlich und unerwartet von seinem irdischen Dasein abberufen. Das Hinscheiden dieses wackeren Jehudi wird tief betraueft, war doch Ludwig Schwarz überall zur Stelle, wo es galt, für mmr min und O'ion ni^na einzutreten. Besonders bewährte sich der Heimgegangene als Vorstand des Vereins Gemilus Chasodim, wo er mit warmem Herzen und tatkräftiger Hand für die Belange der von ihm Betreuten sorgte. Am ">bii cm würdigte Herr Rabbiner Dr, Klein durch einen Hesped in der Synagoge das Wirken dieses verdienstvollen Mannes. '«1 tröste die schwergeprüfte Frau nebst Kindern. rrnxin Vermischtes. Die Synagogengemeinde Köln und ihre traditionellgesetzestreue Entwicklung 1897—1937. Köln, 6. Okt. Man schreibt uns aus Köln: Die Entwicklung der jüdischen Verhältnisse in der Großgemeinde Köln innerhalb der letzten vier Dezennien ist so sehr mit der Person ihres Rabbiners Dr. Ludwig Rosenthal, der ifr—fi nzns p~v sein 40jähriges Ortsjubiläum begeht, verknüpft, daß eine eingehende Würdigung seiner Persönlichkeit und seines Wirkens gleichzeitig ein getreues Bild Yon dem jüdischen Leben in der größten rheinischen Gemeinde wiederspiegelt. Hervorgegangen aus einem bayrischen Beamtenhause, in dem tt>vv nsT und cnpn mxbn in idealster Weise vermählt waren, herangebildet unter den Augen eines R. Esriel Hildesheimer "t^t und von ihm mit der mw-Krone geziert, hatte der junge Rabbiner sich seine ersten Lorbeeren an der Lemle- Moses-Klaus zu Mannheim, als Vorgänger yon Dr. Isaac Unna, erworben. Seine dreijährige dortige Tätigkeit war von solchem Erfolge gekrönt, sein Bestreben, den Frieden innerhalb der Gemeinde zu wahren, sein aufrichtiges Streben für die Wahrung des konservativen Judentums und besonders die Vornehmheit seines Wesens und Charakters hatten seinen Ruf so sehr gefestigt, daß," als die Synagogengemeinde Köln, die stets größer und größer ward, dazu überging, einen zweiten Rabbiner, diesmal einen konservativen Rabbiner, anzustellen, vor allem auch Df. Rosenthal in die engere Wahl gezogen wurde. Damals begann bereits der Gedanke der Einführung einer Orgel in die Synagoge innerhalb der Verwaltungskörperschaften aufzutauchen, so daß einem jeden der Bewerber um den konservativen Rabbinerposten die Frage vorgelegt wurde, wie er sich im Falle der Orgeleinführung seine Stellung denke. Während Männer konservativer Färbung an diesem Schibbolet strauchelten und durchblicken ließen, daß sie gegebenenfalls auch mit Orgel amtieren würden, blieb Rosenthal trotz des Odiums, das er sich durch eine Absage hätte zuziehen können, fest und standhaft und gab schon damals die eindeutige Antwort: er werde in einer Orgelsynagoge nicht amtieren. Solche Charakterfestigkeit eines jungen Mannes mußte auch Männern liberalster Einstellung imponieren, und so wurde denn Dr. Ludwig Rosentahl, erst 27 Jahre alt, auf den Rabbinatsstuhl der ältesten deutschen Gemeinde berufen. Man muß mit den Kölner Gemeindeverhältnissen einigermaßen vertraut sein, um ermessen zu können, welch gewaltigen Fortschritt diese Berufung für das konservative Judentum innerhalb der Synagogengemeinde bedeutete. Denn alles, was in Köln den Namen „jüdisch konservativ" trug, hatte sich, bisher nur in einem kleinen Kreise zusammengefunden, der innerhalb der Synagogengemeinde, aber unabhängig von ihr, einen Religionsverein gegründet hatte und auch eine besondere nwnv unterhielt. Als nun Dr. R. sein 'Amt antrat, gelang es ihm bald in Verbindung mit anerkannten Talmudgrößen wie Wolf Dünner ^"XT und Rabbiner Dr. PI a t o ^"tt, insbesondere auch durch die Mitarbeit von Abraham Dünner ^"S7/ tind dessen Tätigkeit in der Ritualkommission, innerhalb der Synagogengemeinde in dieser heiklen rmviP-Frage Wandel zum Besseren zu schaffen. Inzwischen war aber die Orgelfrage immer akuter geworden. War es ihm im Jahre 1899 durch sein' ausführliches Gutachten nochmals gelungen, die Einführung der Orgel hinauszuschieben, im Jahre 1906 war es nicht mehr möglich. Damals erklärte er in der entscheidenden Repräsentantensitzung.' „Abgesehen davon, daß mein Standpunkt in der Jjührung der religiösen Interessen des Judentums schon von meiner Schule und von denjenigen Männern her bekannt, ist, welche mich zum Rabbiner autorisiert haben, ist auch schon vor der ehrenvollen Berufung in mein hiesiges Amt aus Ihrer Mitte und offiziell Veranlassung genommen worden, mich nach meinem Standpunkt in der Orgelangelegenheit zu befragen. Ich habe bereits damals in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise geantwortet und wiederhole, daß ich mich zu denjenigen geistlichen Vertretern des Judentums bekenne, welchen der Gebrauch der Orgel bei unserem G'ttesdienste mit dem jüdischen Religionsgesetz nicht vereinbar erscheint, ich werde daher in einer Orgelsynagoge auch dann nicht amtieren, wenn die Orgel schweigt." Mit gleichartigen Widerständen hatte er auch in der "»na Ho-Frage zu kämpfen. War doch bereits im Jahre 1863 trotz des Vetos des damaligen Kölner Rabbiners Dr. Schwarz an Stelle des »*na Va ein 'mo ""W eingeführt worden, wodurch ein großer Teil der konservativen Mitglieder der Synagogengemeinde veranlaßt wurde, den obengenannten Religionsverein zu gründen und eine eigene Synagoge zu errichten. Als nun Rosenthal 1897 sein Amt antrat, war natürlich sein Bestreben auch darauf gerichtet, dem alten "»Iii wieder zu seinem Rechte zu verhelfen. Aber er hatte, wie gesagt, bei all seinen Versuchen auf diesem Gebiete so erhebliche Widerstände zu überwinden, daß anfänglich all seine diesbezüglichen Bemühungen scheiterten und erst im Jahre 1920 wurde nach einem abermaligen tiefschürfenden Gutachten von seiner Seite die Wiedereinführung des ma in der orgellosen Synagoge Glockengasse, — seit Einführung der Orgel in der neuen Synagoge die alleinige Wirkungsstätte Rosenthals, — von der damaligen Repräsentanz beschlossen. Hierdurch ermutigt, stellte er auch noch weitere Anträge in jüdisch-konservativem Sinne, und so ist es seiner energischen Initiative zu verdanken, daß das im Jahre 1890 abgeschaffte „Duchenen" wieder eingeführt ward und der größte Teil der deutschsprachigen Gebete und Gesänge, die für Köln in einer besonderen Agende zusammengestellt waren, beseitigt wurde. Ebenso ist unter seiner Aegide einem anderen zu seinem Rechte verholten worden, indem die n"ittSfi nur von demjenigen gesagt werden darf, der auch zu "Posa aufgerufen ward. Um auch fernerhin diesem echt jüdischen Streben innerhalb: unserer Synagoge den gesetzestreuen Charakter zu erhalten, hat er in Gemeinschaft mit dem seit 17 Jahren ihm zur Seite stehenden Rabbiner Dr. Dünner der Kultuskommission eine Synagogenordnung unterbreitet und zur Annahme gebracht, in der alle von ihm auf Grund des H und ana» gewünschten und eingeführten konservativen Einrichtungen für die Dauer verankert sind. Bei dieser Gelegenheit wollen wir nicht versäumen, auch auf die übrige literarische Tätigkeit Rosenthals hinzuweisen, deren Früchte man in beinahe allen wissenschaftlichen jüdischen Zeitungen wiederfinden kann. Denn es gibt kein Gebiet jüdischen Wissens, auf dem nicht Dr. Rosenthal mit einem Artikel oder mit einer Rezension in die Erscheinung getreten wäre. Und überall, wo er zut Feder griff tat er es in gründlicher, erschöpfender, origineller und von umfassenden Kenntnissen zeugender Weise in einer Art, die vor allem Vornehmheit der Gesinnung atmete. In gleicher Weise ist er ein ausgezeichneter, niemals nach Effekt haschender Redner. Sowohl als Kanzelredner undals Prediger bei freudigen oder traurigen Anlässen, wie auch als Diskussionsredner sind seine Ausführungen von solch gewaltiger und überzeugender Wirkung; daß man gleichsam unter dem Banne seines Wortes steht. Daß Dx. Rosenthal durch all diese mannigfachen Vorzüge und Charaktereigenschaften, durch seine vielseitige soziale Tätigkeit, durch sein würdevolles und vornehmes Auftreten sich die Liebe und Wertschätzung der ganzen Gemeinde, ohne Unterschied der Parteirichtung erworben hat, bedarf eigentlich keiner besonderen Betonung. Und dennoch hätte Dr. Rosenthal den vielseitigen Verpflichtungen seines Amtes nicht in dieser segensreichen Weise entsprechen können, wenn nicht auch für sein Haus das alte Wort unserer Weisen gelten würde: invx ir lrra- Hat er doch in seiner Gattin eine Stütze, die in feinsinniger, feinfühlender Weise alles von ihm fernhält, was ein Rabbinerhaus nicht berühren darf. Möge o«m ihm die Kraft verleihen, an der Seite seiner Gattin und mit ihr zusammen noch lange Jahre seines Amtes wirken zu können, wsies?. (Bei voller Anerkennung der Leistungen und Verdienste des Jubilars, dessen tätige Liebe für den Erez Israel-Aufbau im Sinne der Thora wir noch hervorheben möchten, darf nicht übersehen werden, daß gerade der von ihm geführte Kampf in manchen seiner Phasen den Segen der von S. R. Hirsch und Esriel Hildesheimer in ihre Rechte eingesetzten U n* abhängigen Orthodoxie, ohne welche auch die Erfolge der Konservativen innerhalb der liberalen Gemeinden undenkbar gewesen wären, mit aller Deutlichkeit hervorgetan hat. Red.) 100 Jahre Synagoge in Schneidemühl. Sclineidemühl, 3. Oktober. Die Synagoge in Schneidemühl besteht in diesem Jahre 100 Jahre. Nachdem 1873 beim großen Stadtbrand auch das alte jüdische G'tteshäus vernichtet worden war, wurde der Neubau inmitten eines öffentlichen Verkehrsplatzes errichtet. Inzwischen ist die Synagoge dreimal umgebaut worden, zuletzt nach 1919, um die Zahl der Gemeindemitglieder, die sieh durch den Zuzug aus den an Polen gefallenen Ostprovinzen erheblich vergrößert hatte, aufnehmen zu können. Die Gemeinde ist in den letzten Jahren zahlenmäßig sehr zurückgegangen. Sie zählt heute 235 Mitglieder. Berlin, 5. Okt. Die diesjährige ordentliche Generalversammlung der Chewra Kadischa Groß-Berlin fand am 31. August d. J. im Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde Fasanenstraße statt. Der stellv. Vorsitzende, Herr Dr. Erwin Galews ki, erstattete einen erschöpfenden Bericht über die wichtigsten Geschehnisse innerhalb der Chewra im letzten Jahre, über ihre traditionell-religiösen Leistungen an Sterbenden und Dahingeschiedenen, über ihre humanitäre Tätigkeit auf dem Gebiete der Krankenfürsorge, über die Veranstaltung von Sederabenden für viele hunderte dem Judentum fast völlig Entfremdete, sowie über die Kohlenspende an verschämte* Arme. Hierbei kamen zunächst diejenigen Bedürftigen in Betracht, die von der Winterhilfe nicht erfaßt werden können, weil sie ihr trauriges Geschick Heber still und resigniert in tiefer Bekenntnis tragen, als daß sie sich bei den öffentlichen Wohlfahrtsämtern registrieren ließen. Hierauf erstattete der Schatzmeister, Stadtrat a. D., Rechtsanwalt Dr. Richard T r e i t e 1, den Kassenbericht, der zum Zusammenwirken der Kräfte innerhalb der Berliner Judenheit auffordert. Obgleich die Höhe der Jahresbeiträge und die Spenden infolge vielfacher Abwanderung und wirtschaftlicher Not zahlreicher Mitglieder abgenommen haben, konnte die Chewra dennoch ihre Krankenfürsorge so ausgestalten, daß der Umfang ihrer sozialen Leistungen keinen Schaden erlitt. Bei den vorgenommenen Neuwahlen wurden, im Hinblick aut die eifrige Tätigkeit, die Herr Hermann Schwarz in der Chewra entfaltet, derselbe wieder zum erste11 Vorsitzenden, Herr Dr. Erwin G a I e w s k i zu dessen Stellvertreter, Herr Emil Kochmann zum Schriftführer, Herr Rechtsanwalt Dr. Richard Tr eitel zum Kassenwart, zu dessen Stellvertreter Herr Wal" ter Kopfstein, ferner zu Beisitzern de.s t*' schäftsführenden Ausschusses, Herr Jakob Bärenholz und Herr Heinrich Teschner gewählt. —• Herrn Dr.Gale wski wurde für dessen echtjüdische, warme Chewra-Arbeit die besondere Anerkennung ausgesprochen. Nachdem Herr Schwarz den Vorsu übernommen hatte, dankte er Herrn Rabbiner VT- Link für die segensreiche Arbeit zum Wohle de Chewra. Dr' K'