Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1937)
- Date
- 1937-10-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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14. Oktober 1937 Der Israelit Nr. 41 Seite 5 großen Teil seines ersten Bandes, der dem oberflächlichen Leser dadurch fast wie Apologetik erscheint, indem er unter Anführung von mehr _ als, 60 Autoren der geisteswissenschaftlichen Literatur aller Disziplinen den Einfluß der europäischen Literatur beschreibt, unter den unsere Jugend gerät, sobald sie über die Probleme ihres •Lebens nachzudenken beginnt. Bezeichnend hierfür ist das zweite Kapitel, überschrieben: „wer hängt Illusionen nach?" Darin stellt sich der Verfasser den Wortführern des Atheismus und der Bibelkritik. Ausgehend von Ludwig Feuerbach, weist er die gemeinsame Wurzel seiner Philosophie und des Marxismus auf, geht den Thesen Freuds und Adlers aul den Grund, spürt den Kern Wellhausen'scher Bibelkritik auf und enthüllt das Wesen der auf „naturwissenschaftliche Gesetzlichkeit" pochenden Religionsverächter, Bewußt oder unbewußt sind sie doch alle von dem Wunsche erfüllt, einen neuen Glauben, hier an die Vernunft, dort an die Gesellschaft und dann wieder an die Kulr tur zu schaffen, jedenfalls etwas Relatives an die Stelle des Absoluten in der Religion zu setzen. In diesem Zusammenhang zitiert Wohlgemuth den Versuch Rosenzweigs, der Theologie an der Philosophie, der Philosophie an der Theologie, eine beiden bitter notwendige Stütze zu schaffen. Diese für die Selbständigkeit der Religion gefährliche Verkoppelung lehnt Wohlgemuth ab, hält ihn aber für bezeichnend für die Ernüchterung, die sich damals der auf ihre Autonomie früher so stolzen Wissenschaft bemächtigt hat. Zu dieser heilsamen Ernüchterung mußte die Beschäftigung mit der geistes- und naturwissenschaftlichen Literatur jeden führen, der in ihr Antwort auf letzte Fragen suchte. Die summarische Uebersicht, die Wohlgemuth über die literarischen Zeugnisse dieses Suchens bringt, kann naturgemäß und will auch sicher nicht mehr sein, als bloßer Hinweis auf die Linien, in denen sich das kulturgeschichtliche Denken der Zeit bewegt, um die Jugend gegen die Wirkung der von ihm in die Massen gleitenden Schlagworte immun zu mächen. Eine andere Frage freilich drängt sich in diesem Zusammenhange auf: „wie stellt sich der Osten zu einer solch eingehenden Beschäftigung mit profanen Wissenschaften?" Wenn auch die Persönlichkeit und das Wirken Samson Raphael Hirschs dort widerspruchslos anerkannt wurde, weil man die Außerordentlichkeit der geschichtlichen Verhältnisse seiner Entscheidung zugute hielt, so legte man doch im Osten immer Wert auf die Unterscheidung: n^j fc^ni ]b SW' indem man sich selbst ängstlich dagegen verwahrte, in der Schulfrage seinem Beispiel zu folgen. Ist das heute.>anders geworden? Wohlgemuth bringt zu dieser Frage einen interessanten und aufschlußreichen Beitrag von zwei repräsentativen Persönlichkeiten des Ostens, deren einer der allzufrüh verstorbene Rabbi Elieser Kaplan 't'XT und deren andere n"*?ni "VITl1? Rabbi Elchanan Wassermann is.t Der Schluß beider Gutachten läßt sich ungefähr folgendermaßen zusammenfassen: Kaplan: Die Weisen haben profane Bildung als Nebenbeschäftigung nicht verboten. Unser Lebensinteresse freilich, davon Handel und Wandel bestimmt werden, soll der Thora gehören. Nur wenn es vom Leben geboten erscheint, auch andere Wissensgebiete zu erforschen, sind sie uns freigegeben, ebenso auch die Aneignung der elementaren Kenntnisse, die dazu notwendig sind, wie z. B. der Sprachen. Eine Vermengung fremder Begriffe aber, die aus der Beschäftigung mit jenen Wissensgebieten geschöpft wer» den, mit den Worten der Thora, so daß sie nicht auf Grund der Thora erklärt werden, ist verboten. Ebenso darf die von den Weisen erlaubte Beschäftigung mit ihnen nicht dazu führen, das Thoralernen zu vernachlässigen. Wassermann: Unter Berücksichtigung gewisser Grenzen (Sifrei Minuth und der Assimilation Vorschub leistende Anstalten), sieht er absolut keinen Grund, die Beschäftigung mit profaner Literatur zu verbieten, soweit sie. beruflichen Zwecken und dem Lebensunterhalte dient. Im Gegenteil, sie wird zur g'ttgewollten Pflichterfüllung. Dient sie aber zur Unterhaltung, liegt Anlaß vor, sie wegen der damit verbundenen Vernachlässigung der Thora zu verbieten. Wenn die Weisen der Vorzeit außer dem beruflichen Zweck auch noch den anerkannten, profane Literatur als Hilfswissenschaft für die Thora (zu deren besserem Verständnis) zu pflegen, so konnten sie es ohne; Furcht, in ihrer Jüdischkeit zu Schaden zu kommen. Wir aber können uns mit ihnen nicht vergleichen. Man sieht: Wassermann kennt für die Vergangenheit auch das andere von Hirsch in den Vordergrund gerückte Moment der Bildung, um sie der Thora zugute kommen zu lassen. Für die heutige Zeit aber scheidet er scharf zwischen dem einen Motiv (beruflich) und dem andern (nywV) Wohlgemuth weist demgegenüber darauf hin, daß sowohl die Unterschiede zwischen gelegentlicher und eingehender Beschäftigung zum Zwecke beruflicher Arbeit, als auch "die Unterscheidung zwischen dem einen und dem anderen Motiv dem Leben gegenüber und praktisch nicht aufrecht ZU halten sei. Wenn die berufliche Notwendigkeit vorliegt, dann kann sie nicht gelegentlich befriedigt werden. Und wenn die Befürchtung vorliegt, daß aus der Beschäftigung der Jüdischkeit Schaden erwächst, so besteht sie zu Recht, ob nun aus diesem oder jenem Motiv profane Wissenschaft betrieben wird. Dann kommt es eben auf den Menschen und auf den ben nebeneinander zwei Bezeichnungen: „heilige Gemeinde", und die „heiligen Gemeinden" WTipnm^'np. Von den mV>np» wo diese Formulierung richtig ist, weil sie dem Ohr leichter eingeht, übertrug sich das Vlipn auf die „versammelte Gemeinde", wobei man aWer übersah, daß es in diesem Falle nicht „Hakohol Haltaudesch", sondern „Khal Hakaudesch" heißen müßte. Die richtige und weit verbreitete Fassung ist TPnpn '-vnpft und viipn miV'fip« Der Grund für diese doppelte. Bezeichnung dürfte meines Erachtens der sein: Bekanntlich drückt das Wort »Tip nicht den Grad von Keduschoh aus, wie das Wort »np. Im zweiten Buch Moses, Kap. 22 Vers 30 heißt es: 'waKi '»^ jvnn »Tip. wozu Rabb. Samson Raphael Hirsch *VSt in seinem Kommentar bemerkt; „Es heißt nicht OMrnp O'ffl« sondern vnp 'W»f Menschen, die einem heiligen Beruf angehören, man ist noch nicht „Ko- Uausch", wenn man nicht trefa ißt, allein wir können es dann leichter werden." An die versammelte Gemeinde stellen wir die größten Ansprüche und setzen es auch voraus, daß sie als mtpn '-vnpn angeredet werden kann. Würden wir aber schließen r-iwnpn rtl^np n», so würden ■wir damit alle diejenigen Gemeinden von unserem Segen ausschließen, die noch nicht diesen Grad erreicht haben. Es wäre gleichsam eine Lossagung von allen anderen Gemeinden, die wohl als iriipn mV»np bezeichnet werden können, aber nicht den höchsten Grad der Keduschoh erreichen. Um aber unseres Segens auch solche Gemeinden teilhaftig werden zu lassen, die nicht auf der höchsten Stufe von Keduschoh stehen, schließen wir «rnpn mV»np by- Diesen, Gedanken sprechen wir auch in dem trrnn rom aus. Wir sagen: psn msas yansn wma fap'i. Um aber anzudeuten, daß wir damit alle Teile Israels meinen, schließen wir: ^«"W ^2 O'ian* Es mag aber auch^ vielleicht der alten Satzformulierung folgende „Sohar-Stelle" zu Grunde gelegen haben: Dort heißt es: wnp 'la yb sip smmpa n-ap 'Jap Vsn»* \>vsn naa ■»ov »an *ibk "»»•»» awi »Tip pb s^p inaV "iai ans «mp w -»a T"> o'ian avon jAistt'nsV» sä« '3*i na» wnb im pa nn "\b btäw piip 'a Zu Deutsch: „Rabbi Jose sagt; Wie beliebt ist Israel bei dem Heiligen, gelobt sei Er, zuerst nennt Er sie smp >ia denn es heißt: nns wnp jjby 'S/ später nennt er sie W)P V* wie geschrieben steht: 'Tb L-?s^v smp. Welcher Unterschied besteht zwischen der einen und der anderen Bezeichnung? Darauf sagt Rabbi Abba: „Kaudesch" ist der höchste Grad." Nach dieser Interpretation würde der Sinn der alten Leseart seins „Er möge die Gemeinde und mit ihr alle Gemeinden, mit größter Heiligkeit segnen. J. Jelen. Kleines Feuilleton. Für das jüdische Haus« Unter dem Titel t-jx-»v» rra erschien soeben bei Joel Sänger, Frankfurt a. M., in Neuauflage die kleine Gebeteordnung für das Haus, zusammengestellt von Rabb. Dr. M. L. Bamberger, Schönlanke. Das seit einem Jahrzehnt vergriffene kleine Gebetbuch ist wieder lieferbar (Preis,Mk. 1.—) und dürfte auf keinem Sabbattisch fehlen. Es enthält in anmutiger Ausstattung nach Sabbaten und Festtagen geordnet: Kiddusch, Tischgebet, Hawdalah, Kiddusch Lewanah, ferner die Gebete für Hochzeit, Bris Miloh und Gegenstand und nicht auf das Motiv an. Wie man sieht, führt auch die Beweisführung des Ostens immer wieder auf den Standpunkt, den Hirsch eingenommen hat, und den Wohlgemuth bei aller Bescheidenheit gegenüber den Wortführern des Ostens doch glaubt, in der heutigen Zeit auch dem Osten ans Herz legen zu müssen. Er will die Entscheidung in das Innere des Einzelnen verlegen, der am besten wissen müsse, wo die Grenze seiner Aufnahmefähigkeit liege, ob und wann er durch die nichtjüdischen Elemente in seiner Jüdischkeit gefährdet werde. Dieses wegen der größeren Gefahr der Ignorierung profanen. Bildungsgutes aufgenommene Risiko müsse allerdings auf der anderen Seite durch eine persönliclere Erzielung wettgemacht werden, die dem Denken und Fühlen der neuen Jugend näher kommt. In dem Kapitel über die drei Säulen des Chinuch legt der Verfasser mit beredten Worten und stellenweise leidenschaftlich dar, wie er sich einen solchen starken von Familie, Gemeinde und Jugendbewegung getragenen Chinuch denkt. Er bringt anschauliche Beispiele dafür, wie alles Bemühen von' Schule und Elternhaus daran scheitert, daß die persönlich frommen Eltern den Geist des Hauses und der Hausleute nicht bestimmen, daß die Verwandten verschiedene Judentümer repräsentieren und allen Einspruch mit dem gefürchteten Ruf: Fanatismus! beantworten. Er malt die Segnungen einer in all ihren Einrichtungen heiligen Gemeinde aus, deren- Stolz die von ihr unterhaltenen Jünger der Thora sind. Und endlich — für den Osten früher undenkbar — hebt er die hohe erzieherische und jüdische Bedeutung der Jugendbewegung hervor, wo sich alle Kräfte ungebrochener Jugend: Natur, Konsequenz, Gefühl und Solidarität in einer lebendigen Form vereinigt dem alten Judentum weihten, um wieder aus unmittelbarem Empfinden Thora zu lernen und zu halten, und wieder in rechter Weise zu gehorchen, zu kämpfen und ein neues Leben zu führen. Neues Leben, das ist Absage an den Kapitalismus als Lebensform, an die Bourgeoisie als Gesellschaftsform, an die Gymnasien als Bildungsform, Wie weit dieses Ideal in der Wirklichkeit der östlichen Jugendbünde lebt, läßt sich von hier aus schwer beurteilen. Eines ist sicher. Eine Zukunft hat dieser Geist nur, wenn eine geeinigte Orthodoxie der Welt hinter ihr steht, deren Erscheinen und Wirksamkeit in diesem Buch immer und immer wieder als eine der Hauptbedingungen für das Gelingen einer starken jüdischen Erziehung herbeigesehnt wird. Gedenknummer des „Ruf". Die eben erschienene Nummer des „Ruf" ist dem Gedenken Dr. Nathan Birnbaums gewidmet. Sie enthält Aufsätze von Oberrabbiner Dr. Jos. Garlebach, Dr. J. Taubes, Amsterdam; Dr. Mayer Ebner, Rabb. Dr. Harry Lewi, Rabb. Dr. Alexander Altmann, Dr. M. Landau, H. van Leeuven, Salomo Birnbaum, Hans Goslar, Lily Gutwirth, Dr. B. Kader und programmatische Stellen aus den Schriften Dr. Birnbaums. Die 14 Seiten Großformat starke Gedenknummer zeigt das geistige Gesicht Dr. Nathan Birnbaums in all seinen Zügen. Eine neue Zeichnung aus der Hand Menachem Birnbaums liegt der Ausgabe bei. Zu beziehen Amsterdam Zuider, Amstellaan 16, 2, Wochenkalender. Vom 16 bis 23. Oktober 1937 /Vom U. bis 18. Marchesehwao 5698 Vif SJT m-nsa T*-l* Samstag 16 11 n Sonntag - 17 12 B Montag OkJ. 18 13 •> Dienstag 19 pwna 14 K> Mittwoch 20 15 3' Donnerstag 21 16 i» Freitag 22 17 Y» Samstag 23 18 lü a-na pnaa kti