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Der Israelit · 1937-10-01 · Heft 39 (1.10.1937) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 39 (1.10.1937)
Date
1937-10-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 39 1937 Eindrücke in Paris. (Schluß.). Palästina au!? der Weltausstellung. Man tut gut, auf der Exposition Internationale den Palästinapavillon, der nicht schlechthin Palästinapavillon, sondern Pavillon d'Israel en Palestine heißt, um damit Palästina von Israel zu distanzieren, zuerst zu besuchen. Direkt von der Kraft, dem Reichtum, dem Glanz und der Pracht der anderen Völker kommend, könnte man den kleinen Palästinawinkel leicht übersehen. Hier sieht man erst, wie klein und arm unser Volk ist, wie wenig es an irdischen Gütern im Vergleich zu den Nationen der Erde zu bieten hat. Das äußere Bild: Verhältnismäßig kleine Räume mit einem schönen Vorplatz, ein Portal mit. einem Frauendenkmal auf hohem Postament, das mit Palästina nichts zu tun hatt noch ein, Portal mit einem hebräischen „Erez Israel" darauf. Bilder an der Wand zeigen Jung-Israel mit Spaten und Hacke an der Arbeit, mit Turngeräten bei Sport und Spiel, andere Bilder veranschaulichen karthographisch die Bevölkerungsvefhältnisse, die Früchte Palästinas, geben Auskunft über Export und Import. In Vitrinen sieht man auch Proben der jüdischen Produktion in Palästina: Wein, Oel, Zitrusfrüchte und dergl. mehr. Der Hafen von Tel Awiw-.macht sich im Bilde an der Wand recht hübsch. Am Eingang in der kleinen Buchhandlung kann man Palästina-Literatur und Ansichtskarten kaufen und im ~ Restaurant davor unter. Palmen (zumeist leider Topfpflanzen) im Freien gut und ^streng rituell speisen; Bilder, Zahlen, Karten, das ist in der Hauptsache alles, was wir aus dem neuen Palästina zu zeigen haben. Und der tiefer Schauende denkt: Könnte Israel in Wahrheit seine Schätze auslegen, dieses ganze gewaltige Gelände vom Trocadero bis zur Seine hinauf, wo jetzt alle Völkter der Welt nebeneinander Platz haben, würde dafür nicht ausreichen, und die Welt müßte den Atem anhalten. Das Ausstellungsgelände des jüdischen Geistes geht vom Jordan über Euphrat hinweg, die Pyrenäen entlang bis zum Rhein, zur Weichsel und Wolga. Aber wer würde hier diese Schätze sehen, verstehen? Und beim guten Mahle unter den Palmen mit dem liebenswürdigen Rabbiner, der hier die Aufsicht führt, ergibt dieser grandios wehmutsvolle Gedanke den Gesprächsstoff. Hier wird es uns bis zur Evidenz offenbar, w o unsere Kraft und unser Reichtum liegt. Wollten wir mit unserer materiellen Kraft und mit unseren irdischen Reichtümern mit den Völkern der Erde wetteifern, ach wie arm und winzig smd wir dann/ Wir haben den Riesenhochhäusern, den Maschinen und der blendenden Pracht der Anderen, auch der kleinsten Staaten, etwa den Teppichen Aegyptens und den Perlen und Brillanten Belgiens, nur ein paar Früchte und Oelbilder an der Wand entgegenzubieten. Im Geistigen, im Sittlichen, den Reichtümern, die von G'tt kommen und zu G'tt führen, ist aber-unsere Kraft weltumspannend, von Ewigkeit bis zur Ewigkeit. Güter solcherart sind hier auf dem gewaltigen Völkerjahrmarkte keine gangbare Ware. In der entlegenen Ecke unter Palmen sehen wir Schätze, die hier nicht zu schauen sind . . . Immerhin könnte man sich auch diesen kleinen Ausschnitt aus dem jüdischen Leben und der jüdi^ sehen Arbeit im neuen Palästina etwas anders denken. Es soll'keine Kritik geübt tmd keine Vorwürfe erhoben werden, es sei nur deswegen gesagt, weil diese stille Palästinaecke, trotz allem und allem, für uns und für tausend Andere der Mittelpunkt des ganzen Treibens ist. Es, stört, in den Eingängen einer jüdischen Ausstellung überlebensgroße Monumente in Marmor zu sehen, Herzl, Sokolow, Bialik! Gewiß verdiente Männer, wir glauben aber, daß sie über Denkmäler aus Erz und Stein nicht viel anders gedacht haben als wir, wenn sie sich vielleicht; auch nicht in diesem Maße an das zweito Gebot gebunden fühlten. Bialik, der seiner Wunderharfe pft genug tief ins jüdische Herz dringende Töne abrang, wußte ganz gewiß, aus Welchem Material das Denkmal /eines Juden sein muß, und von Sokolow ist uns in Erinnerung daß er einmal in einer ganzen Artikelreihe, ich glaube aus Anlaß eines geplanten Mehdelssohndenkmäls, Denkmäler als nicht . Jüdisch nachwies; . Dajs hätteman also ihnen und, uns nicht antun dürfen. ' -', ".' .'.. Man hätte auch gerri irgend eine Spur aus dem alten J i s c h u w an-; der Wand oder m den Vitrinen gesehen. Kaum, daß uns ein hebräisches Wort eiitgegenleuchtet, alles ^französisch. Unter-.den,-Büchern und Schriften in den Auslagen ist keine einzige Probe aus unserem alten Geistesschatz zu finden. Bücher aus Palästina, über Palästina, Rechenschaftsberichte, Landkarten, Bevölkerungskunde. Erez Israel in seiner alten Geschichte, Erez Israel als Land des G'ttesvolkes und Stätte der Sch'china schweigt ... Vielleicht hätte die Welt, die sich hier ein Stelldichein gibt, die Sprache dieses Erez Israel auch ein wenig verstanden. Denn Palästina an der entlegenen- Ausstellungsecke ist überiüüt, und nicht allein von Juden. Auch im Restaurant ist jeder Platz besetzt. Wir sehen an einem Tische^ katholische Geistliche sitzen, die sich den guten Palästinawein wohlschmecken lassen und die jüdische Küche wie das Land der Bibel loben. Wir verlassen die Palästinaabteilung mit dem Wunsche, daß es auf der nächsten Weltausstellung, wo diese auch sein mag, es kein „Pavillon d'Israek en Palestine" geben mag, sondern einen Pavillon des jüdischen Palästina, des jüdischen ,im jedweden Sinne. —tz. Geschichte eines Schreibtisches. Von Cilly Neuhaus. O, wenn er sprechen könnte, er wüßte viel zu erzählen . . . Da er sich nur in jüdischen Häusern aufgehalten hatte, und noch dazu in Rabbinerhäusern, die als Sammelbecken des Gemeindelebens ein getreues Spiegelbild der Zeit abgeben könnten, hat er manches erlebt Und gesehen und stumm beobachtet . . . Sein erster Gang in die Welt war zu einer Zeit, es war um 1848, als die Juden vor den Toren der Stadt Lübeck in dem kleinen Dörfchen Moisling ihr eigenes, beschauliches, enges Leben führten; einfache, schlichte, fromme und g'ttesfürchtige Menschen bildeten in Wahrheit eine Gemeinschaft. Treu stand einer zum andern, die Welt draußen lockte sie nur, sofern sie ihren geschäftlichen Wegen nachgehen mußten. Innerhalb ihres kleinen Kreises waren sie zufrieden und glücklich. Hier im Rabbinerhaus, in der guten Stube, stand unser Schreibtisch, als Tisch. Eigentlich ist er nämlich gar kein Schreibtisch, sondern ein länglicher Tisch mit zwei ausziehbaren Klappen. Mahagoniholz, fein poliert, blitzblank schmückte er die gute Stube des Rabbinerhauses, um das sich in der kleinen Gemeinde, sich ganz zusammengehörig fühlend, Jung und Alt scharte. Und wenn an Sabbat und Feiertagen, denn in der Woche machte man keine Besuche, die gute Stube sich mit Besuchern füllter dann saß man um den schön polierten Tisch herum, den die Häusfrau mit heimlichem Stolz angesehen haben mag, denn er zierte ja das ganze Zimmer. Man unterhielt sich an ihm über alles, über was man sich so bei Besuchen zu unterhalten hat, — über die Familie, über die Kinder, die man nun zum Lernen und zur Ausbildung in die Stadt schicken mußte, über Gemeindeangelegenheiten, aber «nie über ganz banale Dinge, deim dazu war der Respekt vor dem »Raw* zu groß, und — nur wenn die Frauen ganz unter sich waren, erzählten sie sich gute Kochrezepte und sprachen von ihren Toilettensorgen. Mein Tisch mag oft geschmunzelt haben, denn so wußte er doch auch von der jüdischen Küche und ihren guten Speisen, denn zu sehen bekam er sie nicht, gegessen wurde nicht in der guten Stube, unser Tisch war viel zu fein, er Horte nur geistige Unterhaltung, über den Wochenabschnitt am Sabbat, er hörte gute Tauroh Sagen Und sah, daß die Menschen begierig und aufgeschlossen dieser jüdischen Welt ihr Ohr liehen und diese Weisheit als den, Gewinn in ihr Alltagsleben mitnahmen. Eine Woche ist so schnell herum, wenn der Schabbos als Ziel und Krönung Winkt Und der Glanz anhält bis zum nächsten Schabbos. Mein Tisch glaubte sicher, es gäbe nur glückliche Juden, so zufrieden in ihrem armseligen Leben, so treu ihrem G'tt, so dankbar und stolz auf ihre Tradition und ihre alte Kultur. Die zweite Etappe meines Tisches war in der Stadt Lübeck, Moislings Juden waren in die Stadt gezogen, die Tore waren ihnen geöffnet worden. Mein Tisch stand jetzt im Studierzimmer eines Rabbiners. Er-war etwas älter geworden, nicht mehr ganz so blank und frisch; wie seinerzeit in der guten Stube in Moisling, dafür war er jetzt aber „mehr" geworden. Er war nicht mehr nur der Tisch, um den sich „einmal" in der Woche die Besucher setzten und sich unterhielten,, er war jetzt der Tisch, an dem ständig gelernt wurde. Nur gelernt; nur' die Buchender heiligen Schrift, nur Mischnajoth und Gemoro lagen auf dem Tisch, .— für . alle andeije Wissenschaft diente ein Stehpult, zürn. Arbeiten. 0 wie weise ist unser Tisch geworden, durch das ständige Lernen, Tag um Tag, und wieder versank die Welt, man disputierte mit den Großen aller Zeiten, man reihte sich ein in die Geschlechterreihe der Jahrtausende, unser Tisch mußte glauben, es gäbe gar nichts anderes als diese geistige Welt, denn von ihr aus wurde alles andere beleuchtet, und von dieser Welt aus erschien alles andere klein und gering. Nie sind leichte oder seichte. Unterhaltungen an sein geschärftes Ohr geklungen, wieder mußte unser Tisch glauben: Was sind die Juden doch für glückliche Menschen, sie leben und denken nicht so zeitgebunden, sie beschäftigt der Ewigkeitsgedanke, das was „vor ihnen war und nach ihnen sein wird". Das was ihre Vorfahren ihnen als heiliges Erbe überlassen, um es wieder an ihre Kinder und Kindeskinder weiterzugeben, Sie flüchteten mit ihren Sorgen, mit ihren Nöten in diese jüdische Welt. Sie lernten und begriffen, daß es etwas gab, was über allem Druck den jüdischen Menschen emporträgt und stark macht. Unser Tisch war voll Hochachtung und Respekt vor dieser Welt, und da er nie herauskam aus diesem Studierzimmer, glaubte er, daß alle Juden so seien, und er beneidete sie beinahe um diese Verpflichtung, zu forschen, zu lernen in der heiligen Schrift, weil er sah, daß dieses die Gedanken erhellte, und nicht nur weise, sondern auch glücklich machte . , . Armer Tisch! Der Du aus Deiner Versunkenheit, aus Deiner glücklichen Weltfremdheit »aufwachen mußtest. Die Zeit hörte auf, wo er nur über Lernen und Forschen in der Thora sich unterhalten hörte. Draußen war Krieg, die Welt brannte. — Schon einmal hatte unser Tisch vom Krieg erzählen hören, es war im Jahre 1870, aber da war er noch zu jung, und war nur der Tisch der guten Stube, und hörte nicht viel darüber. Aber jetzt! Was war das? Erregte Stimmen, Weinen von Frauen und Müttern, und begeisterte aus jungen Kehlen: Wir dienen für das Vaterland, wir fürchten. uns nicht, wir kommen zurück! —--Mein Tisch, der das reale Leben so wenig kannte, lernte verwundert eine ganz andere Welt kennen; selbstlose Hingabe, Vaterlandsliebe, die zu jedem Opfer bereit war, den Glauben an die gerechte Sache, und die feste Zuversicht auf bessere Zeiten, die wiederkehren mußten. Aber die Ruhe und Beschaulichkeit waren aus dem Studierzimmer gewichen, — denn wenn jetzt an dem Tisch gelernt wurde, schweiften die Gedanken oft ab, und es gab auch viel Störung, alle Menschen, die ins Zimmer kamen, brachten Unruhe mit, erzählten von Erlebnissen ihrer Männer oder Söhne im Felde, brachten Briefe und lechzten danach, sich ihre Sorgen durch ein gutes und teilnehmendes Wort verscheuchen zu lassen. Aber wenn keine Briefe kamen, und die Angst und die Sorge im Zimmer lastete, wenn Väter öder Mütter weinend sich an unsern Tisch setzten, Kraft und Zuspruch ersehnend, dann mußte unser Tisch viel Kummer und Leid mit'anhören. Ja, mein Tisch hat viel gehört in diesen Zeiten, und er war auch jetzt Voll Respekt und Hochachtung über dieses stille Heldentum, von dem er genügend erfahren hatte. Man sah ihm an, daß die Last ihn drückte; er hatte auch keine rechte Pflege mehr, die früher so schön polierte Holzplatte war rissig geworden, voll Furchen. Der schöne Tisch aus der guten Stube des Moislinger Rabbinerhauses war alt geworden . . . So lange er noch als „Lerntisch" benutzt wurde, kam er sich doch noch nützlich und wichtig vor, aber eines Tages; — ganz plötzlich kam es — war der Lehnsessel leer, mein Tisch wartete vergebens auf die hohe Gestalt, die Tag für Tag zum Lernen sich am Tische niederließ, aber vergebens, der Platz blieb leer. Mein Tisch hatte keine Mission mehr, er war nicht mehr der Mittelpunkt, der stumme Zuhörer, der Freund und Kamerad, der geduldig wartete und zur Stelle war, wenn man ihn brauchte. Er hörte nicht mehr, was in der Welt draußen und in der Gemeinde und Gemeinschaft sich ereignete, er war' überflüssig geworden. Jetzt war er wirklich alt, alt und verbraucht. Seine Geschichte wäre zu Ende, wenn . . . ja, wenn es nicht so wäre, daß auch ein Tisch, ein alter verbrauchter Tisch sprechen könnte, stumm erzählen könnte. Von Zeiten erzählen — die längst vergangen, von denen man nur das eine weiß, daß die Menschen, die in jener Zeit gelebt, zu einem gehören, daß ein unzerreißbares Band von ihnen zu uns führt. — — Nun ist er mein Eigentum, mein Tisch, mein Schreibtisch, Aus einer Btke des Studierzimmers, in der er verstaubt und vergessen stand, holte ich mir den Tisch hervor und werde mir immer neu des Besonderen bewußt, ihn besitzen zu dürfen. Jugend und Elternhaus, unschuldige Kinderfreuden und Leiden( und bewußte Lebensereignisse späterer Jahre hat er miterlebt und mitangesehen . x. Und über die Ereignisse des Familienlebens hinaus, die Lebenslinie jüdischer Menschen : und jüdischer Gemeinden ho - roskopartig an sich vorüberrollen sehen., Eigenartiges Gefühl, zu wissen, daß mit diesem Tisch ein Stück jüdischer Kulturgeschichte verbunden ist, die aus den Furchen und Runen abzulesen und abzunehmen ist,

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