Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1937-09-17 · Heft 37-38 (17.9.1937) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 37-38 (17.9.1937)
Date
1937-09-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450961-2450997--83247-2541247
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

17. September 1937 Der Israelit Nr. 37/38 Seite 9 ■ Ausbildungs-Lehrgang für Anstaltserzieher und -Erzieherinnen. Berlin, 2. Sept. Die Reichsvertreturig der Juden "Sn Deutschland Abt. s Zentralwohlfährtsstelle macht darauf aufmerksam, daß sie gemeinsam mit dem Jüdischen Wohliahrts- und Jugendamt Berlin einen einjährigen Aus- Hldungslehrgang für Anstaltserzieher und - Erzieherinnen veranstaltet. Der Lehrgang beginnt Anfang Januar 1938 und soll eine Ausbildung in Theorie und Praxis der jüdischen Anstaltsarbeit zur Vorbereitung für eine hauptberufliche Tätigkeit umlassen. Eine Gewähr für eine Anstellung nach Beendigung des Lehrganges kann nicht gegeben werden. Als Mindestauf nahmealter gilt das -vollendete 20., als Höchstauinahmealter das 35. Lebensjahr, Nur in Ausnahmefällen kann von dieser Altersbegrenzung abgewichen werden. Voraussetzung zur Aufnahme ist mindestens die mittlere Schulreife, Ausbildung in einem änderen Beruf oder Abiturientenexamen und Ausübung einer praktischen Tätigkeit. In besonderen Fällen kann von diesen Vorbedingungen abgesehen werden. Dem Lehrgang, der Anfang Januar 1938 beginnt, soll eine Vorpraxis von drei Monaten (Anfang Oktober bis Ende Dezember 1937) in einer jüdischen Anstalt vorausgehen. Der Ausbildungslehrg'ang^wird in Berlin abgehalten, die Teilnehmer werden, in jüdischen Anstalten während der Zeit des Lehrganges untergebracht. Die Berliner Gemeinde hilft Müttern ■ r. t. und Kindern. Berlin, 2. Sept. Das Jüdische Wohlfahrts- und Jugendamt der Berliner Jüdischen Gemeinde veranstaltete für jüdische Pressevertreter eine Führung, die an Hand zahlreicher Einrichtungen die Hilfe der 'Gemeinde für Mütter und Kinder verdeutlichte. Der Dezernent des Wohlfahrtsamtes, Dr. Lamm, schilderte in einleitenden Worten den Sinn und die Wirksamkeit der Einrichtungen, die die Gemeinde zur Beratung und Betreuung von Müttern und Kindern" geschaffen hat. Er wies darauf hin, daß die Gemeinde angesichts der Verhältnisse nicht jeden Wunsch, der an sie herantritt, erfüllen könne, und daß die Mitwirkung der Eltern am Werke des Wohlfahrts- und Jugendamtes erforderlich sei. In Sammelvormundschaft hat das Amt bisher 3500 Mündel betreut, zurzeit unterliegen 100 Mündel seiner Fürsorge. 450 Kinder sind in Heimen oder Privatpflegestellen untergebracht worden. In den großen Ferien waren in den Tageskolonien in diesem Jahr 2392 Kinder, untergebracht worden; bis September sind 1010 .Kinder in diesem Jahre verschickt worden, während die Zahl der im ganzen Jahr 1936 verschickten Kinder 1141 betrug. In 9 Schulspeisungen, die nur in den dringendsten Fällen in Anspruch genommen werden s.ollten, werden für Kinder täglich 1500 Portionen Mittagessen verabreicht. Außerdem wird die ärztliche und fürsorgerische Betreuung in Schulen durchgeführt. In 10 Kindergärten, Horten und Heimen sind 1020 Kinder erfaßt. Im übrigen erstreckt sich die Fürsorge auch auf die schulentlassene Jugend. So werden gegenwärtig etwa 300 schulentlassene Jungen betreut*. Den Pressevertretern wurden sodann alle Einrichtungen der Berliner Gemeinde gezeigt. J Schweiz. Kalender-Reform nach Einspruch des Vatikans zurückgestellt, Genf, 5, Sept. Die beratende technische Kommission des Völkerbundes für Verkehr und Transit hat ihre XX. Tagung geschlossen. Die Frage der Kalenderreform ist von der Kommission im Hinblick auf .die von religiöser Seite, insbesondere auch vom Heiligen Stuhl, erhobenen Bedenken zurückgestellt worden. In einem Communique wird hierüber mitgeteilt: . Die Kommission hat die von 32 Staaten dem Sekretariat eingesandten Antworten zur Frage der V ereinf achung des gregorianischen Kalenders und der Festlegung der beweglichen Feiertage zur Kenntnis genommen. Aus diesen Antworten geht hervor, daß bei den befragten Regierungen annähernde Uebereinsiimmung nicht besteht und auch nicht herbeigeführt werden wird. Es wurde-auf die Tatsachen hingewiesen, daß die Organe des Völkerbundes stets der Ansicht waren, daß . die, Meinung, der religiösen Autoritäten in Bedacht gezogen werden soll. Die meisten orthodoxen «nd protestantischen Kirchen haben' bereits erklärt, daß sie nicht gegen die Festlegung der beweglichen Feiertage sind,; aber daß dies nur unter Zustimmung aller christlichen Kirchen-geschehen solle. Nach Mitteilungen, die der Kommission von einigen ihrer Mitglieder ■,■ gemacht■■■wurden, hat der Heilige, Stuhl, nachdem er bekanntgegeben, hat, daß.er keinerlei Aendenmg des Datums der beweglichen;Feste zustimmen könne, in diesem Jahr: eine festere Haltung, angenommen und bei gewissen Regierungen Verstellungen , erhoben, wobei betont wurde; 1,,.. daß die .Festlegung der beweglichen Feiertage, einen wesentlichen Bestandteil der Kalenderreform bilden soll, daß aber diese Festlegung einem ökumenischen Konzil unterbreitet .werden soll; 2., daß, was die Reform des gregorianischen Kalenders betrifft, die' Einführung von Blankotagen zu einer Unterbrechung der Kontinuität der Wochen führen würde, was mit jahrhundertealter Ueberlieferung unvereinbar sei. Aus diesen Gründen glaubte die Kommission, daß für den Augenblick keine Vorkehrungen zur Einberufung einer Konferenz für eine Reform getroffen werden soll, die anscheinend keine Aussicht hat. angenommen zu werden, und daß infolgedessen diese Frage bis auf weiteres von ihrer Tagesordnung abgesetzt werden soll. Die Woche. Amsterdam, Anläßlich des Geburtstages der Königin Wilhelmine von Holland ist eine Reihe von bekannten holländischen Juden ausgezeichnet worden. Prof. Dr. ing. C. Feldmann in Delft erhielt den Titel eines Kommandeurs des Ordens Oranien- Nassau; das Mitglied der zweiten Kammer des Parlaments Dr. J. H. J. Vos, Prof. Dr, L. Poläk-Däniels in Groningen und der Amsterdamer Friedensrichter Dr. L. S. G.deHartogh wurden zu Rittern des . Holländischen Löwenordens ernannt. Ferner erhielten Auszeichnungen G. R. .Lobotto, Dr. M. J. Prins, Dr. V. K. L. van Os, Ehrenschatzmeister der holländischen Alliance Israelite, Aron Leer u, a. Prag. Der erste Präsident des Obersten Rates der jüdischen Kultusgemeindenverbände in Böhmen, Mähren und Schlesien und langjährige Präsident der Prager Kultusgemeinde, Dr. August Stein, ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Die Beerdigung fand am 2. September auf dem jüdischen Friedhof in Strasnice statt. Dem Verstorbenen ist ein Ehrengrab gewidmet worden. Warschau. Unter der Leitung von Theaterfachleuten aus Palästina wurde in Warschau eine „Nationale jüdische Bühne" gegründet. Als Erstaufführung brachte das Theater ein von Aron Zeitlin übersetztes Stück von SchulamxJ Bat Dori, in dem das jüdisch-arabische Problem in eigenartiger Weise dramatisch behandelt wird. — Anläßlich des bevorstehenden Kongresses der Aerzte Polens hat in Krakau eine Versammlung des dortigen Aerzteverbandes stattgefunden, an der etwa 400 Aerzte teilnahmen. Ein Antrag, im Verband den Arierparagraphen einzuführen, wurde mit einer Mehrheit von 250 Stimmen abgelehnt. Rom. Kronprinz Umberto von Italien hat den auf der Levante-Messe von Bari eröffneten Palästina-Pavillon besucht. Der Kronprinz bekundete lebhaftes Interesse für die Leistungen der jüdischen Kolonisation und die Produkte der jüdischen Palästina- Industrie. London. Am ersten Rosch Haschana-Tage ist in London der Tabak-Industrielle Sir Albert Levy, ein verdienstvoller Philanthrop, im Alter von 74 Jahren gestorben. Sir Albert hat ü. a. eine Viertelmillion Pfund für verschiedene Kranken- > häuser gestiftet. New York. Der Präsident des Jüdischen Nationalfonds in Amerika, Rabbi Israel Goldstein, hat bekanntgegeben, daß die jüdische Arbeiterschaft Amerikas 100.000 Dollar zur Gründung einer. Leon Blum-Kolonie in Palästina aufbringen wird. . ' Oesterreich.. Enthüllung einer Gedenktafel für gefallene jüdische Frontsoldaten in Wien. Wien, 10. Sept. In der großen Gemeindesynagoge in der Leopoldsgasse in, Wien fand die feierliche Enthüllung einer vom Bund Jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs den gefallenen jüdischen Offizieren und Soldaten des zweiten Wiener Gemeindebezirkes gewidmeten Gedenktafel statt. Unter den Ehrengästen befanden sich viele hohe Offiziere, ferner Vertreter jüdischer Parteien und Organisationen. Oberfäbbiner Dr. T a g 1 i c h t hielt eine Ansprache, in der er der im Weltkrieg gefallenen. Juden gedachte. Dann nahm Vizepräsident Dr. T i c h o die Tafel mit Worten des Dankes in die Obhut der Wieher Kultusgemeinde. Die Enthüllung der Tafel, die die Namen vieler Hunderter jüdischer Kriegsge- ' fallener trägt, wurde vom Bundesführer Hauptmann Edler v. F r i e d man n vorgenommen. Polen. Wieder eine gewählte Vertretung in der Warschauer jüdischen Gemeinde? Warschau, 10. Sept. Im Zusammenhang mit der Ankündigung des „Lagers der nationalen Einigung", daß demnächst eine Neuwahl aller Vertretungskörperschaften vorgenommen werden soll, hat sich das Gerücht verbreitet, daß auch diejenigen Vertretungen jüdischer Gemeinden, deren Legislaturperiode seit längerem abgelaufen ist, sowie die vielfach eingesetzten kommissarischen Gemeindevertretungen durch neugewählte Vertreter ersetzt werden sollen. Irisbesondere heißt es, daß bereits in vier Monaten eine Neuwahl in der jetzt kommissarisch geleiteten Warschauer Jüdischen Gemeinde vorgenommen werden wird. Neue judenfeindliche Ausschreitungen in Polen. Warschau, 8. Sept. Aus zahlreichen Ortschaften, insbesondere aus Kielce und Radom, werden neue judenfeindliche Ausschreitungen gemeldet. Die halbamtliche Agentur „Iskra" stellt fest, daß die von nationaldemokratischen Zeitungen verbreitete Meldung, Juden hätten ein polnisches Dorf in Brand gesteckt, jeder Begründung entbehre. In dem betreffenden Dorf sei nur ein Haus abgebrannt. Der Brand sei durch Unvorsichtigkeit entstanden. Litauen. Brief aus Litauen. Botschaft des litauischen Innenministers. _ Erste Litauische Rabbinerkonferenz, K o w n o , 8. Sept. Der litauische Innenminister, General Caplikas, hat an die Juden Litauens zu Rosch Haschana eine Botschaft erlassen, in der er die Hoffnung ausspricht, daß es bald zur Errichtung eines jüdischen Staates kommen werde. Einen besonderen Gruß entbietet der Innenminister auch den in Amerika lebenden Juden aus Litauen. Der litauische Rabbinerverband hat für Sukkot die erste litauische Rabbinerkonferenz einberufen. Die Konferenz soll u. a. auch zu der Frage der Schaffung eines litauischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden Stellung nehmen. Rumänien. Die Juden in Rumänien und ihre Rechte. Bukarest, 8. Sept. Die Zeitung „Curentul", die eine Rundfrage über das Palästinaproblem und die Judenfrage veranstaltet und bisher Aeußerungen führender rumänischer Staatsmänner, Politiker, Gelehrter und Kirchenmätiner zu diesem Problem veröffentlicht hat, bringt jetzt auch die Antwort des Vorsitzenden der Jüdischen Reichspartei und früheren Deputierten, Dr. Theodor Fischer. Dr. Theodor Fischer führt u. a. aus: Die jüdische Bevölkerung Rumäniens betrachtet sich als ethnische Minderheit und maßt sich keinesfalls eine „entscheidende Rolle" in den wichtigen Belangen der herrschenden Nation an. Die Juden stellen keine „kulturelle Gefahr" dar, sondern sind bloß bestrebt, ihre eigene Kultur zu bewahren. Sie verlangen aber, daß auch ihnen die den anderen ethnischen Minderheiten gewährten Rechte und Freiheiten zuerkannt werden. Was das Palästinaproblem betrifft, ist die Judenheit überzeugt, daß der Vertreter Rumäniens beim Völkerbund mit seiner ganzen Autorität für die Eröffnung der weitestgehenden Einwanderungsmöglichkeiten für Juden in Palästina eintreten wird. Auch ein verkleinerter Judenstaat wird in den nächsten zwanzig Jahren mindestens zwei Millionen Juden aufnehmen können. Die jüdischen Massen sind arm und arbeiten schwer. Jene, die uns beneiden, mögen sich von der mißlichen Lage, von den entsetzlichen sozialen Verhältnissen der Judenheit im Maramure-Gebiet, im Ghetto von Bukarest öder auf den Steppen Beßarabiens überzeugen, um ein wahres Bild von der „Prosperität", die unter den jüdischen Massen herrsch t, zu gewinnen. Jene, die uns der Unproduktivität beschuldigen, mögen dem jüdischen Landwirt, dem jüdischen Waldarbeiter in Maramures, dem jüdischen Bauern in Beßarabien und den jüdischen Gewerbetreibenden und Kaufleuten bei der Arbeit zusehen. Man vergißt, daß durch die Erweiterung der Grenzen Rumäniens, nebst den anderen Minderheiten, 600.000 Juden, die ihren Wohnsitz in, den angeschlossenen Gebieten hatten, die rumänische Staatsbürgerschaft erhalten haben, Diese Juden erfreuten sich in jenem Zeitpunkt schon seit mehr als einein halben Jahrhundert aller politischen Rechte. Sie haben Rumänien großen Nutzen gebracht. Sie sind bedeutende Faktoren für die Konsolidierung der Verhältnisse in diesen Gebieten geworden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.