Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1937)
- Date
- 1937-09-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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9. September 1937 D e r I s r a e 1 i t Nr. 36 Seite 7 während wir in erster Linie Siedlungsmöglich - keiten für die völlig besitzlosen Massen erstre-( ben. Ob überhaupt ein Siedlungswerk in Angola ratsam ist, ob die portugiesische Regierung die Bildung von geschlossenen, kompakten Massensiedlungen auf Grundlage der nationalen Autonomie, auf die es uns ja vor allem ankommt, zugestehen würde, ob die allgemeinen politischen Verhältnisse. im portugiesischen Kolonialreich, insbesondere das Negerproblem, unter diesen Spefciälgesichtspunkten als Zufriedenstellend betrachtet werden können, das muß alles erst noch geklärt werden, Wir haben ja nicht bloß die Frage der wirtschaftlichen Existenz zu prüfen, sondern müssen auch die politischen und kulturellen Gesichtspunkte berücksichtigen. Wir können die Verantwortung für eine Verpflanzung großer jüdischer Massen nach anderen Ländern nur dann übernehmen, wenn wir die ausreichende Gewähr dafür haben, daß politische ^Sicherheit, bürgerliche Gleichberechtigung und absolute Freiheit" der national-religiösen Entwicklung garantiert sind. Und diese Voraussetzungen scheinen uns mehr als in Lateinamerika, mehr als im französischen, belgischen oder portugiesischen Kolonialreich imbritischen Imperium vorzuliegen. Das britische Weltreich ist die erste Macht der Welt, es umfaßt rund ein Viertel der bewohnten Erdoberfläche und zahlt ein Viertel der Menschheit, 500 Millionen, zu seinetf Bewohnern. Seine Angehörigen setzen sich aus den verschiedensten Rassen, Religionen, Nationen und Sprachengruppen zusammen: Engländer und Franzosen in Kanada, Engländer und Holländer in Südafrika, leben auf der Grundlage völliger nationaler Gleichberechtigung einträchtig nebeneinander. Das britische Weltreich verkörpert die reifste politische Kultur unserer Tage, es ist aufgebaut auf dem Grundsatz der Freiheit, der Toleranz, .der unbedingten Achtung vor jeder national-religiösen Individualität, der Selbstverwaltung und "der freiwilligen solidarischen Kooperation. Das britische Weltreich wird durch keinerlei, äußere Machtmittel zusammengehalten, sondern einzig und allein durch eine Idee, durch ein geistig-moralisches Prinzip. Bei dem leisesten Versuch, reaktionäre, nhperialistische Methoden einzuführen, würde das Reich sofort zusammenfallen. Und diese immanente, im Wesen des britischen Reiches selber liegende Tatsache gibt uns die vertrauende Zuversicht, daß nach menschlichem Ermessen die emigrierenden jüdischen Massen am sichersten und am wohlbehaltensten im Verband des Britischen Reiches aufgehoben sind. < Die' britischen Empire Staaten: Australien, Neu-Seeland, Kanada, N euf un d 1 an d, Süd-Rhodesia, Kenia, B r i t i s c h - W e s t in d i e n , erfüllen in geradezu i de aler W e is e uns e r e Bedingungen f ür ein gr oßzügiges j üd i s c he s Kolonisationswerk. Und das Entscheidende ist* daß die Frage der Immigration bei den britischen Empirestaäten nicht, wie bei den anderen, e i n wichtiges Problem unter vielen anderen ist,; sondern es ist geradezu ihre Existenzfrage, es: ist d a s Problem, von: cWssenrichtiger Lösung ihr ganzes ferneres Schicksal, ihr Sein oder 'Nichtsein, 'abhängt. Es würde zu weit führen, im Rahmen dieses Referates all die geopolitischen, weltwirtschaftlichen, militärisch-strategischen Gründe für diese unbestrittene Tatsache' aufzuzählen. Der ungesunde ökonomische Aufbau dieser ^Län- 4er auf: Grundlage7 deriJM^ der wirtschaftlichen M künstlich 'höchgbhaitenen^ 1 r inn:erlich: -tihb'erechlägten L^benssiSndarcts ' madööif?:siß" tü^^''tfön]iiÄk- --. turempfin^c^.;{'ünd . lassen' sie?' in; Zeiten : feiner wirtschaftlichen f öcfer-3 politischen Krise jeder A^riesMon^'von^a^cn'-'^e^ös preisgegeben .-Sein. Bas .^ntralpib'hlem -all dieser LäMer1; ist" die baldige Schaffung ein.es kohsumfänigen Bittrte^i-< Marktes ' "un4 'die, Ergänzurig: ihrer ' nätidncilen Wirtschaft'in o!er rv&htung einer gleichmäßigeren Verteilung und allseitigen Selbstversorgung. Das kann aber nicht durch Kapital, sondern -nur durch willige Arbeitshände geschehen, an denen es ihnen mangelt. Die sozialpolitischen und anderen Bedenken, die vorläufig noch einer grö ßeren Immigration hauptsächlich seitens der Arbeiterparteien entgegengestellt. werden, kön nen von einer zentralen und planmäßig geführ ,ten jüdischen ] Siedlungsbewegung ausgeräumt werden, indem sie ihre Tätigkeit von vornherein den nationalwirtschaftlichen Tendenzen und der Sozialpolitik; des betreffenden Landes durch durch entsprechende Verteilung in Stadt und Land, unter Vermeidung jeder Lohndrückerei anpaßt. Aus all diesen Gründen tendieren wir also danach, unser Kolonisationswerk auf di Gebiete innerhalb des britischen Reiches zu konzentrieren. Wir fügen uns damit nur in eine schicksalhafte Entwicklung ein, die zwangsläufig früher oder später zum Durchbruch kommen "muß. Manchem von Ihnen wird der Gedanke von jüdischen Großsiedlungen in Uebersee, in unerschlossenen Gebieten, vielleicht etwas phantastisch und abenteuerlich anmuten. Sie werden vielleicht der Meinung sein, daß unser Menschen material für das schwere körperliche Arbeiten in einem ungewohnten Klima, in stetem Kampf mit den Naturgewalten, ungeeignet sei. Aber Sie : müssen sich von rückständigen Vorstellungen freimachen, die vielleicht in früheren Zeiten Geltung haben mochten, heute aber vollkommen überholt sind. Die Figur des isolierten Siedlers, der in' weltverlorener Einsamkeit im Urwald einen Baum nach dem anderen mit der Handaxt rodet und dabei, von Raubtieren und Giftschlangen, von Malaria und Sumpffieber bedroht wird, gehört der Vergangenheit an. Bei der Form der modernen Großkolonisation auf genossenschaft licher Grundlage, wie wir sie im Auge haben, gibt es diese Schwierigkeiten des ehemaligen Siedlers nicht mehr. Heute wird die Landvermessung mittels Flugzeug und Kamera vorgenommen, wird nach dem Filmstreifen das geeignete Siedlungsgebiet gewählt, Traktoren, Greifbagger, Raupenschlepper, Motor- und Gattersägen fressen heute in ebenso vielen Tagen wie früher Jahren ganze Straßen und Lichtungen durch die Urwälder. Betpnspritzmaschinen und Hebekrane stellen Häuser, Stationen und Depots her und die Wälder werden zti Zellstoff und Edelhölzern verwertet. Unebenheiten des Bodens werden durch' neuzeitliche Sprengverfahren ausgeglichen, giftige Insekten, Bakterien, Ratten und Schlangen durch chemische Gase vom Flugzeug in wenigen Stunden vernichtet. Die Mittel, welche die moderne Technik für die Zerstörung von Lebenswerten geschaffen hat, lassen sich auch ebenso gut für friedlichen, produktiven Aufbau verwenden. Man hört oft den Einwand, daß die Juden für die Besiedlung von Ländern außerhalb Erez Jisroels nicht die heroische Willenskraft und die unerschütterliche Zähigkeit aufbringe'«; würden, die sie auf den Feldern des- Heimatlandes anden Tag legten. Aber diese Kritiker vergeben,' daß auch der Jude im heutigen Golüs in seinem Kramläden mit einer fast unmenschlichen'Energie und einer unerhörten Zähigkeit um das bißchen Parnossp. um diese seine prekäre Existenz kämpft, von der er nicht weiß, ob sie ihm nicht schön morgen .geraubt wird, unjd .*•■<',-' <•:. "• daß er s e i n(,e/!,E ne r g i e h. g~e w'i;ß frfeujjl i g, f ü r e ijjq.;!. W. e r k e i n s e't.z e h wir d ," ,d a s i, h m , s e i n e h ,K i n.d e r n 'ti h d s einer G.e m e.i.n.sx.ka f t;e i n freies , s i c h e r e s; uni.sch. öpf'er Ts.c\n'es Das ein -;' -" ■ - l-s,i 1 . tU"' w . ' .• i . •■•'"i . . .ermöglicht. ■• ■ ■■>>■■ ■; - ° ■,- v <-.<-v. ir •, UeberbAupfc ist; ^ie Argumentation, daß, durch -ein. großzügiges ^jlfswejrk in, der Diasporia .der lAufbau Ere.Z; Jisrjoels ',vern^^ässi4v-,>tt94.' i^bhä|Ugtrjv^^:;4#chä$is; unzutreffend und zeugt von: kurzsichtiger.- Anschauung. Palästina wird durch eine Sanierung der Gaulo nicht nur nicht geschädigt, sondern kann dadurch nur gewinnen. Erez Jisroel kann nicht „auf den Trümmern der Gaulo" gebaut werden, sondern kann sich auf die Dauer nur Hand in Hand mit einer wirtschaftlich gesunden Diaspora entfalten. Vorübergehende, zufällige Konjunkturen können diese Grundtatsache des jüdischen Volkslebens nicht verdecken. Wer die, dynamischen Tendenzen und die verschlungenen Energiekanäle der jüdischen Volkspsyche und die Daseinswirklich' keit aufmerksamv erfolgt, wird zu keinem anderen Ergebnis kommen können. Erez Jisroel wird nie aus dem Herzen des jüdischen Volkes verschwinden. Gedeiht der einheitliche untrennbare jüdische Wirtsc ha f t so r g a n i s m u s, so werden Erez Jisroel, seinem kostbarsten Gliede, seine reichen Säfte von selbst zufließen. Ebenso irrig ist ferner der Gedankengang, der von einer großzügigen überseeischen Massenkolonisation, die sich auf verschiedene Territorien; zugleich erstrecken kann, eine weitere Zerstreuung der schon jetzt genügend zersplitterten Diaspora befürchten. Das Gegenteil ist / der Fall. Nicht eine Erweiterung der Diaspora wird die Folge dieses „PolyterritoriaÜsmus" sein, sondern eine stärkere Konzentration der Judenheit. Es kann für niemanden ein Zweifel sein, daß bei der geringsten Lockerung der Einwanderungsschranken die verzweifelten jüdischen Massen wie ein Bienenschwarm aus ihren überfüllten Wohnländern ausbrechen und —^ irieiner regellosen *Wanderungswelle sich in jeder nur sichtbaren Ritze einnistend —; über die ganze Welt zerstreuen werden. Dem soll gerade durch eine planmäßige Emigration und Klonisatioh, die auf große, kompakte Massensiedlungen -abzielt, vorgebeugt werden. Es handelt sich somit lediglich um eine Umgruppierung der Diaspora, die notwendigerweise auch mit einer stärkeren Konzentrierung verbunden sein wird. Aber es sind nicht ^nur wirtschaftliche und soziale Gründe, die gebieterisch ein großzügiges Umschichtungs- und Siedlungswerk fordern, sondern vor allem religiös-sittliche Motive. Wohl weiß ich nicht, ob Sie sich die ganze Tragweite der furchtbaren Tatsache vergegenwärtigt haben, daß die heutigen Juden ein Städtervolk sind. Mehr als vier Fünftel des' jüdischen Volkes wohnen in Städten, und zwar in Großstädten, Riesenstädten,' Weltstädten. Während der Großteil der. nichtjüdischen Stadtbevölkerung zumindest in der dritten Generation vom Lande stammt und auch heute noch irgendeine Verbindung zum Lande hat, sind die Juden völlig auf die Stadt angewiesen und gehen in ihr vollkommen auf. Welche verhängnisvollen Folgen in bevölkerungspolitischer, volkshygienischer und religiös-sittlicher Beziehung daraus entstehen können, brauche ich Ihnen wohl nicht weiter auszumalen. Sehen Sie sich das Eastehdproletariat der Riesenstädte an und Sie werden'den furchtbaren physischen und geistig-religiösen Verfall erkennen, der unseren Massend roht, wenn sie nicht bald der. verderblichen Stadtatmosphäre entrissen werden. Darum ist es geradezu ..religiöse Pflicht, einen großen Teil unseres Volkes aus den Städten mit ihrer geistigen und sozialen Unruhe, ihren Versuchungen und' ihren schädlichen Einflüssen* herauszuführen und ihnen auf dem Land-eein n atür ria h e s, th o r a g e m äß &s und g ' tte r f ü 111 e s L e b e n z u r in ö g 1 i c h e n; ein starkes jüdisches Bta u e r n tiiWjzti: schaffen als jüdisches Kernvolk, als'' Basis:,ider Volkspyramide und ' als ewiger ' Eneuerungs^üell für die Lebenskräfte der "Jtfatiöri. Dasist' der Sinn det\ Verländlichungstfkition, welche Nathan Birnbaum so leidenschaMicii gefordert hat. - » ' ' ":' '-'? (Schluß -folgt.) <