Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1937)
- Date
- 1937-09-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 36 D ö I Ii t 9. September 1937 Zentralorgan „Darkenu", die sich daran angeschlossen hat. Mir liegen jetzt die letzten Ergebnisse der Untersuchungen vor, welche die amtliche polnische Forschungsstelle für die Meliorisierung der Pinsker Moorgebiete vorgenommen hat und die uns ein erheblich klareres Bild vor der ganzen Angelegenheit vermitteln. Ich möchte zur allgemeinen Information vorausschicken, daß es sich um das Polesier Sumpigebiet an der polnischen Ostgrenze handelt, welches sich nicht ganz mit den administrativen Grenzen der Wojewodschaft Polesie deckt, son dern erheblich über diese hinausgeht. Es erstreckt sich in einem Raum, dessen Peripherie etwa mit den Städten Pinsk, Rowno, Luzk. Ko wel, Brest-Litowsk und Baranowicze abgesteckt werden kann, ein Gebiet im Umfang von etwa 5,800.000 Hektar. Die Untersuchungen der For schungsstelle haben nun ergeben, daß das für die Meliorisierung und die eigentliche Koloni sation geeignete Terrain nicht so groß ist, wie man ursprünglich vermutet hat, da manche Ge bietsteile für Drainage ungeeignet sind und ein bedeutender Teil des meliorisierten Bodens für die Siedlungszwecke der ortsansässigen Bevölkerung bereitgestellt werden muß. : Wenn;man früher noch mit einem Siedlungsgebiet von ca V/z Millionen Hektar rechnen zu können glaubte so stellt es sich jetzt heraus, daß für allgemeine Kolonisationszwecke nach Befriedigung des. Bedarfs der einheimischen Bevölkerung nicht viel, mehr als 400 bis 450.000 Hektar zur Verfügung stehen. Allerdings hat die Sachverständigen kommission andererseits nach sorgfältiger Prüfung festgestellt, daß die Kosten der Meliora tion .sich weit geringer stellen ,äls ursprünglich veranschlagt wurde, da gerade in den am meisten in Betracht kommenden Gebietsteilen welche schon die fruchtbare wolhynische Landschaft berühren, die sehr kostspielige Regulierung der Wasserläufe nicht erforderlichJst. Und zwar kommt die Forschungsstelle für die Meliö rationskosten dieser rjodenkategorien, \ welche 85 Proz. "der gesamten Fläche ausmachen.: zu einem Durchschnittssatz von 93 Zloty pro Hek tar. Sie gelangt ferner zu der wichtigen Fest Stellung, daß — entgegen früheren Annahmen — die Vornahme der Meliorisierungsarbeiten keineswegs eine vorherige umfassende Entwäs serung und Drainage des ganzen ungeheuren Gebiets voraussetzt, sondern daß graduell und abschnittsweise vorgegangen werden kann. Es sind demgemäß für den Anfang nicht so große Kapitalien erforderlich, daß das Unternehmen an der Finanzierung scheitern müßte. Trotzdem wird der polnische. .Staat bei seinemdurch die Rüstungsausgaben sehr angespannten Etat kaum in der Lage sein, in absehbarer Zeit die Melioration von sich aus durchzuführen. Es läßt sich also sehr wohl denken, daß ein internationales Finanzkonsortium gegen Hergabe eines Teiles der Staatsländereien in dem Polesier Gebiet — der Staat besitzt dort ein Terrain im Umfang von etwa 277.000 Hektar — die Meliorisierung des betreffenden Abschnittes vornimmt und dort einen, Komplex von jüdischen landwirtschaftlichen Siedlungen errichtet. Die Vorteile einer solchen, . durch innere Migration und Ihnenkolonisation herbeigeführten Teillösung liegen auf der Hand., Sie würden für einen beträchtlichen Teil der jüdischen Bevölkerung eine Auswanderung nach Uebersee in fremde, unbekannte Länder überflüssig machen und ihm die Verbesserung seiner ökonomischsozialen Lebensgrundlagen im Land selbst ermöglichen, ohne die vertraute. Umgebung, den. ' Zusammenhang mit Freunden und Verwandten und vor. allem;, das religiös-geistige. Kulturmilieu aufgeben zu müssen. Gewiß gibt es eine Reihe von .Bedenken,, vor allem allgemein politischer und militärisch-strategischer Art, die ,zu berücksichtigen, sind, und es ist ferner zü'1 fragen, ob die ungeheuer gereizte antijüdische Stimmung, die augenblicklich in, Polen herrscht,, noch eine, ruhige Behandlung, solcher; Pläne zuläßt; Ab. er, die vernünftigen und ' vorurteilsfreien polnischen Staatsmänner und Wortführer der polnisch-öffentlichen Meinung werden einsehen müssen, daß das Judenproblem in Polen nur durch konstruktive Lösungen beizukömmen ist. Die in letzter Zeit aufgetauchte Parole: . Eva-: kuierung der Juden aus Polen, der sich zu unserem Befremden auch staatliche Stellen angeschlossen haben, weisen wir mit Entrüstung zurück. Wir verkennen durchaus nicht die materiellen und psychologischen Schwierigkeiten auch der Wirtsvölker und wollen es nicht nur bei demonstrativen Protesten bewenden lassen, sondern gemeinsam mit ihnen nach einer konstruktiven, menschlichen und würdigen Lösung suchen, die den Interessen beider Völker gerecht wird und die objektiven Ursachen der gegenwärtigen Spannungen beseitigt. Freilich müssen wir uns darüber klar werden, daß solchen Lösungsversüchen an Ort und Stelleauch bei günstigen Voraussetzungen gewisse natürliche Grenzen gesetzt sind. Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, als ob durch das Hilfswerk in den jetzigen Wohnlähdern der jüdischen Massen allein die ökonomische Judenfrage restlos gelöst werden kann. So lange die Juden in einen fremden Wirtschaftskörper hinemgesprengt sind, ist ihr wirtschaftliches Schicksal mehr oder weniger von dem ihrer Umwelt und von den besonderen Bedingungen und Gestaltungen ihres Wirtslandes abhängig. Es können wohl schöne Teilerfolge erzielt werden, es kann sich eine weitgehende graduelle Verbesserung der jüdischen ökonomischen Lage einstellen; aber eine grundlegende, wesentliche Aenderung der jüdischen Wirtschaftsstruktur ■ bloß: durch Innenkolonisation und Reformen innerhalb des alten Wirtschaftsverbandes ist kaum zu erwarten. Darum^ fordert das an Ort und Stelle geführte Hilfswerk unbedingt als Ergänzung . eine großzügige Emigration t und Massenkolonisation in Uebersee. Die Errichtung kompakter jüdischer Massensiedlungen und geeigneten überseeischen Terri torien, wodurch die europäischen Judenländer entlastet werden und der neue Aufbau einer von Grund auf gesunden jüdischen Wirtschaft ermöglicht wird, das ist die eigentliche, die große Aufgabe der alljüdischen wirtschaftlichen Kooperation. Das Ziel ist keineswegs so utopisch, wie man glauben mag. Wehn die Fehler früherer Kolonisations versuche vermieden werden, die stets zum Scheitern führen mußten, wenn die bisherigen unzulänglichen Siedlungsmethoden durch modernere und zweckmäßigere ersetzt werdenT wenn das Prinzip, der philantropischen, planlosen, privatwirtschaftlichen Individualsiedlung vertauscht wird mit dem^einer nach planwirtschaftlichen Gesichtspunkten geleiteten, genossenschaftlich aufgezogenen agro-industrieilen Massenkolonisation auf der Grundlage wirtschaftlicher Rentabilität und Selbstversorgung, ist das Gelingen eines solchen Planes in hohem Maße wahrscheinlich. Es gibt genug fruchtbare und klimatisch günstige Territorien in 1 < ' •. - .-. . ö ° i , ■' J i ' ' d er g a n z e n Welt, i n d e n e n die Voraussetzungen f ür eine solche^ Ko- 1 o ni s a t i.o n, n ä m 1 i c h m e n schenleere R äru m e und u n,e ntgeltlich'er "oder ganz billiger Boden auf der Basis einer Konzession, vorliegen. Gegenüber einer planmäßig durchgeführten Immigration, die sich die Erschließung noch nicht ausgenutzter Gebiete zum Ziel setzt, werden in den weitaus meisten Ländern alle Einwanderungsbeschränkurigen fortfallen1. '•; Es gibt somit: genügend Raum' und Möglichkeiten in der Welt! Wahrend in Europa ( die Menschen dichtgedrängt;''aufeinander1 sifcse,« und sich gegenseifig \ auffressen, harrerr1 in de^n überseeischen^ Ländern riesige menschenleere Gebiete mit reichen1 Naturschätzen ihrer Erschließung; K ä na d ä---allein, das großer ist? als ganz Europa, "hat nur. etwas über» 10 Millionen Einwohner, also einen5 Menschenpro Qüadarajh kilometer. Der Weltfeil A u s^f r 41 i:« n hat weniger Einwohner als London, Und wenn man selbst die Wüsteneien und unkultivierbaren Gebiete abrechnet, bleibt immer noch genud Raum übrig, um viele- Millionen Menschen anzusiedeln und ausreichend zu ernähren; Eine Reihe von Untersuchungen über Siedlungsmöglichkeiten sind bereits durchgeführt worden und die Ergebnisse liegen in fertigen Berichten vor. Verschiedene Länder Südamerikas, Ecuador, Peru,^ Venezuela, Columbien, Paraguay, Bolivien, Costa-Rica und ändere sind von eigens hierfür entsandten Expeditione^ auf ihre Eignung als jüdisches Siedlungsgebiet untersucht worden und die Berichte lauten zum Teil recht günstig. Die Expedition häch Ecuador, die ihre Erfahrungen in einem stattlichen Band niedergelegt hat, könnte ein vorteilhaftes Angebot seitens der Regierung von Ecuador heimbringen, Auf Madagaskar, einer französischen Kolonie, die. größer ist als ganz Frankreich,' befindet sich augenblicklich eine polnisch-jüdische Expedition unter Mitwirkung des bekannten Agronomen Dyk, der auch für die Agudas Jisroel gearbeitet hatte. Ich kann im Rahmen dieses Referates nicht über alle Siedlungsprojekte berichten, die ich im Laufe der Jahre durchstudiert habe. Aber ich möchte Ihnen* um Ihnen einmal eine Vorstellung von den Größen- , und Zahlenverhältnissen zu geben, die bei Projekten dieser Art in Frage kommen, ein paar Einzelheiten aus einem Expose über ein Koloriisationsprojekt in A n g o 1 a mitteilen, das mir jüngst von dem ehemaligen Direktor der staatlichen Versuchsstation in Belgisch-Kongo eingereicht wurde. Es handelt sich also um die portugiesische Kolonie Angola in Westafrika —..die ja, wie Sie wissen, in der jüdischen Kolonisation.sgeschichte schon einmal eine Rolle gespielt, hat rr—, ein Gebiet von 1,250.000 Quadratkilometer, falso etwa zweieinhalb mal so groß wie Deutschland, mit einer Einwohnerzahl von. etwa 4 Millionen, die, abgesehn von 40.000 Weißen, aüs Bantunegern besteht. Die Kolonie hat fruchtbaren, wasserreichen Boden, auf dem alle Getreide-- und europäischen Gemüseärteri, Sojabohnen, verschiedene Obstsorten, Trauben, Zitrus- und Grapefruit, Kaffee, Baumwolle, Tabak, Reis, Zuckerrohr und anderes produziert werden können, und Naturschätze in Form von Eisen, Kupfer, Gold, Diamanten, Petroleum und Kohle. Das Expose schlägt eine Siedlungsgemeinschaft mit einer Zentralfarm als Kern vor, die 1. einen selbständigen, rentablen Landwirtschaftsbetrieb bildet; 2. die Errichtung von Siedlerstellen in die Wege leitet, 3. als Lehrfarm für die Ansiedlerkandidaten und zugleich Versuchsstation für die Siedlung dient und die Zentralstelle für gemeinsamen Bezug der Bedarfsartikel sowie für den genossenschaftlichen Verkauf der Ernte bildet.! ' Die Bodenpreise liegen für gutes, klimatisch günstig gelegenes . J^ancl etwa. in der Höhe von 8. bis 9 Schweizer Franken pro Hektar. Für urbar gemachtes, meliorisiertes und mit Zufahrtswegen versehenes iTerrain sind etwa 30 Schweizer Franken; pro Hektar, anzulegen; Das erforderliche Gesamtkapital für eine Siedhingsfarm im Umfang von 100 Hektar, also etwa 400 preußische Morgen, beträgt nach den Angaben, des Exposes einschließlich Bodenkaufspreis untl Installationskpsten , etwa , I^OPO^ Schweizer Franken, die Jbeteits im dritten Betriebsjahr eine Rendite, von J25 .Pr;Q?ent. bringen sollen.' , Nun,(.aÜe ^esß;['M^i^en^uxid''.2^Un' müssen *. * 1 ..' T /? . .. i i \ i f» f } ■ . ™ -; 5 j ■ i ' ■ M ■ -r ■ * '" ■ -""* ". * 4 i * najtftrlichf.npch nachgeprüft' t< werden. Ich', i'dentiiisfetp imi^.<Jem^sW^/1^t"dcn M^i^hlüngoa des Exposes, und' ich' -habe aus Vjdejtt^e^söHiedenen, ,,mi^ zugegangenen Vorschlägen;''3§tt^',cinen herausgegriff en, uin, Ihnen/anfiäncT einesi konkretem r Beispiels Ceine Wscliaiife vori den . Dingen zu vermittelh: '; Wie0 Sf/e sehen, hat dieses,, Projekt mehr eine" '^ttelßi&ä^^ Siedlung .im Auge für ijeute .nMt'eWaS Kapital,