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Der Israelit · 1937-09-02 · Heft 35 (2.9.1937) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 35 (2.9.1937)
Date
1937-09-02
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Seite 55 versündigt hatte. Am 10. Tischri sprach G'tt*. Tin^O „ich will dem Volke verzeihen". Und darum ertönt schon am 1. Elul das Schofar, und wir werden daran erinnert, uns schon jetzt durch. Rückkehr zu G'tt auf n""> und vorzubereiten. Und nun, liebe Kinder* wollen wir mal' das litn» vom zweiten Tag J—J"Y aufschlagen. Sogleich nach -)212 schalten wir ein Gebet ein, da^ beginnt pon -jb»„König, untrüglich ist deine Verheißung aus weiter Ferne.'" Das Gebet besteht aus sieben Abschnitten; jeder Abschnitt schließt mit einem Satz, der durch Kleindruck oder Großdruck besonders hervorgehoben ist, Bei dem ersten Schlußsatz seht Ihr, die Anfangsbuchstaben der ersten Worte sind mit Punkten versehen. Ebenso ist es bei dem zweiten Schlußsatz. Die punktierten Buchstaben zusammengestellt ergeben den Namen pn3P "D pSratP Der dritte Schlußsatz beginnt pn (Elchanan) Das Gebet erinnert uns an ein trauriges geschichtliches Ereignis. Ums Jahr 1000 ungefähr lebte in Mainz ein großer Gelehrter namens Rabbi Schimon. Wegen seines großen Wissens, das er besaß, nannte man ihn „Hagodaul", den Großen. Er gönnte sich keine Ruhe, am Tag lehrte und nachts lernte er. Sein großes Glück und seine Freude war sein Elchanan, ©in Knabe schön und klug. Eines Tages war Elchanan verschwunden, niemand wußte, wohin er gegangen. Man suchte ihn viele Tage, doch er blieb verschwunden. Eine Magd hatte ihn an sich gelockt und ihn in ein Kloster gebracht. Im Hause des Rabbi Schimeon trauerte und weinte man wie um einen Toten. „Jakob hat seinen Joseph wieder gesehen, vielleicht läßt uns G'tt auch unseren Elchanan wieder sehen", so tröstete Rabbi Schimon die weinende und trauernde Gattin. Elchanan war und blieb im Kloster. Er weinte, bat und flehte, man solle ihn wieder zu Vater und Mutter bringen, doch alles Weinen und Jammern war umsonst „ Er mußte lernen, was ihm immer fremd war, und woran er keinen Gefallen fand. Aber obgleich er mit Widerwillen lernte,, kam er rasch vorwärts. Er hatte einen scharfen Verstand und ein gutes Gedächtnis. Er übertraf all seine Mitschüler, aber er blieb ernst und verschlossen. Entfliehen konnte er nicht, das Kloster war mit einer hoTien Mauer umgeben. Jahre waren vorüber. Elchanan war nicht mehr im Kloster, er war in Rom. Man hatte ihn zum Papst gewählt. Tag und Nacht sann er darüber nach, wie er das falsche Leben abwerfen und wieder zu Vater und Mutter zurückkehren könne. Doch er wurde bewacht, wie ein Verbrecher im Gefängnis. Das Vaterhaus hatte er: noch " nicht vergessen, alles war noch bei ihm in lebendiger Erinnerung. Doch Sabbat und Feiertag waren ihm zur Qual geworden. „Wenn; doch' der Vater ihn noch einmal segnen würde!" Da kam plötzlich ein Lichtstrahl in sein dunkles Leben. Doch kehren wir zunächst nach Mainz wieder zurück — Rabbi Schimon war alt und grau geworden, aber die Hoffnung, seinen Sohn wiederzusehen, hatte er noch nicht aufgegeben. Das war sein Gebet bei T^g und bei Nacht. Da kam plötzlich eine neue Sorge. Friedlich und freundschaftlich lebten die Juden mit den andern Einwohnern der Stadt, niemand störte sie im Ghetto. Das sollte anders werden. Eines Tages saß Rabbi Schimon in der Studierstube und lernte, ^eine schwierige Stelle in der Gemara machte ihm zu schaffen. Da wurde er plötzlich zum Bischof gerufen. Der Bischof reichte ihm freundschaftlich die Hand und sagte; „Wer wollte es leugnen, Rabbi Schimon, ihr seid ein kluger und weiser Mann. Doch wißt ihr nicht, wenn jemand sein zweites Testament^ macht, daß dann das erste aufgehoben ist? Warum wandelt ihr immer noch in der Finsternis,, warum bringt ihr Euch um dieses und um das andere Leben? Wartet nicht auf den Messias. Euer Warten ist umsonst." Rabbi Schimon stand da wie eine Säule, fest und entschlossen sah er dem Bischof ins Angesicht und sagte: „Ich will nicht mit Euch darüber rechten, welcher Glaube die Wahrheit ist. Seid ihr fest davon überzeugt, daß es der eurige ist, so bleibt dabei bis zum letzten Atemzug. Doch das wisset, nur ein Mensch, weil er nicht weiß, was morgen ist, macht ein' zweites Testament, nicht aber ein G'tt. Und einer unserer Weisen sagt: „Was du nicht willst, was man dir tu', das füg' auch keinem andern zu." Er kehrte dem Bischof den Rücken und ging. Der Bischof hatte den leisen Wink verstanden. Er ballte die Faust und sagte: „Du wirst's bereuen." Nun schickte er einen Boten nach Rom mit einem großen Schreiben an den Papst. Er klagte darin die Juden an, sie hätten sich schwer vergangen, und die Bevölkerung wäre darüber aufs höchste entrüstet. Dem Papste, als er das Schreiben las, ging es wie ein Leuchten über sein Angesicht. „Gelobt ist G'tt", sagte er, „jetzt werde ich meinen Vater wiedersehn". Und er schrieb an den Bischof, man solle den Juden schwere Geldstrafen auferlegen, und wenn sie sich nicht bessern, sie an einem bestimmten Tag aus der Stadt hinaustreiben. Das gefiel dem Bischof. In der jüdischen .Gemeinde war-große Bestürzung. Man fastete' und betete zu G'tt. Nach einigen Tagen entschloß sich Rabbi Schimon, nach Rom zum Papst zu gehen und ihn zu bitten, das Beschlossene wieder zurückzunehmen. Zwei fromme und g'ttesfürchtige Männer begleiteten ihn. Es war eine weite und beschwerliche Reise/ Sie hatten nicht vergessen, sich Bücher mitzunehmen, und SO lernten sie auf dem weiten Weg und unterhielten sich nur von religiösen Dingen.. Die beiden- Begleiter wurden nicht müde, zu fragen, und Rabbi Schi-

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