Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1937)
- Date
- 1937-09-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6-' Nr. 35 D I s Ii t •2^ September 1937 Von Saul Maus. * Die Teilprobleme des Judentums können sinngemäß nicht mehr anders als mit der gesamten Judenfrage gelöst werden. Auch alle Aufrufe zu der erlösenden Tat müsseh ergebnislos bleiben, solange sich das jüdische Leben nicht wieder um sein ewiges Zentrum gruppiert. Denn welchen andern Grund hat das Ausbleiben. dieser erforderlichen Tat, als die -Zersplitterung im jüdischen Leben, die die Vorstellung von ihr in uns nicht lebendig werden läßt! Wir wissen höchstens, was sie nicht sein soll, daß sie keine gesteigerte Betriebsamkeit sein darf. Was sie aber positiv bedeutet, kann uns nur aus der wiedergewonnenen jüdischen Gesinnung aufgehen. Das Ringen um sie bedeutet für die meisten von uns, genauer für diejenigen, die mehr oder weniger dem assimilierten Judentum angehören, einen Strich unter das bisherige Leben zu setzen und ein neues Leben zu beginnen. Erst mit der erfolgten inneren Wendung erkennen wir, daß sich zusammen mit unserer ganzen Gesinnung auch der bisherige Begriff der Tat verändert hat. Und diese. Umwertung der Tat ist vielleicht der Kern unseres derzeitigen jüdischen Problems. Im profanen Sinne haben wir die Tat nicht , vernachläsBigt. Wir verloren uns geradezu im Aeußerlichen: in Tüchtigkeit und Tatendrang. In dem allgemeinen äußeren Wettkampf vergaßen wir aber unsere jüdische Pflicht, die Tat zu heiligen und wurden dadurch dem jüdischen Leben fremd, dem aH unser Tun hätte gelten müssen, wenn es nicht sinnlos werden sbllte. Indem wir das Tageswerk zum Ziel des Lebens machten und uns so vom Ewigen ab- und dem Vergänglichen zuwandten, huldigten wir einem fremden diesseitigen Prinzip, dem irreligiösen Machtwillen. Wir gerieten so in eine ausschließlich weitlche Sphäre und gelangten am Ende auch innerlich in die Verbannung, in den Zustand, in 'dein das europäisierte Judentum in der letzten Epoche lebte., . ■ Da wir so in einem Tatendrang, der uns nicht wesenseigen ist, unsere. aufgespeicherte geistige •Substanz verbrauchten und schemenhaft äußerlich wurden, besteht unser Problem vorerst darin, von dem abendländischen Glauben an die Tal loszukommen und in unser jüdisches Innenleben zurückzufinden. Der 'Weg Ist klar; Der Europäisierung muß die Rückkehr zur jüdischen Gemeinschaft als allgemeinstes Ziel gegenübergestellt werden. Diese Rückkehr ist kein Rückschritt, sondern bewußte Wiederanknüpfung an das Judentum aus freiem Willens entschluß unter Einbeziehung aller auch unser wiederentstehendes Volksleben begünstigenden Errungenschaftenaus unserer bisherigen Entwicklung. v Denn unsere Europäisierung ist nicht bloß Abirruög, sondern auch Weg der Rückkehr gewesen. Sie> ist sowohl für uns als fürfidie Welt eine kulturgeschichtliche und geistige- Notwendigkeit, die wir in ihrem ganzen Umfange noch zu erfassen haben. Sie war für uns eine Selbstentfrefhdung und wird' nun zum' Mittel unserer Selbsterfassung; genauer: der Erkenntnis dessen, was wir nicht sein dürfen und können. Beides, sowohl unsere Entfremdung als unsere Besinnung, sind Auswirkungen der europäischen Kultur. Die beiden Prinzipien, das Heidentum und das Judentum, die im Altertum unabhängig nebeneinander existierten, sind in der europäischen Kultur vielfach miteinander in einem Prozeß verwickelt; und bedingen sich gegenseitig. Die weltlichen Mächte herrschen jedoch vor. Und da deshalb das geistige Leben' nur mit ihnen und durch sie auftritt, kann es sich nur als Verstand dartun, der sich letzten Endes gegen diese weltlichen Mächte selbst richtet. Die Erfahrung wurde zum einzigen Ausgängspunkt alles Wissens und-das theoretische Denken seine äußerste Grenze. Ein von der Erfahrung unabhängiges Wissen, insofern es außerhalb der religiösen Ueberlieferung überhaupt noch auftrat, ließ man in der Kunst und Dichtung gelten, jedoch unverbindlich für die Lebensführung. ..... Wir aber, die Erben des reinen offenbarten Wissens, unterlägen der Macht der Erfahrungswissenschaften, auf'' unserem geschichtlichen Wege blieben wir diesseits der Sperre, die; sie für das geistige Leben bedeuten. Der entstan-. dene Intellektualismus war ein'' neues Bewußtseinsvermögen, an dem wir eben so wenig; wie die anderen Menschen vorbei könnten.. Er nahm jede Aussicht ins: Jenseitige,, und.; deckte, dabei selbst die unüberbrückbare Kluft auf,, die' die Erfahrung von der Offenbarung trennt/ \ Andererseits verbrauchte und zerstörte die maßlose Produktivität des Verstandes auch die seelischen Kräfte, die als alte Verbindungen der andern Menschen mit der Natur zurückgeblieben waren. Bewirkte der Verstand, daß sich der Mensch nicht mehr zum Außerweltlichen erheben konnte, so wurde auch das Leben der Völker von seinem natürlichen Quell' abgeschnitten. Auf diese Weise war das geistige Leben der Völker von allen Seiten her vom weltlichen Willen eingefangen und die Folge war, daß sich das Verhältnis/zwischen G'tt und Welt umkehrte: Nicht der Geist umfaßte und bestimmte mehr dig » Tat, sondern die >Tät den';Geist, i u - " Wir aber, deren ganzer' Wandel religiös bestimmt ist, wenn wir, als Juden leben, wurden durch diese Verschlingurig des Außerweltlichen, mit dem Weltlichen und durch den Wechsel in deren Vorherrschaft aus unserem geistigen Grunde gerissen und gerieten in die totale Verbannung. Der jüdische Sinn in unswurde getötet so daß wir uns über, sie freuten1 als über unsere Freiheit. In Wirklichkeit aber saßen wir dann in der tiefsten Tiefe unseres^ Gefängnisses, und berauscht von dem bißchen Zugluft im Gefängnishof sahen wir nicht die hohen Mauern, die uns von G'ttes Welt absperrten. Bei der eingetretenen geistigen Ohnmacht konnte von Selbstbefreiung keine Rede sein, bis der weltliche Wille in sich selbst umschlug und aus einer trei* benden zur getriebenen Macht wurde. In der Technik kehrte sich der Machtwille gegen sich selbst. Der Teil des übermäßigen Tatendranges, der auf den Automaten übertragen wurde, kehrte sich gegen den weiter im Menschen wirkenden Tatendrang und sie begrenzten sich beiderseits^ So war der abendländische Tatenmensch durch seine Verbindung mit Äem jüdischen Geiste von der Gewalt seines eigenen Willens befreit. Und da es keine wilden Völker wmehr gibt, so beginnt damitdie Befreiung .des Menschen von der Gewalt der Welt überhaupt. < Das, was wir dabei hingaben, war gerade jene Macht, die diese befreiende Uebertragung der Triebkräfte in «den Mechanismus ermöglichte, nämlich die Kraft des Geistes. Wir verbrauchten uns dabei bis zur. Ermattung und müssen nun geistig auferstehen. Auf die Befreiung des Manschen von,, der Gewalt seines naturhaften Willens folgt unsere eigene geistige Wiedergeburt, V . — * Unsere Euröpäisierüng hat längst schon das Höchstmaß überschritten und unsere Loslösung aus dem abendländischen Entwicklungsprozeß begann bereits mit dessen Abschluß;am Ende des vergangenen Jahrhunderts. Jedoch bleibt unsere Verbindung mit dem Abendlande eine kulturhistorische Tatsache, die in der europäischen Geistesgeschichte, in den modernen Wissenschaften und insbesondere in der Technik bis in die weiteste Zukunft wirksam bleiben wird. Aur dieser Verbindung ging das heutige verstandesmäßige Weltbewußtsein hervor, das sich an die Geistesarten der vergangenen Kulturen als Glied einer fortlaufenden Entwicklungskette anreiht, sie aber zugleich zusammenfaßt und abschließt. Mit der europäischen Kultur geht alle Auf diese beiden Möglichkeiten blickt, wie uns dünkt, unser Vers hin. „Blaset am Neumond" (= snnn ), d. h., wenn der Rausch Chaudesch auf den dreißigsten Elul fällt, in den Schaufor und „blaset andernfalls am einunddreißigsten Elul, d. i. .ftD33 wenn der Mond in der Nacht zum dreißigsten Elul nicht sichtbar war. Denn diese zweifache. Möglichkeit rührt daher; daß die Festsetzung des Neumondes auf den dreißigsten Elul durch Mischpot, auf Zeugenverhör hin, geschieht, und daß die Anberaumung des 1 Neumondes auf den einunddreißigsten Elul auf pn d. i. auf der feststehenden Norm der Mondberechnung beruht. Letztere tritt deutlich hervor, wenn das Gericht auf Grund der Berechnung wußte, daß der neue Mond in der Nacht zum dreißigsten noch nicht wahrgenommen werden konnte.;In diesem Falle bestimmte das Gericht den Neumond TO«m In anderer Form, aber ebenso charakteristisch, zeigte sich der Sinn des j?n , wenn die Zeugen am dreißigsten Tage nicht rechtzeitig eintrafen. Man hatte sie untersucht und ihre Angaben als stimmend festgestellt; es blieb aber vor Eintritt der Nacht nicht mehr die Zeit, die: Heiligung des Monats auszusprechen. Dann warentgegen dem wirklichen Zustande in der Natur dör. Rausch Chaudesch erst am einunddreißigsten Tage; 'auf Grund des von' G'tt gegebenen pn-..! '. 1 \ An all diese Fälle? denkt unser Vers ,bei seiner denkwürdigen Aufforderung zum Schof arblasen und verleiht uns die beruhigende Gewißheit, daß..die Er--; füllung der Schofärp'flicht in jedem Falle zur. rechten . Zeit erfolgt; ob äie in einem' Jahre wrm, am dreißigsten Elul, hi" einem anderen .Jahre "(sSSam'einunddreißigsten Elul, zur Erfüllung, kommt. Das! Schp-.;!f arbläsen ist die erste besondere Mizwoh,des;neuer; Jahres. Das Bewußtsein, S& zur rechten..Zeit erfüllt. zu haben, wirkt nachhaltig für das ganze Jahr. Wir begreifen daher den Anlaß, aus welchem der Psalmist uns dieses Bewußtsein mit dem Hinweis auf die beiden starken Grundlagen der jüdischen Zeitberechnung zu schenken; beabsichtigt. ' Selbst* heute, wo seit ungefähr vierzehnhuhdert Jahren die Weihe des Neumondes nicht mehr auf die Aussage der Zeugen hin stattfindet, besteht der Sinn der Verse zu Recht. Zwar fehlt das Mischpot, die Vernehmung der Zeugen, die, den neuen Mond wahrgenommen. Aber j?n, die Feststellung des Neumonds' auf Grund der Berechnung, ist uns geblieben. Der Fürst Hillel der Zweite heiligte die Neumonde und bestimmte die Schaltjahre im Verein mit seinem' Gerichtshöfe in einer Weis^, daß sie bis zum Erscheinen des Moschiach Gültigkeit haben. Er bestimmte den" ersten Tag Rosch Haschonoh zum ersten Tischri, im Anklang an die Jahre, in denen einst der Mond in der Nacht zum dreißigsten Elul sichtbar war. Darauf paßt daher in unserem Verse der Ausdruck: «nm- Aber er machte auch den zweiten Tischri zum Rosch Haschonoh, zur 1 .'Erinnerung/andie Jahre, in denen einst der Mono! in ,der' Nacht zum dreißigsten Elul nicht wahrnehmbar war und' infolgedessen als eigentlicher Rosch Haschonoh erst der einunddre'ißigste Elul galt. Dem entspricht der Ausdruck: nofi Auf. der Linie dieses Züsfärides im Gohxs begeg1 nen sich unsere Gedanken.) mit tdenen unserer Ahnen zur Zeit des Tempels." Wir. feiern Rosch Haschönpih; zwei Tage, als handelte..es sich gleichzeitig tun »'Hi™ und ..flöb. um Sichtbarkeit und Verhüllung des Mcrap des. Unsere Vorfahren begingen, wie oben dargestellt,'ebenfalls in manchen Jahren zwei Tage Rosch Haschonoh und. rechneten auch in. den änderen Jahv x en einen Teil des dreißigsten Elul mit der Möglichkeit, erst der nächste Tag werde Rosch Haschonoh sein. So verlebten sie den ersten Raüsch Chaudesch des neuen Jahres in der Würdigung der Neumondsbestimmung, die auf i?n und »SP» beruht. Aber auch heute erwachsen uns die beiden Tage Rosch Haschonoh zu einer harmonischen Verbindung des und öB&n» und wir hegen das Gefühl der. G,ewißhei'l( daß auch ohne Zeugenbericht unser Kalender lückenlos zu Recht besteht. Er bildet unseren Wegweiser durch Monde und Jahre, bis er beim Erscheinen des Moschiach durch die Heiligung des Neumonds seitens, der .höchsten Gerichtsbehörde . ersetzt wird. Er ist nach den gleichen Grundprinzipien geregelt, die .'auch dann maßgebend sein werden und spiegelt so ' den Gedank'en wider, den xlann die Leviten im Tern* pel aufs neue' im Rösch Haschonoh-Psalinverhen"' liehen werden. Herrlich leuchtet gerade der diesmalige Rosch Haschonoh, der das Schmittojahr eröffnet, hervor' Sechs Jahre wurde im heiligen Lande gepflügt, g2sät und 'geerritet.-Das Schmittojahr gehört-G'tt, die Arbeit 'auf dem'Felde ruht. — .-^Sb ist?-seit Nissan sechsmal Raüsch Chaudesch gewesen,*;ünd .die Werktätigkeit war an all - diesen Neumonden! seitens des Rausch Chaudesch erlaubt. ' , Aber anl 'siebenten Rausch 'ChaudeschV dem Rosch Haschonoh, ruht das Werk;t; Wie" ,es im BÜclie Nechemjä-(Käp. 8, Verse 9 und: 't0)!-! als Geleitwort für eiri Jahr,' in. welchen» ebenfalls zwei Tage' Rosbh Haschonoh begangen war* '"den, heißt,!!^is't.;der Ta^/heilig für G'tt, ■ Euren GW heilig" für 'unsß'ren;i'H'ertriV'. .//*'■ / -