Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 34 (27.4.1937) [27.8.1937]
- Date
- 1937-04-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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27, April 1937 D er 1 s r .& e I i t Nr. 34 Seite 5 * sKEREN H A T O R A H s t e h t im Dienste unserer Jugend! Talmud Tora-Schulen - für unsere Jugend! Religionsunterricht in lehrerlosen Gemeinden - für unsere Jugend! Keren Hatorah.-Heime - für unsere Jugend! \ Subventionierung des Jeschiwa-Besuches - für unsere Jugend! Landesdirektorium des Keren Hatorah, Hamburg, Postscheckkonto-. Hamburg 24753 fjat nicht die Hoffnung, die sich an die Kulfcur- Icata^trophen des Weltkrieges knüpfte, daß den Grabhügeln Millionen Gefallener eine neue Aera Völkerversöhnung, eines auf Recht und Gerechtigkeit gestützten Dauerfriedens, erblühen juöf e, hat diese Hoffnung nicht bitterst enttäuscht, und schwebt nicht, auf vielen Lippen, ausgesprochen oder unausgesprochen, die verzweifelt nach der Harmonie der ^7erte-Erfüllung ausspähende Frage nach dem „Wohin", ja selbst schon nach dem „Wozu"? In Nacht getaucht ist <lie Geschichtswirklichkeit unserer Tage, und von Szeir schallt der Ruf, den bereits Jesaja, Jisraels Prophet, vor Jahrtausenden, geweckten Ohres, vernommen: „Schaumer mäh miläilp" — „Wäch- : ter, was wird aus der Nacht?", Ruf aus bedrängter, Ruf aus auswegloser Geschichtswirklichkeit, sehnsuchtsvoll harrend auf das Geschichtswunder G'ttes. Fühlt aber nicht auch längst das jüdische Volk die Krise seiner Wunderwelt? Wer möchte die gewaltige Leistung des jüdischen Volkes in sei- , 12er Galuth verkennen, da es mit dem Zion der ihm anvertrauten G'ttesworte sich' einte und diese Werte in Ehe und Familie imd im kärglichen Raum weltabgeschiedener Ghettogemeinschaft auch lebte? Aber die Galuth des jüdischen Volkes war auch die Galuth der Thora, war auch die Galuth der G'ttesnähe auf Erden. Füllet die Erde und beherrschet sie ... Nicht Ghetto, sondern die freie Menschenerde, nicht Abgeschlossenheit, sondern die reichste Fülle der Gesellschaft; nicht ohnmächtiges Leiden, sondern die volle Kraft des herrschenden Staates geben der Nation die Möglichkeit, in der Heiligkeit, der Wahrheit, der Schönheit, der Sittlichkeit, der Gerechtigkeit ihres nationalen Lebens, auf Zion zur Einheit zusammengetaßt und m Jeruscholajim betätigt, die Bewährung der G'ttesworte der Thora zu erweisen und. das Reich der G'ttesworte zu gründen. Mit diesen Worten sich zu vermählen und .mit ihnen nach Jeruscholajims Fall sich in die metaphysische Wunderwelt zu flüchten, war der jüdischen Nation in der Galuth vergönnt. Aber die Galuth war nicht1 die Zeit der Wertebewährung in der Welt der Wirklichkeit. , Jeruscholajim ohne Zion ist die Welt ohne Weltwert. Zion ohne Jeruscholajim ist Weltwert ohne Welt. Wie aber bei den Völkern des Abendlands in den letzten 150 Jahren das Wertproblem in der Ferne von G'ttes Werte-Offenbarung immer schärfere, immer zugespitztere Formulierung erfuhr, bis es zur brennenden Krise der Gegenwart kam, so bei dem jüdischen Volke, dem offenen Auge völlig unverkennbar, in der Ferne von G'ttes heiligem Bewährungsland, das Wirklichkeitsproblem. Die schier unerträgliche Steigerung des Werteproblems dort, die schier unerträgliche Steigerung des Wirklichkeitsproblems hier, sind das charakteristische Merkmal unserer au't das geweissagte Hervortreten des G'ttes der Warte und des G'ttes der Wirklichkeit, des G'Ues der Schöpfung und des G'ttes der Schöpfur ü'svollendung hindrängenden Gegenwart. Denn nicht nur bei den Völkern des Abendlandes, auch bei dem jüdischen Volke kommt de letzten 150 Jahren eine epochal revo'Iutioaä-e Bedeutung zu. Der unerhört radikale und ui rhört wechselreiche Umschwung, den die Vüiker des Abendlandes in diesem Zeitraum au! ihrer geschichtlichen Suche nach Werteerfüiumg erlebten, — von Voltaire und Kant bis Nietzsche und seinen Nachfahren von Liberalis - fa-s und Demokratie bis zum Faschismus beiderlei Gestalt — steht in genauem ursächlichem Verhältnis. ZU dem nicht minder radikalen, nicht Winder wechselreichen Umschwung der Beziehungen des jüdischen Galuthvölkes — von Mendelssohn und den Haskalisten bis Herzl und seinen Nachfahren; vom ersten schüchternen Versuch der sozialen Emanzipation einzelner Judengruppen bis zur nationalen Emanzipation im Judenstaat — zum Wirklichkeitsproblem, 1 zum Problem der Wertebewährung in geschichtlicher Entwicklung zum Jeruscholajim der Zukunft. Der ganze Sinn der Galuthgeschichte des jüdischen Volkes hat sich in anderthalb Jahrhunderten geändert. Nicht mehr darum allein geht es, fernab von einer fast ads wertefremd empfundenen Galuth Wirklichkeit, mit den G'ttes werten der verheißenen Wirklichkeit Jeruscholajims sich Jacob Rosenheim unterhält sich mit dem politischen Sekretär der Agudas Jisroel, H. Goodman -\ vorbereitend zur Einheit zu verschmelzen:' die Wertekrisen der Völker, lauter Etappen auf deren von Jisroels Propheten geweissagtem Weg zum Heraustreten G'ttes als Völkerkönigs, erregen vielmehr das brennende Interesse von Teilen des jüdischen Volkes, diese Krisen selber reißen vielfach die ehedem schützenden Galuthschranken zwischen der jüdischen Geschichte als Entwicklung vom Wert zur Wirklichkeit und der Völkergeschichte als Entwicklung von Wirklichkeit zum Wert ein, treiben die von ihnen, den Wertkrisen, durchrüttelte und darum auch den jüdischen Geist anziehende Wirklichkeit der Völker mehr und mehr, in Freundschaft wie in Feindschaft, mitten in die Geschichtssphäre des jüdischen Volkes und stellen es, noch vor Eintritt der ersehnten nationalen Zukunft, vor die einzigartig neue, einzigartig große und schwere Aufgabe der, Wertebewährung inmitten der andrängenden Wirklichkeit. Zeigt sich das Volk der ewigen Werte auch dieser Aufgabe als gewachsen, so ist auch Jeruscholajim keine Gefahr mehr für Zion, so hat das jüdische Volk die Erlösung verdient. Furchtbare Opfer hat die neue Epoche und ihre neue Aufgabe das jüdische Volk gekostet und kostet sie noch immer. In hellen Scharen wurden und werden seine Söhne und Töchter von dem schäumenden Strom der wertekrisendurchrüttelten Völkerwirklichkeit erfaßt und fortgeschwemmt. Gar manche unter ihnen, deren Namen die Geschichte der Völker, aber nicht die Geschichte des jüdischen Volkes kennt und nennt, sind dem ungeheuren Reiz der Jahrhunderte entbehrten Wirklichkeit, naturalen Wirklichkeit, völlig erlegen und haben sich an sie in Systemen und Programmen eines wirtschaftlichen, ja eines historisch-politischen Materialismus verloren und haben in literarischen Werken eines wertefremden Realismus gehuldigt, die immer wieder gerne als wahre und echte Kundgebungen des jüdischen Nationalgeistes gekennzeichnet werden. Demgegenüber sei von dieser Tribüne laut und deutlich erklärt, daß das Judentum als Inbegriff von G'tt geoffenbarter ewiger wirklichkeitsbezogener Werte, daß das jüdische Volk als, nach seinem eigenen Bewußtsein, G'tt in der Demut der Auserwähltheit hingegebener Träger dieser Werte, daß die jüdische Geschichte' als Geschichte nationaler Wertebereicherung, nationalen Wertemartyriums und neu anhebender nationaler Wertebewährung, den diametralsten Gegensatz zu jedwedem Materialismus und jedwedem wertefremden Realismus bilden, und daß ein Jude nur auf dem Wege völliger Abkehr vom Judentum, jüdischem Volk und jüdischer Geschichte sich ihnen verschreiben kann. Die Verkennung freilich des jüdischen Volkes und mit ihm des Judentums and der jüdischen Geschichte, wird, nach der Weissagung des Jesaja, erst aufhören, wenn die letzte Menschenträne vom Menschenantlitz schwindet. Wie die Völker des Abendlandes in unseren Zeiten sich in Qualen der Wertegeburt windent so windet sich in unseren Tagen das jüdische Volk in Qualen der Wirklichkeitsgeburt. Der Parallelismus springt in die Augen. Wie viele von uns haben sich in all diesen Jahren eines nie geahnten jüdischen Abfalls von G'tt und von G'ttes geoffenbarten Werten die bange, die erschütternd schmerzvolle Frage vorgelegt, ob denn am Ende den jüdischen Menschen weit und breit die Kraft zu geschichtlicher Treue, die Kraft zu geschichtlichem Ausharrfen, die Kraft der Liebe zu G'ttes Werten, des stürmischen Verlangens zum Eins-sein mit ihnen, allmählich schwindet, und der Schmelztiegel einer zweitausendjährigen Galuth sich als nutzlos erweise. Allein nicht mit Seufzen und Klagen, nicht mit Vorwürfen und selbstquälerischer, Lobpreisung vergangener Zeiten, und erst recht nicht mit Mißtrauen in die Kraft unseres Volkes, meistern wir die grandiose Geschichtswende, in die uns G'tt gestellt hat. Nicht die Schwäche jüdischer Menschen allein» sondern vor allem die tragische Schwere dieser Wende, Wende des Geschichtswunders zur Geschichtswirklichkeit, durch und durch messianische Wende, läßt unser Volk aus tausend Wunden bluten, Wunden der Seele wie Wunden des Körpers; und die Erkenntnis des wahren Wesens dieser Wende wandelt den tausendfachen Schmerzensschrei in einen tausendfachen Ruf z u r T a t. In nächtliche Wirklichkeit getaucht, steht das Volk der Zionswerte G'ttes, und diese Wirklichkeit schlägt es an Seele und Körper. Von Szeir schallt, aus der Mitte der Völker, der Ruf der Bedrängnis und Sehnsucht, den bereits Jesaja, Israels Prophet, vor Jahrtausenden, geweckten Ohres, vernommen: schaumer mah milailo „Wächter, was wird aus jüdischer Nacht?". Den Völkern aber, wie dem jüdischen Volk, antwortet Jesaia, der Prophet: oso wanker, w'gam loiloh „Der Morgen naht, gerade wenn es Nacht" . . .