Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 34 (27.4.1937) [27.8.1937]
- Date
- 1937-04-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 34 _ . Und dann kam das tiefste Leid einer nun schon fast zweitausendjährigen Galuth. Im Bewußtsein seine Schuld gegen das ihm von seinem G'tte an vertraute höchste Gut Zions hat das jüdische Volk seine Wanderung inmitten der Völker an getreten. Dieses Schuldbewußtsein hat seine nationale Existenz ge rettet. Die rauchenden Trümmer Jeruscholajims waren ihm nicht das Werk der Feinde nicht das Ergebnis einer aus der Verstrickung von Ursachen und Wirkungen sich zusammenfügenden N'aturgeschichte, sondern die Tat des G'ttes der wertbezogenen Schöpfungsgeschichte, strafende, sühnende Tat, die selber erst recht den unauflös baren Zusammenhang zwischen dem jüdischen Volk und der Schöpfung, zwischen dem j'üdischen Volk und den im Leben Jeruscholajims gekränkten Schöpfungswerten der Thora erweist zugleich aber auch den Weg der Rückkehr, den Weg der Wiedergutmachung und damit' den Weg der nationalen Rest au r a t i o n eröffnet und freimacht. Aus der Demut der Auserwähltheit floß die Demut des Schuldbewußtseins. Aus der Demut des, Schuldbewußtseins floß die Riesenkraft zur Ausdauer im sühnenden Dulden. Von den Völkern niemals verstanden — wie kann eine auf die Demut der Auserwähltheit begründete Geschichte von einer Geschichte verstanden werden, deren herrschendes Prinzip das stolze Vertrauen in die Kraft zu eigener Werte-Erzeugung ist? — und darum von den Völkern meist gehaßt, verachtet und gepeinigt, von den Völkern meist in seinem Le bensraume gekürzt, und selbst in gekürztem Lebensraume geduldet, oft nur so lange, als es sich wirtschaftlich unentbehrlich zu machen wußte, hat das j'üdische Volk getreu seinem wahrhaft unerhörten Entschluß, sein eigenes nationales Dasein auch ohne Staat und ohne Land den ihm anvertrauten Werten zuliebe fortzusetzen, die Tragik seiner Geschichte quer durch die Tragik der Geschichte der Völker getrieben und hat diesen seinen Entschluß mit dem gerüttelten Maß eines aus doppelter Tragik fließenden Leids zu bezahlen gehabt. All der Werte entkleidet, auf die die Völker der Erde in der Geschichte ihrer autonomen Werte-Erzeugung nationales Dasein gründen und nationales Glück, sowie nationale Ehre beziehen, hat das jüdische Volk, das aus der Demut der Auserwähltheit die Kraft zu nationaler Hingegebenheit an den ihm von G'tt geoffenbarten obersten Wert schöpfte, vermöge seiner äußeren nationalen Erscheinungsform die tiefste Schmach tragen müssen, die eine Nation je treffen kann: die Schmach geschichtlicher Entwertetheit, die Schmach des parasitären Schachertums. Aber siehe, inmitten selbst des tiefsten Leids einer schier endlosen Galuth war Raum noch für das höchste Glück der Auserwähltheit. Wenn die Gegner des jüdischen Volkes so gerne immer wieder mit Fingern auf wirkliche oder vermeintliche Fehler des jüdischen Menschentyps weisen, so mögen sie sich selber die Frage vorlegen, was wohl aus jedem anderen Volke, was am Ende aus ihrem eigenen Volke geworden wäre, wenn es, an unserer Stelle, ein Galuth von zweitausend Jahren im Schmachkleid der Verkennung hätte tragen müssen. Als vor kaum mehr als 100 Jahren einige Ghettotore sich öffneten: waren es da gebrochene und geknickte, verkümmerte und verkommene Menschen, die ins Völkerleben hinaustraten, um in leider völliger Selbstentäußerung, in leider grenzenloser Anpassung, an der Völkerkultur teilzunehmen und an ihr mitzuarbeiten? Ist nicht die physische Selbstbehauptung der jüdischen Nation, noch mehr,' ihre geistig-seelische Selbstbehauptung ein Geschichtswunder /ohnegleichen? Ist es nicht die wirkliche Erfüllung jesajanischen „Atem Ejdai"? Ihr selbst;, seid meine Zeugen, wenn die jüdische Nation durch ihr Dasein wie durch ihr Sosein den unwiderlegbaren Beweis für die bergeversetzende Kraft der geoffenbar- Der lsraelit ten Werte G'ttes erbringt, die als Schöpfungswerte sich als stärker bewähren, denn alle autonomen Werte der aufsteigenden, der niedersteigenden, der vergehenden Völker der Erde. JQenn nun erst, erst in der Gäluth, fern vom Heiligen Lande der Wertebewährung, Jeruscholajims Trümmer immer vor der Seele, im Feuer der von außen auf sie eindringenden. Schmach nationaler Entwertetheit, verschmilzt sich die jüdische Nation mit G'ttes Schöpfungswerten, deren Trägerin sie sich weiß, zur untrennbaren Einheit; Zion, Symbol des höchsten Gutes, thront und herrscht in ihrer Mitte, und wenn sie diesem Zion nicht mehr Jeruscholajims flutendes Leben, nicht mehr den nationalen Staat und im Staat die ganze Fülle der Gesellschaft spenden darf, so weiht sie sich ihm in Ehe, Familie, in Gemeinde, im Festtag und im Sabbat. Ja vor allem im Sabbat. Sechs Tage der Woche läuft sie in Der Alterspräsident der Kenessio Gedaulo Oberrabb. Zirelsohn, auf dem Wege zum Kongre Knechtesgestalt umher, aber am siebenten Tage weilt sie in trunkener Freude bei ihrem G'tte der Schöpfung, bei ihrem G'tte der Schöpfungswerte-Offenbarung, bei ihrem G'tte der Erlösung, der einst Schöpfung und Schöpfungswerte zusammenbringt und dem Zion der Schöpfungswerte sein Jeruscholajim der Schöpfungswerte- Verwirklichung erbaut. Sei es doch hier ausgesprochen, das große und stolze Wort: allein schon. vermögedes allwöchentlichen Sabbat besaß die jüdische Nation im doppelten Elend ihrer Galuth einen Talisman, der ihr nicht nur das Leben tragbar machte, der sie vielmehr die Leiter inneren Glückes und innerer Seligkeit bis zu einer Höhe ersteigen ließ, von der sie neidlos, ja, voll Mitgefühl auf staat- und landgesegnete Völkerfamilien zu schauen imstande war, deren Normalität sie nicht über die Logik des Kampfes um autonome Werte, des Kampfes um den G'tt der Zukunft, zu täuschen vermochte. Aschrejnu mah tauw chelkejnü u'ma noim gaurölejriü u'ma jofo j'ruschosejnu: „Wir schreiten fort zum Heil,, wie gut ist unser Teil, wie beglückend ist'unser) Los, wie schön unser. Erbe": ein. Volk, das solches, in all seiner Staat-' und Landlosigkeit, mit Schmach' bödeckt und'!in' seinem 'Lebensbaume verkürzt; schwebend zwischen Himmel und Erde nud nur von G'ttes Werten geträgen, denen es sich selbst als Träger hingibt, ein Volk, das sol- ' ' . . 27. April 1937 ches die vielen Jahrhunderte seiner Galuth tagtäglich zu sprechen vermag, dieses Volk is\ wahrlich mit seinem Dasein und mit 'seineis Sosein ein sichtbares Geschichtswunder G'ttes. ' i " III. : Das jüdische Volk in der Galuth seiner Staat- und Landlosigkeit, weilend in der Wunderv/elt des Zions seiner G'tteswerte und mit ihnen zur Einheit des Geschichtswunders verschmelzend: die Völker des Abendlandes in der Galuth ihrer Autonomie, weilend in der Wirklichkeits weit der Erdverbundenheit und kämpfend um (die Einheit autonomer Werte-Erfüllung in Geschichtswirklichkeit: wann naht die Zeit, da Wunderweit und Wirklichkeitswert, da Geschichtswunder und Geschichtswirklichkeit in Auseinandersetzung treten? Diese Zeit, sie ist längst genaht; diese Zeit, sie hat längst begonnen; ünd wir alle stehen mitten in ihr. Fühlt nicht längst das Abendland'die Krise seiner Kultur? 'Wer möchte verkennen, daß die Geschichte des Abendlandes das „Du sollst" naturerkennender Wahrheit und das ,,Du sollst" schönheitgestaltender Kunst in nimmer rastendem Streben mit überreichem Gehalt zu versehen verstand! Aber die Kunst, sie schmückt nur das Leben. Aber die naturerkennende Wahrheit, sie hilft nur dem Leben. Heiligkeit der G'ttesnähe; Sittlichkeit der 'Menschentat; Gerechtigkeit der Menschenverknüpfung; sie sind es, die das Leben selber anrufen, das Leben selber ausmachen wollen, ,und nur ihre Erfüllung, in Einheit verbunden mit der Erfüllung von Wahrheit und Schönheit, bildet den Hochstieg der Kultur. Ungeheures ward, vor allem im letzten Jahrhundert, in zivilisatorischer Ausnutzung der immer noch wachsenden Natürerketintnis erreicht. Heiliger, sittlicher, gerechter und damit glücklicher haben die beispiellosen technischen Errungenschaften weder den abendländischen Staat noch die abendländische Gesellschaft werden lassen. Noch an jeden Völkermorgen knüpfte sich die Hoffnung auf eine bessere, eine gütigere Zeit; und noch auf jeden Völkermorgen folgte ein Völkerabend. Nur mit tiefer ^Erschütterung kann der nagende, fressende Zweifel an allen in dreitausendjähriger Geschichte in wechselnder Folge produzierten Werterfüllungen der Heiligkeit, der Sittlichkeit und zumal der Gerechtigkeit festgestellt werden, der heute gespenstisch über die Welt geht und die zehrende Sehnsucht nach Werte-Erfüllungs-Off enbarungVin die edelsten Herzen senkt. Ueberall, wo nicht die um sich greifende Flachheit an den Triumphen der Technik ihr Genüge findet, ein angstvolles Suchen, ein müdes Resignieren, ein tollkühnes Experimentieren. Aufgerissen ist, wie nur je, die Kluft zwischen Staat und Gesellschaft, zwischen geradeaus zum vorgestreckten Ziel schreitender, souveräner Staatsmacht und dem unendlich gewundenen Netz einfältigster Interessenverstrickung — in der jesaijanischen Weissagung: lewijoson nochosch b'riach und lewijoson nochosch akalsaun — und wo die Gesellschaft längst den europäischen Menschen herausgestellt hat, da stehen die souveränen Staaten einander kaum viel anders gegenüber als vor dreitausend Jahren, Hier erhöht sich eine Gesellschaftsklasse zum,Staat; dort bemächtigt sich der Staat der Gesellschaft; und ß^s Wesen des Staates und der Sinn der Gesc - schaft sind heute allenthalben bestrittener -~As je. Wer möchte es angesichts der heutigen C: - Schichtswirklichkeit auszusprechen wägen, d?ä.J sie sich in der Tat in der Richtung der Harmonie der fünffach erfüllten Wertideen bewegt, u;.-d daß sie die Kraft in sich birgt auch nur ehr« < Abglanz des G'ttes der Zukunft sich dermaleiiv i selbst zu offenbaren? Wer begreift heute nicr' die Weissagung des um das Schicksal' der Volker bangenden Propheten Jisraels, daß ni< G'ttes Eintreten in die GescbichtswirkHchkcdie Völkergalüth zu beenden und dife 'gestör*« Harmonie der Schöpfung herzustellen vermag