Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 33 (20.8.1937)
- Date
- 1937-08-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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20. August .1937 Der Israelit Nr 33 Seite 7 y,.n Oberrabbjner*. Dr., Jos. Carlebach. '«•'•;' (Schluß.)-; - >■:;.' -4 ' s _ Auch. Auerbach' wurde von dem Staunen erfaßt, das für den wahrhaft tiefen Menschen der Anfang alles Philosophierens oder richtiger ein Aufdämmern"";''Cj tteserkenntnis ist. Auch Auerbach stand vor dem Wunder. So heißt es S 102: nach dem Untergänge des Reiches Israels, als das politische Zwerggebilde des Reiches Juda allein übrigblieb.' „Politisch war der Untergang des Nordreiches für Juda naturgemäß von umwälzender Bedeutung . . . Jetzt verlief: die assyrische Grenze wenige Kilometer nördlich Vvon -Jerusalem. Judäj jlag dicht vor dem geöffneten Rachen d^s alles verschlingenden ' Ungeheuers. Größtes W u n.d e r d e r W e 11 g e - schicht e , ' d aß d a s ' k I e i ri e Ländchen n o c h 13 5 J a hr'e lang s i e h e ine no tdfiu fti'ge Selbständigk e-i t retten konnte! 135 entscheidende Jahre/; in denen es sich Ewigkeitswerte schuf, die. sein Vplk befähigten, bis heute zu dauern.". Oder. S. 147 bei der Katastrophe Assyriens vor den Mauern Jerusalems', dem zweiten Pessachwunder jüdischer ^Errettung, heißt es; „Sanherib hatte das. Spiel verloren. Während ihn die politischen Wirreh nach dem Osten riefen, während er hoch schwankte, ob er sich dem ägyptischen Heere zum zweiten Male entgegenstellen sollte, griff in seinem Heere eine Pest um sich und zwang" ihn zum Entschluß. Er hob die Belagerung Jerusalems auf und zog eilig ab. Diese ans Wunderbare grenzende Errettung Jerusalems' a u s höchster Not hat auf die Miterlebenden ' einen ungeheuren., Eindruck gemacht. . Sie schuf und festigte den Glauben an die- Unverletzlichkeit des Tempels und seiner Stadt und. wurde dadurch zu einer lebendig weiterwirkendeh Kraft in der religiösen und politischen Entwicklung ,Judas." Daß Assyrien, ein Weltreich, erst so spät, erst 722 Israel zur Strecke brachte, ist ein Rätsel der Weltgeschichte und dabei hatte es schon 60 Jahre früher das viel stärkere Aräm niedergeworfen. Auerbach schreibt <S. 81/82:< . „Es schien, als ob die . Aramäer dicht vor der' Verwirklichung ihres großen. politischen Zieles standen: der Vereinigung von ganz Syrien und Palästina in einer Hand. Da trat ein Ereignis ein, das die ganze politische Situation umgestaltete: Der Angriff Adadniraris III. von Assyrien auf Damaskus im Jahre 805" . ■ . „Damaskus mußte sich unterwerfen und Tribut zahlen, und das Reich, das Hazael und Barliadad aufgebaut hatten, wurde in weiteren Feldzügen bis zum Jahre 802 gründlich zerschlagen" . . . „Aber Assur war niclvt'in der Lage, die Früchte seiner Anstrengungen zu ernten, sondern es mußte in den folgenden 60 ■ Jahren mit dem Großreich von Urartu, das auf der Höhe seiher Expansion wiederholt fast bis vor die- Tore von NiniVe vordrang, schwer um seine eigene Existenz kämpfen. Dazu kam, daß in der folgenden Zeit die Herrscher Assyriens wenig kriegerische Männer waren, die über Familienzwist und Palastiritrigen die äußere Machtstellung des Reiches verfallen ließen. So bot, während Damaskus aufs äußerste geschwächt, darniederlag, ein mildes Geschick den Reichen Israels und Juda noch einmal für 6 0, Jahre die Mö/glichkeit der Erholung und W i e d e r a u f r i c h t u n g." 1 ' r" Daß aber dann der Aufstieg Assyrien s ebenso unerwartet war, wie seine plötzliche Schwäche nach der Niederwerfung Arams, l:ören wir auf S/ 90:1 „Als Jerobeam II. starb, hat wohl jeder Zeitge-;!osse seinen Sohn für einen glücklichen Erben £e- Slten. Die Welt draußen war runig, der Krieg der oroßmächte tobte weit in der Ferne, ohne Israel ■ u berühren, das Reich war gefestigt und wohlhabend. Niemand außer den Sturmvögeln des Anteils; die wir Propheten nennen, k o-n n t e n a u i den Gedanken' kommen, „daß das Reich Israel dem Abgrunde rasch zueilte . . Oenn jetzt vollzog sich von Assur her ein verhängnisvoller Umschwung der Weltlage.. Unter den, .unkriegerischen letzten Königen von Assyrien war die WeltgeltunS des Reiches immer tiefer gesunken, un4 der gefährliche Gegner Urartu schien in Begriff; dei; Vormachtstellung! Assvriens in Vorderasien ein; Ende zu bereiten. Da erhob Sicht in Kalach <?in< Aufstand der assyrischen Milit?rpaitei . . v Phul* unter dem stolzen Namen Tiglat Pileser .... Dieser ging Jegeis den ■ gefährlichsten Feind,-das Reich UrartüV sofort zum, Angriff über, schlug König Sardur und zwang ihn zur Flucht." : ""? Ueber das. Wunder, der Befreiung aus" dem Exil schreibt Auerbach S/ 214, 201 und 223{ „So konnte im Sommer 538, als Kyros in - der Sommerresidenz Exbatana weilte, das märchenhafte Wunder geschehen: Der Staatsakt der Verbannung wurde aufgehoben und jedem, der es wünschte, die Rückkehr in die Heimat "gestattet," 1 „Aus dem Exil erhob sich — einzigartige Erscheinung in der Weltgeschichte! — ein neues Werden. Ein Neuanfang, wie der Uebergang des alten- Mose-Volkes aus der Wüste : ins gelobte Land" ... . ,jFür die Juden war es die Erfüllung nationaler und messianischer Träume, so wunderbar und wider alle. Erwartung, daß ihre Stimmung wohl richtig durch Psalm 126 wiedergegeben wird: Als G'tt die Gefangenschaft Zions zurückführte, da waren wir wie Träumer." Genug der Beispiele. Jedesmal stand Auerbach vor dem Wunder. Er stand gebannt, er hätte bekennen müssen. Aber verkrampft wie die Modernen wird mit Vorsicht dem Zugeständnis ausgewichen, daß diese jüdische Geschichte von mehr Zeugnis ablegt, als bloßem politischem oder kulturgeschichtlichem Mächtespiel. Aber Wir, die wir eine Katze eine Katze und ein Wunder ein Wunder nennen, wir Sehen aus den Blättern dieses Historikers diei Größe und Erwählung unseres Volkes als sichtbaren Hintergrund hindurchschimmern. nW 111*15 bVl p*t Der böse Engel muß wider Willen Ja sagen zur G'ttlichkeit uaserer Geschichte. Auerbach kann es nicht, weil er mit den Augen der Theologen bibelkritischer Observanz sieht. Worüber jene hinwgehuschen, das ist auch für ihn nicht vorhanden; was jene nicht goutieren, ist auch ihm zuwider. Aber was jene hervorkehren, nämlich das, was am Judentum „als Vorstufe des Christentums" ihnen wertvoll dünkt, das ist auch für Auerbach das höchste Gut des Judentums. So verwirft er die „Gesetzesreligion" ganz in der Tonart der paulihischen Gelehrten (S. 263); ,,In der Verpflichtungsurkunde ist — nach der allgemeinen Einleitung und der Verschärfung des Mischeheverbots und des Sabbatgesetzes — nur ein Gebiet ausführlich festgelegt: die Verpflichtungen gegen den Tempelkult und die Einkünfte der Priesterschaft.Rs kann auch nicht anders sein, denn in einem solchen Staatsdokument können nicht gut moralische Lehren oder religiöse Erkenntnisse als Gegenstand der Verpflichtung vorgelegt werden (wenigstens "im Judentum nicht) sie!. Aber bezeichnend ist "und bleibt es doch,, daß hief nicht —, wie etwa im Zehngebot des Mose — Grundsätze des sozialen und Rechtlebens festgelegt wurden, sondern Ritualien und Gerechtsame der Priester. Sie standen im Denken der Verfasser dieser Urkunde . an erster Stelle, und so bekamen sie auch den Vorrang* im Denken des Volkes. Daran ist nichts wegzudeuten: Das Zeitalter der Gesetzesreligion und der Priesterschaft hat "begonnen. Das ' eine bedingt das andere. Wo statt urwüchsiger Religion ein durchgebildetes Ritualiengesetz d; e n Kult u n d d a s.L:e b e n beherrscht, muß der kundige Priester, die erste Stelle einnehmen. Und: wo statt des Propheten der Priester zum Leiter des Volkes Wird, muß Kult und Ritual zum wesentlichsten Ausdruck der Religion' werden. Je mehr der vollentwickelte Kult. Mittel zum. Zweck wird, .desto mehr wird er ' Selbstzweck. Dem Bewußtsein des Volkes wird' er täglich und stündlich eingehämmert; daß der Weg zur'G'ttheit, der Weg zur Heiligung und Sündenvergebung nur über das Ritual und den Priester führt, bis schließlich das Volk die sch.were_La.st der zahlreichen Gebote und Verbote und die Suprematie der Priest er schaff, willig auf sich nimmt. Es schien in der Tat','als ob von den .beiden "großen "Führergestälten, deren Gedanken den Geist ides Exils ^geformt hatten, Jeremia und Jehezk'el, all eil? der Priester Jefoezk'el sich durchgesetzt . hätte und sein strenger Ritualismus zum alleinigen Lebensprin^ zip -geworden w^re-' Es schien', als ob das alte J u da de r P r op h eteii und d;a s besetz es - •tTe'tttei'J u d e n tnjn d e r N e h e m i a;- Z. e i t ga n z; v, e r s c hie d e n e ,;W.e 11 e n w ä r.e n.,. fast. ohne Brücke von der ,einen zur, anderen." Als Letztes ' und Höchstes . aber erscheint Auerbach eine {-Verheißung des. . Jirmija,, den die :,Theölogie:}ider!(Universitäten fälschlich .für. sich in Anspruch nehmen, eine Verheißung, die er natürlich ■■ ganz im christlichen Sinne auslegt (S. 209): . „'Das letzte Dicnteirwort des Sehers aber ist jenes Wort vom Neuen1 Bunde' . . . das 'als Vermächtnis einer späten Zukunft übergeben wurdie, sein tiefster Gedanke in schlichtester Form. So jSpricht G'tl; Mit dem Hause Israel schließe ' Ich . neuen Bund: Ich senke Meine Thora in sie, Ich schreib's auf ihr . Herz, Dann werde Ich G'tt ihnen sein, Und;sie Mir' Volk.",. (31, 30—32.) „An die Stelle des Gesetzes tritt das Menschenherz, der. „Neue Bund" an die Stelle des „Alten Bundes". Wenn man in der Entwicklung der Religion vom Alten und Neuen Testament spricht — hier, und nicht 600 Jahre später, liegen die Wurzeln des Neuen Testaments. Jerem i a von Anato.t war ein .echter -Geistesverwandter des Jesus v.o n Naz,areth," Nun ist's heraus, das Geheimnis Auerbachs- Ein W o r t ist das Letzte und Höchste des Judentums. Das ist ein Wort der Geistesverwandtschaft zum Christentum. So ist Auerbachs Geist ganz in die Atmosphäre seiner theologischen Meister gebannt Uns will er weiß machen, als wäre am Judentum alles wertlos, was sein Eigenstes, Spezifi-. sehe's, Weltüberwindendes ist: seine Kraft zur Weihung des Alltages, zur Durchgeistigüng des Physischen und Materiellen, von Auerbach „Ritualien" genannt. Als ob Jirmija mit der Thora G'ttes — „Me i n e Thora senke Ich in sie", nicht eine Thora — etwas andres als die jüdische Thora meinen könnte, die Thora, die dem Menschen lehrt zu opfern mit Allem, was er hat, mit Allem was er ist, die Thora der Leb e ri s heiligung/ Auerbach, der so verächtlich sagt: „Wenigstens im Judentum" können nicht gut moralische Lehren als Gegenstand der Verpflichtung in einem Staatsdokument vorgelegt werden — kein Antisemit könnte ein schlimmeres Wort der Verächtlichmachung des Judentums sprechen — möchte uns wohl dazu bekehren, alles Jüdische von unk zu werfen, um in den allein seligmachenden Schoß der Wellhausen'schen Universitätstheologie eingehen zu können. Das ist Renegatentum des Geistes. Wir fassen unser Urteil zusammen, unsere Kritik des ersten Bandes und unsere obige Kritik des zweiten Bandes: 1. Wir lehnen jeden jüdischen Gelehrten ab, der geflissentlich oder aus Unwissenheit bei einem Werk über die Bibel alle jüdischen Erklärer, vom Talmud angefangen über Raschi, Ibn Esra, Redak bis Malbim, S. R. Hirsch, D. Hoffmann und die Autoritäten unserer jüngsten Vergangenheit übergeht. 2. Wir lehnen jeden jüdischen Gelehrten ab. der in der literarischen Behandlung der Bibel nicht dieselben absoluten Grundsätze strenger Wissenschaft und genauester Objektivität verfolgt, die überall sonst, gelten, der nicht mit Methoden. der Wahrheit und Wahrhaftigkeit an Wort und Ueberlieferungen unserer Quellenschriften herantritt. j : 3. Wir lehnen jeden jüdischen Gelehrten ab. der nicht jüdische Werte vom jüdischen Standpunkte aus, betrachtet, sondern als einzige Richtschnur seiner Beurteilung die Wertmaßstäbe der nichtjüdischen oder gar judenfeindlichen Außenwelt sich zu eigen macht. Verinischtcs. Hamburg, 5. Aug. . Jamim noraim, Arbeitsplan und Stoffsammlung von Bernhard S. Jacobson, herausgegeben von der T'nuat Tora w'Awoda für Deutschland, Berlin-W.. 50, Aügsburgersträße 60;; erschemt':ih dies'en Tagen in zweiter Auflage und kann, gegen Voreinsendung;-von-. RM.0.90 . unter obiger Adresse.angefordert werden^,; . ' ' -t . (,.