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Der Israelit · 1937-08-12 · Heft 32 (12.8.1937) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 32 (12.8.1937)
Date
1937-08-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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12. August 1937_/_, Entspricht etwa die Gemeinde-Wirklichkeit iP Warschau, in Wien, in Kowno, in Wilna der adudistischen Idee von der konstitutiven Alleinherrschaft der Thora? Hat man es den Agudisten in all diesen Orten zur Pflicht gemacht, daraus die Konsequenzen zu ziehen und sich von dieser Wirklichkeit . abzuschließen, solange selbst keine andere Wirklichkeit vorhanden? Hat man nicht vielmehr in all diesen Orten, auch wenn der Agudismus sie erfaßte, die agudistische Idee, soweit die Ortsgemeinden in Betracht kamen, nur stets als wirklichkeitsbezog e n e I d e e gedacht und geschaut, nie im luitleeren Räume, immer der Wirklichkeit zugewandt und der aus ihr sich ergebenden Möglichkeit, in Abkehr wie in , Zukehr immer von der Wirklichkeit ausgehend, um mit ihr oder gegen sie, aber stets a n ihr der Idee die Wege zu bereiten? — — - Mögen die rabbinischen Führer der dritten Kenessio Gedaulo wissen: Im Laufe von 25 Jahren hat sich auch in Erez Israel eine Wirklichkeit entwickelt, und'sie entspricht, keineswegs der agudistischen Idee, denn nicht der Agudismus war an ihr tätig, sondern der — Zionismus. Mögen sie ferner erwägen: Mit der höchst bequemen Negation dieser Wirklichkeit kann es nicht getan sein, denn diese Negation erzeugt noch lange keine anddre Wirklichkeit. Mögen sie schließlich bedenken: als ein Etwas aus dem Nichts kann * eine thoragemäße Wirklichkeit nicht erstehen, im Nichts eine agudistische Alijah nicht existieren, die Umgestaltung der Wirklichkeit nicht ohne Anknüpfung an die Wirklichkeit erfolgen. Es ist nicht damit zu rechnen, daß die Entfesselung des nationalen Willens durch das eindeutige Bekenntnis zum materiellen Agudismus und seiner wirklichkeitbezogenen Idee der herrschenden Thora sofort der agudistischen Alijah all das leisten werde, was der zionistischen Alijah Keren Kajemeth, Keren Hajessod und etwa Histadruth Haowdim heute zu leisten vermögen. Bis aber der nationale Wille i n u n v e r r ü c k b a - r e m F e s t h a 11 e n an der ä g u d i s t i s c h e n Idee eine thoragemäße Wirklichkeit g e s t a 1tetVhaben die verantwortlichen rabbinischen Führer der dritten Kenessio Gedaulo Aug in Aug mit der h e u t igen Wirklichkeit zu entscheiden, was mit der bereits vorhandenen agudistischen Alijah zu geschehen habe und ob einstweilen eine weitere agudistische Alijah stattfinden dürfe. Der materielle Agudismus ignoriert nicht die Wirklichkeit und begnügt sich nicht mit bequemen logischen Forderungen, die unter Umständen den Betroffenen nur die Wahl lassen zwischen Untergang oder Schuld, sondern er setzt sich fortwährend mit der Wirklichkeit auseinander, prüft fortwährend induktiv das Verhältnis zwischen Idee und Wirklichkeit und wälzt nicht eigene Verantwortung auf die Schultern der Armen und der Schwachen ab. —---— Nur Unverstand oder Un-Wille kann das hier Vorgetragene mißdeuten. Hier Wird keiner sachlichen Entscheidung vorgegriffen, keiner b e s tim m t en Ent sch ei dun g das Wort geredet. Auf Klar h e i t d e r S t e 11 u n g wird hier gedrungen, und die ganze Schwere der V e r a ntwortung wird hier dargelegt. Pen Vergleich mit vom gleichen Verfasser während 25 Jahren sonst. Geschriebenem und Gesagtem braucht das Vorstehende nicht zu scheuen. Im besonderen hofft der Verfasser damit vor seinen r 'oßen Lehrern und Erziehern, denen er sich ■•'?it seines Lebens Rede und Antwort schuldig v eiß, nicht erröten zu brauchen. —- >^ Immerhin sei, der eigenen Reinerhaltungv^egen, das Unnötige ausgesprochen: der tiefst?ctühlte Zwang, ein Prinzip von ewiger ^' ahrheit und ewiger Realität, wie es das Prinzip der konstitutiven Alleinherrschaft ßcr Thora über die jüdische Nation darstellt, dem geschichtlichen Sinne unserer Zeit ent- . sprechend zu den ewig wechselnden Kräften dfr Diesseitigkeit, der Wirklichkeit, in Bezie- Der Israel i t hung zu bringen und an ihnen gerade seine Realität zu bewähren, statt dieses Prinzip in eine rein logische Forderung zu verwandeln und damit entweder der Wirklichkeit völlig zu entziehen öder in seiner Wirklichkeitsfremdheit N 1 - geradezu ad absurdum zu führen: mit Z i o n i sm u s oder mit M i s r ac h i hat all dies nicht das Mindeste »gemein. Schlimm genug, daß dies sachlich völlig Unnötige hier gleichwohl stehen muß., Zionismus ist Einbruch der Diesseitigkeit in die Welt des Absoluten; Misrachi ist Einbürgerung in der Diesseitigkeit, um der Welt des Absoluten zu nützen. (Ein rabbinischer Führer des Misrachi erklärte ganz offen, er liebe den Zionismus nicht weniger, als die Thora.) Eben diese Einbürgerung aber lehnt der Agudismus ab. Der Agudismus wird niemals zugebe n , d a ß etwa der zionistische Kongreß im Namen der jüdischen Nation zu sprechen die Bef U g n i S habe. Das Band, das die herrschende Thora und die beherrschte jüdische Nation verknüpft, ist dem Agudismus ewig unzerstörbare höchste Realität. Wo die Thora nicht h e r r seht, ist auch die jüdische Nation nicht zu linden. Wenn die jüdische Nation, dem Sinn « unserer. Zeit gemäß, den Kampf m i t der Wirklichkeit um die Wirklichkeit, um die Wirklichkeit des der Thora unterworfenen Heiligen Landes letzten Endes, zu führen hat, so bedeutet dies wahrhaftig nicht« daß etwa die jüdische Nation auch nur zeitweilig ihre völlige Verbundenheit mit dem Absolutum der Thora aufgeben, sich auch nur zeitweilig vom — Zionistenkongreß oder vom — Waad Leumi oder vom sabbatschändenden Herrn Weizmann vertreten wissen könne. Der formelle oder auch der theoretische Agudismus mag und darf nicht müde werden, seinen Gegensatz zum Zionismus -und zum Misrachi immer wieder klar herauszuarbeiten und eindeutig zu lehren und zu verbreiten. Aber der materielle oder auch der praktische Agudismus wird in seiner aus geschichtlicher Schau geschöpften Zielsetzung, der Thora die Wirklichkeit, die Diesseitigkeit, wesfenhaft die Wirklichkeit, die Diesseitigkeit Von Erez Israel zu erringen, an den Tatbeständen dieser diesseitigen Wirklichkeit nicht achtlos vorbeigehen dürfen, wird auch die vom Zionismus geschaffenen Tatbestände diesseitiger Wirklichkeit nicht einfach ignorieren können, dem höchst bequemen Wahn asich hingebend, daß das Ignorieren dieser Tatbestände ihrer Ueberwindung gleichzusetzen sei. Die Aufdeckung des Zionismus als einer furchtbaren Verirrung jüdischer Menschen an die thorafremde Diesseitigkeit bedeutet noch lange nicht den Sieg der Thoranation über diese Diesseitigkeit, ihre Gesinnung für den Herrschaftsbereich der Thora. In Erez Israel gibt es heute einige Tausend agudistischer Menschen, die bereit und entschlossen sind, für diesen Sieg der Thoranation zu kämpfen, und wäre es selbst unter schwersten Opfern. Sie sind die wahren und eigentlichen Frontkämpfer des Volkes der Thora in seinem Kampf mit der Wirklichkeit und um die Wirklichkeit, der auf der ganzen Welt entbrannt ist. Aber diesen Frontkämpfern muß die dritte Kenessio Gedaulo die Ueberzeugung verschaffet, daß künftighin ein tatbereiter nationaler Wille hinter ihnen steht, und diesen Frontkämpfern muß die dritte Kenessio Gedaulo Klarheit darüber bringen, wie sie sich zu verhalten haben und was aus ihnen werden soll, bis die Tat des nationalen Willens ihnen die menschenwürdige Daseinsmöglichkeit gebracht hat. —-- , V. Der formelle Agudismus kann der Bewegung der agudistischen P o a 1 i m so wenig, wie der Bewegung um Erez Israel gerecht werden. An anderer Stelle („Der agudistische Arbeiter", vor zwei Jahren in der Zeitschrift „Nachlath Zwi" erschienen) habe ich bereits versucht, den innigen Zusammenhang, beider Bewegungen vom Standpunkt des materiellen Agudismus darzu- . Nr. 32 Seite 5 legen. Niemand ist also in die Wirklichkeit hineingestellt und von ihr abhängig, wie der Poel. Ist Erez Israel das prädestinierteste Land der Thora-Wirklichkeit, so sind die Poalim die prädestinierten Menschen derThora- Wirklichkeit. Je abhängiger der Poel als solcher von der Wirklichkeit ist, um so größer ist die Gefahr, daß er sich an sie verliere. Die Histadruth Haowdim ist hierfür ein erschütterndes Beispiel. Der agudistische Poel erhofft die Sicherung seiner Existenz von einer thoragemäß zu gestaltenden Wirklichkeit. Ist die Aguda wirklich die Organisation des jüdischen Volkes in seinem Kampf für die Wirklichkeit der Thora. so sind in der Tat die agudistischen Poalim ihre wahren und eigentlichen Frontkämpfer. Der Kampf um die thoragemäße Gestaltung der Wirklichkeit kann in umfassender, auch die Wirtschaft einschließender Art nur in Erez Israel, daneben allenfalls noch, in weitem Abstand freilich, in Ländern jüdischer Massensiedlungen geführt werden. Agudistische Poalim-Organisationen bestehen daher im wesentlichen in Erez Israel und in Polen. Die Zukunft der agudistischen Poalim-Organisationen hängt ganz und gar davon ab, inwieweit sich innerhalb der Aguda der materielle Agudismus durchsetzt. Die dritte Kenessio Gedaulo ist daher für unsere Poalim-Organisationen von höchster Bedeutung. Aber auch die Rechtslage der Poalim-Organisationen innerhalb der agudistischen Organisation bedarf dringend der Klärung. Sache des Waad Hapoel muß es sein, im Einvernehmen mit der Leitung der Poalim-Organisationen die nötigen Vorlagen an die Kenessio Gedaulo vorzubereiten. Schließlich sind gerade die Poalim-Organisationen an einer wirklich durchgreifenden Sanierung der Weltorganisation, ■ vor allem an der Wahl eines wirklich aktionsfähigen allweitlichen Waad Hapoel, aufs Höchste interessiert. Im übrigen bitte ich meine oben erwähnte Arbeit über den agudistischen Poel als integrierenden Bestandteil dieser Aufsätze zu erachten. — Auf schwebende politische Fragen möchte ich hier nicht eingehen. An anderer Stelle habe ich zu ihnen Stellung genommen. Es wäre höchst bedauerlich, wenn die dritte Kenessio Gedaulo vorwiegend unter ihrem Zeichen stünde. Eine Flucht vor den drängenden inneragudistischen Problemen sollte nicht stattfinden. — G'tt gebe der dritten Kenessio Gedaulo Erfolg. Kein besserer Wunsch ist dem Jubilar zu spenden. Mit dem Wunsch allein aber ist es nicht getan. Sie muß allseitig richtig vorbereitet werden, und es muß sich eine genügende Zahl von Menschen, treffen, aufs tiefste ergriffen von der unendlichen Schwere und Größe der Gesamtheitsaufgabe unserer Zeit, erkennbar nur in einer geschichtlichen Schau, die sich ebenso fern hält von der Macht der Phrase, auch wenn sie in agadischer Verkleidung auftritt, wie von der Macht alltäglicher Nüchternheit und Gewohnheit, auch wenn sie sich die neunmälweise Miene „praktischer Erfahrung" anmaßt, sowie endlich von der Groteske der „Unentwegtheit", hinter der oft genug nur geistige Trägheit und ein erstaunlicher Mangel an Verantwortlichkeit sich verbergen. — „Populärer", als es hier geschah, ist, fürchte ich, diese geschichtliche Schau nicht zur Darstellung zu bringen. Ob die „Masse" für sie reif ist, wage ich nicht zu entscheiden. Aber nicht darauf kommt es an. Führer müssen sich finden, die die Last der Zeit in gläubigem Vertrauen, in unbedingtem Opfermut und in begeisterter Tatkraft auf sich nehmen und vorwärts schreiten.. Die Masse wird ihnen folgen. Indem ich diese Zeilen vollende, hüllt schimmernd blaue Nacht in unschilderbarer Reine und Schöne Israels heilige Erdenwirklichkeit ein. Alles um mich atmet Erlösungssehnsucht und Erlösungsbereitschaft. Dawid, Israels König, lebt und steht . . .

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