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Der Israelit · 1937-08-05 · Heft 31 (5.8.1937) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 31 (5.8.1937)
Date
1937-08-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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j^^;:^'^M^tg:-T^f^^n Feuilleton- Beilage Nummer 31 Doch daß Jerusalem fiel ... Doch daß Jerusalem fiel, nie wird es verschmerzet die Feste Ach, sie stürzte; der Brand wütet im heiligsten Raum; Mauern krachten, und Pflüge verheeren der heiligen Stäüe Boden; das jammernde Volk wimmelt in Straßen, verzehrt Von den Qualen des Hungers, von Schmach erdrücket; als,. Sklaven Führt man sie weg, so den Mann, wie den Jüngling, das Weib, Fest den wimmernden Säugling gepreßt an den Busen; er siehet Nimmer, ach, heimisches Land; sondern am ire&den Gestad Weint er die Sehnsucht, gerissen gewaltsam vom süßesten Herde Von der bergkrönenden Stadt, die der Barbare durchgr.öhlt. Wieviel Jahrhunderte kamen, und gingen, und häuften der Schmerzen Viele, der Greuel ohn' End'; — nun auch im fremden Revier /r Brennt man und senget und foltert, und reißet aus schwangerer Frauen Leib den Säugling; die Qual schreit gen Himmel; — doch stets Stärker erklinget das Klaglied um G'ttes Feste, die einstens Trotzte im Kerne des Lands, Helden umgürtend, und hier Ragte des Davidstamms Burg, und Salomo herrschte, der Weise, Wissend des Flügeinden Sprach'; aber es schweigt nicht der Schmerz, Ob auch nun ferne das Land, nicht schaut es das Auge; die Herzen Suchen es immer, und treu pochen sie, Zion, dir zu. Wie nach dem Kinde schon griffen die fremdesten Schmerzen; zu Boden Hockt man sich nieder; das Ei aß man mit Asche; man zog Leis' auf unhörbaren Sohlen zum Haus des Gebetes; und eilte Sonder Grüßen vorbei, fremd dem Nachbarn; denn nichts Sprach heut' als Schmerz um die Feste, die einst gefallen; das Urweh Wandelt Sitten; man nimmt heut' nicht Nahrung; der Tag Bringt nur. Klagen und Anruf und wehe Erinnerung; das Stöhnen / , . -Vieler Geschlechter wird laut, ob sie in Frankreich, ob auch . Hart in Spanien, Italien,, in Deutschland litten,. '■■■■■! verfolget . Grausam und schrecklich; wie grub tief sich ins frühe .Gemüt Uns des Volkes Geschick, .das standhaft in Todj' schmerz., bekannte Namen des. Einzigen; nichts brach ihm den Glauben; und stets;i . ■ Richtets aufs. Neue sich auf, und denket der Ahnen,' beschwöret Höhere Hilfe, und läßt nicht von Erinnrung; es singt Glühend der Sänger die Berge, die Triften, .die- Städte des Landes; Dauernde Sehnsucht senkt tief Wurzel in dauernden Sinn. Wie Jeremias sich nahte der Ahnen Erbgruft, und: „Höret!", Schrie er: „Ihr Väter steht auf; seht euer Volk, euer Volk,. Wie es hinwahkt, zerfleischet vom Feindschwert; in Banden der Jüngling, Jungfraun geschändet, die Stadt wüst, in Trümmern und Nacht , Drückend, darin unsrer Hoffnung, der Zuversicht Sterne ersticken; Väter erwachet, steht auf! Eilet ztun g'ttlichen Thron, Ihn zu bestürmen den Hohen, Gewaltigen; hat er nicht einstens Lieb euch versprochenj denn ihr dientet ihm treulich; ihr wart Ganz bereit auch den Sohn ihm zu opfern, und all eure Habe Hinzugeben; zum Dank hat er verhießen der Schar Führer zu sein, und zu schenken das Land als Erbteil; wie jaget Jetzt uns der Fremde davon; ja sie sündigten, wohl, Aber zu hart trifft» der Bannstrahl; erwachet ihr Väter, und eilet Ihn zu bestürmen, der hoch spricht über Wolken den Spruch!" Und gewaltig entstieg Abraham der Alte, und Jizchak Folgt' ihm nach, und der Sohn, Jakob, sowie auch der Hirt Mosche, der einstens durch Wüsten den Zug geführet; auf stunden So die Mütter des Volks Rachel und .Leah; darauf Silpah und Bilha, und weinten, und rangen die Hände; es brüllte Jeremias darein, löwenstark, schmerzlich; und so Fielen sie hin vor den Schöpfer, und weckten Erinnrung, wie einstens Zehnfach Abraham ertrug Prüfung, wie willig zur Seif Ging dem Vater der Sohn, und trug den Holzbund, und duldet' Herbe Fessel; er ahnt: dies ist der Wille des Herrn. Und mit Verheißungen nahten sie sich der Gnade; die Mütter Schlugen sich jammernd die Brust; aber von allen zuletzt Beugte sich Rachel und sprach: Gedenke, o Herr, wie am Wege , Mich erraffte der Tod, da ieh noch kaum erst das Kind Ihm geboren/ der nun zur Heimat den Weg zog; ich aber Litt nur die Schmerzen; mir war nimmer die Freude vergönnt, Wachsend zu schauen die Kinder, geehrt wie Könige; und jetzo, Da ich erwache, o Gram, schaue ich den wankenden Zug Der Vertriebnen, den Jammer, das ßlut der Erschlagnen; wie schlägst du Also die Kinder, o Herr, nimmer ertrag ichs; und soll Nun Elend verdorren der Rest meiner Kinder? Ich weiche Nicht von dannen, o Herr, ehe mich tröstet dein Wort. Laut drauf erwidert die Stimme: 0 kehret zur Ruhe ihr Edlen, Ganz nicht zerstör ich das Reis, das ich geheget; ob lang Auch sie schmachten im Fremdland, die Kinder, in Armut, verfolget Tausendfach, stets auf der Flucht, unbehaust, ruhlos: doch will Ich zurück sie einst führen, und richten die Stadl, und erbauen Wieder den hohen Palast; und aus der Mitte des Volks Hebt sich sein Herrscher; da kehret ein jeder der Hütte; es weilet Jeder beim Weinstock; und nun schmilzt man die Schwerter,' und gießt Sicheln und Pflugschar daraus zum friedlichen Werke: so blühet Noch zum Segen das Leid. Von der erhabenen Stadt Zions ertönet die Botschaft, und löset den Starrsinn; entwindet Blutigen Fäusten das Schwert, löscht aus den Herzen den Groll; Da begegnen sich Völker in liebendem Kusse; als Brüder / ■ Halten^ sie all sich umarmt, preisend das .Frührot des Tags.;jj . , . Uri Rosenheim, Tel Awiw; .;, ,; Aus „Klagen einerJugend" (Erschienen im ,,Mqrgen'!Jji Innenleben. Von Heinr. Einstädter. Das Leben führt uns zuweilen mit merkwürdigen Menschen zusammen, denen es noch nie zu Bewußt?, sein kam, daß ihr Tun und Denken für irgend jemand Interesse bieten könnte. In natürlicher Bescheidenheit äußern sie sich selten über das, was sie bewegt, und manmuß erst ihr Vertrauen gewinnen, um Gelegenheit zu erhalten, ihr Innenleben kennen, zu lernen; In einem entlegenen Gebirgsdorfe wohnte ein Familienvater mittleren Alters, Rüben mit Namen. Er besaß' einige Wiesen und Aecker, die er und seine Angehörigen selbst bebauten, und einen großen Garten beim Hause. Zwei Ziegen und mehrere Hühner vervollständigten seinen Besitz. Im Winter betätigte er sich als Leinweber. Es gibt heute nicht viel Orte, die so wenig im Verkehr mit der „Welt da draußen" stehen, wie das Dorf, in dem Rüben wohnte. Die Gemeindemitgiieder waren „Eingeborene"; „Zugezogene" gab es nicht. Sie besaßen keine näheren Verwandten in Großstädten oder gar im Ausland und hatten nur selten Veranlassung zu einer größeren Reise. Daher waren die Einrichtungen und Gebräuche auf einer Stufe zurückgeblieben, die Fremde bald zu einem Lächeln nötigte, bald ihr Interesse hervorrief. So hatte sich auch .die kleine Synagoge innerhalb zweier Jahrhunderte kaum verändert, und der , G'ttesdienst vollzog sich in ihr nach althergebrachter Weise. Es war,, an einem Schabbos Nach'mu, als die gewohnte Ordnung eine besonders festliche Gestaltung erfuhr, und zwar bot die Veranlassung dazu eine B'ris-Milöh, die auf diesen Tag fiel. Da der alte ehi> würdige Mohel, der bisher die heilige Fuuktidn vollzogen hatte, im letzten Jahre gestorben war, hatte man einen in weitesten Kreisen bekannten frommen und gelehrten Herrn .aus einer Großstadt gebeten, zu diesem Zwecke über Schabbos zu kommen, und in seiner bewährten Güte der Opferbereitschaft hatte er auch zugesägt. Er hatte es nicht zu bereuen. In jenem Dorfe ergänzte er seine Erfahrungen durch wertvolle Einzelheiten, Es kam ihm zuweilen so vor, als .ob er in wenigen Tagen ein vergangenes Jahrhundert durchlebte. . Zu den Menschen, die seine Aufmerksamkeit am meisten anzogen, gehörte Rüben. Ihm begegnete er am Schabbos nach dem Mittagessen, als die meisten Leute sich der Sabbatruhe hingaben, auf einem Spaziergange außerhalb des Dorfes. Sie ließen sich auf einer Bank nieder, die an einer erhöhten Stelle unter einem Baum stand. Von dort genoß man die Aussicht auf die ganze Umhegend. Rüben machte den Fremden auf die fernen Bergzüge aufmerksam und benannte sie, auf Burgen, und Klöster, die auf hohen Felsen ragten, auf Städtchen und. Dörfer, die sich in Täler schmiegten und von zählreichen Wasserläufen durchflössen wurden. „Hierher muß ich fast an jedem Schabbos komme^ und wenn es einmal wegen des Wetters oder aus einem anderen Grunde nicht möglich ist, dann fehlt mir etwas," bemerkte Rüben. „Aber Ihnen ist doch diese Aussicht, die wirklich sehenswert ist, nicht mehr neu," meinte der Fremde. „Da werden Sie schließlich doch gar kein Auge mehr dafür haben." Rüben schüttelte das ergrauende Haupt. „Jede Woche bietet mir dieser Blick etwas Neues, ja sogar zu jeder Tageszeit. Wenn ich an einem herrlichen Maimorgen schon „vor ' Schul" hier heraufgehe, wenn erst die Strahlen der Sonne sich dort über den Bergen heben und ihre ersten Lichter in den Tautropfen auf den Gräsern glitzern, wenn die Kelche der Blumen sich öffnen und die Lerchen in den Lüften trillern, dann spricht die ganze Natur zu mir das Loblied des Schöpfers: „Die Himmel erzählen die Herrlichkeit G'ttes." Ich sehe die Sonm; aus ihrem Gemache treten und die ihr vorgeschriebene Bahn verfolgen; und es beglückt mich, zu wissen, wie das Herz erlabend und den Sinn bereichernd es wirkt, wenn man gleich den Himmelskörpern der Vorschrift G'ttes, seiner Thora, folgt. Und komme ich erst am Nachmittag nach Mincha, wenn schon die Natur anhebt, zur Ruhe zu gehen, da fühle ich erst recht ■ die Ruhe des Sabbat als die'durch Liebe und Freiwilligkeit, durch Wahrheit und Glauben, durch Frieden, Wohlbefinden, Stille und Zuversicht ' geweihte Einrichtung des Schöpfers, als die Krone seiner Schöpfung. Hierher komme ich auch manchmal mit meinen Söhnen nach Ausgang' des Sabbat, um von hier aus die Lewono, den Mond zu begrüßen, wenn, er am Anfang des Monats wieder sichtbar wird; und wie gut tönt es hier, jenes.rgahze Gebet, das mit de* Segnung, desjenigen;;heginnt,; der seine Schöpfungen vervollkommnet ..^A erneuert, mit dem Friedenswunsc'he sich anvdie. gaiize Menschheit wendet und mit dem Ausblick auf:'Tdie . fernen Berge; schließt, von denen1 ühs Hilfe ,^kommt^" ,. Der; Fremde bewundert-die natürliehe;vEihj^fänglichkeit des Mannes und; die geistige Aufgeschlossenheit, mit der., er die Gebete erfaßt iund mit feiner Umwelt verknüpft. Noch mehr überrascht es ihn,- als er gewährt, wie die Stimme der Natur zu jeder Jahreszeit in andrer Weise zum Herzeh dieser .Landbewohner spricht und in ihnen .keine Langeweile aufkommen, läßt.; ■ •„Langeweile kennen wir nicht," versichert Rüben, „und es ist ein Irrtum, wenn Sie glauben, das Leben verlaufe hier in ewiger Gleichform.. Dafür sorgt neben dem ewigen Wechsel in der' Natur in;erster Linie „unser Luach". Schon unsre-Rinder finden an jedem Schabbos und erst recht an jedem Feiertag ihre Umgebung gänzlich verändert,^ auch; , wenn sie das nicht in Worten ausdrücken. Der Schabbos im Sommer, ist ein ganz anderer als im Winter. . Das bemerkt das Kind schon beim Erwachen, Seine ersten Blicke richten sich nach dem Fenster. Treffen sie einen blauen, Machenden Himmel, so löst das ganz andere Gedanken aus, als wenn Eisblumeri die Scheiben bedecken, und wenn vom Ofen her eine behagliche Wärme strahlt, so wirkt das anders, als wenn ein Blütenbaum durchs offene Fenster winkt. Der Peßach drückt der Dorfstraße, der Synagoge, erst recht der Wohnung ein ganz andres Gepräge auf als Suckoth. Jedes Fest, jeden,Fasttag, jede . Familienfeier erleben wir in verschiedener Weise je. naen der Jahreszeit, in die. sie fallen, da wir räumlich und beruflich in engerer Verbindung mit der Natur stehen als unsre Brüder in den Großstädten. Daruni fühlen wir nicht, wie sie das Bedürfnis nach künstlicher Abwechslung und nach häufigen Reisen, und zu unsren. angenehmsten und. oft fruchtbarsten Unterhaltungen gehören die gedanklichen Spaziergänge, denen wir uns .bei Ausübung unsrer. Berufe meistens ungestört hingeben können." Der Städter sieht das bald; ein und bewundert den gerechten Ausgleich, den auch in dieser Beziehung der Allgütige geschaffen hat.

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