Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1937-07-29 · Heft 30 (29.7.1937) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 30 (29.7.1937)
Date
1937-07-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450961-2450990--83150-2541143
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Was habt Ihr in den Ferien gelesen und was wollt Ihr noch weiter lesen? : Gewiß, man soll in den Ferien unbeschwert "sich in Wald und Wiese, Feld und Flur herüm.-i tummeln, mit Sport und Spiel, nach all den ^schweren Aufgaben, die die Schule an;-einen stellt, sich Ausspannung verschaffen. Hört-man den Vogel in der Luft singen und den Käfer summen, sieht man das Eichhörnchen zum Baumehinaufklettern und den Hasen über die Flur laufen, beobachtet man, wie die reife, goldene Frucht auf dem Acker wogt, wie im letzten Gebete vor der Stunde, da der Schnitter kömmt, sieht man dieses und jenes von den tausend Wundern, die sich uns in der freien Naturdarbieten, so ist das auch ein Le s e n , vielleicht; die -schönste und lehrreichste Lektüre, ein Blät-: tern im Buche der Schöpfung. . Aber wir haben in den Ferien keinen Pakt mit dem Himmel geschlossen, der uns etwa eine:- 'Dauersonne garantierte. Es gibt, auch frube,f regenreiche Tage, in denen .man im Zimmer öder in der Halle bleibt, und in solchen Tagen sehnt man sich doch nach dem heimatlichen Freund« nach dem Buche. Man ist sogar draußennoch viel empfänglicher für eine gute Lektüre,- man kann sie g e s a m m e 11 genießen, ohne einen Verweis der Eltern zu fürchten, daß man „schön wieder hinter den Büchern stecke", ohne Gefahr zu laufen, Pflichtarbeiten der Schule-zu. versäumen. Also was lasen wir und was diesen wir in den Ferien? ~ - j\ c -:-/• -■: Da ich, liebe Kinder, Euch nicht alle vor mir habe und nicht weiß, welcher Altersstufe _ Ihr angehört, Euren Geschmack und Euren In-, teressehkreis nicht kenne, so ist es natürlich schwer, allgemeine Richtlinien anzugeben. Das jüdische Kind hat es bei der Wahl der Lektüre leichter und schwerer als Kinder anderer; Völker. Leichter — weil wir einen unvergleichlichen Schatz tiefer und ewiger Weisheit in unserer, alten und ältesten Literatur aufgespeichert haben, danach man immer und immer wieder greifen kann.- Schwerer, weil bei"f uns eine .eigentliche Jugendliteratur nie so. bewußt gepflegt wurde, wie bei anderen Völkern. Und daß eine „jüdische Literatur" nicht immer jüdisch ist und selbst bei schönster Form Euch eine Enttäuschung bereiten kann, weil der Kern fehlt oder recht bitter ist, wißt Ihr; von selbst. . Es sei vorweg genommen: Ein Buch gibt es, das von allen Altersstufen und Intelligenzgra-} den, zu jeder Zeit, gelesen werden kann:;D a.s' Buch der Le h r e. Der Lehre im w. e i £ e - st en Sinne, die auch alle rabbinische Weis- ■ heit und all die herrlichen Blümenrankeh der. Agada in, sich einschließt. In der Bibel lesen wir (M. II. Kap. 10, V. 2): „Und daß Du es erzählst in die Ohren Deines Sohnes und des Sohnes iDßij^s^Sohnesl'' Gfößvaie^ V sitzen ^efeeugt über.ridas gleiche Buch; ürid_ jeder : liest ~aus~ ihm d a s;heraus, was seine m Alter ' un'<t.:is. e .i n e m Gesehmacke nach ihm zusagt, Ihn ^täi'kt,. ihn erfreut. Läßt sich das von anderen,; ^profanen Büchern sagen? Wo greift sonst Mn; Kind-nach den gelehrten Büchern des .Vaters, wo: läßt sich sonst ein Vater zu den Jugendgeschichten des Sohnes herab? Gilt nicht leider-die klassische Literatur, an denen die Großväter sich noch erfreut hatten, einer mo- " .dernen Generation schon als „veraltet" und * „überholt"? ..: U:n s e r e Bücher der Weisheit und Wahrheit:; sind ewiger Jungborn für die. Alten und zugleich liebe, leichte Kost für die Jungen, i^fefe' liebe Kinder, schon einmal darüber nachgedacht, daß der gleiche Text, die gleichen heiligen; .Büchstaben, die sich zu Sätzen for- .t men.1' dem Alephbeth-Schützen in der untersten:; . Schulklasse entgegenwinken * und unseren großen. Lehrern, den Halachisten und Kabbarlisten,-^vorlagen? Der heilige Text blieb unvervänderlicfiv. nur nahm sich jeder das heraus, was ihmr paßte und ihm zukam. „Jeder nach seiner Kraft erhielt die Thora . am Sinai", lautet ein schöner* Talmudspruch. Will sagen: Alle haben Anteil an der Thora,. doch jeder anders, nach der Kraft seines Geistes und seines- Herzens, .: - .. ' Daraus, liebe Kinder, ziehe ich folgende Folgerung: Wir haben die talmudischen und agapdiseh^m;Erzählungen in vielfacher- Sammlung. Wohl dem, dem sie . an „der Quelle zugängig sind. Liest man sie in der Üebefsetzu^- ü^^in dichterischer Bearbeitung, so sage man nicht: ,iAc,h,-das haben wir schon vor. Jahren gelesen, das kennen wir bereits auswendig;" Kein, .liebe Kinder, Ihr habt es mit 8 oder 10 Jahreifc a n - det§:, ganz anders gelesen und verstanden, als; itfr. es jetzt, mit 12,-.mit, 14 oder mit 15 Jähren lest und versteht. Ihr-- seht sie heute in ganz-anderem Lichte und könnt tiefer in den Sinn eindringen. Diese Dinge lernt man nie aus "r— da. sie in jeder Periode'Eüres jungen Lebens heue Gestalt und auch neuen Sinn erhalten. * Es soll aber damit keineswegs gesagt sein, daß Ihr bei der Lektüre Euch auf religiöse und talmudische Literatur beschränken sollt. Die „Weisheit von Japhet" war bei uns nie verpönt, sie .soll nur in „die Zelten Scherns" hineingetragen werden. Einfach ausgesprochen, will, das heißen: Alle Weltliteratur ist uns willkommen, wenn sie nicht nur das Herz erfreut, sondern auch den Sinn stärkt, den Charakter bildet und den' l^enschen veredelt. Was gut und schön und reihist, ist schon beinahe jüdisch. Die Welt hat darin einen großen'i-Fortschritt gemacht. Es gab eine Zeit, da zünftige Büchermacher bewußt Jur gend^ünd '-Kinder-Literatur erzeugten. Sie er- Älite sich keiner großen Beliebtheit bei der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.