Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1937)
- Date
- 1937-07-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450961-2450990--83142-2541135- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
29, Juli 193.7 Der Israelit Nr. 30 Seite 5 jnne.ren Schmerz den Seitenblick auf — Argentinien, -p- — — Oft war schon die N o t der Antrieb zu große,, geschichtlichen Taten; niemals aber, ohne ,'daß der Not sich die B e g e i s t e r u n g beigesellte. Die Not -allein vermag aber die Begeisterung nicht zu wecken und vor allem nicht zu erhalten» Die Deutung der Not, die Aufdeckung der geschichtlichen B e s t i m - m n g der Not, das Auffangen des in ihr ent- Jia tenen Weckrufs: sie sind es, die aus Not und Begeisterung den nationalen Willen herausstellen, der-Nationalgeschichte macht und die Nation reitet. — Der formelle Agudismus ist ein Kind der Not. Der materielle Agudismus ist ein Kind der Deutung der INot. Setzt nicht er sich in der A^üda durch, wird die nationale Weltorganisation der Thora des nationalen Willens entbehren und nicht Subjekt, sondern Objekt der jüdischen Nationalgeschichte sein und bleiben. Keren Hathora und Keren Hajischuw, Not der Thora undltfo.t des Landes der Thora: sieht man denn nicht, daß beides zusammen gehört, daß der bisherige wahrhaft klägliche Zustand beider Keranoth die Tiämliche Ursache hat? Die ^ot der Thora und die Not des Landes dei* Thora, sie ist nichts anderes, als die Not der Nation der Thora in ihrem verzweifelten Kampf nicht gegen die Wirklichkeit, sondern um die Wirklichkeit, in die sie, nach G'ttes Beschluß, hinaustreten mußte, um sich durch diesen Kampf — Erez Israel zu verdienen. In jedem jüdischen Menschen — und Tausende sind es Jahr für Jahr! — der, angelockt von den Reizen der Wirklichkeit, der Diesseitigkeit, sich an sie verliert, statt in sie die Thora zu tragen, unterliegt nicht nur er, sondern unterliegt die Nation. In jeder jüdischen Schule, die Israels heilige Jugend zu Knechten der Wirklichkeit erzieht, geschieht nicht nur. (an dieser Jugend,- sondern geschieht zugleich an der Nation schlimmster Verrat. Jede Entweihung des Sabbat, gar auf Israels heiligem Boden, Zeichen furchtbarer Wirklichkeitsknechtschaft, läßt das Blut der Nation verströmen. Es geht um die Erlösung der Nation! Ist dieser Ruf schon einmal, in Klarheit und Eindeutigkeit, von den Großen Israels und, gestützt auf sie, von der gesamten Aguda in die Welt hinausgegangen? Haben die Großen Israels und, gestützt auf sie, die gesamte Aguda je diesen. Ruf nationalges c h i ck 11 i c h e r De u t u n g d es G e s c h eh ens unserer Tage, der der Thora ^ls dem absoluten Willen G'ttes die Wendung zu der sie umbrandenden Diesseitigkeit gibt, daß sie sie aufnehme und beherrsche, der Nation die Wendung zu dem ihr verheißenen Lande der Diesseitigkeit gibt, daß sie dort die Thora als Beherrscherin der Diesseitigkeit einpflanze und zur Entfaltung kommen lasse, haben sie je diesen aufrüttelnden, mitreißenden, begeisternden'Ruf in die Welt hinausgeschrieen? Ist es nicht so, daß bis zum heutigen Tage die dreifache "Not der Thora, der Nation und des Landes noch keine Sprache gefunden hat, weil, niemand es wagt, sie tu deuten, daß die stummen Sendlinge der Not der Thora und der des Landes nur Almosen erhalten, wie s'e das stumme Flehen der Not hie und da erpreßt, daß sie niemals aber als Sendlinge der Nation von wach gewordenen Gliedern der Natura H och stleistung fordern zu einem Thora und Land in Einheit begreifenden n a t i on « I g e s c h'i c'h'tTi clien Aufbauwerk? So geht es nicht weiter. Unsere Jeschiwoth ^u^gern und es fehlt an Schulen? Nun, so grün- Wir den Keren Hathora'. Im Heiligen Lande ■si<?.iit es nicht zum Besten aus, und es ziehen ^sudisten hin? Nun, so gründen wir den Keren Hajischuw. "Das ist die Weise des formellen Arudismus. Er kann nur Gelegenheitsarbeit und nur Abwehrarbeit leisten. Als die Wogen der Nationalgeschichte über ihn kamen, mußte er Schiffbruch leiden. — '' So geht es nicht weiter. Abwehr und Notstandsaktion sind der riationälgeschichtlichen Flut nicht gewachsen. Mag die dritte Kenessio Gedaulo darüber entscheiden, ob es dabei bleiben kann. Es geht um den Bestand der Aguda und ihrer Keranoth. —-- Der Prüfstein dafür, ob die Aguda den Weg zur Nationalgeschichte und damit den Weg zu ihrer eigenen Rettung findet, wird die Stellung der dritten Kenessio Gedaulo zum Heiligen Lande sein. Von dieser ihrer Stellung hängt nicht nur das Schicksal des Keren Hajischuw, sondern auch das Schicksal des Keren Hathora ab. Nationalgeschichtlich gesehen, ist „palästinozentriscji" und „thorazentrisch" völlig identisch. (Fortsetzung folgt.) Von Oberrabbiner Dr. Jos. Carlebach. (Fortsetzung.) Wie leicht sich Auerbach mit dem moralischen Makel der Kindesunterschiebung abfindet, zeigt folgendes Urteil über die Proklamation des Deuteronomium. S. 173. „Josia ließ sich die Rolle vorlesen und zwar von ihrem Inhalt aufs tiefste erschüttert . . . Zwar sagte ihm sein Gewissen, daß er ein gut Stück die- ,ses Weges aus eigener Erkenntnis und nach dem Vorbild seines Ahnen Hizkia selbst schon gegangen war; aber gerade weil das Gesetzbuch so weitgehend mit seinem eignen Fühlen und Wollen im Einklang war, empfand er es doppelt bedrückend, daß eine Reihe von Forderungen des Gesetzes bisher ganz unbekannt (welche?) und darum unverwirklicht geblieben waren. Josia war ein frommer Mann und kein Geschichtsforscher; für. ihn waren alle Vorschriften des Gesetzbuches gleichwertig und gleich bindend, sobald das Gesetz selbst als g'ttliche Richtschnur anerkannt war. Daran aber zu zweifeln, hat Josia keinen Augenblick gedacht. Daß es trotz der Neubearbeitung und Anpassung älterer Gesetze und trotz der Hinzufügung jüngerer doch bei seiner Auffindung als altes und verpflichtendes Gesetz g'ttlichen Ursprungs angesehen wurde, ist im Geiste dieser Zeit nur selbstverständlich; es gehörte schon die besondere geistige Freiheit eines Mannes wie Jeremia dazu, um daran zu zweifeln. Im übrigen gibt sich zwar das Gesetzbuch als Wort der G'ttheit (ganz ebenso auch bei Hammurabi und in anderen Fällen) (sie!), aber der Name des Mose kommt im Gesetz selbst nicht vor — nur 43 Mal im Buch*) — und nirgends wird Mose als Verfasser des Gesetzbuches ausdrücklich bezeichnet — nur 10 Mal*) — obwohl freilich dte vorausgesetzte Situation (der Eintritt in Kanaan ist noch nicht erfolgt) auf ihn hinweist. Die Form, in der das Gesetz auftritt, ist die allgemein übliche, und d en Sammlern wie den Findern hat jed§ Absicht einer Täuschung ebenso ferngelegen wie etwa den Propheten, wenn sie ihre Aussprüche als „Spruch- G'ttes" einführen." Dem Eingeweihten verrät Auerbach mit jedem Wort seine eigene Unsicherheit. Denn das Zeritralgebot des Sefer Had'warim ist die Zusammenfassung alles Opferdienstes „an den Ort, den G'tt erwählen wird," mit anderen Worten: Jerusalem wird Einheit und Mittelpunkt des, G'ttesdienstes. Dies war unter Dawid und Salomo längst verwirklicht, war vor allem, trotz Rückfalls in die Bamothkulte, von C h i s k i a mit starker Hand bewußt durchgeführt worden. Damit' zerrinnt die Hypothese von der „neuen" Thora der Kulteinheit in den Tagen des Josia in Nichts. Das weiß Auerbach. Daher die gewundene Sprache, daß Josia zwar schon ein gut Stück des Weges aus dem Vorbild seiner Ahnen kannte,* daß aber eine Reihe von anderen Geboten . bisher unbekannt und neu verkündet waren; welche, das bleibt Auerbachs Herzensgeheimnis. Mein verehrter Lehrer Geheimrat Prof. Barth s. A. hat im Jeschurun Band I S. 119 ff. über die Unnahbarkeit dieser angeblichen Neuheit des Deuteronomium sich verbreitet, hat aus Arnos und Hosea Belege für die frühere Geltung des Buches beigebracht, vor allem den „Zweifler" Jirmija zum Zeugen angerufen, der unter Anführung von Deuter. 27, 26 sagt: „Die Worte, die Ich euren Vätern befohlen habe am Tage, da Ich sie aus dem Lande Aeghpten führt e." Josia in seinem "Glauben an die „alte" Thora scheint also immerhin ein ehrlicherer und objektiverer Geschichtsforscher gewesen zu sein als die sich selbst beweihräuchernden Bibelkritiker. Aber Auerbach gesteht netterweise ein, daß den Propheten „jede Absicht einer Täuschung" *) — Randbemerkung unsererseits. fernlag, wenn sie ihre Aussprüche als Spruch G'ttes einführten. Wie aber konnte der große „Zweifler" Jirmija, der gegenüber den falschen Propheten, die ebenso wie er zwar objeEliv eine Täuschung begingen, aber doch ohne eine Absicht der Täuschung", herausfordernd sagen: „Siehe, Ich streite wider die Propheten, spricht G'tt, — 'Stt/O' die Meine Worte stehlen, einer vom anderen, die Mein Volk irreleiten mit ihren Lügen und Voreiligkeiten, und Ich, Ich habe sie nicht geschickt und ihnen keinen Auftrag gegeben!" „Ein Prophet, der sich etwas zurechtträumt, mag einen Traum erzählen, bei wem aber Mein,Wort ist, der spreche Mein Wort als Wahrheit, was soll das Stroh bei dem Korn, spricht G'tt." Und das Gewaltigste: „Höret nicht auf die Worte der Propheten, die euch nach dem Munde sprechen, Dunst machen sie großtuerisch euch YOr; das Gesicht, das aus ihrem eigenen Herzen kommt, sprechen sie, nicht aus dem Munde G'ttes. Wer hat denn im Geheimnis G'ttes. gestanden, und schaut und hört Sein Wort, hat erlauscht Sein Wort und es gehört?" Kann einem Propheten, der so gesprochen, „jede Absicht der Täuschung ferngelegen haben," als er sich mit dem gleichen Unrecht wie seine Gegner die ausschließliche Kompetenz, im Namen G'ttes zu sprechen, anmaßt?? Es wäre ein Abgrund der Heuchelei, wenn Jirmija seine Gegner als Lügner hinstellt, um einer frommen Lüge willen, die er selbst in jedem Augenblick gebraucht. Es ist die Alternative unentrinnbar; entweder alle Propheten sind Lügenpropheten, oder es muß echte, wahre G'ttesoffenbarung geben. Ja noch mehr. Die Gegner Jirmijas mögen an ihre Lüge geglaubt haben, er aber, der deren Trugspiel durchschaut hat und doch derselben Maske sich bedient, müßte notwendig der b e w u ß - .ten Täuschung geziehen werden. Genau so müßte der Verfasser des Deuteronomium, der ausdrücklich zweimal verbietet: „ihr sollt nichts hinzufügen zu dem Worte, das Ich euch gebiete" mit der „Hinzufügung jüngerer Gesetze" zu der Sammlung älterer, die er nach Auerbach vorgenommen, sein eignes Gebot heuchlerisch übertreten, der widerlichsten Doppelmoral sich schuldig gemacht haben, es müßte Esra mit der Fabrikation der Priester-' thora, die er dann aus eigner Vollmacht dem Deuteronomium „hinzufügt", mit dreister Stim ein Gesetzesübertretier gewesen sein. Wie „großartig" die von Auerbach gefeierte Auffassung der jüdischen Geschichte ist, das haben wir im Fritsch-Prozeß zu Leipzig anno 1915 erfahren, als der Obergutachter Prof. Kittel alle „unsittlichen Forderungen" und Züge des jüdischen G'ttes, eines Dämons der Unmoral als ehemalige Stationen in der Entwicklung des Judentums bestätigte. Dadurch ward die jüdische Religion forensisches Freiwild, dort vor den Schranken des Leipziger Gerichts war die Geburtsstunde für all das entsetzliche Judenleid der Gegenwart. Es ist die Nemesis des Schicksals, daß wir, weil wir in unseren Reihen Nachbeter Kittels dulden, G'tteslästerer, die den Heiligen Israels als Wüstendämon schmähen, die Folgen am eigenen Leib verspüren müssen. Wir beneiden daher Auerbach um seinen Geschmack nicht und verzichten lieber auf diese