Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 29 (22.7.1937)
- Date
- 1937-07-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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2?,.- Juli 1937 Der Israelit Nr. 29 Seite 5 Wochenrundschau. Spiel mit Worten.—• Einer ist begeistert, — Orgel U.Weltanschauung- In der arabischen Presse .hat man zur Ablehnung .des Teilungsplanes, .der bekanntermaßen auch uns nicht gerade in restlose Begeisterung versetzt, ein Schlagwort gefunden, das, wie die meisten Schlagwörter, glitzert und blinkt und doch innerlich hohl ist« Es heißt; .„Die Juden bekommen den fruchtbarsten Teil des Landes,' die Engländer behalten die h e i 1 i.g s t e n Plätze und den Arabern werden die K n o c;h e n zugeworfen in der Form von ödem, steinigem Wüstenland." Unter sich werden die Araber klug und ehrlich genug sein, sich einzugestehen, daß diese ihrerseits vorgenommene „Dreiteilung" eine Irreführung ist. Wollten die "Herren tauschen? Gewiß nicht. Wer hat jenen den Juden zugedachten Streifen zur Fruchtkammer des Landes gemacht? Eben die Juden. Jüdische/ Arbeit und jüdischer Schweiß haben T e l Awiw aus der Sahdwüste am Meer© in wenigen Jahrzehnten hervorgezaubert und den Emek-Sumpfboden, die Quelle des Malariafiebers, in ein Paradies verwandelt. Gebt ihnen den Negew und das Wunder des Emek wiederholt sich, hörten wir in diesen Tagen aus britischem Munde. Es ist an leitender Stelle unseres Blattes gesagt und wird noch weiter gesagt werden, was wir aus dem Teilungsplane zu erwarten und zu befürchten haben. An dieser Stelle sei nur wieder einmal gezeigt, wie billig Schlagworte sind, wenn sie die Wahrheit verdunkeln sollen. * . * * Und damit im Ernste der Situation die Komik nicht fehlt: der stets originelle Itamar ben Awi in Jerusalem gab zur Begrüßung des Peel-Berichtes eine einmalige Zeitungsnummer unter dem Titel „Dor Hajom" (nicht Doar Hajom) heraus. Die Ausgabe feiert die Teilung in überschwenglichen Tönen, mit den Schlagzeilen „Das erste Jahr der Freiheit. — Das dritte Jehuda". Als Erscheinungsort ist Natania, die „Hauptstadt des Halbstammes Menasse", angegeben, als Erscheinungszeitpunkt das „20. Jahr nach der Balfour-Deklaration". Die Verkündung des Peel-Berichtes wird als „der größte Tag des jüdischen Volkes nach der Zerstörung seines Reiches' bezeichnet. In der Geschichte der Entstehung des „Dritten Jehuda" werden drei entscheidende Daten hervorgehoben; das Jahr 1897, in dem der erste Zionistenkongreß in Basel stattfand, 1917, in dem die Balfour-Deklaration gegeben wurde, und 1937, in dem der entscheidende Schritt zur Anerkennung eines jüdischen Staates getan wurde. Ittamar Ben Awi verlangt, daß der Staat „Jehuda" oder „Zion" genannt werde, während der Name Erez Israel weiterhin für das Gesamtgebiet des historischen Palästina gelten soll. „Jehuda" und „Zioh" ohne Jerusalem, in N a - tania, der Hauptstadt des Halbstammes Menasse! Wahrlich, Itamar ben Awi, der vor einigen Jahren, auch einmalig, ein hebräisches Blatt mit lateinischen Lettern herausgab, ist noch nicht zu Ende mit seinem Latein. Er kann - wieder für sich in Anspruch nehmen, anders zu sein, wie alle anderen! ... Von einem Mitarbeiter unseres Blattes wird uns geschrieben: „Seitdem aus oft sehr äußerlichen Gründen einige Reformgemeinden die Orgel aus ihrem ständigen G'ttesdienste (nicht immer auch aus dem „feierlichen" der Jamim noraim) entfernt haben, erscheinen in den orthodox-jüdischen Blättern immer wieder Ermunterungen und Ermahnungen zum Befolgen dieses Vorbildes. Hierbei wird dann gelegentlich aus Freude über diese Ereignisse oder im Eifer des Anmunterns zu weiterer Befolgung dieser „Theschuba" ganz vergessen gemacht, daß viel tiefere weltanschauliche Gegensätze uns von den Betern der Orgelgemeinden trennen. Besonders stark bagatellisiert werden diese Gegensätze des Denkens in einem Artikel der neuesten Nummer der Hamburger „Laubhütte".. Es geschieht in diesem Blatte in einem Maße, daß man sich unwillkürlich fragt: Was würde der Verfasser dieses Artikels tun, wenn ihm in einet Form, die schwer ohne Kränkung abzuweisen wäre, der Vorstand eines Orgeltempels, der wohl die Orgel zum Schweigen gebracht, aber die Gebete um die Wiedereinrichtung des den Liberalen noch immer suspekten Opferkults noch nicht wieder eingesetzt hat, um einen religiösen Vortrag in seiner entorgelten Orgelschul bitten würde? Welchen annehmbaren Grund hätte er, um diese Einladung, durch deren Befolgung er ein Stützer des Unglaubens würde, abzulehnen, wenn er die weltanschaulichen Verschiedenheiten so sehr nebensächlich behandelt! Es trifft doch gar nicht zu, daß in den Orgelgemeinden meist jetzt schon vorschriftsgemäß gebetet wird. Die Streichungen der Opferwiederhergtellung und selbst stellenweise noch des persönlichen Messiasglaubens sind doch fast nirgends widerrufen. Und das Vorbeten gesetzverachtender Kunstsänger ist doch auch in liberalen Gemeinden in absehbarer Zeit kaum abzustellen.' Es sollte daher bei allen diesen berechtigten' Ermunterungen zum Abschaffen der Orgel nie vergessen werden, auf die viel tieferen Unterschiede hinzuweisen, die uns noch von den Liberalen trennen. Dies mag ja in der gleichen liebevollen und brüderlichen Form geschehen, wie es der Verfasser des „Laubhütte"-Artikels betreffs der Orgel tut. Aber Offenheit ist der erste Grundstein der Brüderlichkeit; sie kann nur Zustandekommen, wenn Unterschiede nicht verschleiert werden. Das Bildungsniveau der deutschen jüdischen Beter ist g'ttlob noch heute zu hoch, um* den weltanschaulichen Fragen so ganz aus dem Wege zu gehen." So weit der Einsender. Man darf aber hoffen, daß wo die Orgel abgeschafft ist, der Boden auch für die Wiederaufrichtung des jüdischen Kultus ganz im Geiste von Thora und Tradition mindestens ordentlich aufgelockert ist. Von Oberrabbiner Dr. Jos. Carlebach.*) (Fortsetzung,) III. Eine Kritik des Geschichtsbildes in Auerbachs „Wüste und gelobtes Land". Die Einzigartigkeit unsrer Bibel und die Einzigartigkeit unsrer Geschichte, das sind die beiden Zeugen für die Einzigartigkeit, für die G'tterwähltheit Israels. An diesen beiden Zeugen zerschellt aller Unglaube, alle Bestreitung der Realität des G'ttlichen in der Welt. Die Tatsache der prophetischen Offenbarungen von Mosche bis Maleachi, die Tatsache der besonderen G'tteswaltung in unsrem Weltengang von' Abraham bis heute, diese Fakten waren es je und je, die den Pantheisten und Atheisten, den modernen Heiden welcher Schattierung immer ihr scheinphilosophisches Weltbild *) Siehe „Israelit" Nr. 25. zertrümmerten. Ganz besonders aber erwachte hier für den Juden, dem das D'Wfl ^33 TiVTJ das Gleichwerden mit allen anderen Völkern Herzenswunsch war, der aber in sich die Lage von 4000 Jahren, eine geschichtliche Prägung und Besonderung fühlte, die schwerste Problematik. Die Philosophen der Völker konnten * leichter über das Historische hinwegsehn und auf das Allmenschliche, Allgemeingültige der Menschennatur ihr System aufbauen; ihre geschichtliche Bestimmtheit und Sonderart drängte sich nicht so sehr in ihre Gedankenwelt ein. Anders der Jude. Der in seiner Volksgeschichte sich offenbarende G'tt steht ihm zu nah; an sich selbst erlebt er es stündlich, daß sein Volk ein Anderes, ein Hapax legomenon, ein „Chiddusch" im Völkerkonglomerat darstelle, daß am Juden sich eine Singularität der Menschheit aufzeige, die nicht wegdisputiert werden kann. „Ihr seid Zeugen für Mich, spricht G'tt," wollend oder nicht müßt ihr für das direkte Eingreifen einer jenseitigen Macht in das geistige und politische Geschehen auf Erden einstehen. Wo daher ein Es hängt in einem nicht mehr täglichen Privatbet- und Lehrhause. Die Aufschrift besagt: Dieses Parocheth wurde von einer Mutter zum Andenken an ihre zwei im Kriege gefallenen Söhne und ihren. ebenfalls im Kriege gefallenen Schwiegersohn gestiftet. Der Name des Vaters der Stifterin bedeutete einst das Leben einer Gemeinde und aller ihrer Umwohnenden,» den Glanz der Thora und des G'ilesdienstes einer ganzen- Gegend. Ist dieser Glanz, so haben wir uns ganz offen zu fragen, erst das Opier der katastrophalen letzten Jahrzehnte oder gar Jahre geworden? Gewiß, auch unter uns leben noch viek Leute, denen, wie dem Soihne des Josia und den Nachkommen des Hauses, dem dieses Parocheth entt tammt, gesagt werden könnte: Noch dein Vater lebte in Gerechtigkeit und Mühen wohler als du. 2u unseren Gemeinden als solchen aber muß gesagt yevden: Kehret zu den ganz alten Zeiten zurück, da euer Leben noch ein entbehrungsreiches und jü- ^ep-istarkes war, da eure >Jünglinge noch in zarten Jahren hinaus zu den Lehrstätten der Thora pilgeren, nicht um Rabbiner und Gelehrte in Amt und Wurden zu Werden,, sondern um danach als gewandte und tüchtige Männer des Erwerbslebens ihren Mann 2« stehen! Daß wir wieder Gemeinden von kleinen ''Zulsti werden, geschehe so wenigstens nicht um* *°ntlf sondern dieses Geschick eifere uns an, wieder 50 von G'ttvertrauen erfüllt zu werden, wie es unsere Väter, genauer unsere Ahnen im vorigen Jahr- «undsrt trotz meist schon erhaltener Bürgerberechtig'uiig fast ausnahmslos 'waren. _ Werden wir oder unsere Kinder nochmals den ins unbebaute Land hier oder „drüben" finden? Werden wir außer dem Glänze der "Zeit des Erfolges unserer Ahnen auch die Mühe der Zeit ihres, Aüfle£es als eine .heilige Erinnerung .zu pflegen und — zu wiederholen den Mut finden? Oder ist uns als gesunkenen Purpurgeborenen kein Aufweg mehr gegeben? Das wird uns die Zukunft, die allernächste Zukunft mit unerbittlicher Klarheit lehren. 9. Wenn aber, was mit G'ttes Hilfe bei der Kraft, die das Leben im G'ttesgesetze ausströmt, sich von selber versteht, diese Frage der. Zeit von uns richtig verstanden ist und wir den Weg zu unseren Ahnen mit Glück und Folgerichtigkeit beschreiten, dann sind wir durchaus berechtigt, den Weg zu unseren Ahnen zu wählen. Im Allgemeinen hat sich in dieser Frage eine sonderbare Assimilation an unserem Charakter vollzogen: Es gehört zu den Eigenschaften des Menschen, leicht seiner eigenen Nation Verdienste und Vorzüge zu unterschätzen, und diese menschliche Eigenschaft, alles gern von weither zu beziehen und das aus der Ferne Kommende leicht den einheimischen Dingen zu überordnen, ist auch auf die Juden Deutschlands übergegangen. Insbesondere in den letzten Jahrzehnten breitete sich bei ihnen eine einseitige Ueberschätzung alles dessen aus, was unter anderer Flagge segelt; Falsch verstandener Lehren und Unkenntnis der unvergleichlichen Geistesgeschichte der Gründungen der Großen unseres vorigen Jahrhunderts, oft auch absichtliche Ignorierung ihres Werkes haben stellenweise das Angesicht der deutschen Nachkriegsjudenheit entstellt, Das war nicht notig! Mit Bewunderung standen. wahre Große des Ostens vor dem Phänomen dieses Aufblühens und gestanden dies offen zu. Da sollte es Ehrenpflicht auch des westlichen Juden der Gegenwart bleiben, zu erklären: Dahin können wir getrost zurückkehren. Es ist auch im Sinne eines richtig verstandenen Chassidismus kein Gewinn, .wenn in Nachahmung anderswo wohlbegründetec Brauches eine Gemeinde ihren Frühg'ttesdienst von der im Westen früher selbstverständlichen Pünktlichkeit losmacht und dem Zufalle der sich sammelnden Leute preisgibt, mit dem zweifelhaften Erfolge, daß sich die an bestimmte Zeiteinteilung gebundenen im Leben stehenden Beter von diesem G'ttesdienste zurückziehen und ihn den Unbeschäftigten und Unterstützten überlassen müssen! Der größte Stolz deutscher Gemeinden war allezeit die Teilnahme der im Leben stehenden, im weitesten Sinne beschäftigten und rührigsten Leute am G'ttesdienste. Eine Thora und ein G'ttesdienst, die sich mit bürgerlicher Beschäftigung mangels zeitlicher Festlegung nicht vereinbaren lassen, sind dem Untergange geweiht. 6. Wohl sollen uns die Ereignisse der jüngsten Gegenwart gewiß nicht in die Beschränktheit jenes westlichen Partikularismus zurückwerfen, die im vorigen Jahrhundert soviele Juden des Westens zur völligen Entfremdung gegenüber aller jüdischen Ueberlieferung mißleitet hat. Aber gerade der Schreiber dieser Zeilen, der sich keineswegs zu der im engeren Sinne westlichen Judenheit rechnen kann und will, kann es bekunden, daß in allen Zweigen der Judenheit nur Befriedigung darüber herrschen würde, wenn die Juden jeglicher Herkunft des Adels ihrer großen Ahnen eingedenk bleiben und wenn ihre Kinder in dieser Zeit der Wanderung das jüdische Leben mit dem herrlichen Geisteserbs ihrer eigenen Vorfahren bereichern würden. Wie die Namen auf dem oben in Trauer erwähnten Parocheth unvergänglich strahlen, so soll auch auf der Brust des Hohenpriesters allezeit ein Schild leuchten, dessen Edelsteine die Namen aller Stämme Israels trägt. Und dazwischen glänzt der Name des Stammes Israels, dessen Geschichte bisher auf deutschem