Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1937)
- Date
- 1937-07-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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HI lioMoll.o-o BÖTöTöir ItMlf H rziefaung und Lehre Pädagogische Beilage zum „Israelit" j , 3 Organ des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands [00=5 —IIIHIh- =UlM]Lh= —^]ojo o||o—o|ö o||o|| 1— ^(Mlt^ —iiii—i ti t—i -HIIHI Die Gestaltung der jüdischen Schule unter dem Gesichtspunkt jüdischer Lebensführung. Von "Wilhelm Stern in Berlin. Das jüdische Leben ringsum hat — wie uns allen schon längst zur Genüge klar ist — in dieser Zeit aufgrund eines kräftigen und wirkungsfähigen Impulses eine genaue Richtunggebung erfahren. Dieser Impuls, von außen kommend, hat wie von je Struktur und Bewegung unseres Lebens erfaßt und bestimmt. Für uns ist heute jedes Tun mehr oder weniger zwangsläufig; wir können nicht anders als gerade s o sein und handeln, wie wir zur Zeit sind und handeln. Doch — Tun, Handeln steht in der Mitte zwischen Ursache, Motiv seiner selbst und Folge, Auswirkung seiner selbst. Ein Querschnitt durch unsere Tage darf nun nicht allein das Sinnlich-Gegebene, das in die Augen Springende betrachten, sondern muß auch jenem Funktionalen Genüge tun. Denn das Motiv gegenwärtigen Tuns ist etwas Geistiges — das, erweckt durch jenen Impuls von außen, sich nun zwischen diesen und unsere Reaktionen schiebt — ebenso wie auch die Auswirkungen nicht so ohne weiteres sinnlich erkennbar sind. Das Beispiel unserer Zeit ist zwar, was Umstände, Mittel und Ausdruck des Lebens betrifft, durchaus neu und einmalig, im Hinblick aber auf die Leitgedanken und Leitprobleme ein Ausdruck von vielen der jüdischen Bestimmung! die in hundertfältigen äußeren Abwandlungen innerlich und ureigens stets dieselbe Prüfung und das gleiche Glück den jüdischen Menschen bietet. Wenn wir der Gegenwart Entstammenden uns in Sorge um unsere und unserer Gemeinschaft Zukunft mit der Frage der jüdischen Schule als dem notwendigen Organ unserer geistigen Fortpflanzung befassen, so geschehe das mit dem Leitgedanken, daß gerade dieses vitale Problem schon sehr — ja man kann sagen: allzuhäufig — theoretisch behandelt wurde, daß aber eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis kaum ausreichend hergestellt ist. Wir wollen den Versuch einer solchen Verbindung wagen; und damit ist unser Gedankengang gegeben. Allerdings liege der Nachdruck auf dem Praktischen. Und was kann eine solche' Themenstellung bedeuten? — Sie bedeutet, daß dem Weg, den die Schule geht, gehen muß aufgrund jenes äußeren Impulses, 1. die durchaus vorhandenen geistigen Voraussetzungen in uns selbst und 2. die Auswirkungen, die ein spicher Gang kohsequenterweise haben muß, daß diese nicht sinnfälligen Funktionen unseres Tuns und Seins kufgedeckt werden müssen. Denn gerade bei Betrachtung der Schulfrägehuldigt man leicht dem. jüdischen Zeitgeist, der die äußeren Vorgänge losgelöst betrachtet. Wenn man aber den Blick offen hält für die Zusammenhänge des Funktionalen, so ist man ein Glied wahrer jüdischer Tradition, die das jüdische Schicksal mit der notwendigen Abwandlung auch uns übermittelt hat. „Jede dauernde Funktion schafft sich ihre Organe." So sagt Philipp Heerdt in seinem Buche 'iVom Sinn der Schule" und meint damit, daß auch die Schule in ihrer Existenz und ihrem Aufbau das Organ bestimmter gesetzhafter Lehensvorgänge ist. In durchaus zwingender Form weist er diese Abhängigkeit für den allgemeinen Begriff „Schule" nach; diese Tatsache macht das Werk wichtig und wertvoll, doch für uns unbrauchbar. Denn unsere ^Schule", die uns jetzt beschäftigt undinteressiert, ist kein Begriff, sondern ein Realausdruck •— das Schulgebäude, so können wir ruhig sagen.- Denn „Schule" begriffsmäßig ist für uns das ganze Leben von der ersten bis zur letzten Stunde unseres Daseins; und das deshalb, weil wir Juden sind. Doch das Schulhaus beschäftigt uns. Verbindlich aber ist in. diesem Buch, daß auch diese ^unsere" Schule-.Organ des Lebens ist und damit Organ unseres Begriffes „Schule". Es gilt also die Funktionen jüdischer Existenz aufzuhellen, denen d'e Schule ihr Dasein verdankt; es gilt .die Zusammenhänge des augenblicklichen Weges zu verstehen und damit seihe Auswirkungen — d. h. in diesem Falle: die praktische Gestaltung des Schuli$Qhen Lebens — zu erkennen. , Das wichtigste Prinzip, unseres Lebens ist ausgedrückt in den Worten: nun Bsbn n«n oypbit tu atpiin onKi „Die ihr anhanget dem Ewigen, Eurem G'tte, lebet alle auch heute!" Nicht schneide das „Heute* gegenüber dem „Gestern" euren Lebensfaden ab; sondern es ist Pflicht eurer Gemeinschaft, in jeder Situation zu leben und die Notwendigkeiten des Lebens zu erfüllen , und die Möglichkeiten der Existenz zu erfassen. Es steht nicht im Widerspruch mit „Judesein", es schädigt nicht die Herrschaft der .Thora, wenn der jüdische Mensch sich in jeglicher Lage das Leben erwirbt. Es ist vielmehr umgekehrt ein Kennzeichen und eine Aufgabe des „G'ttverbundenseins", wenn er und alle sich mühen, auch heute zu leben, wie immer das Heute aussieht. Es ist das hervorragendste Kriterium für die Totalität der Thora als Organ dieses „G*ttverbundenseins", wenn wir in einer Gegenwart von jeglicher Struktur mit den Aufgaben und Stürmen fertig werden. Es ist da£ herrliche Kennzeichen des Thorageistes und beweist am schlagendsten ihren g'ttlichen Ursprung, daß sie immerwährenderDeduktionen fähig ist, um für jedes Zeitalter gültig zu sein, und daß darum aus der Mischna die Gemara entstand, die wieder weiter ausgebaut wurde in den großen Werken der Dezisoren aller Jahrhunderte, und daß die halachische Literatur so bis in die fernste Zukunft nicht unterbrochen werden wird, s'n a"n fr- S o wie die Frucht des Lebensbaums ewiges Leben gewährt, so bedeutet die Thora ein ewiges Fortpflanzen und Bestätigen ihres Geistes. Kein menschlicher Lehrsatz, der — wenn auch vom größten Geist — stets nur von einem Menschen gefunden wäre, könnte eine ewige Deduktion aushalten; denn solange der Mensch nicht allwissend ist, beruht sein Lehrsatz — wie z. B. in der Physik — nur auf unvollständiger Anwendung des Erkannten; und seine Gültigkeit bricht sich irgendwo doch. Auch der Satz von der Erhaltung der Energie hat seine Grenze. Damit ist das erste Prinzip jüdischen Seins gegeben; die Forderung zu leben. Wir wollen es nennen: die Notwendigkeit des Lebens. Aber wir leben nicht darauf los. Was kann man von uns verlangen? — Man findet häufig als Ideal aufgestellt ein „menschenwürdiges Leben'. Eine solche Forderung ist groß und wird —• ernst genug aufgefaßt — auch unserem Standpunkt nahekommen. Wir gehen nur noch den einen nötigen Schritt weiter und haben das Postulat eines g'tt es würdigen Lebens. Damit ist ein bestimmter Aspekt gegeben, der alle Händlungen und Vitäläußerungen auf konträrsten Gebieten unter eine innere Gesetzmäßigkeit faßt und allem Tun eine Einheitlichkeit und Abstimmung aufeinander verleiht. Unsere Gemeinschaft ist auf diese Einheitlichkeit gestellt und vermag darum dieses wunderbare Band um ihre Glieder zu weben, das den Bestand unserer Gemeinschaft über Zeiten und Räume hinweg und in allen Variationen des Leidens und Tragens ausmachte und ausmacht. Diese Einheitlichkeit des Gemeinwesens wird jedoch im Einzeihen zu einer Einheit weiter gebracht. Denn es gibt zwei Ausdrucksformen des Existierens; Körper und Geist, Ihr Zusammenhang besteht darin, daß der Körper der Träger des Geistes ist, also allein „haftbar" ist und „zur Verantwortung gezogen" werden kann für alles Tun und Lassen. Es-ist nur zu begreiflich, daß sich der Körper zu emanzipieren versucht von dieser' Last; und das Problem (lLeib und Seele", das die Erkenntnistheoretiker quält, scheint hier auszugehen. Uns ist dieser Kampf des Körpers gegen den Geist auch geläufig, und wir drohen einer , gefährlichen Macht in jeder Stunde zu erliegen. Die Einheit jedoch, die sich uns stets, wenn wir wollen, herstellt, geht von unserem Geiste aus, der ein besonderer, der ein einmaliger in der Welt ist. Aller Weltgeist ist geschieden.in Ethik und Logik; unser Geist ist eins, weil ihm Erkenntnistheorie auch Ethik und Ethik auch Erkenntnistheorie ist. Solche geistige Einheit läßt jede körperliche Funktion zu, die logisch richtig handelt, weil sie dann auch sittlich handelt. Was jedoch richtig ist unter gegebenen Umständen, — wir kommen noch darauf zurück — muß „gelernt" werden. Ist es nicht | merkwürdig, daß die jüdische Religion als oberstes Gebot das „Lernen", das Eindringen in die letzten erkenntnismäßigen Zusammenhänge aufgestellt hat? — In diesem Gedankengang ist es nicht mehr merkwürdig. Denn das logisch richtige Tun ist schwer zu erkennen, weil das Weltgebäude ein systematisches, oder kompliziertes ist. Deswegen ist uns der Urgrund unsres Handelns in allen Einzelheiten dargestellt, damit wir wenigstens vorläufig mal das Richtige tun. — Das Körperliche ist Funktion des Logischen, und für uns damit auch des Ethischen, und damit ist die Einheit von Körper und Geist, die Einheit des Lebens gegeben. Als zweites Prinzip stellt sich also dar: d i e Einheit des Lebens. Eine solche Einheit umfaßt für uns erstens das Selbst-Tun und zweitens das werfende und auffassende Betrachten des Tuns und Seins um uns. Beides steht in engstem Zusammenhange. Es gilt nun zu bestimmen, inwieweit das Tun ein jüdisches Tun und das Betrachten ein jüdisches Betrachten ist. Fangen wir mit dem zweiten an. (Fortsetzung folgt.) Die Beziehung der Mutter zum Kinde im Talmud und Midrasch. Von L. Wiesner in Wien. Mit tausend Banden ist die Mutter an ihr Kind gebunden. Als berufene Ernährerin, Pflegerin und Erzieherin steht sie immer im Mittelpunkte ihres Hauses. Zu dem Bibelworte: mbn nawn „und sie stand vom Gebären auf" (Genesis 29, 35) bemerkt der Midrasch: „Was hält den Fuß der Frau in ihrem Hause fest? Es sind die. Kinder, die sie geboren."1) Die Mutter ist an ihre Behausung festgehalten und kann sich aus derselben nicht entfernen, weil sie jeden Augenblick gewärtig sein muß, daß ihr Kind nach ihr verlangt.. Ueber das Säuglingsalter hinaus muß sie ihm bei der Nahrungsaufnahme behilflich sein, indem sie ihm feste Speisen vorkaut und in den Mund steckt.2) Am Versöhnungstage darf sich die Mutter eine Hand waschen, um ihrem Kinde Speise zu geben.3) Ohne Wissen der Mutter soll keine fremde Person einem Kinde Brot und dergl. geben. Die Mutter will wissen, wer sich bei ihrem Kinde ZU schaffen macht. Man befürchtete Bezauberung oder sonst irgendwelche gesundheitliche Beeinträchtigung des Kindes.4) Der Kinder wegen ist der Mann geneigt, manche Fehler und Schwächen seiner Frau zu übersehen.5) Die Rücksicht auf die mit einem Säugling zurückgebliebene Frau verbot dieser das Eingehen einer zweiten Ehe innerhalb der normierten Säugezeit von 24 Monaten von der Geburt des Kindes an gerechnet, auch dann, wenn sie dem Kinde eine Amme zu halten bereit war.0) Schon in talmudischer Zeit bedauerte man das Los von Kindern, die eine Stiefmutter bekommen. In der Strafrede Moses .„deine Söhne und Töchter werden hingegeben einem anderen Volke." (Deuteron. XXVIII 32) erblickte Raw das traurige Los von mutterlosen Stiefkindern.7) Nachdem die Mutter dem Kinde Gesicht und Hände gewaschen hatte, brachte sie es morgens zur Schule, ebenso begrüßte sie es liebevoll zu Mittag bei seiner Rückkehr aus derselben.8) Wo eine ältere Schwester im Hause war, half diese bei der Erziehung der jüngeren Brüder mit.9) Bei der Erziehung der Söhne zu einem frommen Lebenswandel fühlte *) Genes, r. 71, 5. 2) Midr. Lekach Tob (Buber) a»'i S. 196, Merkwürdigerweise ist vom Zahnen der Kinder weder im Talmud noch im Midrasch die Rede. 3) Joma 77b. 4) Sabbat 10b, Bezah 16a, Nu. r. 19, 33, Chulin 94a, Derech Erez. c. 9. 5) Gen. r. 71, 2. 6) Kethuboth 60b. *) Jebamoth 63b.