Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1937)
- Date
- 1937-07-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 28 Der Israelit 15. Juli 1937 Wenn jeder, der die Keren Hatorah-Ziele begreift, in die .K'8F©n HQtOt"oh -|SQTT) TD&\dOS©. täglich wenige Pfennige legt, dann können wir allen unseren Aufgaben'gerecht werden. Dosen anfordern bei: X ere n H a t o r ah, H a m B"u r g- 13 , H e i n r i c h B a r t h s t r a ß e 21 und, soweit der Preußische Lahdesverband in Betracht kommt, mit der Jüdischen Gemeinde in Berlin bleiben. Berufsausbildung und Berufsumschichtung können den betreffenden Gemeinden zur eigenen Verwaltung überlasseh werden. Die Aufgaben des aus der Mitte des Rates aus fünf Mitgliedern gebildeten Haushaltsausschusses werden genau festgelegt. Im Rate werden nun zwölf Vertreter des Preußischen Landesverbandes sitzen, von denen nicht mehr als die Hälfte ihren Wohnsitz in Berlin haben. Die Zahl der Vertreter der Organisationen wird um zwei vermehrt. Der vom Rat einstimmig neu zusammengesetzte Präsidialausschuß besteht unter dem Präsidium von Dr. Baeck aus folgenden Mitgliedern: Otto Hirsch, Franz Meyer, Alexander (Krefeld), Freimann (Frankfurt a. M.), Grünewald (Mannheim), Josephsthal, Klee, Landenberger (Nürnberg), Michaelis, Schmeidler, Seligsohn, Stahl und Sulzberger. Es wird in dem ausgegebenen Berichte davor» gesprochen, daß die in den Rat eingetretenen zwei Mitglieder Vertreter der Staatszionistischen Organisation und der Unabhängigen Orthodoxie seien. Diese Meldung eilt, nach von zuständiger Seite uns gewordener Auskunft, den Dingen voraus. Verhandlungen sind wohl im Gange, doch sind diese zur Stunde noch nicht bis zum Eintritt eines Vertreters der Unabhängigen Orthodoxie in den Rat der Reichsvertretung gediehen. * * Auf der Weltkonferenz für religiösliberales Judentum in Amsterdam unternahmen Rev. M a 11 u c k und die Ehrensekretärin des Weltverbarides, Miß Lily H. Montagu, den mühsamen Nachweis, daß das Reformjudentum bedeutende Erfolge erzielt habe. Ihm gehöre die Zukunft. wenn die Führer zuweilen auch versagt hätten, Die Reform als solche gewinne Boden auch, in Palästina. — Wir, die die Erfolge der Reform gesehen haben und die Bewegung an ihren Früchten zu erkennen Gelegenheit hatten, können zu dieser Seibstbeweihrauchung nur hinsichtlich der letzten Bemerkung eine Warnung an Palästina aussprechen. Es wäre in der Tat sonderbar, wenn die Reform, die in Mitteleuropa, und nicht nur hier, Schiffbruch erlitten hat, nicht im neuen Palästina unter den sich ankündigenden neuen Verhältnissen Wurzel zu fassen suchte. Prof. Dr. Ismar Elbogen hatte Gelegenheit, ium Probleme der Proselyten . ein richtiges Wort zu sagen: „Es muß eine gründliche Kenntnis des Judentums gefordert werden. Nur durch solche Kenntnis kann ein Damm gegen die Abfallbewegung errichtet •Arerden!" Und g e'g e n die Reform, fügen wir hinzu. 25 JAHRE AGUDA. Von Dr. Isaac Breuer. . (Fortsetzung.) III. Die Aguda ist die nationale Weltorganisation der Thora. Der Agudismus im formellen Sinne spricht dies aus, indem er der Aguda die Bestimmung zuweist, die jeweiligen Gesamtheitsaufgaben im Geiste der Thora zu lösen. Diese Bestimmung ist so zeitlos ewig, wie die Thora selber. Solange es ein Volk der Thora gibt, vom Tage des Sinai bis ans Ende der Tage, wird dieses eine andere Bestimmung nicht haben Die Idee der unter der Alleinherrschaft der Thora stehenden jüdischen Volkseinheit macht das Wesen des Agudismus im formellen Sinne aus. Die aus dieser Idee sich ergebenden Konsequenzen, verbunden mit einer Rückschau über das im verflossenen Zeitraum Geleistete, sind bereits dargestellt worden. Die Unveränderbarkeit der formellen agudistischen Zielsetzung entspricht durchaus der Unveränderbarkeit der Thora und ihrer Herrschaftsbeziehung zum jüdischen Volk. Im besonderen diese Herrschaftsbeziehung ist keineswegs etwa von der jeweiligen Zustimmung der Glieder des jüdischen Volkes, der Einzelnen wie ihrer Vergemeinschaftungen, abhängig. Letztere können, als freie Menschen und freie Menschengruppen, gegen sie verstoßen, können an ihr, vorsätzlich oder fahrlässig oder unglücklich, .zu Frevlern werden. Aufheben können sie sie nicht. Auch der vorsätzliche oder fahrlässige oder unglückliche Verstoß freier Menschen oder freier Menschengruppen gegen das Sittengesetz läßt die Geltung des Sittengestzes gänzlich unberührt und drückt lediglich den Verstoßenden den Makel der Sittenwidrigkeit auf. Gegenüber der absoluten Realität der Idee des Guten ist das Böse und der Erfolg seiner Bekenner nichts als Episode. G'tt selber hat am Tage des Sinai die Herrschaftsbeziehung der Thora zum jüdischen Volk als absolute Realität in die Weltordnung eingeführt, und diese Realität steht der Realität der Natur in ihrem Verhältnis zu den einzelnen Dingen innerhalb der Natur in nichts nach, wenngleich die Dinge innerhalb der Natur zu Frevlern an der Natur nicht zu werden vermögen. Gegen diese Grundsätze verstößt der Misrachi, indem er nicht dem Tage des Sinai, sondern dem Tage vor Basel die „Realität" zuerkennt, und indem ihm folgerichtig die . Herrschaftsbeziehung der Thora zum jüdischen Volk lediglich als ein erstrebenswertes Ziel gilt. Nicht das Sichtbare und das Greifbare, sondern das Unsichtbare, das Ungreifbare, ist das allein Reale. Wer dies für Mystik nimmt, kennt nicht nur das Wesen des Judentums nicht, sondern auch nicht das Wesen der — Welt. — Es wäre aber die Aguda nicht die nationale Weltorganisation der Thora, würde sie im formellen Agudismus haften bleiben. Zwischen der über das jüdische Volk herrschenden Thora, ewig unabänderlicher Realität, und dem jüdischen Volk und seinen Gliedern, hineingestellt in die Welt der ewig wechselnden Erscheinungen, steht und vermittelt die — G e s c h i c h t e. Der Agudismus im formellen Sinne hebt die ewig unabänderliche Realität der die Thora und das jüdische Volk verbindenden Herrschaftsbeziehung ins Bewußtsein. Der Agudismus im materiellen Sinne gehört ganz der Geschichte an. Zwischen ihm und dem formellen Agudismus besteht so wenig ein Gegensatz, wie zwischen der Thora als ewig unabänderlicher Realität und der Geschichte der Thora. — Denn auch die Thora hat ihre Geschichte, Die am Sinai geoffenbarte Totalität der Thora, bis zum allerletzten Tor der Erkenntnis nicht einmal von unserem Lehrer Möschen durchschritten, entfaltet sich in einem geschichtlichen Prozeß, dessen Träger das in die Welt der ewig wechselnden Erscheinungen hineingestellte jüdische Volk ist, Der Entfaltung der Thora entspricht die Entwicklung des Volkes Seit dem Sinaitage begrüßt das jüdische Volk die nämliche, ihm vorgehaltene Rolle der geschriebenen Thora mit dem Ruf: „Und dies — die Thora, die Moscheh Jisraels Söhnen vor-' gesetzt, auf G'ttes Spruch, durch Moscheh's Hand." Und seit dem Sinaitage kündet die nämliche Rolle dem jüdischen Volk von Generation :> Ein Tischo fceaw der Erwartung! Seitdem in jener Tränennacht in der Wüste eine r-mnb "Ol» eine Nacht des Weinens für alle Zeiten ausgerufen wurde, hat jedes Geschlecht seine eigenen Tränen und seine eigene Trauer. Die Klagelieder J i r m e j ä h u s sind von ganz anderer Farbe und Tönung als die Rufe Rabbi Jochanans, Sohn Sakkais, und andere Melodei haben die Zionslieder Jehuda Halevis, als das Leid und das Lied unserer Tage. Wollte man durchaus systematisieren und rubrizieren, könnte man die mit den genannten Namen angedeuteten vier Kapitel unserer Geschcihte etwa mit folgenden Ueberschriften versehen: Zusammenbruch, Sammlung, Sehnsucht, Erwartung. J i r m e j a h u, der Prophet des Zusammenbruches, sitzt auf den Ruinen, die noch warm sind vom Feuer der Zerstörung, frisches Blut klebt an den Steinen, er hat das Kettengerassel in den Ohren. Er sieht nur Jammer, Verödung, Zusammenbruch um sich herum, und aus dem Mund des großen Warners entringt sich jetzt der Echa-Schrei, der sich erschütternd durch die Generationen trägt. Es wäre für ihn verführerisch gewesen, sich selbstgerecht auf die Prophetenbrust zu schlagen und zu triumphieren? „Habe ich es Euch nicht gesagt? Nun habt Ihr es!" Aber nun, da das Unheil da ist, wird der Warner zum Klagenden, dem Gegenwartsjammer ins Herz schneidet. Was war es da mit Nebukadnezar, dem sie zu ihrem Unglücke die Treue brachen, was mit dem „wankenden Rohr" Aegypten, auf das sie ihr Vertrauen setzten, was die Sünde des Volkes? Er sieht im Momente keine Schuld, er sieht nur Schicksal, und er weint. Anders jener große Rabbi von Jawne, sechshundert Jahre später. So früh und so intensiv hatte sich schon Jahrzehnte vorher das Unheil angekündigt, daß es Männer gab, die, wie Zadok, all ihre Tage und Jahre in Fasten und Trauern verbrachten um das drohende Schicksal. Rabbi Jochanan s a mm e 11 e , er baute im stillen Winkel, indes die römische paust an die Mauer Jerusalems pochte und* dann über Zion wuchtig sauste, um Staat, Stadt, Tempel und Volk zu zerschlagen. In den Weinbergen um Jawne blühte neues Leben heran, und der Römer ahnte es nicht. Es galt, die letzten Reste und Kräfte zu sammeln, und sie waren mehr, als er vielleicht auch selber ahnte. Die Mauern barsten, Stein und Holz fielen in sich zusammen, und ein neuer Tempel erhob sich zwischen Feldern und Rebbergen, ein geistiger Tempel in Mischna, in Talmud, in einem Gesetzesbau, der uns in den folgenden Golusjahren durch alle Zeiten und Zonen Heim und Obdach geworden ist. Leidreich genug war die Arbeit der Seher auch zur Zeit der zweiten Tempelzerstörung, aber es war die Tränensaat, die die spätere Ernte sicherte. Und tausend Jahre später erklingt ein Lied, wie es kaum je die Welt gehört hat, ein Zionslied, ein Lied der Sehnsucht. Mitten aus Glanz und Glück in der kastilischen Zeit steigt diese Sehnsucht, dieser Ruf nach Zion auf und kann in der jüdischen Welt seitdem nicht mehr verhallen. Nicht aus Zusammenbruch geboren, denn der Poet . hatte diesen nicht erlebt; nicht als Ruf zur Sammlung, denn die geistige Sammlung der jüdischen Diaspora wies, damals mehr nach der Pyrenäen als nach dem Jordan; aber es war die Sehnsucht im Blüte; Zion, das auch im Glück undv Glanz uns als Ziel nicht au^ den Augen kommt, bewegte die Saiten seiner Leier- Es war die jüdische Volksseele, die 1100 Jahre nach dem nationalen Zusammenbruch in Jehuda Haievi weinte, sang und hoffte. Und heute? Wir werden wieder am 9. Aw vom Schmerze zu Boden gerissen — und warten. Unsere heutige Trauer ist die angstvolle Stimmung der Erwartung. Zehn Tage vor der' historischen Tränennacht wird, genau 1869 Jahre nach Ltf- Störung unseres Staates, uns Erez Israel als Ju" denstaat wieder angeboten. Es hätten Tränen der Erlösung, der Erfüllung sein können, spürten wir mit dieser Verkündung auch etwas von dem Messiasruf. Der Messias ist aber nicht dabei, denn der Messias kommt nicht für die Teilung, weder für die Teilung des heiligen" Bodens, noch tür die des Volkes. Messias will einen, will Land und Volk,,, verbunden mit seinem G'tte, als Ganzes seaeu. Elijahu wird erst die Herzen des Volkes, die Helzen von Jung und Alt einen, um dem Erlöser den, v» f s zu bahnen- Das Elijahuwerk ist noch nicht vcbracht, und der Boden der Väter vwird a u s e i n a D' dergerissen. Wir werden weiter w e inen un warten. Messias ist noch nicht da, aber vielle|cn unterwegs! Vielleicht ist eine neue Etappe zu Moschiach erreicht, wo wir, wie in der Wüste an de* Grenze des gelobten Landes, von neuem vor dt Probe gestellt werden: „Wollt Ihr, oder wollt nicht? . . . "