Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1937)
- Date
- 1937-07-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 27 1937 Kenessio Gedaulo Vorstimmung. ' , 1. ' Noch länger durfte ich mich dem Ruf* der Pflicht gegenüber nicht taub -stellen, und so machte ich mich, noch Schowuausnachklang im Herzen, auf die Reise — zur Inspektion — oder .>bescheidener ausgedrückt: zum Besuch — -der'B.e-th Ja k ob -Sern ina r i e n in Czern owi t z und Krakau, zur Teilnahme am Bnos-Kongreß in Lp d z und zu kurzem. Verweilen in einer der großen polnisch-litauischen Jeschiwaüs — in Kami n'ie c-Litewsk, -— wo ich mit Vertretern der Deutschland entstammenden Bächurim eine Zusammenkunft hatte. ' „Kenessio Gedaulo Vorstimmung" betitele ich diesen Bericht, denn" iii 'dem Zusammensein mit den Gesinnungsgenossen in den verschiedenen -liändern, in dieser brüderlichen^ Begegnung, in diesem Ergriffenwerden ' von ' vielem* Großen, in diesem; Angepacktwerden von vielem Leid, in diesem Göluserleben, Miterleben liegt etwas von jener Stimmung, die nur auf der Kenessio .Gedaulo, über das Organisatorische, und Demonstrative1 hinaus, in ihren Bann zieht und deren: Wirkung i:wir in uns noch spüren sollen, wenn wir schon längst wieder „zuhause"» von der Zange unseres Alltags festgehalten sind. Ich berichte über -diese. Reise vor. der agudistischen Oeffentlichkeit des Westens,, damit sie weiß, daß wir im Osten starke und gesunde Positionen haben, Positionen, die aber alle mehr ioder weniger gefährdet sind, wenn der jüdische Westen nicht mit verdoppelter Kraft und erhöhter Liebesbereitschaft eingreift. Hisjaschwus ist nach dem Wort unserer Alten immer eine Gefahr für geistige und seelische Entfaltung; oft erstarkt unter der Sorge um das, tägliche Brot die Sorge um das „Brot unseres G'ttes"! Die Müdigkeit und Kühle, die aus solchem Hisjaschwus fließt, erleben wir im Westen leider alle — oder doch fast alle — an uns. selber; die Sorge, im jüdischen Osten die geistigen, und organisatorischen Stützpunkt^, unter traurigen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen zu halten und noch auszubauen, diese Sorge ist ein gewaltiges Ruhmesblatt in der Geschichte unserer Brüder und Schwestern -— in P ö 1 e n^und Rumänien! Als ich Brisk am 25» Siwan besuchte, wußte ich, was das heißt; ">8~b nttV? ,)•>«■,'— ich hatte zuhause von den „Brisker Ereignissen.} gelesen und war aii ihnen — „nach kurzem Bedauern" — vorbeigegangen, nun stand ich ihnen gegeaüber, und schämte mich der eigenen Gefühlskälte — — der Jude in Polen hat es heute also bitter schwer, und dennoch; das Wort unseres Psalmendichters, das wir Westler auch sprechen, der Ostjude erfüllt es, er erlebt es: "JS>3 »/na«, r« »ytz»yi? ^/nm ^bib und beweist, daß Rabbi Jisroel Salanters b'pm Wort noch immer wahr ist, daß der »iwn "|V03 geringer ist als der iffiyn ]t>dj. Daß die polnische Agudas Jisroel sich in schlechter organisatorischer Verfassung befindet, ist dem Eingeweihten bekannt und braucht auch vor dem Außenstehenden m. E. nicht verheimlicht zu werden, ebenso weiß der mit den Verhältnissen Vertraute, daß in Rumänien, dem „Land der unbegrenzten,., agudistischen Möglichkeiten" die^ Agudo auch heute noch ziemlich in den Kinderschuhen steckt, doppelt anzuerkennen ist daher, wie hier, wie dort, Einzelne in unermüdlicher Hingabe am großen Werk der Jugenderziehung arbeiten und großartige Erfolge aufzuweisen haben. „Drei Worte nenn' ich euch, inhaltsschwer" — Czernowitz, Lorz und Krakati. Als ich vor acht Jahren als erster agudistischer ,'^Emissär" nach Czernowitz kam, da warnten uns die Wohlmeinenden davor, im Namen der Agudas Jisroel das Banner der Orthodoxie zu entfalten,/ — es würde gewiß zu „politischen Schlägereien" kommen — heute ist Agudas Jisroel dort ein Faktor, mit dem man rechnen muß! Damals war die Gründling einer Beth Jacob-Schule in Czernowitz eine schwache Hoffnung, heute ist die G t'je r n o w i t z e r Beth Jacob-Lehrerinnen aüsb i 1 d u n g s - stät"te eine Tatsache, deren Bedeutung selbst politische Gegner zu würdigen wissen/ Und wenn .ich hier auch nicht im Einzelnen Bericht erstatten will über die äußerst befriedigenden Feststellungen, die ich dort machen konnte, so darf doch dies ausgesprochen werden: Ueber der Czernowitzer Ausbildungsstätte liegt „Kenessio Gedaulo*Vorstimmüng", wenn K. G. bedeutet: das harmonische Hand-in- Hand-Arbeiten der verschiedenen Gruppen, Richtungen und Landsmannschaften. Eine Enkelin des großen Wiener Raw, Rebbe Schlaume Spitzer, hat diese Anstalt gegründet, und sie hat sie auf- und ausgebaut in gemeinsamem, aufeinander abgestimmtem Wirken mit einer Enkelin von Rabbi Jizchok Lange, Halberstadt, in treuer Kollegialität mit der dritten Lehrkraft, einer Tochter der Bukowina. Der Geist des isio ann# der Geist Bester deutscher Thorakultur hat sich mit dem Geist des Landes vermählt und diese schöne und prächtige Stätte des Lehrens und Lernens geschaffen. Und wenn hinzugefügt wird, daß ein einziger, junger Mann länger als ein ganzes Jahr das gesamte Defizit der Anstalt bestritten hat, — erst eine in vollem Betrieb und kräftiger Blüte befindliche Czernpwntzer Anstalt wandte sich an die Beth Jacob-Zentrale mit dem Ersuchen um Subventionierung —, wenn bemerkt wird, daß unsere Czernowitzer Jugend, ohne jemals zentrale Instanzen in Anspruch zu nehmen, seit Langem eine Wochenzeitung herausgibt und nun mit der Gründung einer agudistischen Tageszeitung beschäftigt ist, dann weiß man: omas n« mn iws aps» n»a bx '*i m« na -pb daß treue Enkel am Werk sind, um Abrahams Beruf: infWi*"" zur Erfüllung zu bringen. — Und man soll dies in noch imposanterer Weise auf der Aguda-Bezirkstagung im benachbarten S i r e t am 20. Siwan wahrgenommen haben — ich selber konnte an ihr leider nicht teilnehmen, weil mein an das „kalte Klima des Nordens" gewohnter Körper sich nicht so schnell auf südländisches man^nn umstellen konnte und streikte — wo eine vielhundertköpfige Delegiertenversammlung von morgens um 10 Uhr bis nachts um 1 Uhr ausharrte, um durch u n s e r n Dr. Ehrmann, der, selbstlos, wie immer, aus Lemberg sich „verschreiben" ließ und dort vom Rednerpult weg zum Zuge raste, die Grüße und Wünsche der „zentralen Agudainstanzen" entgegenzunehmen! Aber ich selber hatte auch das Glück, an einem großen, agudistischen 01J2 teilzunehmen,. an dem „Kongreß der mus mu," welcher in Lodz vom 21. bis 23. Siwan stattfand. Fast 1000 jüdische Mädchen, aus allen Teilen Polens, hatten sich hier zusammengefunden, durch die meisterliche Organisierungskunst unseres Freundes E. G. Frydenzon äußerlich erfaßt und durch die allen gemeinsame Hingabe an die große Melodie von Beth Jacob innerlich verbunden! Der Kongreß war — man darf das ohne Uebertreibung aussprechen — ein envu vn?> die restlos gelungene Generalprobe für die K. G., deren Stimmung auf ihm ruhte. Die besten Frauen und die bekanntesten Erzieherpersönlichkeiten unseres, polnischen Kreises spracher, zu dieser weiblichen Elitejugend und die entflammten Diskussionen ließen erkennen, daß ihre Reden im Plenum den vollen Widerhall gefunden hatten. Die Geschäftsführerin des englischen Beth Jacob nahm an diesem Kongreß teil; ihr verging schier der Atem, da sie vor diesem Erlebnis stand und die Frage, die sie an mich richtete, soll hier verzeichnet werden, weil die Antwort auf sie für den Bestand des Werkes wichtig, entscheidend ist; „Wie bringe ich den englischen Juden all das Herrliche und Wunderbare/ das ich hier täglich, stündlich erlebe, ins Bewußtsein?" — Ja, wie ist's möglich, diesen Strom der Hingebung, der in unseren äußerlich doch so gedrückten polnischen Schwestern und Brüdern fließt, hineinzulenken in die Herzen Westeuropas, das diese Herzen in verdoppelter, verzehnfachter Bereitschaft sich erschließen, solch ein Riesenwerk, dessen Seele ,, Beth Jacob" heißt, zu halten, zu erhalten. Daß diese Herzen sich erschließen Ohel Sara, der ersten Gründung unseres Kreises für fachliche Ausbildung — Ohel Sara, das sich uns auch nach außen in so blitzsauberem Gewand präsentierte, daß es uns bitter leidtat, daß die. zum Kongreß erwartete Geschäftsführerin des Jüdischen Frauenbundes Berlin im letzten Augenblick nicht kommen konnte; sie wäre gewiß in den von ihr beeinflußten Kreisen zu einer beredten Sprecherin für das Werk von Beth Jacob geworden, wäre es doppelt geworden, wenn sie mit uns nach Krakau gegangen wäre und dort, unserm Beispiel folgend, zwei Tage nichts getan hatte, als — dem Unterricht beizuwohnen! Ich verstehe wahrscheinlich sehr wenig von Pädagogik •— und doch glaube ich, mir ein Urteil erlauben zu dürfen. Denn der wk; der im Beth Jacob mit seinen Gehilfinnen am Werk ist, J. L; Orleati. kennt als Erziehungsinhalt und Ziel nur das Eine, das Entscheidende: PUIWR- Und daß man im. Krakauer Seminar mit vollstem Erfolg zu diesem Ziel erzieht, das konnte auch ich feststellen, aus den Antworten und dem .Verhalten der Seminaristinnen,- aus ihrer Hingebung an die Lehrerinnen und die „Hausmutter" schweizerischer Provenienz! Auch hier in Krakau, wo ich, kritischen Sinnes hinkam und gehobenster, bereicherter Seele nach ein paar Tagen wieder ging, K. G.-Vorstimmüng, wenn die K. G. als eine ihrer Aufgaben es betrachtet, den wunderbaren Reichtum der chassidischen Gefühlswelt mit dem f-mowa unseres orthodoxen Westens, mit der schlichten mXB-Tat unserer westlichen Menschen zu verbinden! - Als unser großer Rabbi Meir Schapiro b"il stai<i», rief einer der D'lTao aus: „Die Lub&aer Jeschiwa hat ihren Vater verloren, sorget, daß der Vater seine Lubliner Jeschiwa nicht verliere." Beth Jacob hat allzufrüh, viel zu früh Sara Sehe nir er und Leo Deutschländer verlöre». Krakau trägt dafür Sorge, — und Juda Leib' Orleans in Polen unumstrittene Autorität bürgt dafür, — daß diese Beiden — die Mutter und der Vater — ihr Beth Jacob 'nicht verlieren! Wohl mag in Polen die eine oder die andere Beth Jacob-Schule unter allzustarkem Wirtschaftsdruck zerbrechen, der Geist von Beth Jacob ist heute gewiß nicht schlechter und schwächer als zu Lebzeiten seiner Schöpfer, dies Zeugnis darf gewiß abgelegt und ihnen „in der Welt der Wahrheit" zu wahrem nil nni werden! Und wenn die Krakauer Anstalt so schwer ringt, mit alten Schulden und täglich wachsendem pefizit, so bleiben wir,, Wenn wir richtig agudistisch denken und Beth Jacob als einen Teil von uns und uns als einen Teil von Beth Jacob betrachten, in Beth Jacobs Schuld, auch wenn wir noch so reiche Geld mittel aufbringen, um diesen Geist, und. die Stätten seiner Pflege, zu erhalten. Denn es ist dieser Geist, der u n - sern Körper baut! Wolf S. Jacobson. (Schluß folgt.) KURIOSA. In der Mai - Nummer des „Frankfurter Israelitischen Gemeindet lattes" referiert ein bekannter liberaler Rabbiner aus der Nachbarschaft über das Schriftwort amter dem Titel „Kein Buchstabe ist überflüssig". In der Schrift befunden sich aber ganze Kapitel über Priestern und Laden erlaubte und verbotene Ehen. In der Schrift befinden sich viele Sätze, die den Genuß des Tr ef af 1 e i s ch e s verbieten. Und all .diese Kapitel und Sätze hielt der gleiche Rabbiner in früheren Fällen wohl für überflüssig. „Schau und Tat werden zur Einheit", heißt es zum Schlüsse des Aufsatzes. Wo bleibt aber die Einheit, wenn man die richtige Schau dafür hat, daß „nichts, überflüssig ist", und in. der Tat so vieles für überflüssig und überholt erachtet? * * In der vierten Auflage des Philo-Lexikon, 1937, finden wir auf Seite 628 unter dem Stichwort „Rosenzweig" ai. a. folgende Angabe; „Philosoph, Theologe und Gelehrter, Deuter des Judentums, neuartiger Ueb ersetz er: Juda Ha-levi-Hymnen und Gedichte, die Schrift gemeinsam mit* Martin Luther übersetzt." Es ist eine vermehrte und "verbesserte Auflage , . , Man schreibt uns: Sie haben den Fall M. C. in Tel Awiw erschöpfend behandelt. Denen, die vielleicht begierig sind, zu wissen, aus welcher Schule solche Prachtexemplare für Erez Israel erwachsen, empfehle ich den Ferienbrief, der in der Kinderbeilage der „C. V.¬ Zeitung" vom 17. Juni erschienen ist, zur Lektüre: „Sehr oft gehe ich in den Schweinestall.. Die Schweine sind, wenn man, wie ich, zeichnen lernen will, die sympathischsten Tiere. Denn sie liegen fast immer still und laufen nicht so viel herum wie zum Beispiel die Pferde oder die Schafe. Eines Abends sollte eine Sau ferkeln (d. h. Junge bekommen),- und Meta und ich wollten gern sehen, wie das ist. — — (Es folgt eine Schilderung des Vorganges). Jetzt sind die Ferkel schon so groß wie kleine Hunde und wenn ich im nächsteh-Jahre wiederkomme, sind sie sicher schon so groß, daß sie verkauft' werden können." Die Redaktion hat dieses Erlebnis im Schweinestall mit einer allerliebsten Zeichnung -versehen. Es braucht also der Schweinemetzgerei der Firma M. C. in Tel Awiw um den 'Nachwuchs nicht bange zu sein — solange es in Deutschland Zeitungen gibt, die solche Idylle aufnehmen und liebevoll illustrieren. Der Bar Kochba, Frankfurt a. M., Große Bockenheimerstr. 6—10, verbreitet auf rotem . Zettel ein Telegramm, aufgegeben B e r Ii n25. Juni. 2 2 Uhr 2 Minuten, mit folgendem Wortlaut: „Sportfest vor viereinhalbtausend Zuschauern glänzend verlaufen, Petach Tikwah drei zu zwei gewonnen —" Makkabi. Es ist selbstverständlich, daß man genau auf S t'u n d e und Minute wissen muß, wann Petacn Tikwah drei zu zwei gewonnen hat. Es wird aber nicht minder interessieren, d*ß der" 25, Juni Ff&i' tag war, daß mithin -der eifrige ' Sportfreund am Fr e i t agabend 10 Uhr 2 M inut e n das Telegramm aufgegeben hat. Wann das Sportfest selbst und wann die Verteilung der Heilesbotschaft in Frankfurt a, M. stattgefunden hat, wissen wir nicht.