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Der Israelit · 1937-07-01 · Heft 26 (1.7.1937) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 26 (1.7.1937)
Date
1937-07-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Der Israelit Nummer 26 1937 Feuilleton Beilage „Ich erhebe meine Augen zu den Bergen..." Als ich arbeitslos war, ging ich oft in die Felder hinaus, in der Absicht, mich anzuschmiegen an das Land und seine Natur. Ist das leicht im Frühjahr, wenn nach den Monaten des Regens die Ebenen sich mit Blumen bedecken, und sogar das nackte, felsige. Gebirge in junges Grün sich kleidet; wird es leicht in den Tagen der Orangenblüte, wenn der süße Duft durch alle Fenster einzieht, — so kommt es doch härter an im Sommer, wenn die unbepflanzten Halden austrocknen, und die Blumen verdorren. Dann liegt die Glut der Sonne schwer über dem Lande, und ein heißes Schweigen breitet sich über die Ebenen. In diesem Schweigen hörst du nur den regelmäßigen quakenden Ton der Brunnenpumpen, die das Wasser für die Pflanzung fördern, und allein die Qrangenpflanzungen mit ihren. lackgrünen Büschen unterbrechen das eintönige Gelbrot der versandeten Wege und der kaum von welkem Gras überhauchten Hänge. Die Frühe aber steigt noch linde empor. Die reine, helle Luft dieses Landes entschleiert alle Wesen und Dinge: die Weißen Häuser in ihren nüchternen Formen, die Baracken der Aermeren und des Kibbuz, die Ziegelfabrik mit ihrem Schornstein, die alten Weiden auf der Düne. Die Asphaltstraße schneidet wie ein fremdes, schimmerndes Stahlband durch die Niederung, und Bauernfahrzeuge, und Karawanen, Lastwagen und Privatautos ziehen darüber hin. Weiter hinaus beginnen die Pardessim. Ueber den Drahtzaun, der sie umgibt, schlingen zuweilen blaßblaue Winden mit ihren zarten Glöckchen, und schlanke Zypressen, goldig angehaucht, heben sich dunkel und schön ins Blau der Frühe. Vor der Hitze der Mittagssonne hast du dich in den Schatten einer Mauer geflüchtet, von wo aus du den Weinberg überblickst, in dem eben ein Araber arbeitet. Er steht gebückt und schwingt die Turia, regelmäßig, taktfest, heftig, mit hochgekrempelten Hosen, so daß man die Beine sieht, die in ihrer eisernen Festigkeit und Bräune wirken,; als seien sie aus Bronze gegossen. Es ist bewundernswert, wie ausdauernd dieser Mann schafft, dem die Hitze nichts an2uhaben scheint. Aber nun geht ein leiser Hauch durch die Blätter der Weinpflanzen. Der Schatten der gekalkten Mauer, bei der ich sitze, wächst und fällt auf den Weinberg, und ich verfolge meinen Weg. Schon kommen Arbeiter mir entgegen, die nach Hause gehen. Sie tragen ihre Körbe am Arm. Ein alter Araber reitet würdig auf seinem Esel vorüber und begrüßt mich höflich mit: Schalom, und ich gebe den Gruß zurück. Die Schatten wachsen. Eidechsen huschen über den Weg in die Hecke. Die Sonne nähert sich dem Rande des Gebirges, das 'den Horizont in der Ferne begrenzt, wie eine dunstige blaue Welle. Und plötzlich ist keine Sonne mehr. Sie sinkt so schnell, daß du erschauerst, und bald ist die Nacht da. Wenn sie bedeckt ist, und finster, fällt eine ungeheure Traurigkeit über dich;. kommt sie aber hell, so überwältigt sie dich mit dem Reichtum ihrer Sterne, mit der Herrlichkeit unzähliger Lichter und mit dem sanften Scheinen des Mondes, der zu Beginn seiner Erneuerung im Blauen schwimmt, wie eine silberne Barke im Ozean. —-----— Die Erde Palästinas wirkt oft karg und arm; sein Himmel aber wölbt in Unendlichkeit hoch; und nicht verwunderlich ist es, daß die Väter ihren Blick zu Sternen hoben, den einzigen G'tt über Wolken ZU suchen. Griechen schufen Götter nach Menschengestalt; vielfältige irdische Form regte ihren bildenden Blick an, und ließ Statuen und Tempel erstehen unter ihrer Hand. Aber der Jude rang mit schwerem Boden, In schroffem Zuge kamen über ihn: Tag und Nacht, Kälte und Hitze, Sommer und Winter. Herb griff der Himmel die Erde an, und zwang den Ackerbauer, den Hirten anzuschauen .... Da erhob er seine Augen zu den Bergen . . . Uri Rosenheim, Tel Awiw. Zwischen Traum und Wirklichkeit, Gänge durch das jüdische Prag. Von Schalom Ben-Chorin. Es hat immer etwas Aufregendes, Prickelndes an sich, in einer fremden Stadt, wenn es Abend wird und die Lichtreklamen an den Hauserfronten auflodern, blau und grün und orangefarben, durch die Straßen zu bummeln, getrieben vom Strome hastender, geschäftiger Menschen, ein Müßiggänger, mitten, in all dieser Geschäftigkeit. , r Prag aber, das die Sage das goldene nennt, ist die Stadt der Gegensätze. Eben hat man sich noch im Gewühl der Weltstadt befunden, ist den hochmodernen Fronten der Läden entlang den Graben oder den Wenzelsplatz hinauf- und hinuntergegangen, da steht man — ehe man sichs recht versehen hat — irgendwo in einem abseits gelegenen Gäßchen und die Zeit hört auf, man ist mit einem Schritt herausgegangen aus dem Jahrhundert der Technik Wenige Tage trennen uns von der Entscheidung! Wieviel Stimmen hast Du der Thora gewonnen? Kaufet den V^Ül in ein längst vergessenes. Bleich hängt der Mond zwischen den Wolken über den schiefen Häusern und spitzen Türmen. Drüben von jenseits der Moldau hebt/ sich unwirklich verschwommen die Burg, der Rhadschin ab vom nächtlichen Himmel winterlicher Spätnachmittage. Die vielen Monumente auf der Karlsbrücke stehen, wie strenge Wächter einer verschollenen Zeit und du nickst ihnen . zu, wie alten Bekannten (sie sind es ja, du kennst sie von Brücken in Wien und München und Venedig . . . WO gäbe es sie nicht, die steinernen Brückenheiligen?) Aber plötzlich bleibst du stehen. Was ist das? Am Ende der Brücke steht ein Bild und darüber in goldenen hebräischen Lettern: „kaddosch, kaddosch, kaddosch haschem zewaoth", ein Zitat aus der Wiederholung des täglichen Achtzehngebetes. Aber die lateinische Inschrift auf dem Sockel belehrt dich: vor etwa dreihundert Jahren — steht da zu lesen — lebte zu Prag ein Jude, der „wider das heilige Kreuz schmähte" und der zur Buße verurteilt ward in Lettern aus purem Golde mit den .Worten des eigenen Gebetes das fremde Glaubenssymbol zu verherrlichen. Sinnend gehst du weiter durch alte Höfe, die man hier „Durchhäuser" nennt und die zum Charakteristischen dieser Stadt gehören. Und auf einmal stehst du vor jenem kleinen, gotischen G'tteshaus, von dem die Sage geht, seine Grundmauern, die vom Blut der heiligen Märtyrer befleckten, stammten noch von. der Zerstörung des Tempels zu Jerusalem. Gehe hinein in die Synagoge des hohen Rabbi Löb, denn es ist die Stunde, da der Sabbat erlischt in den Tropfen des vergossenen Weines. Der Platz an der Ostwand der uralten Synagoge bleibt frei. Hier stand der legendenumwobene Rabbi Löb, der Schöpfer jenes künstlichen Menschen, aus. Lehm gemacht und mit dem „schem hameforäsch" dem verborgenen Namen zum Leben erweckt — „Golem" genannt. Und wenn das Gebet beendet ist, sollst du — nur wenige Schritte weiter, vorbei am jüdischen Museum, dessen Schätze bei hellem Tageslicht besser zu betrachten sind, auf den jahrhundertealten Friedhof gehen und nach altem frommem Brauch eine Kerze anzünden am Grabe des großen Kabbalisten und Meisters vom verborgenen Namen. Und wenn dir ein -Wunsch auf der Seele brennt, schreib ihn auf ein Zettelchen-und wirf es'hinein zu den tausend kleinen Wunschpapierchen in das. Grab des heiligen Rabbi, das ein Briefkasten ist zum Throne G'ttes.— — Und dann geh wieder zurück in die Wirklichkeit der Lichtreklamen und Autos, aber vergiß nicht, zuerst noch auf den Turm , des jüdischen Rathauses nach der hebräischen Uhr zu sehen (wenn es. das fahle Mondlicht gestattet) und dem Wahrzeichen, der Heiligen Gemeinde Prag, das auf der Spitze des. Turmes sich stolz erhebt: dem -sechseckigen David- Stern, in dessen Mitte der Schweden hui zu sehen ist' — ein Privileg Kaiser Ferdinand IL, den Prager Juden verliehen für ihre heldenmütige Verteidigung der Stadt gegen die Schweden im Dreißigjährigen Kriege. — — Der dreifache Faden. Das jüdische Kulturgut wird zumeist nach sachlichen Gesichtspunkten geordnet. Neue Aspekte ergeben sich jedoch, wenn man als ordnendes Prinzip scheinbar äußerliche Merkmale, etwa . Zählen zugtaüde legt. Nach diesen Grundsätzen ist z. B! die älteste Mischna aufgebaut. In Lehre und Leben des Judentums spielt u. a. die Zahl drei eine große Rolle. Zuerst sei dies für das biblische Schrifttum nächgewiesen. Im Volksmund gilt der dritte Tag der Woche als Glückstag, weil es am dritten Schöpfungstag zweimal heißt: „G'tt sah, daß es gut war". Das erste Menschenpaar hat drei Söhne: Kain, Abel, Seth, und lediglich vom dritten Sohn leitet sich die Menschheit ab. In der Arche Noah, die 300 Ellen lang und 30 Ellen hoch ist und drei Stockwerke besitzt, werden die drei Söhne Noahs gerettet — Sem, Harn und Japhet =— und begründen die drei Urrassen der Menschheit. Terach hat drei Söhne: Nahor, Ha^ ran und Abram. Der dritte Sohn wird als Abraham Stammvater des israelitischen Volkes und der drei Weltreligionen: Judentum, Christentum, Islam. Die drei Stammväter.- Abraham, Isaak und Jakob werden vom Zahlenlied des Sederabends als Beispiel für die Zahl drei gewählt. Josef deutet drei Personen die Träume: den beiden Hof bedienten und Pharao. Mose, das dritte Kind, wird drei Monate lang vor den Häschern verborgen. Am Dornbusch übergibt ihm G'tt drei Zeichen. Mose verlangt ursprünglich für das Volk nur Urlaub, damit es drei Tagereisen weit in die Wüste zur Opferfeier ziehen könne. Erst nach Pharaos Weigerung erzwingt G'tt den b3dingungslosen Auszug durch die zehn Plagen, deren neuntes eine dreitägige Finsternis ist. Mose gehört dem dritten Stamm — Levi — an, der wiederum in drei Untergruppen — Gersött, Kehät, Merari — zerfällt. In Rephidim wird Israel von Amalek überfallen und durch das Gebet der drei Männer: Mose, Aron, Hur gerettet. Dieses Dreimännerkollegium stellt den Urtyp des Beth-Din, des aus dem Vorsitzenden und zwei Beisitzern bestehenden kleinsten Gerichtshofes, dar. Im dritten Monat des Auszuges, am dritten Tage der Vorbereitung, verkündet G'tt seinem dreigeteilten Volke — Kohanim, Leviten, Israeliten — das Zehnwort als Kernstück der dreigeteilten G'tteslehre — Thora, Nebiim, Kethubim. Dreimal jährlich soll das ganze Volk, zu den drei Wallfahrtsfesten, im Heiligtum erscheinen und dort u. a.- den dreigeteilten Priestersegen empfangen. Der wöchentliche Sabbat, das Sabbatjahr und das Jobeljähr bilden eine dreifache Symphonie des Sabbatgedankens. Lediglich drei Könige: Saul, David, Salomo, herrschen über Gesamtisrael. Drei große Propheten; Jesaja, Jeremia, Ezechiel, verkünden G'ttes Wort. Drei Tage und drei Nächte befand sich Jona im Innern des Fisches. Hiob hat vor und nach der Prüfung je drei Töchter. Drei Freunde: Eliphas, Bildad, Zophar, diskutieren mit Hiob. Der vierte, Elihu, greift erst in. das Gespräch ein, nachdem die drei anderen den Kampf mit Hiob aufgegeben haben. Im Sprichwort wird die Zahlenverbindung: „drei und vier" gern benutzt, so Sprüche 30, 18 ff. sowie Arnos 1 und 2. Zusammenfassend können wir mit Koheleth sagen: „der dreifache Faden zerreißt nicht so leicht." Rabb. Dr. Robert Zion, Eine Synagoge wird als Kunstdenkmal erhalten. Die Synagoge in W ö r 1 i t z (Anhalt) ist durch den Landesverband der Anhaitischen Israelitischen Kultusgemeinden, in dessen. Eigentum sie stand, an die staatliche Joachim Ernst-Stiftung abgetreten worden: Die Synagoge ist im Jahre 1789 vom Fürsten Franz von Anhalt-Dessau auf fürstlichem Grund und Boden errichtet worden,. stand bis zum Jahre 1919 im Herzoglichen Eigentum und ist, nachdem der Park zu Forlitz; auf die im Jahre 1919 errichtete staatliche , Joachim Ernst-Stiftung übergegangen war, im Jahre 1924 dem Landesverband der . Anhaltischen Israelitischen Kultusgememden überlassen ■ [worden- Die Synagoge ist in Anlehnung an den Vasta-Tempel in Rom in Form eines Rundbaüs errichtet worden. Ihre Einrichtung stammt zum Teil aus -der früher -in. Wörlitz bestehenden Synagoge, 'd.iHh. aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts. Qje-. Synagpg^ diente-als G'tteshaus für; die.■■ Gemeinden ..Wörlitz una Oranienbaum, die um /die Wende dieses Jahrhunderts' ausgestorben sind., Sie wurde in den letzten Jähren ■ noch zu .besonderen. Anlässen, . wie XJedenKfeiern usw. benutzt. Die Synagoge wird als Kunstdehkmal in würdiger Weise erhalten werden.

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