Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 25 (24.6.1937)
- Date
- 1937-06-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 25 D e r I s r a e 1 i t QA. Jüni 1937 ihrer Zusammenarbeit in Polen stattfanden, haben zu einer Verständigung auf dem großen Gebiet der Berufsausbildung der jüdischen Bevölkerung in Polen geführt. Diese Verständigung wurde als erster Schritt zu dem gesteckten Ziel anerkannt. Am 30. Mai d. J. fand in Warschau eine Konferenz statt, an der vom Joint die Herren Dr. Bernhard Kahn, Direktor D. Schweitzer, Dr.. J. Rosen, Direktor J. Gütermann und L. Neustadt, vom Ort der Vorsitzende der Zentral-Exekutive, Dr, Leo Bramson, der Vorsitzende des Ort in Polen, Dr, M- Meisner, Direktor J. Jaschunsky und Ing. L. Kerzberg teilnahmen. Dr. Bernhard Kahn informierte über die Pariser Verhandlungen und bemerkte, der Joint lege großen Wert darauf, daß jedes Gebiet jüdischer sozialer Arbeit in besonderen Organisationen konzentriert wird. Ohne die Tätigkeit der ICA und des ,,Wuset"-Galizien außer acht zu lassen — so führte er aus — und unter Berücksichtigung der Anstalten anderer selbständiger Organisationen, werde der Joint auf Grund des Pariser Uebereinkommens sich bei allen Plänen für die Errichtung neuer Fachanstalten in erster Reihe mit dem ORT in Verbindung setzen. Es werde auch dafür gesorgt werden, daß die schon von früher her mit Unterstützung des Joint bestehenden Fachschulen in engeren Kontakt mit dem ORT kommen. Was die Arbeit auf dem Gebiet der Landwirtschaft und Industrialisierung betrifft, so seien zunächst nur gemeinsame Beratungen und gegenseitige Information vorgesehen. Nach Erklärungen Dr. L.' Bramsons, der es als besonders wichtig bezeichnete, daß die einzelnen Zweige der Aufbauarbeit bei denjenigen Organisationen konzentriert werden, die langjährige Erfahrungen und spezielle Sachkenntnisse besitzen, und nach einem Meinungsaustausch aller Teilnehmer an der Konferenz wurden die Grundbedingungen der Koordination entsprechend den Pariser Vorschlägen bestätigt. Neuwahl der Jüdischen Gemeinde-Vertretung in Posen. Warschau, 15. Juni. Bei der Neuwahl der Repräsentanz der Jüdischen Gemeinde von Posen wurden zwei Vertreter der Poale Zion, zwei Kandidaten des vereinigten Blocks der Zionisten und Kaufleute und je ein Vertreter des Misrachi, des Bund, der deutschen Juden und der Handwerker gewählt. Als Mitglied der Liga für das arbeitende Palästina hat sich der Handwerkervertreter der poale-zionistischen Fraktion angeschlossen, Jüdische Auswanderung aus Polen nach Südamerika. * Warschau, 15. Juni. Aus Warschau ist ein© Gruppe von 120 jüdischen Auswanderern nach Brasilien und Argentinien abgereist. In den nächsten Tagen begibt sich eine aus mehreren hundert Personen, zum größten Teil Ju- den, bestehende Gruppe nach Brasilien. Warschauer Stadtverwaltung gegen judenfeindliche Wirtschaftspolitik« Warschau, 13. Juni. Der Stadtpräsident von Warschau, Starzynski, antwortete auf verschiedene Beschwerden einer Abordnung des jüdischen Kleinhändlerverbandes, er werde sich dafür einsetzen, daß keiner der durch die Gründung eines neuen Bazars in ihrer Existenz bedrohten -Kleinhändler seinen Erwerb^ verliere. Was den Plan der Einführung eines „Ghettos" für jüdische Obsthändler auf einem der Warschauer Märkte betreffe, so werde der bisherige Zustand aufrechterhalten bleiben. Die Warschauer Stadtverwaltung beabsiel V ge nicht, eine judenf eindlicbe "Wirtschaftspolitik zu führen. Maßnahmen gegen Ausschreitungen in Lemberg. Warschau, 13, Juni, Eine jüdische Abordnung hat den jetzt in Lemberg weilenden Kommandanten der Sicherheitspolizei, General Kordian-Zamorski, auf die in letzter Zeit sich ständig wiederholenden Ueberfälle auf jüdische Passanten aufmerksam gemacht. Der General versprach, die Polizeipatrouillen in Lemberg zu verstärken. Die Lage in Polen. Evakuierung -und kein Ende. — Weitere Exzesse. — Wirtschaftliches Elend und Hilfeleistung. Warschau, 20. Juni. Seitdem das Wort Evakuierung in die polnische Oeffentlichkeit geworfen wurde, wird das polnische Volk dieses Wort nicht mehr los. Eine Art Evakuierungspsychose hat sich auch der führenden und sonst gerechten Männer bemächtigt. Selbst der greise General Zieligowski, der bekannte Eroberer Wilnas, bläst nun in das Horn der Evakuierungspolitik. Der sog. Pilsudski-Kulturf o n d s soll nach Beschluß des Senats den nationalen Minderheiten nicht mehr zugute kommen. In einer Debatte im Sejm über diesen: Punkt nahm auch der genannte General das Wort, um anderen Rednern, die die Ausschließung der Minderheiten aus jenem Kulturfonds als einen Rückfall in die Zeit der Unduldsamkeit schilderten, e n t gegenzutreten. Er könne sich noch damit befreunden, wenn die Weißrussen oder die Ukrainer Subventionen erhielten. Die Kultur der Juden zu fördern, könne er sich nicht einverstanden erklären, nicht allein deshalb, weil die Juden schon Die Woche. Berlin. Am 13. Juni wurde im Jüdischen Museum zu Berlin eine Ausstellung unter dem Titel „Don Izchak Abafbanel, sein Werk und seine Welt" eröffnet. — Der Hilfsverein der Juden in Deutschland hat für die Lämel- Schule in Jerusalem, die bis 1918 unter seiner Verwaltung standj eine vollständige Turnhalleneinrichtung gekauft. Die Einrichtung wird demnächst nach Palästina gebracht. Wien, Das bekannte Werk de? polnischen Gelehrten Dr. Tadeusz Zaderecki „Der Talmud im Feuer der Jahrhunderte" ist soeben in deutscher Uebersetzung von Minna Saphir erschienen, — Der aus Wien stammende jüdische Ingenieur Dr. Karl Goldmark hat die Pläne für die größte Fernsehstation der Welt ausgearbeitet. Sie wird auf dem Christle-Gebäude in der City von New York errichtet. — Anläßlich der Hundertjahrfeier der Donau-Dampfschiffahrtgesellschaft bringen die österreichischen Zeitungen ausführliche Berichte und Reminiszenzen, in denen aber der Name des Gründers nicht genannt wird. Der ungarische Jude Martin U n g e r hat die erste Gesellschaft gegründet, die auf der Donau mit Dampfmaschinen getriebene Schiffe verkebren ließ. Budapest. Der internationale Verband der Juden-Christen (International Hebrew Christian AUiance) bat seine nächste Dreijahreskonferenz für die Zeit vom 5. bis 10. Juli 1937 nach Budapest einberufen. Die Konferenz will aueb über den Antisemitismus und die Ansiedlung heimatlos gewordener Juden christlichen Bekenntnisses in Palästina beraten. Prag. In Bratislava starb im Alter von 47 Jahren der Präsident des Verbandes der Slowako-Juden, Dr. Roth. Der Verstorbene war Primararzt an der Bratislavaer Universitätsklinik und genoß als Gynäkologe in Fachkreisen großes Ansehen. Paris, Auf Grund eines mit dem Generalkommissar der Pariser Weltausstellung abgeschlossenen Vertrages wird die Habima im Rahmen der Ausstellung eine Reihe von Aufführungen veranstalten. Venedig. Die Agentur „Stefani" meldet; An der Internationalen Filmausstel^ lung in Venedig werden voraussichtlich die Vereinigten Staaten, England, Deutschland, Oesterreich, Ungarn, Japan, Belgien, Indien, Aegypten, Palästina und die Tschechoslovakei teilnehmen. Jerusalem. Die an Bord des Dampfers ,,Har Zion" abgehaltene erste Konferenz der jüdischen Meeresligen Palästinas hat den Beschluß gefaßt, im Laufe des Jahres 20.000 neue Mitglieder zu werben und ein jüdisches Schiff, in Dienst zu stellen, das die jüdischen Zentren in der ganzen Welt besuchen soll, um den Gedanken der Palästina-Schiffahrt zu 'verbreiten. Rusfschuk. Der bedeutendste Donau-Reedereibesitzer Bulgariens, Abraham Tschipruth, hat sein neues Petroleum- Tankschiff auf den Namen „Jabotinsky" eingeweiht. Rustschuk ist der größte bulgarische Donauhafen; von den 40.000 Einwohnern sind etwa 2800 Juden. Mexico City. Es wurde mit der Herausgabe eines jüdischen Wochenblattes in spanischer Sprache „Le Verdad" begonnen. Die Zeitung stellt es sich zur Aufgabe, die mexikanische Oeffentlichkeit über das jüdische Leben in Mexiko und im Ausland zu uit formieren. ohnehin eine viel höhere Kultur als die Polen besäßen, sondern weil es die Juden versuchten, ihre Kultur den anderen Völkern aufzupfropfen. In diesem Sinne ging es in bekannten Redensarten weiter. Für ihn gibt es nur eine Lösung der Judenfrage, und zwar die Evakuierung. Ein besonderes Emigrationsamt, mit speziellen Fonds müßten diesem Zwecke dienen. Die Rede fand nicht einmal bei den Ukrainern Anklang, deren Führer die Liebeswerbungen des Generals Zieligowski glatt zurückwiesen. Er erklärte, daß die slawischen Minderheiten trotz der vom General vorgenommenen Teilung der Sympathien, gegen den Beschluß des Senats und für die Einbeziehung der Juden, in die Unterstützungen aus dem Pilsudski-Fond stimme^ werden. . Abg. Scn». merste in sagte in seiher scharfen Antwort Zwangsauswanderung von drei Millionen Bür<5erp hätte mit Kultur nichts 2U tun. Um der Evakuierungspolitik festen Boden zu schaffen, organisierte ein konservativer Abgeordneter, Graf Hutten -Cza p s k i',' eine neue parlamentarische Gruppe, die sich die Propaganda der Kolonialforderung e n Polens zum Ziele setzt und zwar mit Rücksicht auf die Lösung des Erui» grationsproblems, d. h. der Judenfrage. Zahlreiche Mitglieder des Sejm und des Senates gehören der Organisation an. Die pogromartigen. Ausschreitungen hören nicht auf. In der Nacht zum 17. Juni ha£ eine Bände einen Ueberfall auf die jüdischen Einwohner des Dorfo, Mulaczyce, Kreis Sarni, unternommen, wobei mehrere Juden schwer mißhandelt wurden. Die sechzig jüdischen Familien des Dorfes wurden gezwungen, den Ort zu verlassen. Die einheimischen Bauern beteiligten sich zwar an den Ausschreitungen nicht, ermutigten aber die Exzedenten. Aehnliche, Exzesse ereigneten sich auch in anderen Dörfern. Der Führer der Bande, Zablonski, wurde später verhaftet. Die Not hat inzwischen einen Grad erreicht, der kaum noch gesteigert werden kann. An vielen Plätzen werden jüdische Kinder von ihren Müttern einfach ausgesetzt, weil die Mütter sie nicht ernähren können. Selbstmordfälle kommen insbesondere bei Jugendlichen vor. Auf Nalewki in Warschau fand man morgens auf der Straße zwei Kinder von 5 und 2 Jahren und einen Zettel dabei, worauf geschrieben war: „Meine Kinder haben seit fünf Tagen nichts gegessen, ich kann meine Kinder nicht länger leiden sehen." Dazu kommen noch in verschiedenen Städtchen Feuerbrände, die die letzte Habe der Armen vernichten. In Nowy Dwor bei Bialystok wurden hundert jüdische Wohnhäuse? mitsamt der Synagoge und viele Wirtschaftsgebäude durch Feuer zerstört. In Demblin bei Warschau wurden fünfzig jüdische Häuser eingeäschert, und hundertfünfzig jüdische Familien obdachlos gemacht, Die Unterstützungen von Seiten der großen Organisationen und Hilfskomitees bringen leider die erste Hilfe an die Geschädigtennur in seltenen Fällen, und bis die Hilfe richtig organisiert ist, gehen oft Menschenleben zugrunde. Immerhin ist mit Genugtuung zu konstatieren, daß das Ausland vor der Not der Brüder in Polen nicht die Augen schließt, So hat das jüdische Hilfskomitee in. Buenos Aires für die Opfer der letzten antijüdischen Ausschreitungen in Polen 100.000 Zloty nach Warschau überwiesen. Die Hilfskomitees entfalten eine emsige Tätigkeit. . Auf der in Warschau abgehaltenen Generalversammlung des jüdischen Wirtschaft skomitees wurde Bericht erstattet über die Arbeit des Komitees um die Arbeitsbeschaffung für die jüdischen physischen und geistigen Arbeiter und die Bekämpfung des Boykotts jüdischen Arbeit sogar durch manche jüdische Unternehmungen erstattet. Es sei gelungen, die Vorurteile zu beseitigen, die vielfach dem jüdischen Arbeiter und der jüdischen Arbeit entgegengebracht wurden. Drei Kommissionen leiteten diese Aktion, die in zahlreichen Fällen namhafte Erfolge erzielen konnte. Die provisorische Gesami-Veriretung der Judenheit Polens. Warschau; 18. Juni. Der ITA. wird folgendes Communique übergeben. Bei. der am 16. Juni abgehaltenen Beratung, an der alle Parteien und Gruppen teilgenommen haben, durch die die provisorische Repräsentanz des polfll* sehen Judentums gebildet wird, wurden nach eingehender Aussprache die Richtlinien für die Tätigkeit der Repräsentanz in1 nächster Zeit aufgestellt Nach der Aussprache über die programmatischen Fragen wurde die. personelle Zusammensetzung der provisorischen Repräsentanz des polnischen Juden* tums in folgender Weise festgelegt; Abg. Dr. Eniil Sommerstein, Abg. Dr. J. Gottlieb, Senator J. Trokkenheim, Abg. L. Minzberg, Abg. Rabbiner J. R"" binstein, Senator Prof. Dr. M. Schorr — als jüdische parlamentarische Repräsentanz in Sejm und Senar der polnischen Republik. Ferner gehören bei Vertretern aller Parteien sieben füh ren de A g u d i st e n dem Komitee an. Prozesse gegen Teilnehmer an den Ausschrei' tungen in Brest-Litowsk. Warschau, 18. Ju^i. Das Kreisgericht von Brest-Litowsk hat drei Teilnehmer an den Ausschreitungen vom 13. MaJ zu je einem Jahr Gefänighis verurteilt. Die /VerUf teilten hatten in. einem jüdischen Bethaus sechzig Fenster zertrümmert, die Türen zerbrochen und die Thdralade vernichtet. In der Urteilsbegründung '"'jrd die besondere Böswilligkeit hervorgehoben, mit de? die Täter bei der Zerstörung des Bethauses vorge' gangen sind.