Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 25 (24.6.1937)
- Date
- 1937-06-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 25 D er Ist a e 1 i t 24. Jun{ 1937 1 m$ m Wochenrundschau. Zum Königsberg er Gemeindestreit — Der Dekalog im Mittelpunkt — Er hat nie eine jüdische Schule besucht* Im Königsberg er Gern eindes treit ist noch keine Klarheit erzielt. Die Gemeindekörper schaften protestieren, wie berichtet, dagegen, daß die Jüdisch-konservative Vereinigung schon auf die bloße A, b s i c h t der Gemeindekörperschaften, den konservativen Kultus abzuschaf fen, mit so schwerem Geschütze aufgefahren sei, ohne den •definitiven Beschluß in der Sache abzuwarten Eine geradezu kindlich naive Auffassung! Sollte man etwa warten, bis unabänderliche Beschlüsse gefaßt sind?c Man erfährt aus einem erneuten Schreiben der Jüdisch-konservativen Vereinigung, daß . die Frage der Abschaffung des konservativen Rabbiners bereits seit längerer Zeit die Gemeindekörperschaften beschäf tigt, und daß schon im April d. J. den Mitgliedern der Sparßo m-m i ssion aufgegeben wurde, die Frage der, Zusammenlegung de& Cttesdienstes in der Gemeinde zu propagieren. Auch habe der liberale Rabbiner sich in einer Vorstandssitzung bereits über die Voraussetzungen seines Amtierens in der kon servativen Synagoge in allen Einzelheiten geäußert, ohne daß man die Richtlinien für „verfrüht" hielt. Es war erwünscht, daß man über die'Dinge spreche, um die Gemeindemifcglieder vorzubereiten. Und da tut man so erstaunt, wenn auch die G e - genseite, die sich in ihren Lebensinteressen bedroht sieht, etwas unternimmt, um ihre Freunde und die Gemeindemitglieder rechtzeitig aufzuklären und vorzubereiten, ohne abzuwarten, bis ein Gemeindebeschluß alle weitere Mühe zur Rettung des eigenen gesetzestreuen Gemeindelebens illusorisch macht? Im übrigen bleibt bei allen Erklärungen und Gegenerklärungen die Gefahr für den konservativen Kultus in unvermindertem Maße bestehen. Die Befürchtungen werden in jenen Protestrundschreiben, die sich nur an Worte und Formalitäten klammern, gar nicht widerleg t. Unsere Gesinnungsgenossen in Königsberg werden «ömit den ihnen aufgezwungenen Abwehrkampf, nicht eher aufgeben können, als bis eindeutig erklärt wird, daß jene Pläne an dem Willen ■ des besten und jüdischsten Teiles der Gemeinde gescheitert seien und -das konservative Rabbinat für alle Zukunft 'unangetastet bleibt. In der Jahresversammlung' der Gesellschaft zur Förderung -der Wissenschaft des Judentums war, nach einem Berichte der ITA. vom 16. Juni, der wissenschaftliche Teil des Abends durch einen Vortrag von Rabbiner i. R. Dr. Benno Jacob, Hamburg, über das Thema „Vom D e k alog" ausgefüllt. In den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellte der Vortragende eine Betrachtung über das vierte und das fünfte Gebot, Er hob die Bedeutung des Sabbats als soziale Einrichtung hervor und bezeichnete ihn als das größte Geschenk des Judentums an die Menschheit. Das Gebot der Ehrung <v o n Vater und M.u 11 e r nehme innerhalb des Dekalögs eine bespndere Stellung dadurch ein, daß hier im Gegensatz zu den Verboten eine positive Forderung erhoben wird. Damit werde dieses Gebot in eine!IReihe mit dem erster»; Gebot gestellt und deshalb ^büde es r auch bei der, wie der, Vortragende annimmt, späteren Aufzeichnung des „ursprünglich auf einer ei n z i g e n Tafel" gegebenen Dekalogs auf zwei Tafeln den, Abschluß der ersten. So schön diese Lobpreisung des Dekalogs, unter besonderer Hervorhebung zweier Postulate, vom apologetischen Standpunkte aus klingt, so charakterisiert doch diese Darstellung die Jacob'jche Methode der „kritischen Exegese" sehr deutlich. Ist der Text für Jacob heilig und. verbindlich, so muß , doch für ihn auch der Vers 18 in Kap. 31, M. II unantastbar bleiben, wo von den ersten Tafeln zu lesen ist: nnsn mrrft ">ivr ins -\i~ib ini^os noa bs „Und Er übergab Rosche, nachdem er mit ihm zu Ende geredet hatte, zwei Tafeln des Zeugni&ses"; ebenso Vers 15, Kap. 32, der erzählt, wie Mosche den Berg herabstieg mit den zwei Bundestafeln in der Hand. Was berechtigt also Jacob, oder was zwingt ihn, anzunehmen,' daß „ursprünglich der Dekalog auf nur einer einzigen Tafel" stand? Und darf man aus der Lehise, die als "i rriw ritt'an sich uns ganz und ungeteilt darbietet,•■ nur e i n Kapitel, und von diesem nur zwei Punkte besonders hervorheben, und damit die anderen' Teile in den Hintergrund stellen? Man hat, nach Talmud Brochoth, iden Dekalog nicht ins tägliche Gebet mit hineingenommen; ^sa P'sn naw-iri, um den Leugnern keine Handhabe für eine Teilung der Thora. in Haupt- und Nebenlehren zu geben. -. Wie doch unsere weisen Lehrer wieder einmal recht behalten!;; * In Warschau sind in kurzem Zeiträume zwei Todesurteile gegen Juden gefällt worden, und Entsetzen ergreift nicht allein_die polnische Judenheit über diese in der jüdischen Geschichte so seU tene Erscheinung. Im ersteren Falle handelt es sich um die Wahnsinnstat eines wirklich unzurechnungsfähigen Menschen, den man nach modernen Rechtsbegriffen nicht durch das. Richtbeil, sondern durch Unterbringung in einer Anstalt vielleicht schon längst hätte unschädlich machen sollen. : Man darf erwarten, daß eine Nachprüfung des Urteils die Grenze zwischen Verbrechen und Wahnsinn, zu ziehen wissen wird. , Ernster und bedenklicher liegt die Sache im zweiten Falle. Hier handelt es sich dm einen jungen jüdischen Menschen, der, wie sein Vater, in der Unterwelt eine gewisse Rolle gespielt hai. Vor Gericht erklärte er, was wir ohnebin annehmen durften, daß er n i e Talmud gelernt, daß er überhaupt niemals eine jüdisch» Schule besucht hat. Den Anwälten der Privatkläger war damit die Unterlage, für die beabsichtigte „Anklage gegen Judenheit und Judentum" entzogen. Der Staatsanwalt legte sogar Wert darauf, zu betonen, daß er nur gegen den Verbrecher' Klage führe und der Prozeß mit den Judenheit als solcher 'nichts;-zu tun habe. Das gereicht uns ein wenig zum Tröste aber beruhigen sollten wir uns damit keineswegs. Der Gedanke, daß es irgendwo in der Welt, wenn auch nur sehr vereinzelt, jüdische Mörder gibt, ist für uns so entsetzlich, daß diese Tatsache uns nicht minder erschüttert, wie die blutigen Folgen, die diese Mordtat für die Masse der Unschuldigen gehabt hat. Wer gewöhnt ist, mit westeuropäischen Maßstäben zu messen, muß sich aber vor Augen führen, daß e® sich hierbei um den ganz dünnen. Abschaum einer Dreinüllionenbevölkerunig handelt, bi Städten mit einer jüdischen Bevölkerung mach Hunderttausenden ist leider die Bildung kleiner Sümpfe an der Peripherie, aus denen Schädlinge herauswachsen, unvermeidlich. Besucher ■ der jüdischen Elendsviertel in den östlichen Großstädten staunen aber über 'die Fülle von stiller Größe, von frommer Duldsamkeit, von Gelehrsamkeit und Gemütswerten, die sie hier in den kleinsten, ärmlichsten Hütten und Kellerwohnungen, wo buchstäblich das Brot für den Tag fehlt, vorfinden. Entsteht aber hier einmal ein Verbrechen, so bekommt man vor Gericht zu hören, daß der Verbrecher „nie eine jüdische Schule besucht hat," nie mit jenen Inseln des jüdischen Geisteslebens in der Brandung der materiellen Not in Berührung gekommen ist. Die polnisch© Judenheit, aber nicht diese allein, wird daraus lernen,, ifür eine Jugend- und Volkserziehung besorgt zu sein, die gleich der Sohne auch die kleinsten Sümpf e an 'der Peripherie des jüdischen Lebens austrocknet, bevor sie zum Seuchenherd für die ganze Gemeinschaft Werden. Renegaten des Geistes« Von Oberrabbiner Dr. Carlebach. (Schluß.) So kommen wir zu dem Schluß. Es ist auch nicht die Spur eines Beweises zu erbringen, daß die Samaritaner mit den Juden auch, nach Serubabel in religiöser und freundschaftlicher Verbindung standen. Die Stelle von Bethel Sarezer beweist, daß ebenso wie in Elephantine die Namen der Jut den des Auslands ihre G'ttverbundenheit durch den Zusatz Bethel als Namen des Tempels zur Schau tragen. Den Abschnitt über Auerbachs Methodik als die Charakteristik seiner Unzuverlässigkeit beschließen wir mit einigen seiner Urteile über Das Gesetz. Da das Judentum eine Gesetzesreligion, eine Religion der Tat und .Selbstheiligung ist, so ist das Gesetz den geistigen Gegnern Israels ein Dorn, im Auge, wie allen denen, die sich ein Judentum ohne Gesetz, ohne eine alle verpflichtende Lebensverfassung und Lebensweihs konstruieren möchten. Das Gesetz in seiner Absolutheit und Strenge soll daher möglichst mit der Lehre der großen Propheten in Gegensatz gestellt werden. Erst Esra soll es proklamiert haben, als ein Produkt der babylonischen Verbannung. Als Beweis dafür soll sein K a irLp' f w i d e r d i e Mischehe gelten, ' die bis dahin wie eine Selbstverständlichkeit geübt und geduldet worden sei, ■ " '■ •(!'.., Seite 236 heißt es: . '.} ]'■■ „Nur auf diesem Boden (des Gallith)' konnte der; Gedanke der 'Rassensonderung und der Begriff der; Mischehe entstehen. Sie traten naturgemäß auch hier in/religiösem Gewände' auf; aber es ist gänz klar, daß ihre instinktive; Wurzel'in ganz anderem Boden, auf dem Gebiet der physischen Existenz, ruht. Beweis dafür ist, daß in Palästina, wo 'die Volksexistenz' in sich gesichert war, selbst in der Zeit der eifervollen Prophetie solche Gedanken gar nicht aufge-. kommen sind, Zum erstenmal« in der Geschichte Israels vollzog sich ' in Babylonien eine große Systembildung. Eine j solche Systembildung aber' ist die Grundlage und/ Voraussetzung für die Entstehung einer „Ortho-, doxie"; und deren zweite Vorbedingung ist die! Diaspora, die Ferne vom Entstehungsort der religiösen Ideen." Werfen wir einen Blick in den Text der Bibel (Nehemia 113), um zu sehen, wie die Misch-, ehe verboten ward.. „An jenem Tag ward im Buche Mosches vor den Ohren des Volkes gelesen und es fand sich dort geschrieben: „es soll nicht ein Ammoniter und Moabiter in die Gemeinde Elokims bis in Ewigkeit kommen; denn sie haben die Kinder Israel nicht begrüßt mit Brot und Wasser, aber man hat wider es den Bil'am gedungen, es zu verfluchen, und es hat unser G'tt den Fluch in Segen verwandelt." „Und es war, als sie die Thora gehört hatten, da schieden sie alles Miscbvolk au® Israel aus." Wo also, so fragen wir, fanden sie das Verbot der Mischehe? Nicht in Esras neuem Buche, sondern in der Thora, die aus Jerusalem, aus der Zeit des Ji.rmija und des Königs' Joschiahü herstammt. V "■' Es hilft nichts, der Gedanke der Rassensonderung muß „in der Zeit der eifervollen Prophetie" aufgekommen sein, denn er steht im D euteronomium. Wäre es nicht nach bibelkritischem Rezepte eigentlich 'glücklicher, dieses alte Buch aus des Josijas Tagen erst unter : Nehemia entdeckt ,t und konzipiert worden sein zu lassen? Dann, wäre das Buch Deuteronomium doch ein 'wahres Dokument der Galuthörthodoxie, und der ralästmafi?eun(l, welchem die kanaariitische 'Tempelprostitntiöq, nidit als sinnlicher Exzeß,, dagegen ein Rassemischungsverbot als rtiii der Gefühlsweise J eines normalisierten bodenständigen Volkes unverträglich erscheint, könnte dann doch das Gesetzeswerk, das schon Jirmija als „Lügengriffelschrift der Schreiber" abgetan, viel, energischer verwerfen. Aber was kann man, tun? Die Bibelkritik, die unfehlbare, hat .Deuterpnomifum ins Jahr 621'versetzt, da muß der arme Schüler Wellhausens Galuthorthodoxie sogar auf dem nationalen Grunde Palästinas schlucken, da muß selbst die Literatur des Lügengriffels akzeptiert Vierden. Wenn, .aber das Verbot ,.d^i*. ^ischehe seit alters iin* „Deuteronomiuni" kodifiziert. war und dennoch es heißt:; .Vw'nimzä kathuw,;män'Oviand", entdeckte es wie eine neue Vorschrift, so beweist auch die ParallelsteiU (Nejf.?J^4) „sie fanden in der Thora Mosches,;daß. Israel in Hütten wohnen solle im siebten Monat" ebensowenig, daß das Sukkothgebot früher unbekannt war. Wendungen wie wajimz'u kathuw sind grade charakteristisch für den Stil des Nehemiäi wo es auch in 7, ' 5 heißt: ,;und ich fand die Stammeslisfe Her Heimkehrer und fand'darin geschrieben." Der Ausdruck maza bedeutet also durchaus nicht etwas Ueberraschendes. sondern grade das, was zur Bestätigung upd zum Beweis im Augenblick' benötigt "wird. Also war, auch das Buch Leviticus den Hörern ^kein ■Neues., . ■; . War schon das•'Mischeheverbot im" Deüteronomium der. bibelkritischen Konstruktion unbequem, so ist es einfach tragisch* wie der aufgeklärte, menschlich so weite, mit: Jirmija sympa"