Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 25 (24.6.1937)
- Date
- 1937-06-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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24. Junj; 1937 e r Israelit Nr. 25 Seite 3 25 JAHRE (Fortsetzung von Seite 1«K , / Treue wahren? Öaß das unerschöpflich Thora und Volk und Land: liebende Herz des Gaon von J er ü^s c h o 1 a j i m V"pST all sein Hoffen und Harren an das Fortschreiten der Aguda knüpfte? Daß der Gaon von Frankfurt ^plSIi sonst jeder Reise abhold, nach Pest, nach Kattowitz, nach Zürich, nach Breslau, nach Wien trotz zunehmend schwerer Behinderung eilte, um der Aguda zu nützen? Mag selbst nur von den Heimgegangenen gesprochen und auch von ihnen nur die kleinste Zahl genannt sein: es soll die Aguda-- und es sollen wir alle, Freunde wie Gegner, wissen, daß die Aguda, in all ihrer Unfertigkeit und Unzulänglichkeit, mit der Krone der herrschenden Thora 'sich schmücken durfte, ihr verliehen von allen Großen Israels, die der Idee des Aufbaus der Thora-Einheit des jüdischen Volkes sich erschließen konnten. Noch freilich ist der Welt-Rat der Thorafürsten kein sehr handliches Instrument. Wenn schon jeder Mensch im Grunde eine Welt für sich bildet, wie sehr;muß dies erst für Persönlichkeiten gelten, die am Feuer ihrer eigenen Thora geschmiedet wurden. Bei der ersten Kenessio Gedaulo fand zugleich die. erste rabbinische Plenarversammlung statt. Ich durfte anwesend sein. Vielleicht seit Jahrhunderten hatte ein einziger Raum nicht so viel Thora umfaßt. Da saßen sie alle zusammen, die teueren Man-- ner, auf denen vielleicht der Bestand der ganzen Welt ruhte, unendlich geliebt und .grenzenlos geehrt von den Thoratreuen und den Thorafiolden der Erde, sie alle der stillen Lernstube entflohen, um der Aguda Pracht und Ansehen, Rat und Weisung zu geben, sie alle den Glanz der Thbra und die Mühsal der Thora im Angesicht: aber all diese herrlichen Welten waren meist — geschlossene Welten, und nur ganz allmählich und nur bei längerem und häufigerem Sichtreffen wäre eine enge Verbindung von Welt zu Welt zu erhoffen. Die Aguda darf sich rühmen, gar manche Autoritäten im verflossenen Zeitraum, einander näher gebracht zu haben. Sie darf von sich sagen, keinen wirklich entscheidenden Schritt getan zu haben, ohne der Zustimmung berufener Autoritäten sich vergewissert zu haben. Zufrieden darf sie mit dem von ihr geleisteten Maß der Aktivierung des Welt-Rats nicht sein. Nicht an gutem Willen hat es gefehlt; wohl aber an Menschen, die dieser Aufgabe sich mit vollem Einsatz ihrer ganzen Kraft unterzogen 'hätten;; 'Geld freilich konnte hierfür nicht bereitgestellt werden. Bringen die Menschen das Geld oder bringt das Geld die Menschen? Mir will scheinen, daß nicht das Geld, sondern die Menschen den Anfang machen mußten. Der Klügere gibt nach. Zuni mindesten die Exekuti ve des Welt- Rates hätte wöhl auch, schon im verflossenen Zeitraum ein Wirklich; lebendiges Organ werden können->,ünd., werden. müssen. Schwerlich durfte; der WaadpHapcsejl ^in dieser Hinsicht alles-Jihm i Zumutbare getan haben. Die Aguda, wie über- Wipt das thörktreue Judentum, leidet in den schweren Verhältnissen der Gegenwart an einer übermäßigen — Bescheidenheit der meisten Großen Israels,, an ihrer Scheu, sich herauszustellen, ihrer geringen! Bereitslehaft,- die Führung wirklich in die Händ. zu nehmen. Die Lu£t zur Macht oder die Freude an der Macht liegt ihnen völlig teru. Aber diese Bescheidenheit, die verbunden mit tiefster G'ttesfurcht nicht selten auch die Wurzel einer gewissen Scheu ist,' die Last einer beträchtlichen Verantwortung auf sich zu nehm*z, so achtunggebietend, ja selbst rührend sie rem menschlich sein mag, darf der wirksamen Autorität der Thora natürlich keinen Abbruch ™n- Es versteht sich von selbst, daß der Waad jlapoel niemals Nutznießer dieser Bescheideneit sein wollte. Seine Beziehung zur Exekutive des Welt-Rates, nicht nur zu einzelnen seiner Mitglieder, müßte aber eine (fortlaufende und äußerst innige sein, und sie müßte sich auf alle bedeutenderen Angelegenheiten des täglichen agudistischen Lebdns -erstrecken, damit für die entscheidenden Momente bereits eine feste Tradition der Behandlung, eine Uebung und ein Hang zur Entscheidung bestehe, die allein die Treffsicherheit und auch die oft erforderliche Schnelligkeit des Votums gewährleisten können. Nur unter diesen Voraussetzungen bietet ein zuweilen unvermeidbares schriftliches Verfahren die Gewähr für ein verantwortbares Ergebnis. Die Unfertigkeit des Rabbinischen Welt- Rates und seiner Exekutive 'geht aber in gewisser Hinsicht Hand in Hand mit der Unfertigkeit des Zentralrats und des Waad Hapoel. Der Zentralrat ist als Zwisoheninstanz, als eine Art Aufsichtsbehörde für den Waad Hapoel gedacht für die Zeit von einer Kenessio Gedaulo bis zur anderen. Mindestens das Präsidium des Zentralrats müßte eine wirkliche Aktivität ausüben, und die Mitglieder des Zentralrats müßten sich ständig als solche fühlen und betätigen. Praktisch bestand bis jetzt die Funktion des Zentralrats im wesentlichen darin, in Jahresabständen zu mehr oder minder gut besuchten Versammlungen zusammenzutreten, die den Ausfall der stets überfälligen ,'Kenessio Gedaulo einigermaßen erträglich machen sollten. Nur die wenigsten Mitglieder des Zentralrats haben zentrale Leistungen irgendwelcher Art aufzuweisen. Besondere Anstöße sind von den Tagungen des Zentralrats meist nicht ausgegangen. Eine Tendenz zu aufsteigender Entwicklung ist beim Zentralrat nicht festzustellen. Sein Präsidium tritt fast nur während seiner Tagungen in Erscheinung. Die Mitglieder des Waad Hapoel, ja selbst die Mitglieder seiner engeren Leitung, sind über aller Herren Länder zerstreut. Hierin ist im letzten Jahrzehnt entschieden eine wesentliche Verschlimmerung eingetreten. Sitzungen des Waad Hapoel, ja selbst Sitzungen seiner engeren Leitung, gehören zu den größten Seltenheiten. Höchst mühsam muß durch Schriftverkehr die notdürftigste Fühlung aufrecht erhalten •werden. In London, in Frankfurt, in Ansbach, . in " Wien, in Warschau, in Jeruscholajim sitzen seine Mitglieder, und man mag sich selber die Frage beantworten, ob von solch einem obersten Organ eine wirkliche, konzentrierte Stoßkraft ausgehen kann. Eine wirklich verantwortliche, vorwärts treibende organisatorische Leitung ist daher überhaupt nicht vorhanden. Die einzelnen Länder sind sehr stark auf sich selbst angewiesen und sich selbst überlassen, woraus bereits die schwersten;,Schäden entstanden sind. In organisatorischer Hinsicht ist .4in,gesundes Wachstum der Aguda kaum festzustellen. In jeder Organisation^ aber bedeutet Stagnation einen höchst schmerzlich fühlbaren Rückschritt. Auf ' vorwiegend1 i schriftlichem Wege läßt sich auf die Dauer keine»Organisation! leiten. ^Organisatorisch;'zehrt die Aguda; seit Jahren , an ihrem Kapital/ - Äu|ch. an ihrem Menschenkapftal. Nuri mit'. tiefem Schmerz kann es ausgesprochen werden., daß im verflossenen Zeiträume viele Großen Israels von uns gingen und eine Lücke hinterließen,, die nicht ausgefüllt werden konnte. Wiederum auf den Tagungen des Zentralrates fällt es uns beängstigend auf, daß neue Manschen nur, wenig; in 'Erscheinung treten. Mindestens innerhalb der letzten 15 Jahre ist kein bislang unbekannter \ Stern am agudistischen Himmel auf getaucht. Dies be deutet, daß die Generation derer, die hei Kriegsende etwa im Alter von i2Ö Jahren standen, der Aguda kaum» Persönlichkeiten gestellt hat, die als Führer, heute oder spater, in Betracht kommen könnten. Dies bedeutet eine zunehmende Ueberalterung m der Leitung der Aguda. Gewiß ist das höhere Älter nach jüdischer Tradition kein Makel, sondern ehetein Vorzug bei der Wahrnehmung öffentlicher Interessen, zumal, wenn die Voraussetzungen vorliegen, unter denen nach, Meinung der Weisen von ihm eine abklärende Wirkung ausgeht, Aber die agudistische Tätigkeit ist mit so viel Entsagung, Enttäuschung, ermüdender Kleinarbeit, nervenspannender Geduldaufwendung verknüpft, daß die Leitung die frischen Impulse der Jugend, ihr kühnes Hoffen und Wagen, ihr ursprünglicheres Anschauen der Dinge, ihr unbeschwerteres Angreifen der Probleme schlechterdings nicht entbehren kann. Eine bewußte Pflege etwa vorhandener Talente findet im agudistischen Lager nicht statt. Führerkurse dürften nirgends bestehen. Nach menschlichem Ermessen ruht die agudistische Sache auf einigen wenigen Augen, die alle bereits umrändert sind oder mindestens bereits deutliche Spuren der zunehmenden Umränderung aufweisen. Wie aber, wenn sie sich schließen? Gewiß, es werden dann neue Menschen vorhanden sein. Wäre es aber nicht dringend erforderlich, daß die neuen Menschen eine Weile mit den alten zusammenarbeiteten, damit Erfahrung nicht ungenützt verschwinde, Tradition nicht gefahrbringend abbreche? Ich glaube keineswegs, daß die jüdische Orthodoxie an Talenten ärmer ist, als andere Kreise. Eher möchte ihr autoritärer Grundzug, ihre auf Schonung des nun einmal Bestehenden gerichtete Einstellung, ihr Mißtrauen gegen das Unbekannte dem Emporkommen neuer Kräfte abträglich sein. Vielleicht mag auch bei den Führern selbr, oft aus gesteigertem Verantwortungsbewußtsein heraus, der Hang, alles selber machen zu wollen, die Vorstellung der eigenen Unentbehrlichkeit zu stark vorhanden sein und nicht immer genügenden und lockenden Platz für Betätigung an^ derer lassen. Die Not schafft Menschen, Vielleicht haben die Führer diese Not nicht eindringlich genug, hervortreten lassen/ sie unter Umständen sogar, zum' vermeintlichen Besten der Aguda, eher verschleiert. Entscheidend aber dürften all diese Momente nicht sein. Entscheidend nicht nur für die Menschenpolitik der Aguda, sondern für ihre ganze organisatorische Entwicklung ist vielmehr höchst wahrscheinlich eine andere Tatsache: der bis zum heutigen Tage offcnbar.unausrottbare Wahn, als ob die Geschäfte der agudistischen W e 11 o r g a n i s at i o n i im E h r e n a m t liehen nebenbei geführt werdenkö n n t e n. Der Nachdruck sei zunächst auf das „Nebenbei" gelegt. Seit Jahrhunderten hat sich im thoratreuen Judentum, nicht ohne Schwierigkeiten, die Ueberzeugung durchzusetzen gewußt, daß das rabbinische Amt dieses ^Nebenbei" nicht vertrage. Selbst eine Gemeinde mittleren Umfangs schuf sich ihr rabbinisches Hauptamt. Die agudistische Weltorganisation hält offenbar noch nicht so weit, Es war vielleicht ihr Grundfehler von Anbeginn. Die Mitglieder des Waad Hapoel ,jwaren und sdhd zumeist vielgeplagte Berufsmenschen, die ihrer Tagesärbfeit mühsam Stun-' den für die Aguda abrangen; Kam es zÜ; einer Tagung, machten sie sich;'notdürftig für : einige;Tage berufsfrei, um nach ihremungeduldig erwarteten Abschluß schleunigst in die'Ketten ihres'Berufs zurückzukehren. Es gab einen Zeitpunkt im Leben der Aguda, der eine wirkliche Wende hätte bedeuten können, (wäre die Leitung der Aguda in Händen von Männern gewesen, die sich ihr ganz hätten widmen können. Dies war die erste Kenessio G e d a ulo. Sie bedeutete einen großen Sieg der Aguda in den Augen der ganzen Welt. Aber unsere Kräfte reichten nur zum Siege aus, den Sieg wirklich auszunutzen, langten sie nicht mehr. Umittelbar nach dem Sieg hätten die Mitglieder des neu gewählten Waad Hapoel sich über die ganze Welt zerstreuen, und sie hatten in jahrelangen Reisen, überallhin sich erstreckend, wo jüdische Niederlassungen vorhanden sind, die Organisation in den Herzen der jüdischen Menschen aufbauen und damit den Weg auch zu ihren spendenden Händen finden müssen. Es ist nicht geschehen, und