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Der Israelit · 1937-06-17 · Heft 24 (17.6.1937) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 24 (17.6.1937)
Date
1937-06-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Feuilleton- Beilage Nummer 24 1937 Väter und Söhne. Von S. Monson in Tel Awiw.*) Im Hofe erwaciii reges Lehen, die Schafherde ist heimgekehrt, sich vorher schon durch dichte Staubwolken" ankündigend. Jigal eilt nicht, wie sonst, den Schafen entgegen, um -einige an den Hörnern zu fassen. Er steht am Eingang des Gemeinschaftshauses und schaut hinaus nach der Spitze des Hermon, der zwischen hellblau, purpurrot und dunkelblau die Farbe wechselt, um sich immer mehr zu verdunkeln. Schon hat sich die Sonne geneigt, und nun kommt das Erwartete. Zwei Feueraugen leuchten am Straßenrande auf, verschwinden und blitzen wieder auf. Das . Auto der Kwuzah ist da. Nun steigen die Passagiere aus. Zuletzt sein Vater, und hinter ihm ein Greisenpaar, ein Mann mit schönem grauen Bart und eine alte gebückte Frau, deren pergamentgraues Gesicht vom Kopftuche ganz eingehüllt ist. Jigal begrüßt 'die Großeltern, die er beute zum ersten Male sieht, etwas verlegen. Des Großvaters Bart kratzt «in wenig, der Kuß der Großmutter geht aber Jigal tief ins Herz. Er versteht ihre Sprache nicht ganz, eine Sprache, die der des deutschen Chaluz ähnlich klingt, aber 'doch nicht .dasselbe ist. Nun sieht Jigal seinen Traum verwirklicht. Er hatte solanige auf die Großeltern, von denen im Haus« viel gesprochen wurdet gewartet. Vom ersten Augenblicke an hat Jigal die A'ten liebgewonnen. iNoch kennt er sie nicht recht, noch ist er hinter das Geheimnis im Zimmer, da® die Alten als Wohnung bezogen, nicht .gedrungen. Was machen die Greise nur,; wenn sie aufstehen, wovon sprechen sie, was denken sie? Aber schon nach wendigen Tagen ist die Scheidewand gefallen und eine neue Welt offenbart sich dem Knaben. Ein ganz neues Leben stürmt auf ihn ein, das er nie gekannt und gesehen hat. Der Großvater ißt nicht und spricht nicht und bewegt sich nicht wie sein Vater oder die anderen in der Kwuzah. Für den alten Mann ist alles eine feierliche Angelegenheit, sogar das Essen. Wie er den Becher an der Ecke in die Hand nimmt, mit scharfem Auge mustert, ob nicht ein Riß an ihm sei, wie er sich das Wasser über .die Hände schüttet, als zähle er die- Tropfen. Wie er die nassen Hände emporrichtet und dabei ihm, dem 'Knaben, unverständliche Worte mit halbgeschlossenen Augen spricht! All das beobachtet Jigal mit Scheu und Interesse ohnegleichen. Er wagt erst nicht zw fragen, doch faßt .er eines Tages. Mut. „Was flüsterst Du da, Großvater?" Der Großvater erstaunt: „Wie, das weißt Du nicht? Ich spreche den Segensspruch." „Segensspruch? Für wen?" „Für wen? — — —" . Der Alte vergißt vor lauter Staunen, den Mund zu schließen. Jigal ist erschrocken. War das eine so dumme Frage? Da hört er den Alten, zu seiner Frau gewendet, seufzen: „Sag' mal Chaje Sara, wie alt ist denn unser Enkel? Elf Jahre, glaube ich. Und der Junge weiß nicht einmal, > was ein Segensspruch ist, wen man segnet. Hörst Du es? Das sind die Gewächse von Erez Israel". Die Alte ist gütig und sucht zu beschwichtigen: t,Nicht gleich poltern, Mann.' Wir sind ja nicht in Polen, sondern in Erez Jisroel. Wollen nicht sündigen. Sind unsere Enkel in Amerika besser? Wenigstens wächst dieser in Erez Jisroel auf." Der Alte will etwas antworten, doch ist die Alte schon verschwunden. Er tritt an Jigal heran und versucht, ihm 3ie Sache zu erklären: „Ich preise. Bin, der mir das Brot und das Wasser gibt. Weißt Du, wer uns das alles gibt?" Etwas selbstbewußt antwortet Jigal: „Selbstverständlich weiß ich es. Das Wasser holen wir aus der Quelle und das Brot aus dem Konsum." „Woher hat aber das Konsümgeschäft das Brot, ~«ver hat der Quelle das Wasser gegeben?" Das weiß natürlich Jigal nicht. Nun bekommt er vom Großvater Dinge zu hören; .die er nie geahnt hat. Er hört die .ganze Schöpfungsgeschichte in all ihren färben, wie sie in der. mündlichen und schriftlichen kehre erzählt wird. Als Jigal. das Gemach der Alten verläßt, ist es ihm zumute, als wäre die ganze alte Welt. versunken, von einem Abgrund verschlungen, und eine neue Welt aus der Hand des g'ttlichen Schöpfers eben: erst hervorgegangen. Die Bäume Aug dem Hebräischen im Jerusaleimer „Hahed", blühten so frisch und so grün wie noch nie, .die Felder und der Himmel, eben erst in ihrer Pracht entstanden, singen G'tt ein Loblied. Von .diesem Tage an weicht Jigal nicht mehr von der Seite des Großvaters. „Großvater, was sind das für Riemen, die/Du morgens anlegst?" „Tefillin. Auch Du wirst sie anlegen, wenn Du einmal das Alter hast." Der Alte seufzt und seufzt, erzählt, erklärt, erläutert und seufzt dabei. „Das sind die Kinder des neuen Erez Jisroel, wissen nichts von Israels Gesetzen." Jigal vernachlässigt fetzt seine Kameraden, seine Bücher, den Garten und die Spiele. Er sitzt an der Seite des Großvaters und schlürft gierig jedes Wort ein. Er hört nichts, er hört und sieht nur das, was der Großvater erzählt. Der Knabe ringt zwischen zwei Welten und sucht in seiner Not auch Hilfe bei seinem Vater. „Vater, wer hat die Welt erschaffen? Vater, warum legst Du nicht auch Tefillin, warum hüllst Du Dich nicht auch in Talith wie der Großvater? Vater, warum zündet nicht auch die Mutter die Sabbatlichter an?" Der Vater lächelt amüsiert und überlegen! „Wer die Welt erschaffen hat? Sie ist da und erschafft sich täglich selbst von neuem. Talith und Tefillin? Eine Sache für alte Leute. Sabbatlichter? Haben wir nicht elektrische Birnen genug in unserem Wohnzimmer?" Diese Antworten entfremden den Sohn vollends dem Herzen des Vaters. Wie klein und winzig und unwissend ist doch der Vater im Vergleich zum Großvater, der alles weiß und so wunderschön zu erklären versteht! Die neue Welt, die er im Herzen trägt, kettet ihn mit ehernen Fesseln an den alten Mann. An einem Sabbatmorgen ist Jigal ganz in Gedanken vertieft. Schweigend nimmt er sein Frühmal ein. Nach dem Essen ist er im Kreise der anderen Kinder, die 'beraten, wohin sie heute ihren Spaziergang nehmen sollen. An den Wasserfall, beschließen sie, baden, fischen, Feuer anmachen und gleich die frischen Fische braten. Das wird ein (königliches Mahl geben. „Na, Jigal, bist Du jetzt zufrieden?" Aber Jigal ist nicht zufrieden. Er schweigt. Auch dem Vater, der in der iNähe ist, gelingt es nicht, ihn aufzumuntern. Dann kommt aber plötzlich und unvermittelt ein Schrei aus seiner Brust. „Ich gehe nicht mit, es ist Sabbat, verboten, verboten! ..." An diesem Abend hört Jigal hinter der Wand des Gemachs, in dem die Großeltern wohnten, aufgeregte Stimmen. Es ist der Vater, der seinen Vater mit Vorwürfen überhäuft. Der Alte fleht, weint beinahe: „Ist^es möglich, ein jüdisches Kind wächst auf, ohne zu wissen, was eine Brocho, was eine Mizwo, was der heilige Sabbat ist? Der Vater fällt ihm aber lachend und herausfordernd ins Wort. Die Großmutter mischt sich ein, will beschwichtigen, vermitteln, aber es gelingt ihr nicht. Dann, wie ein Schlußakkord, die rauhe Stimme des Vaters: „Vater, ich lege Dir nichts in den Weg. Ihr könnt' nach Eurem Geschmacke religiös leben, aber ich erlaube nicht, daß Ihr auch mein Kind ins Garn zieht. Ich will nicht, daß Du auch seine Sinne verdrehst, wie Du die meinen seinerzeit verworren hast." Eine Türe wird barsch zugeschlagen. Als nach* wenigen Minuten Jigal an der Seite des Großvaters sitzt, merkt er, wie zwei große Tränen aus den großen blauen Amgen des Greises zum weißen Barte hinunterperlen. Am folgenden Tage verläßt das Greisenpaar die Kwuzah und übersiedelt in ■ die nächste Moschawa, die eine Synagoge .und ein. jüdisches Leben hat. Ihre wenigen Habseligkeiten und den winzigen Hausrat packen sie auf einen kleinen, zweirädrigen Wagen. Jigals Vater kutschiert auf dem Bock und die zwei Alten sitzen auf ihrem Bettzeug im Wagen. Jigal hat kein Wort zum Abschied. Das Herz ist ihm sehr schwer, als wolle .die neue Welt, die ihm mit den Alten aufgegangen ist, wieder einstürzen . . . Den .ganzen Tag Über schweigt Jigal beharrlich. Es drückt ihn etwas, und er weiß nicht, was das sei. Im Bett, da er nicht gleich einschlafen kann, kommt es ihm zum Bewußtsein: Der Vater hat dem Großvater Uebles angetan und er, Jigal, schwieg.. Warum schwieg er, warum trumpfte er nicht auf? Er hätte mit den Alten das Haus verlassen sollen, Won nun an trifft sich Jigal mit den Großeltern nur .am Sabbat. "Der Weg zur Moschawa ist nicht weit., Am Sabbatmorgen in aller Frühe macht sich Jigal auf, mochte der Vater noch so izetem, und pilgert dahin.. Den Sabbat will er mit den Großeltern in der Gemeinde verleben. Und •es ist ihm an diesem Tag, als habe er neue Gestalt angenommen. Alles ist so anders,, so schön, so überirdisch schön an diesem Tag in der Moschawa, in der kleinen Synagoge, im Hause der Alten, bei dem aus dem Sabibatofen kommenden T^e, bei der dicken Suppe, ibeim Dufte der Sabbatkugel. Es hat ganz anderen Geschmack, als all das in der gemeinsamen Küche der Kwuza. Mit unvergleichlichem Stolz geht er hinter dem Großvater her und trägt dessen Talithbeutel in die Schul, und in der Schul, wo der Großvater einen Ehrenplatz hat, fühlt er sich selbst in eine gehobene Stimmung versetzt, wie er sie in der Schule und auf den Feldern daheim nie gekannt hat. Der Großvater hat schon recht: Eine eigene Seele, die Sabbatneschomo, gibt es wirklich, die er selbst an diesem Tage in seinem Innern fühlt. Nachmittag, wenn der Großvater ein bißchen geschlafen hat, will Jigal wissen, was in den1 großen dicken Folianten im Bücherschränke g*schrieben stehe. Der Großvater erklärt ihm den Inhalt. Noch versteht er nicht alles, aber die lieblichen Erzählungen und Schilderungen, die Erklärungen zum Wochenabschnitte, nehmen ihn ganz in den Bann. Aber einmal am Sabbatnachmittag hält dej- Großvater mitten im Lesen inne. Sein Gesicht verfärbt sich. „Was fehlt Dir, Großvater?" „Es ist mir nicht wohl." Jigal erschrickt und ruft die Großmutter herbe?. Sie hat bald etwas Baldrian zur Hand und der Großvater erholt sich. Er liegt auf dem Sofa und sein Blickgräbt sich tief in Jigal ein. Da entringt sich ein tiefer Seufzer seiner alten Brust. „Großvater, warum seufzst Du?" iDer Großvater mit schwacher Stimme wie aus vergangenen Welten: „loh bin alt, mein Kind .und das Herz schlägt langsam dem Ende entgegen. Und wenn es ganz zu Ende ist, wer denkt dann meiner, wer wird (für mich Kaddisch sagen?" Jigal weiß längst, welche Bewandtnis es mit dem Kaddisch hat. In der Schul der Moschawa sah er Männer, auch Waisenkinder, die Kaddisch sagten, und der Großvater hat ihm lnägst erklärt, was dieses Kaddisch bedeutet. Nun .geht ein Beben durch sein Gemüt. Man wird kein Kaddisch sagen für den Großvater? Und der Vater? Das Wochentagsleben in der Kwuzah ist im vollen Gange. Die Männer und Frauen sind im Felde, die 'Kinder in der Schule. iNun ist .die Schulstunde zu Ende und die Kinder stürzen hungrig wie die Wölfe in den gemeinsamen Speiseraum der Siedlung. Nach und nach finden sich auch alle Frauen und Männer zum Essen ein. Jigal sucht den Vater, er fehlt. „Wo ist Vater?", fragt er die Frau, die heute Küchendienst hat. „Dein Vater," gibt diese gleichgültig Auskunft, als gehe die Sache Jigal gar nichts an, „Dein Vater ist nach der Moschawa gerufen worden, der Großvater ist krank." Nun läßt Jigal sein Essen stehen und stürzt aus der Halle. In einer guten halben Stunde ist er in der Moschawa. Er ist tief bedrückt, da er über die weiße Landstraße rast und weiß nicht recht warum. Das Bild des bleichen Großvaters an jenem Sabbatnachmittag läßt nicht von ihm. Als er pochenden Herzens die Straße der Moschawa erreicht, erblickt er eine große Menschenansammlung am Hofe der Schul, die im Zentrum der Moschawa steht. Was war geschehen? Da kommt schon langsam der traurige Zug von der anderen Ecke. Eine Frau jammert laut, und andere Frauen weinen mit. Er' erkennt bald die Stimme der Großmutter. Sie entdeckt ihn und umarmt ihn weinend. Männer tragen, eine Bahre. Entsetzen ergreift das Kind. Drinnen | liegt der Großvater, Icein Zweifel, bleich und steif. Er möchte aufschreien: „Großvater, wohin?" Aber die Tränen erstickten seine Stimme. Nun ist alles vorbei. Die Bahre ist in die Grube gesenkt und darüber wölbt sich ein kleiner Hügel- Alle stehen herum, keiner will weg. Man wartet auf etwas. „ Kaddisch f Wo ist der Sohn?" Er hat nicht einmal einen Hut auf. Irgend jemand setzt ihm eine Mütze auf den Kopf, ein anderer hält ihm ein Gebetbuch vor Augen, „Auf, •Kaddisch! . . ." Der Sohn aber wirft .die Mütze von sich und wendet das Auge vom Gebetbuch ab. Eiskalt und schneidend klingt seine Stimme: „Ich halte von diesen Dingen nichts, ein anderer kann Kaddisch sagen." Ein Murren entsteht in der Versammlung. Einige nehmen eine drohende Haltung an. „Em unverschämter, liebloser Sohn." „Ein Roscho". „Wer nicht Vater und Mutter ehrt . . ." Die Unruhe wächst. Dazwischen steht die Alte, hilflos, verzweifelt. Und auf einmal Stille. (Eine dünne, (klare Kinderstimme ertönt. Alles wendet sich nach der Richtung der Stimme um. Da steht der kleine Jigal, die Augen ins Gebetbuch eingegraben und betet laut und weinend: . „Jisgadal w'jiskadasch! »V C tt m p C n Elektrische Geräte - Kühlschränke 81 C U m a n.flt 47

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