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Der Israelit · 1937-06-17 · Heft 24 (17.6.1937) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 24 (17.6.1937)
Date
1937-06-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 24 Der Israelit 17. Juni 1937 G e s a m t v e r t r e t un g der Jud e n Polens ins Leben gerufen. Neben Allgemeinen Zionisten, M*&- rachi, Revisionisten und den wirtschaftlichen Gruppen beteiligt sich* auch die Agudaa Jisro el an dieser Gesamtvertretühg. - "* Das Todesurteil , gegen Ch.a t z k e le wi c z hält; die polnische Judenheit noch in Atem. Die Nummern sämtlicher jüdischen Zeitungen, die das Urteil glossierten, wurden b e ® c h 1 a g n a h m t. Die jüdischen Parlamentarier legten Protest beim Just iz - minister ein, besonders auch gegen Stellen in der Rede der Anwälte, in denen die jüdische Religion beschimpft wurde. Im S e n ä t interpellierte Prof. Moses Schorr über das Gerichtsurteil und wünschte Maßnahmen g e g en den Staatsanwalt und die Anwälte, die die Tat des Angeklagten auf jüdische Einflüsse zurückgeführt haben, besonders auch gegen die Behauptung, die Juden lehrten ihre Kinder, Polen zu hassen. All diese"~Behauptungen stellten schlimme Verleumdungen gegenüber den 3% Millionen Juden im Lande dar. * * In London äußerte sich Lloyd George zu den Vorgängen in dem Sinne, es könne England nicht gleichgültig sein, wenn Polen seine Minderheitsverpflichtüngen nicht .erfüllt. George® Erklärung wurde auf einer Kundgebung des Verbandes der jüdischen Hilfsorganisationen 'in London verlesen. Aehnliche Aeußerungen von zahlreichen englischen .Kirchenfürsten und Politikern! an ihrer Spitze den Erzbischöfen von Cariterbury und York, liegen vor. In einer Entschließung, die dem englischen Ministerpräsidenten zugeleitet wurde, wird die volle Wiederherstellung der bürgerlichen Rechte der Juden in Polen gefordert. Aehnliche Protestversammlungen fanden auch in Amerika statt. ' Frankreich. Leon Blum über den Palästina-Aufbau. P a r i s , 9. Juni. Ministerpräsident Leont Blum hat den Vorsitzenden des Waad Leumi, Jizchak Ben Zwi, empfangen. Ben Zwi überbrachte dem Ministerpräsidenten in einer hebräischen Ansprache die Grüße des gesamten Jischuw und insbesondere der jüdischen Arbeiterschaft. Er berichtete ferner über die Beziehungen zwischen Juden und Arabern und über die Tätigkeit der zentralen jüdischen Institutionen Palästinas. Die Ansprache Ben Zwis. wurde ins Französische ' übertragen. . Der Ministerpräsident nahm die ihm überbrachten Grüße mit großer Freude entgegen. Er erklärte, seine Sympathien für das arbeitende Erez Israel seien bekannt. Er werde dem jüdischen Aufbauwerk auch weiterhin jede ihm mögliche Unterstützung gewähren. In dem anschließenden längeren Gespräch wurden die aktuellen Problem« Palästinas, erörtert. (ITA.) Henry Sloisberg rry, Paris, 14. Juni. Im Alter von 70 Jahren starb Henry Sloisberg, der große jüdische Advokat aus Petersburg, der als Anwalt in den großen jüdischen Prozessen in Rußland und im Kampfe für die Rechte seine* Brüder im Zarenland sich einen Weltruf erworben hat. Zuletzt traf er hoch im Berner Prozesse um die ,,Protokolle" hervor. Nach Zusammenbruch des alten Rußland mußte der; Mann, der sein Lebenlang' fürdie Rechte und Interessen der Menschheit in ihren schwächsten Teilen gekämpft hat^als Flüchtling die- Heimat verlassen. In Paris fand er -in. der Matte des jüdischen Kreises, der, wie er, aus Rußland flüchten mußte die zweite Heimat und ein Wirkungsfeld wieder. Nach der Reorganisierung der Ostgemeinde in Paris wurde er erster Vorsitzender derselben, und er leitete sie mit derselben Hingabe und Aufopferung, wie er es seinerzeit in Petersburg tat. Hier gründete und lej. tete er auch das H i 1 f s k o m i t f ü r r.u s s i s c h e Juden. Ein wahrer Anwalt des Rechtes, ein Führer seines Kreises ist . mit Henry , Sloisberg von dannen gegangen. An der Bestattung auf dem Pariser Friedhof nahmen neben Vertretern der jüdischen Organisationen viel« Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens teil Gedenkreden hielten der Oberrabbiner von Paris, Ju„ lius Weil, und der Rabbiner der Ostgemeiride, frjj. her Oberrabbiner in Petersburg, M. A i s e n s t a d t, England. Londoner Brief, Montags-Sabbatarier. — Große Schmiras SchabboS- Versammlung. — Friede im Board oi Deputies. _ Britische Agudas Proel und Kenessio Gedaulo. London, 13. Juni, Die; am 1. Mai Ah Kraft getretene Sohntagsruhe- Bill, über deren Bedeutung Ende April an dieser Stelle berichtet wurde, ^enthielt 'eine .Klausel, wonach in gewissen Bezirken des- Eastends mit traditionellem Sonntagshandel, alle Betriebe, auch diejenigen n i c h t j ü' d i s c h e r Kaufleute, am Sonntag bis. 2 Uhr offen* sein dürften, ' sobald diese Betriebe einen vollen Wochentag (einerlei welchen von sechs) geschlossen halten. Daraufhin setzte der Cbunty Council als diesen wahlfreien Ruhetag den Montag fest, in der Annähme, daß davon natürlich nur diejenigen nichtjüdAschen Firmen Gebrauch machen wür. den, für die nicht aus religiösen Gründen der Samstag der gegebene Ruhetag ist. Zur peinlichen Ueberraschung der ganzen jüdischen und. nichtjüdischen OeffentEchkeit stellte sich aber heraus, daß hunderte von j ü d ischen Geschäften, die bisher am Samstag geschlossen und am Sonntag5geöffnet waren, plötzlich zu Montags- S a b b a t a r i er n wurden, und man konnte an den Schaufenstern dieser Geschäfte die beschämende Ankündigung' lesen; ,, S a ms t a.gs während des ganzen Tages geöffnet, Sonntags bis 2 Uhr geöffnet; Montags während-des ganzen Tages g'eischlossjen "... Die Aussicht auf die Erzielung eines höheren Nutzens am Samstatg'hat also hunderte dieser charaktervollen Kaufleute dazu geführt, den jüdischen Sabbat öffentlich zu verleugnen, sich selber das Schandmal skrupelloser Profitjägerei anzuheften und sich des Vertrauens unwürdig zu erweisen, das die Toleranz des Staates durch die Berücksichtigung des religiösen Gewissens in sie selbst gesetzt hatte. Der Eindruck 'dieses schmachvollen Erlebnisses — nur etwa 180 Geschäfte hatten sich im Eastend bisher in die Liste der am Sabbat aus religiösen Gründen geschlossenen Geschäfte eintragen lassen, allerdings ohne die'1 noch nicht betroffenen Spezereigeschäfte — auf die öffentliche Meinung war indessen stärker, als die Schuldigen sich vorgestellt hatten. Wie jetzt bekannt wird, beabsichtigt. der County- Council im Sinne der ihm zugegangenen Beschwerden Rumänien. Jüdische Rechtsanwälte aus der Anwaltskammer von Jassy ausgeschlossen^ Bukarest, 7, Juni. Der Berufungsausschuß der Rechtsanwältekammer von Jassy hat die sechs jüdischen Rechtsanwälte Segal, Barasch, Rötmann, Smrach, Alterescu und Zalman aus der Kammer ausgeschlossen. Als Grund für den Ausschluß gibt der Berufungsausschuß an, daß die betroffenen Anwälte gelegentlich ihres Gesuches vor fünf Jahren um Aufnahme in die Anwaltskammer bei Ausfüllung des Gesuchsformulars einen Fehler begangen hätten, der nunmehr entdeckt wurde. Die ausgeschlossenen Anwälte haben beim Justizminister und beim obersten Berufungsgericht gegen .ihren Ausschluß protestiert. Man befürchtet, daß dem Ausschluß der sechs Anwälte zahlreiche weitere Ausschlüsse aus den Anwaltskammern im ganzen Lande folgen werden. . Während die . demokratische Presse den Beschluß der Anwaltskammer von Jassy scharf kritisiert, erklären die nationalist:- schen Zeitungen, daß er der langersehnte Beginn eines notwendigen Reinigungsprozess'es sei, der bald in sämtlichen Anwaltskammern Rumäniens durchgeführt werden wird. Polen. , Brief aus Polen. Nachwehen von Brest-Litowsk. — Milde Urteile. — Gesamtvertretung der Juden Polens. — Proteste und Interpellationen. — Stimmen au& England und Amerika. Warschau, 14. Juni;1 Das Z e n t r a 1 hi 1 f s k o m i t e e für Brest- Litowsk, dem 210 Komitees in den polnischen Städten angegliedert sind, hielt seine Sitzung in Warschau ab. Es wurde berichtet, daß bisher 1100 Geschädigte registriert wurden. An 550 Familien in Brest würde bisher erste Hilfe geleistet. Neue .judenfeindliche Ausschreitungen fanden in mehreren Dörfern des Kreises Bialystök statt. In T r z a n a überfiel um die Mitternacht eine Bande 'die fünfzehn jüdischen Häuser und verstörte alles, was ihr in die Hände fiel. Die jüdischen Einwohner wurden aus dem Dorfe getrieben, wer sich wehrte, wurde bestialisch mißhandelt. Die Veranlassung gab ein unglücklicher Zufall, bei dem ein jüdischer Radfahrer ein polnisches Kind überfahren hatte. Von solchen Zufälligkeiten hängt in polnischen Städten und Dörfern das Schicksal der Juden ab, , Die Gerichte arbeiten weiter milde und' behutsam. -Acht Angeklagte wurden vom Brester Kreisgericht zu je 6 Monaten Gefängnis mit d r e i j ä h r fgem Strafaufschub verurteilt. Wohl ermutigt durch diese milden Strafen, wurde am gleichen Tage in Brest ein jüdischer Soldat überfallen und schwer verletzt. Ein jüdisches Geschäft wurde ausgeraubt und in der Wohnung des jüdischen Rechtsanwalts Rappaport wurden die Fensterscheiben eingeschlagen. Sämtliche jüdischen Abgeordneten und Senatoren begaben sich zum Ministerpräsidenten; über den Verlauf der Audienz wird noch ein Communique ausgegeben werden. In Warschau fand eine Beratung der Vertreter aller jüdischen politischen Parte:en, mit Ausnahme des „Bund" statt. In Anbetracht der Lage wurde eine provisorische politische Die 70 Jahre seines Lebens sind ein jüdisches Kunstwerk. Von den tief religiösen Erlebnissen seiner Kindheit in Hamburg, in der Atmosphäre seiner aus dem Osten stammenden, rabbinischen Ahnen an, über die begeisternde Studienzeit zu Füßen von Esriel Hildesheimer und David Hoffmann, denen er solch hervorragender Schüler War, daß man' ihm sogleich nach Vollendung .seiner Ausbildung das Lehramt am Rabbiner-Seminar überantwortete, bis zu den Jahren reifer Vollendung, in denen er immer mehr zu einem Meister der Lehre, einem Vorkämpfer jd;er Gesetzestreue, einem Schriftsteller von Weltruf sich entfaltete, getragen von dem höhen Glück einer einzigartigen, durchgeistigten Ehe, ifühttedie Linie seines Lebens mehr und ,mehf aufwärts, zur höchsten Schau des Judentums,' zur „freien Gabe des Himmels", die nur den Auserwählten zuteil wird. Und dies Leben hatte eine mächtige Resonnanz in der Gelehrtenwelt wie in Laieifkreisen. Alle verehrten in ihm die unerreichte Vielseitigkeit des geistigen .Könnens, die künstlerische Vollendung; seiner Persönlichkeit. Auf Einzelgebieten mag Wöhlgemuth seine Meister' gefunden haben, — in 1 der Universalen Vereinigung der ' Kenntnisse iin T'nach, in Talmud und Poskim, in der Religionsphilpsqphie, in pädagogischem und historischem Wissen, in der Beherrschung der Literaturen der Völker und der Zeiten, aber zugleich in der Fähigkeit, immer wieder die Fülle des Innern voll Takt und' Gewandtheit wiederzugeben und in jeder Situation das fechfje Wort zur rechten Zeit vornehm Und eindringlich aju sagen, in mitfühlendem Verständnis für Jugend jund AIter1,, für alles .Fragen des KlaU und der' Gemeinden: in diesem verschwenderischen Reichtum der- Seele und des Geistes ist keiner aus''unserer Mitte ahm zu vergleichen. ' ''\ Wenn von den Ernstesten immer wieder geltend gemacht wurde, daß das Prinzip von Thora im Derech Erez, die Synthese von religiöser und weltlicher Wissenschaft schon rein quantitativ eine Unmöglichkeit darstelle, so hat Wöhlgemuth mit seiner Person diese Besorgnisse und. Zweifel .Lügen gestraft Aber nur Wenige können es ihm ' nachtun. Daß er Unmögliches möglich machen konnte, das zeigte er hei der Schöpfung seiner wissenschaftlichen Zeitschrift „Je s. je h u r u n ".' Mitten im Krieg i hatte er sie begonnen; 'durch die grausigen Jahren der Inflation und Deflation, durch 17 Jahre hindurch hat er sie erhalten. Einen Stab von' Mitarbeitern ijat er sich aus dem Boden gestampft, vor die Well; «ine geistige Repräsentation des orthodoxen Judentums., gläubiger'Wissenschaft!ünd g'tterfüllter Weltbetrach- ' tung gestellt, die überall Achtung sich erzwäng und Herzen eroberte. Er selbst steuerte Beiträge mit unerschöpflicher Feder bei, alle arideren Aufsätze durch die Ueberlegenheit seines Standpunktes, und seines Wissens bekrönend. Und, was das Schwierigste war, auch die. materiellen Voraussetzungen wuß,te er zu schaffen,. mußte sich selbst .die Abonnenten! werben, das Pdstalische der Versehdung, das NeWenäüfreibende des /Drucks und der Korrekturen (-über-; nehmen, * und die so dünn gesäten Mäzene, .df> für Geistiges opfern ''iwbllefl{ heranholen. Alleis dieses mitten,, in einer anstrerijf&ndeSn t Berufstätigkeit alj§ Do- ' zenf ' äm Seminar, als* Lehrer an der Religions^fchule, als MitgUed des Bet-Din def Adksr Jisro el. S&rtdein ihm die Feeder aus. der Hand genommen wurde* verv möchten die vereinten Ad^trengungen seiner 'rabbi^ ' nischen Kollegen, das dringendeiVerlangen^seinilsr Leser nicht, seine Zeitschrift auch nur''um einen ein-', zigen Jahrgang fortzusetzen. Aberr die Lückej ver? spüren wm alle. um.. . ■; . . <?"*":iP. ":: Wieso entsank ihm die Feder? Der weiche, sensible Mensch, der an alles Erleben seine ganze Seele setzte, den das Leid und die Tragik Anderer in allen Fibern und Fasern erschütterte, war doch dem Anprall der Schicksalsgewalten seit dem'-Weltkriege nicht mehr gewachsen; als ihm .die treue Lebensgefährtin t\"v geraubt , wurde, al^ die . einzige Tochter von ihm ging, da mußt« der Arzt ihm ein Halt setzen. Und nun,, lebt er schon seit . Jahren in stiller Zurückgezogenheit. Aber er hat es .verdient, daß die Liebe seiner Schüler, die Verehrung seiner Leser ihm treu bleiben, daß vor allem die Anstalt seines -JRiihänes', das ..R^bin^rKSeimjiia^.-und.)seinrK-üratoriuffl mit freudigfs'yAnteilqähine. den Tag-^fieittes 70. Wie* genfestes begehen. ' Er hat da«, große Glück,.,in seinen zwei Söhnen und den Enkelkindern seine' Lebensideale fortgetragen zu, sehen, vor allem sein in (Riga am jüdischen Gymnasium tätiger Sohn Ari Wohlgemuth,, schon früher ein Mitarbeiter seines Vaters,! hat mit verheißungsvollen Werken seine Wirksamkeit fortgesetzt. Erst vor kurzem erschien von diesem - .begabten, hoffnungsvollen Menschen in hebräischer Sprache ein pädagogiscn-phÜqsöphischesi Werk: ' „Jesodotb! Xhinuch Hadat lador, Gruniälägen der religipsen Erziehung .in der Gegenwart und hat - in der ganze*1 östlichen1 Welt berechtigtes Aufsehen erregt^ ■j Möge/,unseren Lehrer eine. gütigeCHand &eS Himmels . auchc fürder schützen; und, ihn den Tr°st unseres Volkes schauen lasisen,! das iesr mit; so. 'heißet Herzen geliebt hat. näff nstJ isr wandle er vor G tt im Lande ewigen Lebens,'.belohnt indef) J£fedtischa» •die er engtrebt und . als freie Gäbe des 'Himmels erlangt hat. :■■■,■■)

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