Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1937)
- Date
- 1937-06-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 23 Der'Israelit i 10. Juni 1937 rakteristischste Ausdruck des eigentlichen Kernes seiner jüdisch-menschlichen Persönlichkeit ist: "der Uebertragung von Ch. Luzzattos MeßilLas Jeschorim, die er im Jahre 1925 zum Andenken seiner Mutter veröffentlichte. Diese Uebersetzung ist ein Werk warmer religiöser Liebe zu G'tt und seiner Thora, und während die Einleitung-ganz im Stile einer historisch-wissenschaftlichen Dissertation gehalten ist — freilich ohne jede Spur der ,,wissenschaftlich" obligatorischen kritischen Degradierung des Objektsder Untersuchung —-, weht aus jeder Zeile der sorgfältig gefeilten Uebersetzung dem Leser der Hauch jener wunderbaren Frömmigkeit und ethischen Reinheit entgegen, die Luzzattos hebräisches Original für alle Zeiten zum Entzücken der besten Geister unsres Volkes gemacht hat. Wohlgermiths Persönlichkeit als Qanzes ist selber ein Stück „Meßillas Jeschorim". Aus der Kinderstube, aus dem Erbe des Blu-; tes frommer Ahnen hat er die Wärme und die4 Glut einer lebendigen religiösen Leidenschaft, die Demut des gläubigen Menschen und die Opferbereitschaft der OST"!!! trö^an D'TOm D'p'HX mit hinübergenommen in die Hallen europäischer Wissenschaft und sie zu köstlicher Synthese — oft gewiß nicht ohne inneres Ringen — geformt. Die Weichheit seines Herzens, die Sensitivität 'seines Gemütes neben der kritischen Denkkraft seines Geistes hat ihm sicherlich manche schwere Stunde im Leben bereitet und schließlich Jahre der Zurückhaltung, 4er geistigen Ruhe aufgezwungen. Die Hoffnung ist stark*, daß ihm der siebzigste Geburtstag, .^KW rP3 ^3 flXID' mit g'ttlicher Hilfe Lebensernieuerung und stilles seelisches Glück in reichem Ausmaß bringe,. d a s Bewußtsein" aber auf alle Fälle, daß Tausende dankbarer . Freunde und Schüler das Wirken seines Lebens segnen; und von den geistigen Saaten zehren, die er in so verschwenderischer Fülle über vier Jahrzehnte lang ausgestreut hat. Eine besondere Genugtuung mag es dem Jubilar sseifl, 'daß'sein Sohn Ari Wohlgemuth in Riga ,'" ihm auf den Geburtstagstisch eine bedeutsame literarische Frucht der eigenen Denk- und Forscherarbeit, das im „Israelit" bereits kurz im voraus angezeigte hebräische #Werk nnoia Tlin *]13nn —/legt, das alle charakteristischen Züge der v ä-t e r 1 i c h e n Geistesarbeit an sich trägt: die Synthese echter D">atZ7 T)Hil', mit weitgespannter Erfassung und restloser innerer Verarbeitung außerjüdischer Wissenselemente zu einem harmonischen jüdischen Gedankengebäude. ' ' ' ■ Was in S. R.'HirsChs ■gewaltiger Deutung des Menora-Symbols die Blüte alles Wissens bildet, es drückt den Stempel auf Wesen und Leben Joseph Wohlgenniths #"öy : •'n flava im-im So wird sich an ihm auch der Segen dieses alle Wissenschaft adelnden Fluidums bewähren: * •D"»»-» «pom 'n nsi1 Korrespondenzen. Deutsches Reich. Erlaß über den Religionsunterricht in Württemberg. B e r 1 i n , 3. Juni. Der württembergische Kultusminister hat, nach Meldung des „Berliner Tageblattes" einen Erlaß über •die künftige Gestaltung "des Religionsunterrichtes herausgegeben. Es iheißt in ihm, daß in der Schule dam Grundsätze, die Erziehung der deutschen Jugend habe einheitlich dm Geiste des Nationalsozialismus zu erfolgen,1 in allen Fächern Rechnung zu tragen sei. Da Religion ordentliches Lehrfach der Schule ist, sei dieser Notwendigkeit auch im Schulunterricht Rechnung zu tragen. Das habe zur Folge, daß ^Stoffe, die dem Sittlichkeitsempfinden der germanischen Rasse widersprechen, im Unterricht nicht zu behandeln sind. Gewisse Teile des 'Alten Testamentes könnten daher für den Unterricht nicht in Frage kommen, andere werden stark in den Hintergrund treten müssen. Den Lehrern wird die einzeln« stoffliche Entscheidung selbst überlassen, da noch nicht der Zeitpunkt gekommen sei, um fachliche gesetzliche Regeln über den Religionsunterricht zu; treffen.1 '■' '? *• Die Zahl der jüdischen Anwälte Berlin, 28. Mai. In der „Juristischen Wochenschrift" schreibt R.-A. Helmut Weniger über die zahlenmäßige Entwicklung der Anwaltschaft seit 1933. Er stellt fest, daß von den 19.500 Anwälten am 1. April 1933 mindestens 4500 jüdisch und nichtarisch gewesen seien. Ende 1933 seien noch rund 2900 jüdische und nichtarische Rechtsanwälte gezählt worden. Die' rund 1500 Anwälte, deren Zulassung auf "Grund des ' Gesetzes vom 7. April 1933 zurückgenommen wurde, müßten* zum größten Teil hierher gezählt werden, und außer-; dem sei anzunehmen, daß von den. nahezu 800 An-;; walten, die vom 1. April bis Ende 1933 auf andereji Weise (freiwillige Aufgabe der Zulassung, Tod, Ehren- ' gerichtsurteil u. a.) ausschieden, auch noch ein be-v trächtlicher Teil auf jüdische Anwälte entfällt. Das rassefremde Element innerhalb der Anwaltschaft habe also am 1. April 1933 mindestens 23 Proz, (in Berlin, etwa 1800 von insgesamt 3433 Anwälten, also über' 50 Proz.) betragen. Der Anteil der rassefremden Anwälte ist bis Anfang 1937, da neue "Zulassungen jüdischer oder nichtarischer Anwälte nicht mehr erfolgten, auf 2273 von 18.004, also auf 12,6 Proz: zurückgegangen (im Bezirk der Rechtsanwaltskammer Berlin noch 32,6 Proz., Frankfurt a. M. '25,5 Pioz., Breslau 21,1 Proz.). Oesterreich. Wachsende Not unter den jüdischen Äerzten Österreichs. Wien, 31. Mai. Unter dem Vorsitz von Universitätsprofessor Dr, Herbert Elias hat die Vereinigung jüdischer Aerzte in Wien ihre Generalversammlung abgehalten. Der geschäftsführende Vizepräsident, Dr. Gustav Jellinek, wies auf die wachsende Not unter den jüdischen Aersten Oesterreichs, hin. Er zeigte, daß der Ausscbaltungsprozeß immer schärfere Formen annimmt, wodurch besonders die Lage der Jungärzte, denen die Zukunft verschlossen wird, sich katastrophal gestaltet hat. Es wurde eine Resolution gefaßt, in der dagegen protestiert wird, daß — von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen — die jüdischen Jungärzte von der Anstellung als Hilfsärzte an den Fonds-Krankenanstalten seit vier Jahren ausgeschlossen werden. Ungarn. ,.. Helden-Ehrung für die jüdischen Kriegsgefallehen Ungarns. Budapest,,! Junj. Vor dem Heldengedäcbtnistempel in Budapest veranstaltete die Pester Israelitische Kultusgemeinde und die Chfewra Kadischa im Rahmen ein«? Eestg'ttesdienstes eine Heldenehrung für die j ü - dischen Kriegsgefa11enen Ungarns. An der Feier, die sehr stark besucht war, nahmen die führenden Persönlichkeiten der jüdischen Körperschaften und hohe Staatsbeamte teil. Nach dem Nationalen Credo sang Oberkantor A b.r a h a ui -s-o h nMnU Chorbegleitung einen Psalm. Oberrabbiner Dr. Simon Hevesi gedachte der jüdischen Helden des Weltkrieges und sprach ein Gebet um den Segen \des Allmächtigen für das Vaterland. Auch auf dem, Isj raelitischen Friedhof in Rakoskeresztur fand eine Gedankfeier an den Heldengräbern statt. Bei der Heldengedenkfeier auf der Heldenparzelle des Friedhofs der. Ofener Kultusgemeinde Jeiteten Oberrabbiher Dr. Adolf Kiß und Oberkäntor Prof. ,S irot a die religiösen Funktionen. * Beim Festg'ttesdienst: in , der orthodoxen Pester Hauptsynagoge sprach Rabbiner Steif vor geöffneter Thoralade ein Gebet, für die gefallenen Helden., Polen. Krankenschwestern und Arierparagraph. Selbständige Vertretung der jüdischen Kranken- Schwestern Polens auf dem Internationalen Krankenpfleger-Kongreß/ Warschau, 1, Juni. Zu dem Internationalen Krankenpfleger-Kongreß der am 1. Juli in London zusammentritt, war aus Polen eine Abordnung angemeldet geweisen, der auch jüdisch© Krankenschwestern -angehörten;' Nun. mehr sind die Vertreterinnen des Warschauer jüdi. sehen Schwesternverbandes von dem" Verband der Krankenschwestern Polens verständigt worden, daß der jüdische Verband aus dem Gesamtverband ausgeschlossen worden sei, da 'dieser .den Arierparagraphen eingeführt habe. Der jüdische Schwesternvefband hat sich daraufhin an das Internationale Büro der Schwesternvereinigungen in London mit der Forderung gewandt, eine besondere jüdische Abordnung aus Polen zuzulassen. In der Antwort , wurde diese Forderung als gerechtfertigt erklärt. Die Abordnung der jüdischen Krankenschwestern' wird demnächst nach Paris zur Teilnähme an einer internatio-i nalen Konferenz der Krankenhäuser abreisen, die dort im Juni stattfindet, und sich später zu dem Internationalen Krankenpflegerkongreß nach London begeben.; - , ■ Die Ukrainer gegen die Judenhetze in Polen. — «Nach den Juden kommen die Ukrainer an die Reihe". y W a r s c h a u , 1. Juni. In dem Uauptorgan der Ukrainer Polens, der Lemberger Tageszeitung „Dylo", wendet sich ein ukrainischer Abgeordneter entschieden gegen die Teilnahme der Ukrainer an der jetzigen Judenhetze. Er weist darauf hin, - daß nach der Verfolgung der Juden auch eine Kampagne gegen die Ukrainer einsetzen dürfte, Die Anzeichen dafür seien bereits zu merken. Anderthalb Jahre Gefängnis für Notwehr gegen Huligans. Warschau, 1. Juni. Das Wilnaer Kreisgericht verurteilte den jüdischen Einwohner Jakob Wilenker zu 18 , Monaten Gefängnis, 'weil ' er, als er von einer Bande von Huligans überfallen worden war, einen der Angreifer niedergeschlagen hatte. Die Vorgänge in Polen. Warschau, 8.- Juni. Die Opfer von Brest-LitowSk. — Interpellationen im Sejm. — Die Brester Juden mußten die Tat eines Irrsinnigen büßen. ^— Milde Richter. — Proteste im Auslande. Wie schon berichtet, erlag der beim Pogrom in. Brest 'schwer verwundete Barüch Silberberg im Warschauer Krankenhaus seinen Verletzungen. Die Ueberführung der Leiche nach Brest, 'wie es der Verstorbene 'letztwillig gewünscht hatte, würde nicht gestattet, so fand die Beisetzung in Warschau auf polizeilichen Befehl in a 11 er Stil 1 e statt. "Nur die Angehörigen durften dabei sein. Silberberg bekam ein Ehrengrab neben früheren Pogromopfern auf dem Warschauer Friedhof. Inzwischen wird bekannt, daß .aifct letzten Sattista*;aufch der 50jährige Oser iL u t f e n b.e r g aus Biest- ^itowsk im Brester. Krankenhause seinen Verletzungen erlegen ist. So hat der Pogrom in Brest bis jetzt zwei jüdische Todesopfer gekostet. Bei der Beisetzung Luttenbergs blieben alle jüdischen Geschäfte; geschlossen. Abordnungen des •Zentral-Hilfskömitees; des; Händ'we'rkervereins und des Warschauer zentralen «Handwerkerverbandes waren erschienen. Die ärmliche Einrichtung der Wohnung Luttenbergs war bei dem Pogrom vollkommenvernichtet worden. Die in Arbeit, befindlichen Klei- ' dungsistücke hatten die Huligans zerschnitten. Im Sejm hat 'der Vorsitzende des Jüdischen Clubs, Dr. Sommerstein, beantragt, daß staatliche Mittel zur .Entschädigung der jüdischen Opfer von Brest zur Verfügung gestellt werden, möglicherweise auch durch Bewilligung eines Ergänzungsatats. Der Vorsitzende lehnte aber aus taktischen Grün<lefl die Behandlung des Antrages, ab. Die .Interpellation des Jüdischen Clubs über die Vorgänge in Brest wird ätter demnächst zur Behandlung kommen. Die Nauonäldemokräten beeilten sich, in einer Gegeninteipei' lation den Mord an dem Polizeibeamten, der nach- . gewiesenermaßen von einem g e i s t e s kranket Juden begangen wurde, als eine „jüdische Angelegenheit" darzustellen. „ Demgegenüber hat der bereits begonnene Proz«" gegen den Schneider Juda C h a c z g e l.e w i t z vor dem Warschauer Kreisgericht schon gleich zu Bc* ginn .den Beweis erbracht, daß dieser Ch. ein äOSO' :lüt unzurechnungsfähiger Mensch" ist,; v der auch diesem Falle im Irrsinn gehandelt hat.