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Der Israelit · 1937-06-10 · Heft 23 (10.6.1937) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 23 (10.6.1937)
Date
1937-06-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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10. Juni ,1937 Per I s.r a e 1 i t Nr. 23 Seite 5 Daß Verteidiger für -den Sabbat zuweilen auch, j aU9 anderefl Lagern erstehen können; .beweist uns ein Bericht des -„Haolam" über diei Debatte auf der Sitzung 'de$ Zionistischen 'Aktionskomitees in Jerusalem: .;•'/ ., - x „Der Sabbat ist nicht Monopol einer Partei, 'der Sabbat ist eine Angelegenheit, die jeden Juden anöeht, der noch Beziehungen zur Tradition aufrecht erhält. Man kann einem religiösen, Juden nicht zumuten, daß er Werke und Unternehmen unterstützen soll, 4\e im schärfsten Widerspruch zu den religiösen Anschauungen des Judentums stehen. -. Man kann von . einem TeLigiöseii! Juden nicht verlangen, daß er für iK e ren H aj o d spende, sich am Keren Ka} em e t h beteilige, wenn der Bau, der auf dem 'Boden des N, F. steht und mit dem Gelde des Keren Hajessod aufgeführt wurde, all das untergräbt, was den Juden teuer und heilig ist und so tief 'das religiöse Empfinden verletzt. Ich will nicht den Ankläger spielen, es ist nicht meine 'Art. Wenn ich aber, als ich einmal am Sabbat in einer Kwuzah weilte, zusehen mußte, wie 'die Chawerim morgens, wie an jedem Werktage, die Ochsen anspannten und aüfs Feld hinausfuhren, in einer anderen Kwiuzah am Sabbat kaum einen Menschen antraf, weil sie fast alle auf dem Felde waren und in einer dritten Kwuzah einem angesehenen Chawer, mit dem ich oft genug bei Beratungen zusammensitze, begegnete, der am Sabbat Erde für seinen Garten fuhr, so schnitt es mir doch tief ins Herz. Das alles geschieht mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte es nie einen Sabbat gegeben: Die Kinder empfinden auch nichts mehr 'dabei. Diese Vorkommnisse sah ich vor Luzern und sah sie auch nach Luzern. Es hat sich darin nichts geändert. Die Bedingungen der soig. „Koalitionis-Regierung" des Zionismus sind nicht im mindesten 'durchgeführt worden. Kein Wunder, denn es fehlt jede innere Beziehung zu den Dingen, es fehlt der echte Wille, die Gefühle des (Partners mit in Rechnung zu' ziehen. Da werden auch alle Verträge und Abmachungen nichts nützen." — Das stand nicht im „Kol Israel", es hat es nicht irgend ein „agudistischer Nörgler", auch nicht ein Misrachist gesagt. Es'sind 'die Worte Dr. Glü ck - s o n s, des Redakteurs des „Haarez", eines prominenten Vertreters, der A 11 |.e meinen Z i o n i s< - t e n, auf der letzten Sitzung des Zionistischen Aktionskomitees. Aber zur gleichen Zeit teilte _ Rabbi Fi« hm an, der misrachistische. Führer in der Misraohi-Konferenz mit, daß er und seine Partei O b er r abbin er Amie 1 in Tel Awiw einen gelinden Verweis erteilt Tlättefl, weil er in Wort -und Schrift nicht allein die Sabbatentweihungen geißelte, sondern auch geigen die zionistischen Fonds Stellung nahm ... * * * Von dien Pressestimmen in Italien zu der dort last plötzlich und unvermittelt entdeckten •,, Judenfrage" hebt sich sehr beruhigend"' ein Bericht aus Horn in der neuesten Ausgabe des Pariser „Temps" ab. Es wird in 'diesem Berichte' gesagt, daß die offiziellen italienischen Kreise 'die im Auslande verbreiterten Gerüchte über Antisemitismus in Italien mit aller Entschiedenheit dementieren und auf die Betonung freundschaftlicher Beziehungen zu den Juden in- und außerhalb Italiens großen Wert legen. Das Ministerium für. Volksbildung. habe öffentlich erklärt, daß es in , Italien . keinen amtlichen AntisemitismUis gefce no ch geben werde. Beweis 'dafür u. a. auch der begeisterte Empfang, den die Juden Libyens vor' kurzem Mussolini bereitet haben. Wenn Artikel über Juden und Judentum in der Presse erscheinen, so spiegelten sie keineswegs eine amtliche Meinung wider, 60ndern stellten lediglich die persönliche Anschauung der Verfasser dar. Der Hinweis auf den begeisterten Empfang Mussolinis in Tripolis, der gewiß ehrlich und herzlich war, veranlaßt aber wiederum zu der 'Bemerkung, daß das Versprechen an die Juden der Stadt, ihnen den Sabbat im Euro p ä ervierte1 freizugeben, i m m er noch nicht ei n> g e 1 ö s t i s t. Dieser. Haltung entspricht auch eine Aeußerung des heute neben Mussolini einflußreichsten Mannes in Italien, Außenminister Ciano. Der Außenminister hat dem Oberrabbiner von Rom, Professor Prato, in längerer Audienz empfangen, und ihm erklärt, daß, entgegen allen Stimmen und unkontrollierbaren Gerüchten, «ich in der bisherigen Haltung der italienischen Regierung gegenüber den Juden nicht das mindeste geändert habe. Diese Erklärungen sind befriedigend, das Bedenklich© liegt, wie schon öfters bemerkt, nur darin, daß solche" Erklärungen in Italien überhaupt notwendig sind. . * * * Eine ändere Erklärung, die ebenfalls in Rom abgegeben wurde, betrifft die polnischen Juden. Zahlreiche Juden haben sich an die Warschauer italienische Botschaft mit der Bitte um Niederlassungserlaubnis i n Ab essinien gewandt, Auf Erkundigungen in Rom konnte der italie- •nische Botschafter den Interessenten mitteilen, daß im Prinzipe den Bürgern der Staaten, die die Annexion Abessiniens durch Italien anerkannt haben, zu .denen noch Polen gehört, die Genehmigung zur Ansiedlung in Abessinien erteilt werden soll. Zur Zeit, aber könnten solche Genehmigungen noch nicht erteilt werden, da die Verhältnisse im Lande noch nicht so weit gediehen seien. Mit einer „grundsätzlichen" Einwanderungs- und Ansiedlungserlaubnis ist aber leider den Juden Polens heute wenig gedient. * * * In Bukarest sprach Minister Pop einer jüdischen Delegation gegenüber die Meinung aus, daß das Gesetz zum Schutz der nationalen Arbeit die Rechte der Minderheiten, auch der J u den, nicht bedrohe., Trotzdem sind 'die Vertreter der ungarischen und anderen Minderheiten in Rumänien entschlossen, sich gegen die Maßnahme der Regierung entgegenzustemmen. Der Zentralrat d er Juden Rumäniens hat sich aber diesem Schritte n i c h t angeschlossen, wenn er auch seinerseits gegen Einzelheiten des .geplanten Gesetzes Protest einlegte. Man kann die Taktik der jüdischen Politiker, sich nicht gleich der scharfen Opposition zu verschreiben und lieber eine etwas abwartende Stellung einzunehmen, begreifen und nur billigen. verbindet und daraus eine /harmonische Einheit gestaltet. Musterbeispiele sedner philosophischen Untersuchungen sind die den Jahresberichten des Rabbinerseminars beigegebenen größeren Arbeiten über das „Verdienst der Väter" und über den „Unsterblichkeitsglauben" im Judentum. Von wahrhaft philosophischem Geiste und dabei von echter religiöser Glut erfüllt ist auch das große Referat, das Wohlgemuth auf dem denkwürdigen Vereinstag der „Freien Vereinigung" in Berlin 1908 über das „Wesen des gesetzestreuen Judentums " hielt. In jener Zeit begann Wohlgemuths regelmäßige Mitarbeit am „Israelit", dessen geistiges Niveau und dessen Einfluß er durch eine große Zahl von wertvollen wissenschaftlichen Aufsätzen aktuellen . Charakters nicht wenig erhöhte. Schon in dem damals entbrannten Kampfe um das berüchtigte liberale „Badische Gebetbuch" war Wohlgemuth aus der Stille seines Studierzimmers durch die Veröffentlichungen einer Broschüre herausgetreten, die die Kraft einer überlegenen wissenschaftlichen Kritik in den Dienst der treuen Bewahrung der religiösen und nationalen Tradition stellte und die ganze innere Hohlheit der badischen Gebetbuch-Fabrikation schonungslos enthüllte. Mit erhöhter Energie erfüllte er diese Aufgabe religiös-literarischer Polemik, die seinem versöhnlichen, ganz auf liebevollen Ausgleich der Gegensätze eingestellten Gemüt gewiß nicht sympathisch war, in dem großen Kampfe um die „Richtlinien für das liberale Judentum", der 1912 einsetzte. Die damals im „Israelit" erschienene Aufsatzreihe, die später in Buchform publiziert wurde, erregte durch ihre Gründlichkeit, ihre glückliche Mischung von pathetischem Ernst und köstlicher Ironie — des echten mt miajn XmiX"^ — und die klare Entschiedenheit der religionspolitischen Grenzabsteckung nicht geringes Aufsehen und hat viel dazu beigetragen, die revolutionären Wirkungen der Richtlinien auf das jüdische Gemeindeleben zu paralysieren, innerhalb der gesetzestreuen Gruppen, aber das Gefühl der weltanschaulichen Zusammengehörigkeit zu erhöhen, Mehr und mehr wuchs im Verlaufe dieser literarischen Mitarbeit an der Lösung der innerjüdischen Probleme in Dr. Wohlgemuth die Erkenntnis, daß es für ihn doch einer eigenen Tribüne bedürfe, um seine Ideen in der nötigen Ausführlichkeit und Vielseitigkeit der Beleuchtung der thoratreuen Gesamtheit zu übermitteln. Eine vornehme Revue religiöser Tendenz existierte damals überhaupt nicht und war auch objektiv ein allseitig anerkanntes Bedürfnis. So schuf er den „ J e s c ibu r un ", dessen stattliche Bandreihe und dessen Inhaltsverzeichnisse stolzes Zeugnis ablegen von der ungeheuren geistigen Energie, die Wohlgemuth zwei Jahrzehnte lang in dieses literarische Unternehmen als Denker, Schriftsteller, Schriftleiter und Administrator ihineingesteokt hat. Der enge Rahmen dieses kurzen Geburtstagsgrußes verbietet jeden Versuch, die geistigen Schätze, die Wohlgemuth hier zusammenhäufte, irgendwie im einzelnen zu würdigen. Es gibt kaum ein Problem von jüdisch-religiösem, jüdisch-wissenschaftlichem oder jüdisch-politischem Interesse, dem er in den von Problematik bis zum Bersten erfüllten Jahren der Kriegs- und Nachkriegszeit, nicht selber tiefeindringende Untersuchungen gewidmet oder .die kompetenteste Bearbeitung durch Mitarbeiter von Rang gesichert hätte. Den aufreibenden Sorgen um die Finanzierung seines Unternehmens war , Wohlgemuth schließlich nicht mehr gewachsen, nachdem schwere familiäre Schicksalssohläge" seine physische und seelische Widerstandskraft ohnedies geschwächt hatten. So fand der „Jeschurun" in einer Zeit sein Ende, in der die gesetzestreue Juderiheit seiner bitter nötig bedurft hätte. Einer kleinen literarischen Arbeit Wohlgemuths sei zum Schlüsse noch mit ein paar Worten gedacht, weil sie, wie uns scheint, der cha- Dr. Joseph Wohlgemuth zum siebzigsten Geburtstag. Dr. Joseph W o h l g e m« t h begeht in diesen Tagen in stiller Zurückgezogenheit seinen siebzigsten Geburtstag, und wenn auch Gesundheitsrücksichten dem Jubilar die Entgegennahme unmittelbarer Huldigungen verbieten, so mag es doch gestattet sein, in ein paar schlichten Worten den Gefühlen der großen Schar von Freunden, Mitarbeitern, Schülern, ja der gesetzestreuen jüdischen Gesamtheit andeutenden Ausdruck zu verleihen, 'die diesen Tag als Festtag begehen und die in tiefer Dankbarkeit all dessen gedenken, was ihnen der Siebzigjährige durch viele Jahrzehnte rastlosen Wirkens bin-' durch an geistiger Befruchtung geschenkt hat. Der äußere Rahmen der Lebensarbeit Joseph Wohlgemuths wird durch zwei hauptsächliche Arbeitsgebiete -abgesteckt, denen er seine außer-' gewöhnliche Begabung widmete: die Lehr- Tätigkeit am Berliner, Ra h b d n e r - 5 e ni i tt a r und die H-e r a u s gab e -d e r M o - B_a tss chrif t „ Je s cihurun " während eiöes Zeitraumes von zwei Jahrzehnten. In den Lehrkörper des Seminars brachte die. geistige Individualität des kaum achtundzwanzigjährigen jungen Dozenten zu den markanten Forscher- und Lehrerpersönlichkeiten Hoffmanns, Berliners, Barths und Hirsch Hildesheimers eine, ganz neue Note hinzu, die bisher gefehlt hatte: die philosophische und ästhetische. Das kam weniger noch im Lehrplan als in der schriftstellerischen Tätigkeit des jungen Lehrers und in dem ganzen Geist, in dem er seine Lehrtätigkeit ausübte, selbst derjenigen auf biblisoh-talmudischem und philologisch-historischem Gebiete zum Ausdruck. ' Denn Philosophie und Aesthetik sind bei Wohlgemuth nicht willkürlich und zufällig ausgewählte Studiengebiete, sondern sie wurzeln in der Tiefe der Persönlichkeit und bilden die geistige Brücke, die in seiner Seele den religiösen Kern seines Denkens und Fuhlens, mit Stoff und Methode der Wissenschaft überhaupt

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