Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1937)
- Date
- 1937-05-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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mr Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 21 1937 Unter dem Baum. Von S. J. Agnon. (Fortsetzung.) Ich lag da, ich weiß nicht wie lange, und hatte nicht die Kraft in mir, ein Glied zu bewegen, noch weniger, um mich aus meiner Lage zu erheben. Die Augenlider schlössen sich fest und der Leib begann, den Boden unter sich auszuhöhlen, wie wenn einer sich eine Grube gräbt, der Boden aber nimmt ihn auf und verschlingt ihn. Ich erwog in meinem Herzen: wenn dies der Tod ist, •dann gibt es für mich nichts Besseres. Es verlangte mich, meine Gefährten zu fragen, was sie fühlen, doch die Müdigkeit in mir bewirkte, .daß ich meinen Mund nicht öffnen konnte. Während ich so dalag, hörte ich 'die Stimme eines blökenden Lämmchens von der Weide. Kein dreister Hömerschall und nicht der Schall von Kriegsgedröhn tmd Gestampfe. Da kehrte mir die Seele wieder und die Erinnerung an den Kampf versank mir in Schlaf. Mir schien, ich wäre in mein Haus urückgekehrt und hätte das Haus noch stehend und meine Söhne am Leben und wohlbehalten angetroffen. Ich entbot ihnen den Friedensgruß und sie1 erwiderten mir: „Frieden!" loh küßte sie und sprach: Lob und Preis dem Lob- und Preiswürdigen, nun. sitze ich bei euch und will mich niemals mehr von euch trennen, bis mein Ende herannaht und ich mein Los bestehe. » Friedsam verweilt© ich, sprach meinen Kindern zu, und zeugte zu den früheren Kindern neue, Allah machte mein Herz freudig und sättigte mich mit Wohlgefallen. Doch währte meine Friedsamkeit nicht lange. Ich hörte Kriegslärm, vergaß, was man nicht vergessen darf, und verließ mein Haus, um gegen den Feind zu ziehen. Ich tötete unablässig, bis ich einen Hügel aus Erschlagenen errichtet hatte. Während ich bis zu den Knien'im Blute stand, erbebte die Erde, als hätte der Boden seinen Schlund auf getan, um - mich zu verschlingen. Da wurde ich gewahr, daß ich aus der Welt hinausgetreten sei und man mich nun zur Hölle führe, um mich in die tiefste Gruft zu versenken. Ich erinnerte Ihn, er sei erhoben, an -die Kämpfe, die ich gegen die Ungläubigen zu bestehen hatte, und wie viele von ihnen ich tötete, damit mein Verdienst mir am Tage des Gerichts beistehe, meine Sündenlast erleichtere, und ich rief: „G'tt ist- G'tt." Noch ehe ich hinzufügen konnte . . . „und Mohammed ist sein Gesandter", standen zwei Menschen über mir, die waren hochgewachsen wie die Zedern, und hielten Spieße in den Händen, wie die Palmen, die das Himmelsfirmament tragen. Da wußte ich, daß das Beben von den Fußtritten jener herrührte und sagte zu mir: Sind sie zum Frieden gekommen, dann ist es nicht anders, als daß sie nach dem Gebet des Schöpfers gekommen sind, mich dem Hunger und Durst zu entreißen. Sind sie aber zum Kampf gekommen, dann ist es jedem Helden eine Ehre, durch die Hände solcher Helden zu sterben. Allah aber fand seine Gläubigen würdig, daß er die Geheimnisse seiner Welt vor ihnen offenbare, und gewährte uns Kraft und Stärke am Leben zu bleiben, bis es ihm, er sei erhoben, einst gefiele, unsere Seele zurückzuholen. Ich schlug meine Augen auf und erstaunte über seine Geschöpfe, er sei erhoben. Sie aber beugten sich über uns herab und öffneten einen Wasserachlauch, befeuchteten mix die Lippen und fragten nach irgend etwas. Sie sahen, daß keine Kraft mehr in uns war.. Da hoben sie uns mit ihren Händen und brachten uns an ihre Stätte, eine Stätte von Zelten, deren Umfang dem Umfang der Straßen von Damaskus und Stambul glich, und fragten uns irgend etwas in einer Sprache, die der eurigen ähnlich ist. Ich hob meine Augen auf und sah Menschen in wohlgeschnittene und bunte Gewänder gekleidet, ■die aller Art Waffen trugen und erkannte, daß wir zu den Söhnen Chaibars*] gekommen waren, die all jene Gegenden beherrschen, und keinen Sultan über sich, haben, es* sei denn einen aus ihrer eigenen Mitte, und die keine Herrschaftsfurcht kennen, außer der des Himmels. Ich segnete G'tt, den Gesegneten, 'der uns zu ihnen hat kommen lassen, denn ein Bund war zwischen dem Gesandten Allahs und dem Stamme Chaibar /geschlossen. Hätten unsere Gefährten ihr Leben um eine kleine Stunde ver= *) In Chaibar, unweit der arabischen Stadt Medina bestand von altersher eine Siedlung vielgerühm* ter Juden, die 628 von Mohammed besiegt und 642 vom Kalifen Omar vertrieben wurden. Die von rückke-hrenden Exulanten später erneuerte Siedlung ist bis ins 10. Jahrhundert nachweisbar. Eine nach dem Krieg aufgetauchte Sensationsnachricht von der Wdederauffindung der Chaibar-Juden ist bisher nicht überprüft worden. längern können, wären sie mit uns hierher .gelangt und hätten ihre Seele mit uns an dem erfreut, was Allah in seiner Welt erschaffen hat. Allah jedoch, er sei erhoben, tut seinen Geschöpften Gutes nach «einer Huld, entscheidet über den einen so und über den andern so. Ueber urisere Gefährten verhängte er, daß ihre Gebeine in der Wüste bleiben, und über uns verhängte er, daß wir am Leben bleiben und an seinem Gut in dieser Welt ersatten. Während wir saßen, brachte man uns Wasser zum Trinken, dessen Geschmack wie der von Morgentauperlen in den Bargen war. Nachdem wir getrunken und ihm gedankt hatten, der die guten Quellen geschaffen hat, um die Seelen seiner Gläubigen durch sie zu beleben, brachte man uns Kaffee. Ich habe viel Kaffee in meinem Leben getrunken; einen Kaffee wie diesen habe ich in all meinen Tagen nicht getrunken, und habe doch viele Male bei den großen Emiren und darüber hinaus bei unserem Herrn, dem Sultan, G'tt erbarme sich seiner, zu Gaste gesessen. Nachdem wir eine Zeitlang gesessen hatten, brachte man uns ein« Brühe, die war aber nicht aus dem Fleisch eines Haustiers, Wilds oder Vogels, und nicht aus Fischen oder Krustentieren bereitet, sondern aus Pflanzen. Denn in all den Jahren, seit jene in der Wüste hausen, erheben sie ihre Hände nicht gegen irgendein Lebewesen, um es zu töten, sondern ernähren sich vom Boden und seinen Früchten. Schließlich breiteten sie uns weiche- Decken aus. Wir legten uns zum Schlaf hin .und lagen die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag, bis die Sonne unterging und der Tag dunkelte, und die Zeit herangekommen war, um sich wieder zum Schlaf hinzulegen. Sie kamen und deckten uns einen Tisch, stellten uns allerart Leckerbissen darauf bereit, heute ein weniges, morgen etwas mehr und dann an jedem weiteren Taig immer mehr, bis unsere Knochen Fleisch ansetzten und unsere Kraft wie ehedem wurde. Sie kleideten uns auch ein, beschuhten uns und gaben einem jeden von uns einen Kopfbund und ein Tuch, das Haupt damit zu umwinden. So verblieben wir zwei Wochen bei ihnen und ich sah, was keine Zunge zu erzählen vermag. Einiges von dem aber, was ich gesehen habe, verlangt es mich, dir zu erzählen: Sie sind zahlreich, wie der Sand der Wüste, hoheitsvoll gekleidet und in wollene Ueberwürfe mit Quasten daran gehüllt. Sie reiten auf Pferden und 'die Nachbarsvölker sind ihnen unterworfen und zollen ihnen Tribut. Aber sie verknechten ihre Nachbarn nicht, sondern verhalten sich zu ihnen wie einer, den innerhalb seines Hauses jedermann achtet. Ein jeder von ihnen ist ein Held, der für zehn Helden gelten kann. Es gibt manchen unter ihnen, der nimmt einen Araber samt dem Pferd, auf dem er reitet, in seine Hand und schleudert ihn hoch; schleudert den Araber hoch und fängt das Pferd auf, schleudert da,? Pferd hoch und fängt den Araber auf, und nicht einer von beiden berührt den Boden. Ist es Tag, wendet sich jedermann seinem Felde meinem Weinberg, seinen Datteln und seinem Vieh zu. Wird es Nacht, kommen sie alle und sitzen den Alten zu Füßen, um die Tora eures Lehrers Mose zu hören. Ihre Weiber und Töchter aber sitzen in ihren Zelten, kochen, backen, melken die Kühe, machen Butter und Käse, spinnen Fäden, nähen, drehen Dochte und zeigen ihr Antlitz draußen nicht, damit kein Mensch ihretwegen strauchle. Denn Allah hat ihre Glieder mehr geziert als die aller Frauen und ihnen vielfältige Anmut zugeteilt. Es gibt Frauen, die haben einen lieblichen Körper, es fehlt ihnen aber an lieblicher Anmut. Und dann gibt es Frauen, die haben wohl liebliche Anmut, ihr Körper aber ist nicht lieblich. Bei ihnen aber ist der Körper lieblich und die Anmut lieblich. Die .einen von ihnen gleichen der Sonne in ihrem Strahlen, von deren Anblick jedermanns Augen geblendet werden, die andern gleichen dem Mond in seinem Vollglanz, von dessen Anblick jedermann mondsüchtig wird. Sie verhüllen aber ihre Gesichter nicht "wie unsere Frauen, denen Allah einen Schleier der Ehre und Zucht gesetzt hat, und die kein Mensch außer ihren Männern anblicken darf. Alle erheben sich früh am Morgen zum Gebet und sie beten dreimal am Tage, in der Stunde ihres Gebets aber ist ihr Antlitz Jerusalem zugewandt/ Am Sabbat überschreiten sie den Ausgang ihrer Zelte nicht, sondern sitzen Tag und Nacht und rühmen Seinen Namen, er sei erhöht, der ihnen Sabbate zur Ruhe gegeben hat. Und sie tun vom Wochentag, vorher und nachher, zum Sabbat hinzu. Vor Eintritt des Sabbats streifen sie die wochentäglichen Kleider ab und legen ihre Waffengeräte beiseite, weil ja der Sabbat sie Schirmt, beklei* den sich mit golddurchwirkten Gewändern und entzünden Oellampen. Jeder einzelne entzündet zwei Lampen, in ihrem Gebetsizelt aber •entzünden sie zwölf Lampen, und empfangen den Sabbat wie ein Mensch den König in seinem Hause empfängt. Sie richten Mähler zu seinen Ehren her und «togen bei jedem Mahl Lieder und Lobgesänge. Beim ersten Mahl gedenken sie des Namens Abrahams, Friede über ihm, beim zweiten Mahl des Namens Isaaks, Friede über ihm, und beim dritten Mahl des Namens Jaakobs, Friede über ihm. Am Sabbatausgang aber treten sie wie ein Mann zusammen, essen, trinken und freuen sich und bringen einen Goldthron herbei und eine große goldene Krone, die mit Edelsteinen und Perlen besetzt ist, setzen auf den Thron dann einen Greis in blanken, golddurchwirkten Gewändern, die Feingold gleichen. Sechzig Helden laufen vor ihm her und sechzig Helden laufen hinter ihm her, die schmettern und blasen auf Posaunen und allerlei . Musikgerät und rufen: David, der König Israels, lebt - und besteht! Sogleich treten alle von Israel aus ihren Zelten und wiederholen nach ihnen: David, der König Israels, lebt und besteht! Unterdessen schauen die Frauen allsamt hinter den Fenstern her auf ihn, der seine Hände zusammenschlägt, klatscht und spricht: Sein ist das Königtum.' Dann kommen zwei Greise hervor, der eine bringt ihm einen Stab, der andere bringt, ihm einen Ranzen, er steigt von seinem Thron herab und tritt in die Kleinviehhürden ein, gibt den Zicklein und Böcken zu essen, tut den Purpur von seinen Schultern und die Krone von seinem Haupt ab, hüllt sich in seinen Ueberwurf, geht zu den Alten und spricht: Meine Herren und Meister, um zu lernen bin ich gekommen. In jener Stunde legen die Helden ihre Schwerter beiseite, sie bekleiden sich mit woebentäglichen Gewändern und gehen an ihre Wrkarbeit. Der eine wendet sich seinem Feld zu, der andere seinem Weinberg und seinen Dattelpalmen, der dritte seinen Schafen und Rindern, bis G'tt ihnen den Sabbat wiederkehren läßt. So saßen wir also bei den Leuten von Chaibar, sahen ihre Kraft, ihr Heldentum, ihre Wahrhaftigkeit; ihre Herzenswilligkeit und ihren Holdsinn, bis ich alles' Pfeil* gesehwirr der Kämpfe, alle Siege, die ich errang, all meine Ehren in den Ländern der Gläubigen vergaß und mich freute, daß ich zu den Edlen des Volkes von Abrahams G'tt verschlagen worden war. Der Gesegnete segne die von ihm Gesegneten mit seinen Segnungen! — Allein alles kannst du vergessen, nur das Dach deines Hauses nicht, das du einst zu allererst erblickt hast, als deine Mutter dich zum erstenmal ins Freie brachte. Nur wenige Tage vergingen, da kam der Meister der Träume und ließ mich das Haus sehen und die Höhlung, aus der der Rauch aufsteigt, und ich roch den Geruch der Speisen, die man dort kochte. Mich überwältigte eine Gier danach, unwiderstehlich wie die einer schwangeren Fj"au. (Schluß folgt.) Schauls Ende, Schaul saß auf dem Throne von Marmor, Verdüstert seine Stirn®, wie von Gewittern, Brauen wie Wolken und Bart wie ein Wald; Und hinter der Stirne schwarze Gedanken, Gleich Wölfen über der Walstatt; sie fallen Gier heulend über Kadaver her. Vor ihm stand David: hell wie der Tag, Braune Augen, wie sanfte Lichter, Locken freifaliend, Glieder gelöset; Leise sein Finger glitt über die Harfe, Hirtenlied tönte der Heimatträften Süß, ach wie süße.' — Der König vernahm es. In seinem Innern, — da wichen die Wölfe, Entwichen die Schmerzen; er 5ah sich ein Jüngling Und selber G'ttes erwählter Streiter Mutvoll ergriffen, und gegen Philister Mit Kühnheit ziehen in siegreiche Schlacht, Aber G'tt selbst verwirrte die heilern Gedanken, So zieht der Nachtschatten 'über des Berges schauernde Kuppe! Da zuckt es aufs neue: ein stechender Schmerz: Es ließ dich dein G'tt; bist nichts als ein alter Verstoßener Landmann; dein Volk aber führet Der Jüngling dort drüben; schau; wie ihn koset Der Lichtstrahl; und wie ihm die Lieder, der Mut Entquellen; er rüstet den Mittag des Volkes, Er führt ihm herauf ein neues Geschlecht. Da zischet dein Speer; vergebens, o Herrscher! Fortbieget die Bahn, da kaum sie entschwirret; Da splittert der Speer, und lauter nur singet, Begeistert der Sänger dem ewigen G'tt. Deine Zeit ist vorüber; nun füge dich stille! Wie mancher gleich 'dir erliegt dem Geschick; Flieh .den Palast und 'die marmornen Säulen; Die hohen Gemächer, sie' schmückten dich lange, Zieh aus, um zu fallen,- zieh aus. in die Schlacht! Dort wo sich reihen die Hügel Gilboas,! Da' woget im Tale 'da® Korn; und der Mond Er kennet von je dein bestimmtes Geschick; Vergieße dein Blut; e® trinkts 'die Scholle, Und niemand verweigert dem sterbenden Helden Den, ruhmxedchen Sang. Tel Awiw, Siwan 5697. Uri Ro Senheim« m