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Der Israelit · 1937-05-27 · Heft 21 (27.5.1937) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 21 (27.5.1937)
Date
1937-05-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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27. Mai -1937 Der Israelit Nr. 21 Seite 3 :'1. ...•' "; ■ - 1 :....... \ ■ Blüte und Frucht. (Fortsetzung von Seite 1.) nannten Hilfsorganisationen gewendet, um für die schwer zu beschaffenden Tefillin einen Zuschuß, und zwar einen solchen von einer lächerlich geringen Summe, zu erbitten. Antwort: Ablehnung, Begründung: Das ist Sache der Orthodoxie! , So wurde im 25. Jahr der Aguda auf« . neue' die Thora ins Exil gewiesen, von Juden das Judentum gekränkt. Dadurch tritt das Hochziel der Aguda in das Licht der GeschiohtHchkeit und sie erscheint als eine Schule für Märtyrer, indem sie Unabhängigkeit von sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten in ihren Auswirkungen auf die Thoratreue verlangt. Aguda war und ist sich darüber klar, daß dieses Verlangen immer auf große Widerstände, namentlich bei den sogenannten Massen stoßt, die letzten Endes nur durch eine überragende Autorität überwunden werden können. Die Idee allein genügt selten für diesen Zweck, Menschen verlangen Menschen.' Und nicht zuletzt deshalb gab sich die Aguda diese Autorität in ihrem rabbinischen Hat. Das sollte nicht und war auch nicht etwa eine Art Maschine für religiöse Entscheidungen, sondern vielmehr die Verkörperung Wochenrundschaa Die Konservativen in Königsberg — Zürich und Konstanz — Die Vorgänge in Polen — Erlösungsmarsch und Pogromfeldzug — Die Schedule abgelehnt. Die Kultusgemeinde in Zürich hat, wie bereits mitgeteilt, die Orgel im. G' 11:esdi enst e ab s geschafft und die Kultusgemeinde in. Königsherg (Fr.) will — den konservativen Kultus abschaffen. Wir erfahren es aus einem Rundschreiben der J ü.di« c h - k o ns > e r v a t i v en Vereinigung in Königsberg. Die Verwaltung, der Synagogengemeinde zu Königsberg hat den weisen Beschluß gefaßt, da« innerhalb der Gemeinde bestehende konservative Rabbi» nat aufzuheben, den konservativen Rabbiner, der sich als wahrer Führer seines Kreises bewährt hat, zu entlaus en und dem liberalen Rabbiner die K a n z e 1 und die Führung auch der konservativen Gemeinde zu überantworten. Im Rundschreiben wird .gegen diese geplante Vergewaltigung in aller Form und aller Entsdhnedenheit Verwahrung' eingelegt. Ist es doch innerhalb der Dreitausendseyengemeinde einzig und allein jener Kreis, der früh und abends GHtesdienst hält, das Studium der Lehre pflegt, seinen Ueberzeugunigen zu allen Zeiten Opfer bringt und die YeTbimdun^irniit Erez Israel immer i; aufrecht erhalten hat, der das Zentrum des' religiösen < Lebens bildet. Und nun schickt man sich ■ '•an, aus Etatrücksichten dem . Ge-i meindeoriganismus Herz und Seele weganiamputieren. Bei einem -Etat von RMI';225:000 .glaubtman, I das Jahresg ehaltvvanJ;;:RM.; 4000 für den konservativen Rabbiner nicht aufbringen zu ■ können. Man will 'die konservative Gemeinde enthaupten, indem man ihr den Rabbiner, den geistigen Führer vmd Erzieher ihrer Kinder, nimmt, sie der relr'- giÖsen Unterweisung beraubt. Es ist, wie man uns von privater Seite schreibt, so .gedacht, daß an stelle de® konservativen Rabbiners nunmehr der libes rale Rabbiner an" Wochentagen und einfachen Sabbaten in der konservativen Synagoge betet, und fun- |lert> der gleiche Rabbiner, der dann an gehobenen ^aboaten und hohen Feiertagen in der neuen Synaunter S äng und O ir.g e 1 k 1 a n ig das Amt ausübt. " 1; . . ■--■! Es ist ganz selbstverständlich, daß die n"l immer *j?ch ansehnliche Schar der aw in Königsberg diese Zumutung .nicht tatenlos hinnehmen kann. Und so geht es nicht allein um das religiöse Moment, es geht um die Einheit der Gemeinde! Die *ng& Jahre verhinderte S p al tunig wird mit der Urchführunig (dieses Planes n a turnot w endig der in -der Thora wurzelnden, von der Thora allein erfüllten Lebensanschauung. Die schwerste Problemstellung ergab und ergibt sich aus den palästinensischen Belangen. Je mehr sich dort die „Wirtschaftlichkeiten" in den Vordergrund rückten, je mehr man sich daran gewöhnt, sich mit einem Palästina der „prosperity" als einer Teilzahlung der Geula zufrieden zu geben, desto schwieriger wird die Aufgabe, von den thoratreuen Einwanderern, Arbeitern und Siedlern jene Verzichte zu verlangen, welche die Thoratreue erheischt. Nach all diesen Darstellungen wird mancher vielleicht fragen, wo sind denn nun die Früchte all der farbenprangenden und duftigen Blüten der Kattowitzer Tage? Und darauf gibt es nur eine Antwort.' Daß die Idee damals verküttde't wurde, war etwas Großes, daß sie aber seitdem nicht verstummt ist, daß sie ihre opferbereiten Vertreter auch heute noch hat, trotz aller Wandlungen und Wendungen, das ist das Größte, das ist ein Zeichen der unerschütterlichen Lebenskraft des Judentums. Das ist gleich „Chijas Werk". Das gibt der Hoffnung Raum, daß auch einmal wieder die Judenheit sich zum Judentum zurückfinden wird. P. K. und prompt eintreten. Wer aber für diesen Riß die Verantwortung tragen wird, darüber wird in .der jüdischen Welt kein Zweifel herrschen. Dies der Tatbestand nach dem uns vorliegenden Rundschreiben und den uns gewordenen Informationen. Was wir dazu zu sagen haben, ist nicht viel: Wenn man lange auch in Königsberg vom Segen der Einheitsgemeinde sprach, in deren Mitte sich die Orthodoxie oder 'die Konservativen ganz heimisch einrichten könnten, so zeigt sich jetzt, daß es nur eines , Wändstoßes bedarf, wie ihn die bewegte Luft jetzt überall erzeugen kann, um den ganzen stolzen Einheitsbau über den Haufen zu werfen. Den Königsberg er Gesinnung« freunden wünschen" wir Glück und vollen Erfolg zu dem ihnen aufgezwungenen Kampf um die geistige und materielle Existenz ibre.r religiösen Gemeinschaft. < * * * Unter dem Titel „Zürich -— Konstanz" schreibt uns Dr. S. H. G., ein Freund unseres Blattes: In der Luftlinie gemessen, liegen beide Gemeinden sogar sehr nahe beieinander. In Wirklichkeit aber sind sie durch einen Abgrund von einander geschieden. Zwar werden sie im Urteil der jüdischen Geschichte künftighin nur noch in einem Atemzug genannt 'werden. Aber nicht verbunden durch eine gemeinsame Ebene, sondern verkettet lediglich durch das ominöse Wörtchen. „\Lehawidil". Diese Namen werden zu Fanfaren. Und je leuchtender die eine Gemeinide hineinstrahlt in das Dunkel unserer Zeit, eine um so traurigere Berühmtheit wird die andere erlangen. Klassische Beispiele von kristallklarer Erkeiittlriis. und stumpfer ßUncLheit7 von selbstbewußter Größe und — (unfaßbarer Verwirrtheit. Und die Gegenüberstellung läßt so reent< 'die geschichtliche Tat der. '©inen und das völlige Versagen der anderen; im richtigen Licht erscheinen. : In Zürich wird einefiOrgel zum Verstummen1 gebracht. Aus freiem En|schluß heraus,' :cpine äußeren Zwang, ohne daß etwa eine 'andere Synagoge bezogen wird, nein, in derselben, in der sie jahrzehntelang ^getönt; Hoch klingt das Lied dieser wackeren. Männer, die; den Mut gefunden haben, zu hören auf das Wort ihrer Lehrer, Und in Konstanz wird ebenfalls eine Orgel zum Schweigen gebracht. Hier dünkt das Walten einer höheren Macht. Eine Feuersbrunst wütete, zerstörte das Innere der Synagoge, vernichtete T.hora=Rollen und verbrannte die Orgel von Grund aus. Def G'ttesdienst erleidet keine Unterbrechung, er findet im Betsaal statt, Nachbargemeinden helfen mit Thora-Rollen aus, und sofort wird an dem Wiederaufbau der Synagoge gearbeitet. Und bald ist es soweit, das alte, nun wieder neuhergerichtete G'tteshaus kann wieder bezogen werden. Und nun geschieht das Unbegreifliche, Unfaßbare. Die Orgel ist zerstört, ein Fingerzeig von oben, der nicht übersehen werden' kann. Ein psychologischer Moment ist gekommen* einmalig, nie wieder« kehrend, jetzt ist es Zeit, aufgesehreckt durch das furchtbare Ereignis aufzuräumen mit dem alten Spuk einer überlebten Assimilätionsepoche. Jeder hätte es begriffen, wenn 'die ganze'; Gemeinde auf gestanden wäre wie ein Mann und beschlossen hätte ... Und die Gemeinde rafft sich auf und beschließt, eine neue Orgel in die Synagoge hineinzubauen. Und wenn der erste G'ttesdienst wieder in der Synagoge abgehalten wird, werden, als wäre nichts geschehen, von neuem Orgeltöne den Raum durchbrausen. Schmach und Schande, daß manche Juden in Deutschland so wenig die Zeichen der Zeit verstehen und weiterwursteln im alten Trott. Wir schämen uns für unsere irregeleiteten Brüder und hoffen inbrünstig, daß nicht ihr, sondern das Schweizer Beispiel Schule machen wird. * * * Was in Polen vor sich geht, läßt sich nur noch mit jenem entsetzlichen Worte aus der russischen Barbarei von anno dazumal: „Pogrome" bezeichnen. .Die Ereignisse überstürzen sich. Nach den blutigen Exzessen in Brest und Kamien-Kas- 2yrski gab es schwere Ueberfälle auch in der großen Industriestadt Lodz, in B a r a n o w i c z und in N e u - S w e n iz i a n. Wenn es sich in diesen letzteren Städten mehr um größere Schlägereien bandelt, so gab es doch auch hier mehr oder weniger Schaden an Leib und Eigentum, und all die Ereignisse zeigen 'die gleiche Linie und das gleiche Bild; Hetzer wissen aus irgend einem Anlaß der angehäuften Unzufriedenheit de® niederen Volkes ein Ziel in der Judengasse zu weisen, und schon ist das Unheil da. Die Polizei kommt überall fünf Minuten zu spät. Dann setzen die Beschwerden, Interventionen, Interpellationen, Polizeiuntersuchungen und Hilfsaktionen auf der jüdischen Seite ein. Was nicht hindert, daß zwei Tage später sich wieder eine neue Stadt in die blutige Front einreiht. Die Feststellung, daß die Ausschreitungen von früheren russischen Generälen aus der berüchtigten „Schwarzen Hundert" geleitet wurden, ändert nichts an der Tatsache, daß solche traurigen Subjekte im modernen Polen Boden finden. Nun werden Prozesse angestrengt und einige Bauern,' gewiß nicht die Hauptschuldigen, für ein paar Wochen oder Monate ins Gefängnis' geschickt. Die Quelle des Uebeis ist damit nicht verstopft. Wie reagiert -die jüdische Welt in Polen und an? derswo auf diese Vorkommnisse, wie wir sie seit 1918 nicht mehr erlebt haben? In der Sejmsitzung haben idie jüdischen Abgeordneten interpelliert und den Ministerpräsidenten 'gefragt, welche Maßnahmen er zu ergreifen gedenke- 'Ö*® Antwort steht noch aus.. Die Antwort der jüdischen Philanthropie erfolgte auf den ersten Anruf prompt. Der Joint bewilligte eine außerordentliche Zuwendung von Doli. 50.000 für die in neue Not geratenen jüdischen Gemeinden Polens. In Polen selbst arbeiten die Hilfskomitees nach Maßgabe ihrer Kraft zur Beschaffung der ersten Hilfe für idie Unglücklichen, Wie immer, sieht man in diesen Ereignissen den mahnenden Finger G'ttes an die gesamte Judenheit. So ruft der Rabbinerverband Polens die Rabbinerverbände anderer Länder in Europa, Amerika und Palästina auf, einen W e 11fasttag mit Emahnungen zur Buße und Einkehr zu proklamieren. Daß die Lage der Juden in der Welt zur stillen Einkehr drängt, wird keiner. bestreiten, der nicht gerade die Augen schließt vor allem, das seinen geregelten Lebensgang stört. * *;! * R y p p e 1 ist eine populäre Figur in der jüngsten Geschichte der polnischen Judenheit geworden. Es ist der Mann, der „Erlösungsmärsche von Judennach Palästina" organisiert und selten über das Weichbild der polnischen Hauptstadt hinauskommt, dieweil dort die polnische Polizei ihm und seinen Mannen mit Kolben und Knüppel einen Empfang bereitet, der ihnen die Lust nimmt, den Pilgerzug fortzusetzen. Wir wollen nicht darüber' spotten, wollen eher darin ein Sympton, für die verzweifelte Lage unserer Brüder in Polen sehen; »die Juden von Zirndorf V in zweiter verschlimmerter Auflage. Nun steht der Mann, dem der Erlösungsmarsch zur fixen Idee geworden ist, vor dem 'Warschauer Gericht. Und, Ironie des Schicksals: .Zur gleichen Zeit geht in Krakau der Prozeß eines nationaldemokratischen Führers vor sich, der im Sommer vorigen Jahres einen Marsch auf Myszlenice, ein galizäsches Städtchen bei Krakau, veranstaltet hat, um dort die Juden auszuplündern und aus Hau® und Hof zu jagen. Während der Ryppel-Prozeß ganz groß aufgezogen ist und die Spalten aller Blätter füllt, wird über den Fall Myszlenice, wenn überhaupt, mit wenigen Worten in der Gerichtschronik berichtet. Advokat Ryppel, der ganz ohne Pose selber seine Verteidigung führt, hat für alle ihm gemachten Vor* würfe nur eine Erklärung: „Ich wollte die jungen Menschen vor dem Schicksal vor Przytik, Minsk-Mazowdeck und Brest-Litowsk bewahren. Keiner kam durch unseren Marsch zu Schaden. Wir marschierten nicht zum Zwecke politischer Demonstrationen, wir wollten nur Polen und die Welt auf die verzweifelte Lage der Juden, der darbenden Frauen und Kinder, der politisdh und wirtschaftlich niedergehaltenen Männer aufmerksam machen." Das Gericht konnte noch nicht zu einer Entscheidung kommen, aber die öffentliche Meinung, soweit sie nicht gegen

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