Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1937)
- Date
- 1937-05-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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13. Mau .1537 D e r 1 8 r a e Ii t Nr. 19 Seite 11t JL11 ^rarisehe Warie. Alte und Neue Denkiormen. iL yon Chajim Nußbaum. Die 'Umwälzungen in der modernen Physik,' die 4ie Denkf ormen der Physik revidiert haben, aber. auch zur. Revision auf anderen wissenschaftlichen Gebieten Veranlassung: gegeben, haben, nötigen uns zu der Frage, ob die Wissenschaft uns erst zwingen mußtet zu einer Neuordnung auf dem Gebiete umsere® vs-eltanschaulichen Denkens. / Es ergibt sich nach kurzer Ueberlegung, daß, unabhängig von den neuen wissenschaftlichen UmwäU zungen, eine fundamentale Revision unserer Denkform nötig war. Es leuchtet doch .ein, daß dem System der Thora eine eigene Denkform adäquat sein. muß und man erst izu einer Merige von schiefen und verzerrten, Vorstellungen kommen muß, und viele unlösbare Fragen auftauchen, die tatsächlich gar nicht problematisch sind. ,Die Erkenntnistheorie hat das große Verdienst, daß si© das Wesen einer jeden' Wissenschaft untersucht bat und daß sie eis unternahm, 'die Wahrheitskriterien für jeden Zweig festzustellen. Inder Physik z. B. ist das Kriterium eine prinzipielle Beobachtbarkeit, Wohl ist'die _moderne Phy* sik keine rein empirische Wissenschaft mehr, daß sie also verlange, daß alle® beobachtet ist oder' werden kann. Sie verlangt aber, daß man sich zumindest prinzipiell denken kann, daß ein. Prozeß arrangiert oder beobachtet werden könnte, wenngleich dies praktisch gar nicht möglich ist. So beruht die wahrscheinliche Richtungsbestimmung des Elektrons darauf, daß man ©ich denkt, man könnte über z. B. 100 000 Elektronen verfügen, die alle unter den genannten gleichen Bedingungen stehen und man könnte 100 000 ganz gleiche; Beobachtungen nacheinander anstellen, wobei jedesmal .die Richtung eines Elektrons ■festgestellt wird, um daraus die wahrscheinlichste Richtung dieses einen Elektrons festzustellen. Daß etwas derartiges praktisch unmöglich sein muß, ist klar. Alles, was aber vorausgesetzt wurde, sind physikalische Prozesse, damit gibt sich dann die Physik zufrieden und nennt sich doch eine empirische Wi&sehsichäjit. Und doch bleibt .bei dieser Entwicklung der empirischen Idee ein sp ezif isch es Kriterium beteben. Der Physiker wird viele® ablehnen müssen, als unphysikalisch, weil es prinzipiell nicht beobachtbar sei. Der Mathematik e r dagegen, betrachtet etwas als real) Wenn esaus willkürlichen Axiomen mit angenommenen logischen Regeln gefolgert werden kann und es noch dazu eindeutig definiert ist. Ob nun die betr. Elemente reell oder .imaginär sind, ob sie überhaupt durch Kurven*und Zeichnungen abbildbar sind, ist alles unwesentlich, eben so unwesentlich wie auch die Frage, inwieweit den bes nützten logischen Regeln oder / den. Axiomen Wirklichkeitscharakter eignet. Die Philosophie bewegt sich" im allgemeinen zwischen diesen beiden Extremen. Wesentlich anders als sogar in der Physik, steht es z. B. in der Oe k onomie, 'die eine vorkommen induktive Wissenschaft ist. Sie ist eine ETfahrumgswisisienscb.aft, deren Kritej rium darin besteht, daß sich ihre Prinzipien,in der Praxis bewahrheiten. Es kann also gar keine Rede; von zu arrangierenden Experimenten sein, .die die Gesetze kontrollieren sollen, wie. in der Physik, da wir die Faktoren und bestimmten Umstände nicht in der Hand haben. Letzteres gilt sogar, von der Psychologie, wo man Gesetze folgert auf Grund der beobachteten Tatsachen, da man ja mit Menschen nicht experimentieren kann wie mit anderen Objekten. . , ... Die ErkenntniiSkritik hat also das Verdienst, die Zweig© der Wissenschaft hinsichtlich der Denkiforuien voneinander abgegrenzt zu haben und 'die Wissenschaften sind dabei sehr gut gefahren. Denn selbstverständlich ist es eine Verfälschung der Wissenschaft, wenn man 'die Physik axiomatisch und die Mathematik empirisch betreiben würde. Der größte TeiJ der Mathematik würde dann ein phantastischer Nonsens werden.. Es würden fortdauernd unlösbare Fragen auftauchen, ebenso müßten große Teile der theoretischen Physik gestrichen werden, wenn man die Physik mit mathematischen. Augen. betrachten würde. ' - Aus den letzten Ueberlegungen folgt, erstens: daß ein jedes System seine; eigenen Öenkföimen haben ffiuö, was an und für sich nichts .Neues, ist.-. . Es folgt aber weiter daraus, daß es. unrichtig und irreführend ist, wenn man an ein Gebiet .der Wissenschaft mit ihm .fremden 'Formen herangeht und «aß man zu f ä I s c h « n S C h 1 fi $ s e II Und . Interpretationen gelangen muß bei der Lösung der (z U : Unrecht) anif'g etauc.iht en P ro b lern e. Die gaaze Funktionemtheorie, überhaupt die komplexen- Bahlen, die, nichteü.k!Udischen' Geometrien wären ein .großem unverständliches Rätsel, wenn taan diesen. Disziplinen physikalische Realität zusprechen wollte. Man kann nur mathematische Disziplinen der Physik " diens t bar machen, durch willkürliche Uebertragungen, die den mathematischen Gegebenheiten nicht widersprechen. So ist Theorie der .elektromagnetischen Wellen ohne komplexe Funktionen kaum zu entwickeln und darzustellen; obwohl 'diese mit magnetischen und elektrischen Vektoren nichts zu tun haben, kann man übereinkommen, daß sie .diese Elemente darstellen sollen. Es wird nun für uns 'die Frage aktuell, ob es uns möglich sein kann, ein anderes Denken anizunehmen. Zu sehr stehen wir doch innerlich dem alten Denken in der Kausalität nahe, als daß wir ohne weiteres einem neuen Denken mehr als oberflächliches Verhalten entgegenbringen können. Und doch ist diese Ueberlegung nicht stichhaltig. Die Differenzierung des europäischen Denkens muß ja gerade verlangen, daß wir dem andersartigen System der Thora auch eine entsprechende Denkform . zuerkennen. Die mathematische FoTm des Denkens z. B. liegt ja auch nicht von v-ornherein diem Durchschnitts e u r o p ä e r. Erst nach mühevoller Arbeit und langwierigem Studium bringt er .es_dahin, mathematisch denken zu können. Erst recht muß dies gelten vom Denksystem der Thora. Daß viel Vorbeireitumg und Studium dazu nötig sind, ist selbstverstnädlich und durchaus nor* mal in Hinsicht auf die Größe und Wichtigkeit der vorliegenden Frage. Erst nach jahrelanger Arbeit wird man glauben dürfen, sich die Denk f orm en der Thora zu eigen gemacht zu ihabea. Allerdings ohne Lernen. 'geht es nicht. Und dies mag wohl die Hauptursache aller Mißstände bei uns sein, daß wir mit einem Minimum an Thorawdssen ein Maximum an Denken .und Philosophieren über Judentum verbinden wollen. Man muß sich aber andererseits fragen, ob dies „iEhrlichkeit", bedeutet, wenn man sich mit Lösungen von Problemen abfindet, die keine Lösungen sind und viele® unbegreiflich und problematisch niachen. Es kommt also noch das Moment dazu, daß. die Wandlung der heutigen Wissenschaft uns sowieso zwingen muß, 'die alten Auffassungen aufzugeben. Ob die Quantenmechanik die letzte Wahrheit ist, bezweifeln wir zwar mit Recht. Daß sie aber mit schlagenden Beweisen 'die Enge und Fehlerhaftigkeiten des -Früheren aufgezeigt bat, kann auch kaum bezweifelt werden. Zusammenfassend kommen wir zu folgendem Resultat: Prinzipiell ist es unmögEch, die ganze Thora gerade so wie die Halacha selbst zu verstehen, wenn man sie .nicht mit einem ihr adäquaten Denksystem zu erfassen sucht. Dabei kann es keine Kompromisse /geben. Mit Notlösungen 'darf man sich nicht abfinden, oder man soll das Denken #über jüdische Weltanschauung ganz aufgeben. Schon aus Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, darf man sich nicht mit .unrichtigen Vorstellungen übef Jüdisehkeit izufrieden igeb»n. Jedenfalls entsteht für ums, unabhängig davon, ob und wie die Lösung der aufgeworfenen Fragen kommen wird, 'die Verpflichtung, unsere gegenwärtigen Standpunkte ernstlich zu überprüfen und uns klar ZU werden, O'b und wie weit wir neue Elemente in unser Denken üineintra.ig'e'n wollen. Für die Ausarbeitung dieser Idee ist es noch wichs tilg, zu betonen, daß 'die Denkform der Thora nicht korrespondieren muß mit den neuen wissenschaftlichen Anschauungen, sondern daß sie aus der Thora heranis kris.tallis.iert wenden muß.. Die Agada, eine neue Sammlung. Die Agada, eine neue Sammlung. Uns liegt eine kleine Broschüre unter dem Titel „Die Agada", neue Sammlunig, vom Rabbiner M. Feuerwerger vor. Diese Broschüre ist der Auftakt zu einer großen A Ig a d a - S a m m 1 u n g., wie wir sie in dieser Art bis jetzt noch nicht hatten. Der Verfasser hat, wie aus dieser kurzen . Anzeige hervorgeht, bereits umgefähr tausend Werke aus allen jüdischen Zeitepochen durchforscht und alles, daraus in siede, großes Werk aufgenommen, was für die heutige Zeit brauch» bar 'ist. Sein Ziel ist, die gesamte ijSlg&da-Literatur durchzuarbeiten, sie zu siebten -..und jiin «iniheitUoher Geschlossenheit der jüdischen Welt zu bieten. Nach dein kleinen Werke', urteilen, wird es ein systematischer Aufbau seiny dessen Ein&elteile sieh nach lagischen und psychologischen Gesetzen aneinandervreihen. l5Se leichtfHeßend unddas schöne klassisphe Hebräisch verleihen dem Werke besonderen Glanz. Auch die modlerne Buchaufmachüng soll 'die Lektüre möglichst - erleichtern. Aus dem Inhalt sei folgendes mitgeteilt: Das erste Kapitel trägt .die Ueberschrdft „G'tt und Natur" und schildert in agadischen Bildern, wie der Mensch von den äußeren Naturerscheinungen in gehobene Stimmung kommen und zu schöpferischen Handlungen angeregt werden kann, Da& Kapitel unter der Ueberschrift „Die Wiederbelebung .der jüdischen Nation" trägt alles zusammen, was das historische Wunder des Werdens und Bestehens des jüdischen Volkes veranschaulicht. Ein eigenes Kapitel definiert die Begriffe Friede und Wahrheit und grenzt sie •gegeneinander ab. J>er jüdischen Frau und ihrer Leistung zur Erfüllung der jüdischen Aufgabe ist ein weiteres Kapitel gewidmet. Man kann zusammenfassend.sagen, daß jedes Kapitel für sich ein Kabinettstück agaddscher Poesie ist, alle zusammen .sich aber zu einem Ganzen fügen, ■das .einen Ehrenplatz in. der jüdischen Literatur einnehmen wird. In der kleinen Broschüre haben wir nun eine Vorprobe der großangelegten Arbeit, deren baldiges Erscheinen uns nur sehnlich .gewünscht sein kann. ' >Jv Schür haschirim. Eine Buchbesprechung von Provinzialrabbiner Peritz in Marburg. Das Israelitische Familienblatt hat in seiner dies* jährigen Pesgachnummer seine Leser mit einer Beilage überrascht, die. sich „das Hohelied nach dem hebräischen Original, dramatisiert und ins Deutsche umgedacht et" betitelt. Als Verfasser dieser „Umdichtung" zeichnet M. Brosen Selbstverständlich hat Joachim Prinz es sich' nicht nehmen lassen, dieses dramatische Werkchen mit einem Geleitwort zu versehen, in dem er ihm das Zeugnis ausstellt, daß hier zum ersten Male eine wirkliche Uebersetzung des Liedes der Lieder vorEegt. Schon diese erste Bemerkung, 'die nichts Geringeres behauptet, als daß alle unsere großen Erklärer i von den Weisen des Talmuds angefangen bis hinein in die neuere Zeit .das Schir haschirim überhaupt nicht verstanden hätten und .daß erst M. Broser, der dieses Bühnenstück einer Dichterin deutscher Zunge widmet, der glücke liehe' Entdecker des Geheiminsses 'dieses Buches ist, zeigt zur Genüge, was von dieser „Umdichtung" zu halten äst. Zudem erscheint uns das Ganze so überaus geschmacklos, daß man sich fragt, ob es denn überhaupt der Besprechung lohnt. Wenn trotzdem ein ernstes Wort hierzu gesagt werden soll, so geschieht es darum, weil wir in diesem Versuch, das Lied der Lieder .seines HedUgkeatsoharakters zu «ntkleiden, keine einmalige Entgleisung, sondern «ine typische Verirrung erblicken, die leider für unsere Zeit bezeichnend ist. Denn 'die Erkenntnis, der Notwendigkeit der Rückkehr zum Judentum ist wohl heutzutage ganz allgemein geworden. Aber gerade die Frage, in welche* Form dies® Rückkehr sich zu vollziehen habe, hat *n unserer Zeit die merkwürdigsten Erscheinungen zutage gefördert. Der Kenner unserer heiligen Sprache weiß es wohl, daß Rückkehr mit Teschuwoh zu übersetzen ist, und wer bisher dem Judentum nicht völlig fremd gegen» übergestanden!hat, der denkt bei .diesem Worte Teschuwoh an 'die Stimme des Schaufors, die alljährlich bei Beginn der Teschuwohzeit 'Uns zu G'tt zurückruft. Er kann sich darum eine Rückkehr nur also vorstellen, 'daß sie ihn letzten Endes auch zu G'tt zurückführt. Die moderne Teschuwoh weist andere Wege. Sie führt im günstigsten Falle zur Bühne des Kulturbundes, wo sie, bescheiden genug, an Shakespeares Sommernachtstraum Genüge findet. Zu einer solchen Auffassung paßt allerdings auch das vorliegende Bühnenwerk, von dem der Verfasser behauptet, daß es an Kühnheit des dramatischen Aufbaus an Shakespeare heranreicht. Ob -ein«. Ednstudierung dieses neuen Bü.hneinw,erikesi zwecks Auf« führung geplant ist, entzieht sich vorerst noch unserer Kenntnis. Aber der Dichter hat bereits das Kind seiner Muse mit so vielen RegiebenVerkungen ausgestattet, daß uns auch die® nicht mehr weiter überraschen würde. Wir fragen uns nur, ob es wirklich schon so weit ist, daß in unserer Mitte von Söhnen unseres Volke© dias 'Heiligste-derart in den Staub gezerrt werden darf. (Unsere alten Weisen haben uns wohl gelehrt, daß, wenn wir auch nur einen Vers der Heiligen Schrift zu einer . weltlichen Dichtung mißbrauchen, die Tauroh, in Sack gehüllt, VOr G'tt es Thron erscheint und' anklagend spricht: „Deine Söhne haben mich zu einem Musikinstrument . gemacht, auf dem 'die Spötter spielen." Aber die Ehrfurcht vor einem solchen Wort scheint nun einmal bei Broser und Prinz nicht mehr zu existieren. Hätte Broser bei dem „streng wissenschaftlichen Nachweis", den er uns vorläufig nur verspricht und der an<geblich für die Richtigkeit seines Standpunktes zeugen soll, sich etwas mehr in der Bibel umgesehen, hätte er nur die Einleitung zum Schir haschirim von Ibn Esra durchgelesen, er hätte sodann von dem „streng wissenechaftUchen Nachweis" Kenntnis