Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1937)
- Date
- 1937-05-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6.Nr. 19 Der Israelit 13. Mai 1937 jüdischen Geschichte, der aus tiefsten metaphysischen Urgründen an sie ergangen ist, wollte sie nicht mit dem vollen Einsatz ihrer materiellen und geistigen Kraft das Ihrige tun, um den Millionen leidender Brüder duroh Vereinheitlichun,g des W a n d e r ü n g s und Siedlungswerkes zu helfen, Ob die bevorstehende britische Reichskonferenz hierzu den Anlaß geben, wird, bedeutet eine Frage an das Schicksal, VOR DER ENTSCHEIDUNG m Von Dr. Isaac Breuef, III. Die A g u d a und der Judenstaat, ■ Die ganze zionistische Presse und alle zionistischen Instanzen protestieren gegen den Judenstaat. Aber ihre Proteste richten sich natürlich nicht gegen den Judenstaat als solchen, sondern lediglich gegen seine beklagenswerte Gebietsverkürzung. Das thoratreue Judentum macht sich diese Proteste durchaus zu eigen. Aber es kann sich damit nicht begnügen. N/ur mit tiefer Erschütterung kann es ausgesprochenwerden: In diesen Tagen und zu dieser Zeit m.üßte das thoratreue Judentum g er gen den Judenstaat protestieren "selbst wfIii er das gan.ze den Vätern v emeißene Gebiet umfassen würde. „ Man merkt es d%d* Protesten afi; ob aus ihnen jeö-i tülbidißgte Entschlossenheit zur Ablehnung spricht, wie sie nur die letzte Verzweiflung eingeben kann. Der Zionismus steht dem geplanten Judenstaat wie ein Gläubiger gegenüber, dem sein Schuldner eine unzulängliche Teilzahlung mit dem Bemerken anbietet, daß er weitere Zahlungen ablehne. Wie wird sich der Gläubiger verhalten? Er wird sicher gegen das Vorgehen des Schuldners protestieren. Wenn er sich aber überzeugt, daß einstweilen mehr vom Schuldner nicht zu erzielen ist? Der Agudismus aber erblickt in dem geplanten Judenstaat die schlimmste Gefahr, die je die Thora und das Land der Thora und das Volk der Thora bedrohte, Sein Protest ist in der Tat ein Protest der Verzweiflung. Dies bedarf der Begründung. Scheitert der Kantonalstaat an dem völligen Fehlen des Willens zur Bildung eines einheitlichen Staatsvolkes auf Seiten beider Nationen,' an dem völligen Fehlen des lür die Existenz jedes Staates unbedingt notwendigen Minimums von Gemeinsamkeit, die beide Nationen verbindet, so scheitert der Judenstaat aus den gleichen Erwägungen, nur daß diese Erwägungen nicht das Verhältnis von Juden zu Arabern, sondern von Juden zu — Juden betreffen. Dem Agudismus ist Judenstaat völlig identisch mit Thorastaat. Thorastaat ist ein Staat, dessen Wille verfassungsmäßig an die Thora gebunden ist. Dem Agudismus. ist ein Judenstaat, dessen, Wille nicht verfassungsmäßig an die Thora gebunden ist, abtrünnig; ein Empörerstaat. Die nämliche Thora, die um alle Juden des Erdballs ein ewig unzerstörbares nationales Band schließt,* reißt in unseren Tagen und in unserer Zei,t zwischen Juden und Juden einen Abgrund auf, den Ehrlichkeit und. Wahrhaftigkeit nicht, zu■ überbrücken vermag. Zwischen Juden und'Juden steht heute — G'tt. G'tt verbindet sie mit seinem ewig dauernden Anspruch auf Gehorsam zur Thora. G'tt scheidet sie heute in Treue und Treulose. ■<■■■. Nur 'die durch' G'tt und seine Thora gesehaf- 1 j: | fene ewig unzerstörbare nationale Einheit kann das thoratreue Judentum, kann der Agudismus anerkennen. Wem dieses Bekenntnis zur natio-; nalen Einheit, unentrinnbar Treue wie Treülpse! umfassend, als- — Separatismus gilt, der weiß! nicht, wovon er spricht, oder treibt heillose De-; magogie. Der Judenstaat soll der Judeneinheit die Fülle staatlicher Macht verleihen. Welcher Judeneinheit? Der zionistischen, wurzelnd im Blut, oder der jüdischen, wurzelnd in G'tt? Beide Einheiten nehmen alle Juden des Erdballs für sich in Anspruch. Das Gesetz des Widerspruchs trennt sie. Wo die eine ist, kann die andere nicht sein. Der Judenstaat soll in gewissem Sinne souverän sein. Wer ist der Souverän? Dem Zionismus ist das Volk Träger der Souveränität. Dem Judentum G'tt. Wie ist hier ein Ausgleich möglich? Besteht auch nur die mindeste Hoffnung, daß in unseren Tagen und in unserer Zeit der Judenstaat ein' Thorastaat sein werde, sein Wille verfassungsmäßig die Thora G'ttes in sich aufzunehmen bereit sei? Zwanzig Jahre ■;£iÄ&?? Nationalheim sprechen eine beredte Sprache. VCteder die zionistische Weltorganisation noch j der Wääd Leumi haben bis zur Stunde sich dazu verstehen können, der Thora, Millionen Juden heute noch Inbegriff des geoffenbarten Willens G'ttes, der Thora, nicht fortdenkbar als eigentliches Leitmotiv der ganzen Geschichte der jüdischen Nation, auch nur in der öffentlichen Betätigung einen Gehorsam zu zollen, zu dem nicht nur Ueberzeugung allein, zu dem auch Ehrfurcht, eines der Fundamente der menschlichen Kultur, zu bewegen vermag! Ehrfurcht freilich vor dem höchsten und teuersten Anliegen von Millionten Volksgenossen läßt sich nicht erzwingen. Auch nicht durch Kongreßbeschlüsse. Auch nicht durch einen durch Massenbeitritt verstärkten Misrachi. » Ehrfurcht könnte verbinden, selbst wo Ueberzeugung trennt. Daß die Treulosen nicht einmal Ehrfurcht besitzen, raubt unserem armen Volk heute die staatsbildende Kraft. Ehrfurcht ist die feinste Blüte der Bildung. Nicht nur treulos gegen G'tt und seine Thora sind 'die „Freien". Furchtbar ist auch das Defizit vieler von ihnen -an .—: Bildung. In der Bezeichnung der „Freien" als Treulose soll keine Kränkung liegen. Sie haben die Kraft nicht zur Treue. Es ist ein Unglück, daß sie sie verloren haben. Der ehrlich „Religiöse" wird tiefstes Mitleid mit ihnen empfinden, wird keine vom Gewissen gestattete Gelegenheit versäumen, ihnen .in ihrem namenlosen Uniglück, das sie selber meist nicht ahnen, zu helfen.: Der " Vorwurf des völligen Mangels an Ehrfurcht ist allerdings kränkend. Mangel an Ehrfurcht ist kein Unglück, sondern ein Verbrechen, Der oberste Führer der zionistischen Organisation, vielleicht der künftige Leiter des Juderistaates, reist | am Sabbat in Vertretung der' jüdischen Nation, und verschmäht auf dems Schiff durch jüdische - /^Arbeit hergestellte Ritualkost.. Das entspricht gewiß "seiner Ueberzeuigung'. - Erl ist G'tt ühd der Thora nicht mehr treu. Aber' ' ' ■' % •.. 'j •!<;".'-! } auch nicht einmal die leiseste Ehrfurcht besitzt!! er vor Israels/G'tt und vor;Israels Thöra, nicht? die leisestei -Eh"rftircht vor den Millionen; Volksgenossen, die er durch' sein Verhalten aufs schwerste kränkt und verwundet. ' Das "Beispiel ist unsäglich belehrend. Es ließe sich beliebig vermehren. Ist die Jührfurcht ik 'den Reihen der H i s t a- d r u t h fl ä o w d i m zu Hause? Hat sie bis jetzt! auch nur leises Verständnis für arbeitende Volks- ■ genossen: gezeigt;1 deren Gewissen sie iiötigt, der« 'Organisation fernzubleiben?, ' ' - Hat der W a a d L e u m i £)irfurcEt vor. der Not. armer Volksgenossen betätigt., denen ihr 'Gewisse« nicht 'gestattete, -sich ihm zu unterstellen? Hätte er sie nicht gezwüngen, ihrem. Gewissen zuwider ihm anzuigehören, wäre nicht die — Mandatsregierung ihmnin die' Arme gefallen? «' War aber der Mangel an Ehrfurcht allenthalben fühlbar, selbst wo die Macht noch, fehlte: wie könnte man alsdann äüch nur einen' Augenblick glauben, daß die Ehrfurcht sich einstellen werde, wenn die staatliche Macht jede. Rücksichtnahme überflüssig werden läßt? Wo die Ehrfurcht fehlt, schwindet auch sehr bald das Gefühl für G erec h t i g k e i t. Als „Klerikale", als „Dunkelmänner" erscheinen die Thoratreuen den meisten Treulosen. Ist, es nicht am Ende ganz verdienstlich, ein wenig nachzuhelfen, wenn die Dunkelheit von selbst sich nicht lichten will? So kam es, daß vielfach in den zwei Jahrzehnten der Geschichte des Nationalheims selbst gegen fundamentale Grundsätze . der Gerechtigkeit, der Gewissensfreiheit bedenkenlos verstoßen wurde. Entsprach das .Verhalten« des Waad Leumi gegen die „Separatisten" der Gerechtigkeit? Ist es gerecht, wenn bis zum heutigen Tage Erziehungsanstalten außerhalb des Monistischen Erziehungsnetzes nicht im Entferntesten die gleiche Regierungsunterstützung erhalten, wie Anstalten'.inner halb? - Ist es gerecht, wenn bis zum heutigen Tage die „Separatisten" keine staatlich anerkannte Kehilla bilden können, also im Lande der Väter, infolge des Widerspruchs ihrer eigenen Brüder* nicht einmal die gleichen Rechte besitzen, die ihnen etwa Preußen bereits vor. mehr .als sechzig Jahren, allerdings gleichfalls unter heftigstem Widerspruch der „Freien", gewährt hat? Und nun gar die Frage der Fragen: der S a b bat! Noch nicht einmal dieses kostbarste aller unserer nationalen Güter konnte bis zur Stunde auf heiligem Böden vor der grenzenlosen Schmach öffentlicher Schändung geschützt bleiben! Volksgenossen stehen gegen Volksgenossen! Diese müssen blutenden Herzens mit ansehen, wie jene ihr Heiligstes mit Füßen treten und gar,, bestärkt durch das verbrecherische persönliche Verhalten oberster Führer, ihr Treiben wie ein ihnen zustehendes-Recht fortsetzen und itt Empörung geraten, wenn man ihnen selbst nur mit Worten zu wehren wagt. Wo ist, so frage ich, jenes absolut unabdingbare Minimum praktisch betätigten nationalen Gern e i n s c h a i t sg e f ü h 1 s , das, auf Ehrfurcht gründend, den Willen zu Gerechtigkeit wach hält, und ohne das ein Judenstaat nur härteste Bedrückung und Vergewaltigung bedeuten muß, ausgeübt von den Starken gegen die Schwachen, den Vielen gegen die Wenigen? ' In unseren Tagen uad in unserer Ze i t J s t d i e s t a a t b 1 1 d e n d e Kraf t i m jüdischen Vo1k noch nicht vorhanden. Noch darf das freie Spiel der Kräfte im werdenden Nationalheim nicht durch übereilte Verleihung der Staatlichkeit: unterbrochen werden, Sie würde die heute herrschende nationalkulturelle Anarchie geradezu verewigen und nach, menschlichem Ermessen, ohne G'ttes wunderbares JAingreifen,: das Ende aller bei freiem Spiel der Kräfte heute-noch vorhandenen'Möglichkeiten und Hoffnungen ^bedeuten, iridein. sieein , Staatswesen! zur Entstehung ^brachte, das nicht , jüdisch,; sondern imybesienl,'FaÖe. — palästinensisch ■ oder ievantinisch ^ode* bälkanisch wäre. ' - ''•: * ' ';'';'; Ist denn wirklich die Wirtschaft allein die ausreichende Basis eines nationalen Staatswesens? Wollte man selbst unterstellen, es gß" länge auf dem Gebiete der Wir t s c h äf t einen ausreichenden Schutz;; c(es,' Sabbat zu" gewährleisten und damit einen einheitlichen Willen, ZU erzeugen: ist ein Staatswesen ohne staatlich ge* regelte. F a m,i. 1 i e,,ä denkbar,?uad klafft: nicht gerade auf all. dij^sen^^n^clj^idje^den Gebieten zwischen den Volksgenossen ein. Abgrund, der entweder zu entsetzlichem Ge.wisseoidruck oder, bei wirklich ausreichendem Schutz,1 zur völlige11 Aushöhlung des Staates selber^ürid damit zü' seiner Abtötuiig führen muß?.!! •. \ Das ist ja nun einmal die voni: kein'em Ehrlichen wegzuleugnende' unermeßliche'- Tragik' un--