Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1937)
- Date
- 1937-05-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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13. Mai 1937 D e r 1 s t a e 1 i t Nr. 19 Seite 5 längst ebenso ausgefüllt wurden wie vor Jahrzehnten die nordamerikanischen Staaten. An Menischenmaterial fehle es wahrlich nacht. Tausende , von . F 1 ü c h t Ii n. gen aus Osteuro p a würden glücklich sein, innerhalb des britischen Reiches, wo Gewissensfreiheit, Redefreiheit und bürgerliche Gleichberefchtigüng herrsche, ein Heim finden zu1 können. Warum, SO fragte er, verwenden -die an der Wohlfahrt der Flüchtlinge interessierten Stellen ihre Mittel nicht zur Empire-Siedlung? Warum sucht das jüdische Volk kein Heim für seine Auswanderer beispielsweise in Australien? Ein weiterer Labour-Abgeordneter führte den Erfolg der jüdischen Aufbauarbeit in Palästina als'Vorbild ■an für die Losung des Empire-Siedluuigsproblems. Von anderer Seite wurde, die Unmöglichkeit einer Auswanderung größeren Stiles au^ England selbst scharf betont, wobei die Bevölkerungsziffer schon für i960, auf 24 bis 25 Millionen geschätzt wurde. M a c d on a 1 d schloß die Debatte mit dem Hinweis, daß die Imperial Conference die Gelegenheit zu einem gründlichen Meinungsaustausch mit den Dominions über diese Frage bieten werde. Die Ansatzpunkte zu einer Aufrollung des jüdischen Wanderungsproblems sind also durchaus gegeben, wobei in erster Reihe Canada — wegen der, Nähe der Vereinigten Staaten mit ihrer jüdischen Millionenbevölkerung — und Australien ins Auge z.u fassen wären. Daß in b e i d e n Ländern heute nicht die Schaffung großer landwirtschaftlicher Siedlungen in Frage käme, sondern der systematische Aufbau von Industrien, mag vom moralischen Standpunkt und im, Interesse der jüdischen' Volksgesamtheit zu bedauern sehr, auf der anderen Seite wächst damit aber die Möglichkeit, sowohl als Unternehmer, wie als Angestellte und Arbeiter qualifiziertes jüdisches Menschenmaterial aus den Ländern des Ostens zu gewinnen. Erfolgt diese industrielle Einwanderung und Kolonisation nicht anarchisch, sondern nach einem geregelten, von einer Stelle aus organisierten System, so fallen alle die Befürchtungen weg, die die'Aibeiterver bände der Dominions gegen jede Immigration ins Feld zu führen p f 1 e g e n und es gilt die unwiderlegliche ökonomische Feststellung, die der ehemalige englische Kolonialminister Amery vor einigen Jahren in einer denkwürdigen Rede getroffen hat. Er sagte seinen australischen Hörem damals: ] „Zu sagen, daß man keine neuen Immigranten ins Land bringan dürfe, solange wie noch Arbeitslose gemeldet sind, ist fast ebenso absurd, als wenn man den Grundsatz aufstellen wollte, es dürften keine Kinder mehr geboren werden, so lange es noch Arbeitslose auf Erden gibt. Was nötig ist, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden, ist lediglich die Sic h er h ei t, d aß die e in w a ad e r nd <e n M e n s c h e n sofort in produktive Beschäftigung eiotreteo und, daß man sie nicht aufs Geratewohl, ohne Vorsorge für die Zukunft auf den Ärbeitsmarkt wirft. Eine wohl organi s.i erte Ei n w a n de r u n g aber, weit entfernt davon, die Arbeitslosigkeit zu steigern), ist im Gegenteil die einzige wirksame Kur dieses Uebels in 'einem Lande wie Australien." Eine organisierte industrielle Kolonisation schließt auch jede Lohndrückerei aus. Hier bege g n en sich die Interessen der Einwanderungsländer aufs g 1 ü c k 1 i c h s t e m i t denjenigen der Immigration, insbesondere einer jüdischen Immigration. Die individuelle, auf eigene Verantwortung 'erfolgende chaotische Aus- und Einwanderung, wie sie in breitem Strom jahrzehntelang aus dem Zarenreiche nach den Vereinigten Staaten, Südafrika und Australien floß, mag dem Einzelnen, wenn er genügend Unternehmungsgeist und Ellenbogenkraft besitzt, Erfolg, Aufstieg, Reichtum bringen — der Gemeinschaft, dem jüdischen Volksganzen muß sie die schwersten Wunden schlagen, denn sie schleudert geistig wehrlose Individuen in den Schmelztiegel äußerster Assimilation hinein und überantwortet spätestens die zweite Generation der fasf völligen Entjudung und dem religiösen Untergang. Nur die organisierte Grupp en. - Siedlung — die technisch bei dem planmäßigen Aufbau von Industrien genau so gut möglich ist wie bei der landwirtschaftlichen Kolonisation — kann die Atmosphäre der religiösen Gemeinschaft, ohne die das jüdische Individuum zum moralischen Tode verurteilt ist, über Länder und Meere hinwegbringen und d&& Heimat der befreiten Körper zugleich zu einer Heimat der Seele weihen. Keine edlere und keine lohnendere Aufgabe könnte es für die vereinigten jüdischen Organisationen geben, als die Herausarbeitung der vollendeten Technik eines solchen Auswanderungs- und Siedlungssystems, das nicht in einseitigem Wirtschaftsmaterialismus Körper und Seele auseinanderreißt und das einheitliche Meoschenwesen zum Krüppel schlägt, sondern das mit der gleichen Sorgfalt, die es der wirtschaftlichen Schulung und Ausrüstung zuwendet, auch den religiösen und geistigen Fundamenten der neuen Gemeinschaft, der Wahrung des Sabbats und der Speaseges-etze, der jüdischen Familienreinheit, der geistigen Betreuung der Erwachsenen wie der Jugend durch geeignete führende Persönlichkeitein gewissenhafte Fürsorge und reichliche finanzielle Sicherungen widmet. Vor kurzem hat man sich auf einem Gemeindeabend der Berliner Jüdischen Gemeinde ■jnit dem Thema „Auswanderung und Religion" beschäftigt und dabei im Grundsatz die Notwendigkeit der religiösen Betreuung der deutschen Auswanderer mit erfreulichem Nachdruck betont, Das gewollte Sei, die Erhaltung wurzelkräftigen jüdischen Lebens in den neu zu schaffenden Zentren in Uebersee, wird aber nicht erreicht werden, solange die großen Or- |anisatioiteö, die sich, mit der Auswanderung befassen, keine Zentralstelle besitzen, die für den Geist das gleiche Maß von Sachkunde in sich birgt, wie für die Wirtschaft. Was nützt es, daß der „Dezernent für - Palästina und Wanderung" > der Berliner Gemeinde einen Arzt nach Giina, das „Gemeihdeblatt" einer Gruppe . in Argentinien eine Thorarolle und nach Kolumbien einige „jüdische Bücher" schickt, wenn die Auswanderer schon daheim (in Neuendorf etwa) auf" Preisgabe der jüdischen Werte „vorbereitet" werden oder wenn man sie ziehen läßt, ohne ihnen einen Kern wissensreicher, begeisterter jüdischer Persönlichkeiten — an denen es, wenn man sucht, nie fehlen wird —, mindestens aber einen Lehrer, Rabbiner oder rabbinischen Wegweiser mitzugeben, unter dessen Verantwortung dann gleichzeitig mit dem wirtschaftlichen Rohbau einer, Siedlung auch ein jüdisches Milieu sich entwickeln kann! Vielleicht noch nie seit dem Zusammenbruch des jüdischen Staates hat das jüdische Volk vor einer so ungeheuren Krise, seiner Existenz gestanden, wie in diesen Tagen, da — neben der Schicksakwende in Erez Jisroel — der historische Zwang zur Umsiedlung großer jüdischer Massen mit unheimlicher Gewalt sich von Tag zu Tag verstärkt. Diese Existenzkrise wird, dessen dürfen wir sicher sein, letzten Endes gewiß nicht mit äußeren Mitteln, seien sie politischer oder wirtschaftlicher, diplomatischer oder organisatorischer Natur gelöst werden — aber , unwürdig wäre unsere Generation des lauten Anrufes der basierende Lebens- und Gesellschaftsordnung? An Stelle schrankenloser „Freiheit" das starre „Du sollst" und „Du sollst nicht"? Und der -tiefe Emst jedes der Zehn Worte! Das Leben ist heilig, Eigentum ist heilig, das Wort äst heilig, ja die Gedanken und Gefühle sollen auf dde Goldwaige des- Gewissens gelegt werden! Welcher iidiscbe Köllig hätte je das; neidische Begehren gesetzlich unter Strafe gestellt? Oder auch niuir stellen wollen, ohne «ich der Lachers Hchkeit auszusetzen? Eime Stecknadel entwenden oder 'eine Million stehlen — es ist dasselbe. Dein Wort, es ist ein Zeugnis», auch wenn nicht vor den Schranken de Gerichts gesprochen. Es wird ja geglaubt. Silberhell sei sein IQang. Nichts daran feilen, feilschen, falschen. Elternehrung—; die Grundlage der Achtung jeder Autorität, der .göttlichen wie staatlichen, ö«V 3« ittSb Vitts nwn> G'ttes Ehre in Parallele mit der von Vater und Mutter. Sabbätheiligung — .die wöchentliche feierliche Huldigung für! Gltt als Schöpfer und Lenker der Welt. Knecht und Magd in ihrer Kammer, Ochs .und Esel im Stalle haben daran teilzunehmen. .Soziale Scheidewände fallen" in der einzigartige«.; Symphonie, der G'tteskdind1 schaft. In die Vorstellttttgiswelt de® alten Heidentums mußten die ■ WellenS des1. Sdniaosiepderswie zuckende Blitze ' in . nächtliches Dunkel niedersausen: Soll alle^ B&herlge i n Tjnü^^ neues Tohuwaibohu enlfeteihen?" 'Der'[ Headeriprophet Bileam saÜ' schärf^ Untergang und Zerstöruhg, Wcht Leid:: und; Er« die glü eilend.- Üip; T> in?; s^kem'y Ahnen käiä,I(äen> HeMieiir zuni 1B'ewuß"feeaaif daß' %öich '«ittlicb| ernste und iheaMgey örun^^ Hadert im ^Frieden..„..Macht^ ^,btv G!tt, heute«. Seinem Volke, ' 7t**f'*^t . '•' ii^r-***' > ."'»-VS . l-fl t ••£ "\tr> tw tv aber diese Macht kann nur Frieden bedeuten, "iS>en wsr ntt "pa» yn- Frieden im Sanne desr jüdischen Wortes "iVbv innere AusgegHchenheit, Sees lenharmonie, Ganzheit. Eon solcher Friede kann nicht bedeuten, daß 'augenblicklich kein Krieg wütet. Das wäre nur eine Art Waffenstillstand. Nöch weniger darf der Frieden vom Schwerfe leben, das. man •fürchtet. Er' muß Ausfluß der reinen Ideen sänaitischen Gepräges sein, nur so ist er mächtig verankert, nur so klingen Macht und Frieden harmonisch, zusammen. ■ , Wochenkalender. Vom 15.-22. Mai 1937 / Vom 5. Siwan bis 12. Si-wan 5691 V,, >m> r\i ^fllM» H 1? Samstag 15 5 Sonntag 16 6 Montag 17 7 y Dienitag Mai 18 )i»p 8 ip Mittwoch 19 .".; ' 9 np Donnerstag 20 -. io Dp Freitag f 21 , _<'-,< n fSamstag : ' f: 22 . 1 -; 12 3 nww ai? was 'K DY> ftWS» 'a ov rnyiv an wdr '3 'K f»*)S K«tt Kleines Feuilleton. Ekstase. . Langsam schreite ich und tanze,. Kreise, wende mich im Kranze, Gleite sachte und gelinde, Löse mich mit leichter Zehe ... Plötzlich, hochgerafft vom Winde, Wirble ich davon und rase, Fliege hoch wie 'eine Lanze, Wie ein Adler in die Höhe, Steige, schwebe, Und aufgerichtet wie «in Turm, Bin ich Stille in dem Sturm, Fühl' ich, wie ich in mir stehe, Mich -zu seinem Geist erhebe, Bin im Fluge seine Schanze, Eine Taube in dem Glänze, Bin bei ihm, in ©einer Nähe Und vergehe . . . Ich entstehe . Heiß .berührt von G'ttes Hand Und .lebe! Folgend seinen Bahnen. Wie ein Bogen straff gespannt "■Ist .i.m-eiiP^Geäs.t.1 .«<■'"....■.:>■ r Undtsdch^wie ein Pfeil mein Ahnen. Doch trunken ist mein Leib und taumelt noch verwaist Gleich.- dem havarierten menschenleeren Kahne. *"'*' :-s' Sau! Maus.