Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1937)
- Date
- 1937-05-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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13. Mai 1937 Ii t (Fortsetzung von Seite 1.) gerade dieses Buch am Feste der Thora in die Hand gibt? Die Felder von Moab und die Gersteernte in Bethlehem allein wären kein ausrei-r ghender'Grund dafür. Vielleicht soll uns an diesem Tage, da uns die ewige Thoraverpflichtung so deutlich zum Bewußtsein kommt, die dringliche Mahnung werden: Wandere, wenn dich Not auf die Suche nach einer neuen Heimat schickt, nicht „nach Mo a b", wo, vielleicht bei blühenden Feldern, deine Seele hungert und die Seele deiner Kinder verkümmert. Suche den Anschluß an Freunde und Gleichgesinnte, die sich mit dir zur Gemeinde der Sinailehre vereinigen, Jedes Gebet, das du auf neuem Boden aus dem alten Gebetbuch zu G'tt emporschickst; jedes Kapitel, das dein Kind aus dem alten mitgenommenen heiligen Buch lernt, jeder Sabbat, dem du ein Licht im alten heimatlichen Leuchter anzündest, zaubert dir die Heimat in der Fremde vor Augen,, zeigt dir die ewige Heimat der Seele. Und es kann auch ebensowenig Zufall sein, daß uns 'die Tradition justameht am Sabbat vor dem Feste, — diesmal zugleich am Rüsttage des Festes, —- jene Mischna des Perek aufschlägt, in der Rabbi J o s s e, der Sohn Kismas, die Geschichte seiner Wanderung erzählt. Ungezählte Summen, ieine verwirrende Fülle von Gold und Silber und Edelsteinen bot ihm einer an, daß er mit ihm in geistiges Oedeland ziehe. Er aber lehnte all die Schätze der Erde ab, um an der Stätte der „Weisen und Schriftgelehrten'', vielleicht in der letzten Reihe derselben, zu weilen. Das jüdische Waniderproblem ist nicht von heute. Die Einzelnen wie die Massen waren immer in Bewegung und alle Völkerstraßen Asiens und Europas waren immer Zufahrtstraßen zu neuen Galuthzentren. Heute tut sich uns eine Insel nach^ der anderen wie eine Fata Morgana im Meere der jüdischen Not auf. Beherzigen wir aber die ewigen Lehren und Mahnungen, die wie in Stein gehauen, in Gesetz, Liturgie und Brauchtum zu uns sprechen, dann kann uns das Fest zu einem Wanderfest im ältesten und zugleich allerneuest e n Sinne werden, zu einem Wanderte ste gen Zion und Jerusalem , wohin auch der Weg führen sollte. Wochenrundschau. Ende des Nansenamtes — Neue Sperre in Südafrika -—Das Jubiläum einer jüdischen Organisation — Um den Jüdischen Oberrat in Litauen — Jüdische Renegaten klagen in Polen Juden an — „Hias" zum Madagaskarplan — Auch in Ungarn Schöne Worte eines englischen Ministers. Das Nansenamt wurde, wie der englische Außenminister Eden auf eine Anfrage im Unterhaus« mitteilte, endgültig liquidiert und wird auch nicht wieder errichtet. Das Nansenamt hat bislang an Staatenlose N a n s e n p ä s s e ausgegeben und damit eine Aufgabe erfüllt, 'die zum großen Teile jüdischen Heimlosien,~ besonders, aus den Östlän- •dem, zugute kam. Nansen, der Weltsegler, hatte in seiner Weltoffenheit das Recht auch dieser Menschen auf einen Platz an der Sonne erkannt und nach Möglichkeit zu wahren gesucht. Da® von ihm gegründete und nach ihm 'benannte' Amt verdient e», daß ihm im jüdischen Kreise ein liebes, dankbares Andenken bewahrt wird.. Hoffen ..wir, .daß die -VölkerbunidWersammlung, die sich erst 1938, mit dieser Frage befassen wird, gewillt und imstande sein wird, an Stelle des Nansenamtes etwas Gleichwertiges oder sogar etwas Besseres zu stellen. . * * •- ' : ' , ■ - * . ' ': - 4 Eine Meldung über eine neue Maßnahme, die die jüdische Aus Wanderung schwer - belastet,, kommt aus Kapstadt: •■ ■ . Das Südafrikanische Parlament hat än! dritter Lesung eine n e.u. e B es ti nun üu g f ü r;di e R e g e-, lung dec, Eiin w.an*d erung nach Südafrika angenommen,;'.durch die die Emwänderung 5Von. Personen, die ihre S t aat san g eh örig keit verloren haben; unterbunden wird. In der Bestimmung heißt es, daß Personen, deren Ausweispapiere zu dien sogenannten „einseitigen Papieren'* Jone way-papers) gehören, künftig nicht mehr zur" «nreise nach Südafrika' zugelassen werden sollen. Südafrika will, wie seine Regierungsleiter wieder-!«alt 'die neuen Einwanderungsgesetze begründeten, nur gutes, brauchbares Menschenmaterial ins Land Anströmen lassen. Können aber einzig Paß und Heims tschein Maßstab für die Qualitäten und' die Brauchbarkeit eines Menschen sein? , * * Union, Ö s t e r-r eic his.c h er .Juden gibt au& Anlaß ihres f ündzig j ähr ig-en B eiste hens *V?e reichhaltige 'Festschrift heraus, die ein klares j von den politischen Entwicklungen innerhalb er östferareicliisoh en- Juden im letzten Jährhundert entwirrt. Wir erfahren daraus einige® über das Anwachsen des Antisemitismus in Oesterreich während und nach dem Weltkriege, über die Abwehr- und Rechtsschutzarbeit der Union, ihren Einfluß im Vorstände der Kultusgemeinde. Im Schlußworte wird betont, daß die österreichischen Juden in ihrer Liebe und in der Opferwilligkeit für die österfeichiÄche Heimai den anderen Sürgem nicht nachstehen. Die Union , österreichischer Juden kann als Schwesterorganisation des Jüdischen Zentralvereins in Deutschland angesprochen werden, allerdings zeigte sie von jeher in höherem Maße als der Berliner Verein den Ehrgeiz, 'auf die innere jüdische Politik im Rahmen der Jüdischen Kultusgemeinda Einfluß zu nehmen. Sie "stand oft genug im harten Kampfe gegen den Zionismus, ein Kampf, der jetzt noch bei allen Gemeinde wählen mit größter Intensität wieder aufflammt. Der religiöse Bezirk war von der Union nicht sonderlich gepflegt worden, wenn sie sich auch nie zur eigentlichen Exponentin der ausgesprochenen Assimilation machte. Es gab eine Zeit, wo auch die Union, wie alle Körperschafs ten dieser Art, ihre ganze Schwerkraft nach außen verlegte und auf 'diesem Außenposten treulich über Recht und Ehre der jüdischen Gemeinschaft wachte, Die Frage war aber berechtigt; Was soll der gute Zaun nach außen, wenn im Innern alles ungepflegt bleibt? Es hat sich darin da wie dort manches geändert, und ^zum Guten gewandelt, und so haben wir: auch für die Union der Österreichischen Juden keinen besseren Wunsch zu ihrem Jubiläum, als daß sie die Quelle,' aller jüdischen Kraft im jüdischen Organismus selbjsi erkenne tmA vor dem not windigen Schutz nach außen die Voräussetzungen der inneren Gesundung des Jüdischen Lebens nicht übersehe. Die Schaffung einer jüdischen Gesamtv er tr et ung> in Litauen macht Fortschritte. Ein . aus Vertretern aller jüdischen politsichen, wirtschaftlichen und sozialen 'Gruppen bestehendes Komitee in'Kownb ist beauftragt, einen Geset z entw ur i für die XJesamtvertretung zu schaffen, den die Regierung, weän er ihr ge^ehan erscheint, zum Gesetzei zu ' erheben gedenkt. i . Der Gedankt, ein Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der jüdischen öffentlichen Körperschaften;!^u schaffen, und .zugleich eine jüdische Oberbehörde mit der Wahrung dieses Rechtes zu betrauen, geht von j üdis ch e r Seite aus. Die Regierung, selbst verhielt sich bis dahin reserviert, sogar ablehnend. Auf weiteres Drangen erklärte jedoch der litauische Innenminister, wie die ITA. .mitzuteilen weiß, die Regierung werde ihre Haltung zu der Frage ändern, wenn isahr' ein „annehmbarer" Gesetzesvorschlag unterbreitet werde. „Annehmbarer Gesetzesvors'chlag", — das. ist ein dehnbarer Begriff, und ■die Regierung wird es immer noch in der Hand haben, falls siegrundsätzlich eine Regelung nicht wünscht, die Entwürfe als „unannehmbar" zu erklären. Nach den Erfahrungen in anderen Ländern mit religiösen Oberbehörden weiß man nicht, ob man die Beschleunigung . der Gesetzeswerdung des vorgeschlagenen Statute® so sehnlich erwünschen soll. Es wird natürlich!'auf die Art und den- Charakter des* Statutes ankommen. . Daß das ^Comitee lediglich aus politischen Parteien und Vertretern wirtschaftlicher .; , ' _ Nr. 19 Seite 3 und .sozialer Institutionen sich zusammensetzt, also unter Ausschluß der Rabbanen und der religiösen In-* stanzen, eröffnet nach : dieser Richtung hin eine allzu erfreuliche Perspektive, # * * Der Oberste:: Gerichtshof in. Warschau hatte dieser Tage über 'die Revision der Urteile, die die beiden bisherigen Instanzen, in Sachen der blutigen Ausschreitungen in Przytik gefällt haben, zu befinden. Nocheinmal wurden die grausigen Ereignisse in allen Einzelheiten aufgerollt. Als Verteidiger mühten eich die bekannten Rechtsanwälte Landau, Bernsen, Margolis, Hartglas® und ein Nichtjude namens Szumanski, die von den Anwälten der Gegenpartei auf den Kopf gestellten Tatsachen wieder ins rechte Licht izu rücken und dem Gericht und der Welt die Dinge zu zeigen, wie sie sich wirklich zutrugen. Nicht ohne Erfolg» Die von den ersten Instanzen verhängten schweren Gefängnisstrafen über Schalom Las'ko, Elieser Kirschenzweig und Isaac Fri edm ann {8, 6 und 5% Jahre Gefängnis) wurden a-u f g e h o b e n und ein neue® Verfahren gegen diese drei Beschuldigten vor einem anderen Gerichte angeordnet., Die Revision des Urteils gegen 'die übrigen Juden wurde verworfen. Die Entscheid düng über 'die Nichtigkeitsbeschwerde der eigentlichen nichtjüdischen Pogromteilnehmer wurde vertagt. Was aber bei dem dritten Prozeß über da® in Przytik vergossene jüdische Blut besonders schmerzlich in« jüdische Hera schneidet, ist die Tatache, daß «ich unter den Verteidigern der Pogromheldea zwei Rechtsanwälte befinden, die, von jüdischer Absta mm u n g sind. R a fo s k i , der sich nicht genug tun konnte in Ausfällen gegen Juden und Judentum, entstammt einer, jüdischen Familie in Warschau; seine Frau, ebenfalls Rechtsanwältin und Anklägerin der Überfallenen Juden, ist Enkelin eines Mannes, der bis zu eieiner eigenen Taufe Schlomo Leib Löwenthal hieß und dem Synagogenvorstande der größten Gemeinde Europas angehörte. Diese beiden Namen sind hoch traurige Spuren aus einer Zeit, da die Assimilation in einer zum Glück ganz dünnen Schicht der polnischen Judenheit sich, mit einem Radikalismus austobte, der unaufhaltsam zum Taufbecken führte. Die aus dieser Schule kommenden Renegaten wurden aber gleich richtig, d. h .antisemitisch getauft. Hoffentlich ist diese Periode auch in Polen überwunden. * * * Bei allen Wandlungen und Pragrammänderungen der letzten Zeit in Polen bleiben sich die Politiker darin gleich, daß eine Lösung der Judenfrage in Polen nur auf dem Wege der Auswanderung herbeizuführen sei. Nach Madagaskar sind bereits, mit Einwilligung der französischen Regierung, Delegiert© abgereist, \ die von zwei Juden ohne Mandat begleitet werden. Das Maß der Beteiligung der zuständigen jüdischen Organisationen an den polnischen Experimenten ist eine Frage der Zukunft. Auf der Jahresversammlung der „Hias" (Hebrew Sheltering and Immigration Aid Society), die vor kurzem unter iBeteüigung von 2000 Delegierten in New York stattfand, 'erklärte der Präsident, Abraham Herrn a n, im Namen -aller Instanzen der vereinig* ten Aus wander erorganisationen, „Hias" sei bereit, bei der Ansiedlung von . Juden in Madagaskar oder anderswo mitzuwirken, verurteile aber mit aller Schärfe und Entschiedenheit jeden Versuch einer, zwangsweisen Evakuierung und jede Propaganda für den Gedanken einer Zwangsabschiebung. Man sehe allgemein ein, sagte auch der Generaldirektor der „Hias", J.' L. Asso wsky, daß die Auswanderung gefördert werden und daß man mit allen Mitteln versuchen muß, die Eanwanderungastaaten aur Erleichterung der Einwanderung : zu veranlassen. Die Absicht in Polen und in anderen Ländern de® Ostens, idie Juden dort als überflüssig hinzustellen, müsse aber aufe schärfste zurückgewiesen, werden. Es wurde auch!eine Resolution in diesem Sinne angenommen. Wirglauben, daß . diese Steüunignahme der. großen Organisationen überall in der jüdisphen Welt Zustimmung finden wird. * Daß es auch in Ungarn vielfach komplizierte Judenfragen gabt, wird keiner, der mit offenen Augen die Dinge sieht, bestreiten wollen. Der Präsident der nieologen Israelitischen Landeskanzlei und der Pester Kultusgemeinde, Hofrat Samuel S fern, nimmt nun in angesehenen politischen Blättern der Hauptstadt Stellung zum .Judenproblem in Ungarn. Er weist zunächst darauf hin, daß zehntausend Juden auf den Schlachtfeldern für Ungarn gefallen shkL Die Arbeit der Juden war nach dem Kriege mit eine Voraussetzung des nationalen Wiederaufbaus, Trotzdem erlebt man es heute, wie Juden aus dem Wirtschaftsleben immer. mehr verdrängt und von öffentlichen Stellen ausgeschlossen werden. Erst durch diese AusschaU tung der Juden, aus dem Wirtschaftleben enttand die eigentliche Judenfrage, die einen absoluten und relativen Rückgang, der Zahl der Juden in Ungarn zur Folge hatte. Hof rat- Stern ist der Meinung, daß an