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Der Israelit · 1937-04-22 · Heft 16 (22.4.1937) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 16 (22.4.1937)
Date
1937-04-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 16 1937 In Memoriam Nathan Birnbaum. Von Schalom Ben-Chorin in Jerusalem. Aus meinem Geiste hab' ich geschmiedet Mir hurtig Krone und Schwert zugleich, Nun. rag' ich aufrecht und* glanzurnfriedet In meinem jungem Gedankenreich. Und hole aus tiefen Seelenverstecken ._ Mein Wollen, den zeugenden Sturm, hervor, Und laß' ihn wirbeln und laß' ihn wecken Au® Ahnen und Denken die . Taten empor! Mathias Acher, „Ihr und ich". I. Am Vorabend des letzten Pessach-Tages erhielt ich ein Telegramm aus Rotterdam folgenden Wort« lautes: „Arzt . findet Zustand Dr. Birnbaum sehr ernsthaft. Bitte den Ostjuden Auftrag zu Tehdllim- Sagen geben: Namen Nachum ben Mirjam". — Seit Monatein wußtenwir, .die Birnbaum .nahestanden, daß schwere 'Krankheit die Schaffenskraft dieses unermüdlichen Schriftstellers lähmte, mit banger Sorge nahmen wir seinen- Entschluß, die Redaktion, sein er letzten Zeitschrift ,,D^» Ruf" niederzulegien, auf , . . und nun war es an dem, daß düe Freunde zu den beiden letzten Mitteln aufriefen, die Juden gebrau» chen, wenn 'ein Frommer mit dem Todesengel ringt: „Tehillim-Sagen" und „Schinui haschem" Aenderung des Namens. Noch am selben Abend begab ich mich zu Raw Dii&chiinsk'i» dem aguddstischen Oberrabb&ner von Jerusalem, der im Kreiste seiner Schüler Thora sagte. Man versprach mir, tiefbewegt von der ernsten Nachricht, in den Synagogen der Heiligen Stadt und an der Klagemauer für den Schwerkranken zu beten, auch westjüdische Kreise außerhalb der Agudath Israel schlössen sich an, .abeir schon zwei Tage darauf erhielt ich .ein zweites Telegramm, da® die letzte Hoffnung zerstörte: Nathan. Birnbaum (Mathias Acher), der beharrliche Künder der Ewigkeits-Auf» gäbe Israels schwieg für immer. Es war kein. Zufall, daß . die Freunde sich in dem ersten Telegramm gerade an die Ostjuden wandten, mit der Bitte, für den Kranken zu 'beten. Es> war der erste Dienst, den Birnbaum (oder genauer, dien Andere für' ihn) von denjenigen Juden forderte, für die er ein Menschenalter gekämpft hatte. Von der Erkenntnis ausgehend,' daß im Ostjudentum noch' die ungebrochene, glaubensstarke Lebenskraft des jüdisehen Volkes pulsiert, galt seine Liebe und Hoffnung •diesem Judentum, seiner jiddischen Sprache, um deren Anerkennung als Kultursprache neben dem Hebräischen er warb, dessen Literatur er übersetzte, herausgab und kommentierte, für dessen Menschen er bessere, gesündere Lebensbedingungen zu schaffen nicht müde wurde, und für dessen politische und soziale Verbesserung er als Journalist, Redner und Politiker eintrat. II. Es gibt wenige Menschen, zumal solche, die im Lichte der Oeffentlichkeit stehen, 'die so tiefgehende Wandlungen im Laufe ihres Lebens durchmachten, wie Nathan Birnbaum. Es versteht sich, daß ein unabhängiger, von. fanatischem Willen zur kompromißlosen Wahrheit 'erfüllter- Geist, der keine andere Autorität anerkennt, als die des eigenen Gewissens an manchen „Ecken" stößt. Der Wieg Nathan Birn» baums „vom (Freigeist zum Gläubigen", vom materialistischen Politiker zum Präger des Losungswortes einer naMpnalistiS'Ch-ddealisitiLschen Volksbewegung, des »Zionismus" (da® Wort stammt von Birnbaum)', Vom Zionisten zum Agudisten und Territorialisten ist so reich an Stationen und Wendungen, daß er, naturgemäß — viel unfreundliche Kritik hervorrief. Es fehlte nicht, daß man ihn der „Fahnenflucht" und des Wankelmutes zieh; aber nichtskonnte Birn» haum hindern, seinem Denken gemäß ' za handeln. Er hat auf viel Ehre und Popularität verzichtet, um das zu werden, was zu allen Zeiten der seltenste, und edelste Beruf war: .ein Diener der Wahrheit. Wir anerkennen diese 'Haltung und wir verneigen uns vor ihr und vor. dein Mannen der sie exempla-- risch verkörperte, auch da, wo wir ihm nicht zu folgen vermögen. U.eber der Meinung, die von der' Geschichte.^.bestätigt oder entkräftet werden kann, über dem Werk, das .,die Zeit, der es' gedienthat, , verwischen mag, steht 'die Persönlichkeit, ho ehaüfgerichtet,- An unantastbarer Lauterkeit, einzig -konfrontiert ihrem . ewigen S<&öpfer. — '■— m. / Es ist nicht meine ^.Absicht, in diesen Zeilen, die unter der unmittelbaren Wucht der Todesnachricht niedergeschrieben werden, einen ■ Abriß des umfang» reichen Werkes des Dichter®, Schriftstellers, Politikers und Theologisch-philosophischen Denkers zu geben. Das Werk, zeitgemäß wie nur eines, wirbt für sich. Israel hat sich dem Wort dieses! aus Liebe Zürnenden, aber noch in der schärfsten Polemik ritterlich=eleganten Schriftstellers nicht verschlossen. Er, der alles tat, was unpopulär macht, war und blieb einer der populärsten Autoren de® modernen Judentums. Auf ihn trifft das Wort des Talmud zu: „Wer die Größe flieht, den sucht sie." Von den Leistungen will ich hier nicht sprechen, sie sind längst aufgezeichnet in den jüdis'chen Gesdhichtsbüchern und in den Herzen des Volkes. Ich will nur, an der Grenze dieses großen, mit Arbeit, Sorge und Liebe gesegneten Lebens von dem Menschen und Schriftsteller Nathan Birnbaum sprechen, wie ich ihn kannte. Wie ich ihn kannte. Kannte ich ihn denn? Ja und nein. Tch habe, den ernsten Mann, mit dein Antlitz eines Propheten de® alten Israel nie gesehen und Dieses Birnbaum-Bild stammt aus der Künstlerhand seines Sohnes, Menacbem Birnbaum, und bildet da® Titelblatt des Buches „Dr. Nathan Birnbaum Rufe" (sieben Aufsätze) Messilo, Antwerpen 1936. doch darf ich sagen, daß mich, den um ein Menschenalter , Jüngeren, eine tiefe, wohl schülerhafte Freundschaft mit Birnbaum verband. Echter Schrift» steller, der er war, Mensch, dem es gegeben ist, Sein ganzes, unendlich vielfältiges Ich in das geschriebene Wort zu legen, lebte er ungebrochen in seinen Briefen. Es wird viel Rühmliches und Großes in diesen Tagen Über Nathan Birnbaum gesprochen werden. Ich will 'diesem „allgemeinen" Lob noch eine« hinzufügen, das gering erscheinen mag, aber für mich — und vielleicht nicht nur für mich allein — viel bedeutet: er war ein großer Briefschreiber, in einer Zeit, die in einer das warme Leben erstickenden Rationalität den Brief von der fixierten Zwiesprache, die er einmal gewesen ist, zur leeren Mitteilung erniedrigte. Den Brief zwischen Menschen, die sich nur in und durch ihn' kennen. Als Dr. Nathan Birnbaum 1934 seine Zeitschrift „Der Ruf" erscheinen ließ, bot ich ihm meine Mit» arbeit an, die eine Korrespondenz im Gefolge hatte, welche sich bis wenige Wochen vor Birnbaums Tod erstreckte und bald den Rahmen des nur „Redaktionellen" sprengte, um-, dank der Einfühlungsgabe und Hingabe Birnbaums an jedes inhaltliche und stilistische Detail der Arbeit zu echter, Zwiesprache zu erwachsen. Mit der Vitalität eines Jünglings konnte er polemisieren, wenn e® galt, seinen, Standort von dem des Gesprächspartners abzugrenzen, er konnte schel* ten und mahnen, wenn - Ueberlegungen und Erfahrungen voin dem l geraden Wege, den ersich selbst bestimmt hatte, abtrieben,- er konnte ermunternd Leistung und Bemühung anerkennen, und er konnte — Vorbild jedes echten, von tiefster Verantwortung beseelten Redakteurs — um jeden Passus, um jedes -Wort und jeden Beistrich mit dem Mitarbeiter ringen. In den drei Jahren, in denen es mir vergönnt war, mit diesem wahrhaft ernsten Schriftsteller zusammenzuarbeiten, geschah es nicht einmal, daß er „strich" oder „verbesserte", wie es ihm gut erschien. Mit abrahamistischer Hartnäckigkeit forderte er Aenderungen, deren Notwendigkeit er uns ter Beweis stellte. Noch auf dem 'Krankenlager scheute er nicht die Mühe, in religionsphilosophischen Fragen um jede Formulierung zu hadern. Er war — echter Schriftsteller — zutiefst erfüllt von der Mächtigkeit des Wortes, so däß er oft in geradezu rührender Weise die Stumpfheit der Masse vergessen konnte, die kein Wort erreicht, das iu Fragen, die „um die Ewigkeit" kreisen, gesprochen wird. So warnte mich Birnbaum noch in einem seiner letzten Briefe vor der „ungeheuren Aufregung", die ich durch Publikation eines theologischen Essays entfachen würde. Er, der ganz in der reinen Luft des Geist&s lebte, sah oft nicht riiehr die engen Grenzen, die dem Geist gezogen «sind durch die Trägheit der Herzen. Wenn ich den Briefwechsel dieser drei Jahre übersehe (er ist zu einem kleinen Buch geworden), kann ich nur dankbar sein; daß zu mir — der ich nie einen „Lehrer" hatte — diesei* große Lehrer in Israel in seinen letzten Jahren sprach. Warum ich an. 'dieser Stelle von solchen Dingen spreche, die manchem vielleicht allzu persönlich erscheinen mögen? Ich glaube, es gibt kein schöneres Beispiel für die gelebte Frömmigkeit dieses Kämpfers und Umkehrers, als die liebende Sorgfalt, mit der er um jede» Ziegel am Bau Israels warb und mithalf, ihn einzufügen, unermüdlich und mit einer Gewissenhaftigkeit, 'die den Satz Hillels verleben» digte: „Es ist dem Menschen nicht gegeben, das Große vom . Kleinen zu scheiden." Noch das Kleinste schien ihm der Arbeit wert, wo es galt, am Bau Israels mitzuscbaffeai. Können wir Nathan Birnbaum mit weiseren Worten ehren, als mit seinen eigenen, die er zum Tode Jizchok Leib Perez vor mehr als 20 Jahren schrieb: „Und alle Trauer um ihn gipfelt in die größte Klage, daß uns in dem Dreiundsiebzigjährigen ein Junger starb, ein junger Baumeister, der mit seinen Werken noch immer höher und höher 'gewachsen wäre. Daß sich mitten in seinem Jünglingsschauen seine Augen schließen mußten . . ." Gedanken und Formulierungen Dr. Nathan Birnbaums. O s t j u d e n t u m. Für alle Fälle kann man die selbständige Kulturformung der breiten gläubigen Massen des Ostens nicht übersehen. Hier hat sich ein Eigenes eigenster, von der fremden Umgebung nicht wesentlich beeinflußter Art autgebaut. ^Hier lieben nicht bloß Juden, sondern ein jüdisches Volk, Volk im denkbar vollsten Sinne des Wortes. Es darf auch nicht übersehen werden, daß die Unzulänglichkeit hier nicht von fremden Einflüssen herrührt, söndem eine eigene ist, aus eigenem Unvermögen, aus eigener Trägheit, aus eigenem Verzicht auf das Große stammt, da© g«= baut hätte werden können und vielleicht noch gebaut werden könnte. B e r u f s u m s c h i c h t u n g. Das große Ideal heißt: Schaffung des neuen jüdischen Menschen auf Thorabasis, des natur- und g'ttnahen, des schöpferischen, des harmonischen, des tat- und lebensfrohen, durch Wiederverknüpfung mit dem Boden, durch Wiederhinführung an die unmittelbare Arbeit am Stoffe der Welt. Und der Weg dazu: Berufsumschichtung, wo immer 'es möglich ist, vor allem aber in größtem Maßstäbe als Großkoloni» satjon jüdischer Menschen auf geeignetem Territorium. Ich rufe -die Jugend, die nach frischer Luft sich sehnende . üherKeferunigstreue Jugend auf, daß sie endlich aufhöre, auf erborgte Losungen hereiozuial» len und brüchige Schablonen von daheim zu ertragen. Ich rufe sie auf, statt viel zu politisieren, an sich zu arbeiten, damit sie beispielgebend dem Ideal des neuen jüdischen g'ttreuen* Menschen nahe komme, noch ehe -die großen Werke geschaffen sind, die für dieses Ideal Hebeldienste leisten sollen. Verl ändli chrung. Wenn Juden einen Weg zu ihrem Heile gehen sollen, dann; lachen sie seiner zunächst. Und erst bis ihnen das Lachen vergeht, wird er eine Ange- C a Iii p e n Elektrisch^ Geräte - KuhIschränke Ol C U m tt it j^f^^47!

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