Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1937)
- Date
- 1937-04-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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22. April 1937 Der 1 9 r a e 1 i t Nr. 16 Seite 5 Korrespondenzen- Deutsches Reich. Die Berliner Repräsentanten über die Kaschrut-Frage. Berlin, 16. April. In einer Sitzung der Repräsentanten-Versammlung der Jüdischen Gemeinde. Berlin wurde die Frage -der Versorgung mit K o s c h e r f 1 e i s c h zur Sprach© gebracht. Anlaß hierzu waren Anfragen der Religiö&=Liberalen Fraktion xmd. der Zionistischen Arbeitsgemeinschaft wegen der Koscherfleischversorgung in den Anstalten und Heimen der Gemeinde. Im Verlaufe der Sitzung gab der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Direktor Heinrich Stahl, von ■den Berattingen des Gemedndevorstandes in .dieser Angelegeaiihieit Kenntnis, Es sei dabei immer wieder der Wunsch geäußert worden, ein© Regelung zu fuv den, die allen berechtigten Erwartungen entspreche? Von konservativer Seite sei immer wieder eine befriedigende Versorgung mit Koscherfleisch in Aussicht gestellt worden. Die Bemühungen, die angestellt worden sind; sieien mit größtem Ernst betrieben worden, haben aber bis heute kein Ergebnis gehabt. Es sei richtig, was bei der Begründung de® Antrages der Religiös-Liberalen Fraktion ausgeführt worden sei: daß wir uns in 'einem Notstand befinden, der die Rabbiner, und zwar .die aller Richtungen veranlassen müßte, einzugreifen, damit eine regalmäßige Fledischversorgung für 'die Bewohner der Anstalten gesichert werden könne. Es sei gegenwärtig nicht möglich, die alten Leute in den Heimen und die Jugendlichen in •den Anstalten und Waisenhäusern, sowie die Insassen des Krankenhauses in der ärztlich gebotenen Weie zu verpflegen. Der Gemeindievorstand würdige die schweren Bedenken, die gegen ein selbständiges Vorgehen der Jüdischen Gemeinde in Berlin «sprechen, aber der Verwaltung der Gemeinde erwachse eine groß© Verantwortung. Der Vorstand könne auf die Dauer nicht zusehen, wenn die Versorgung alter und kranker Menschen, aber auch der besonders empfindlichen Jugendlichen gefährdet weide. (Und die Gewissensnot derer, die •gezwungen oder veranlaßt werden, trepha zu essen? Red.) Direktor Stahl teilte späterhin weiter mit, daß der Vorstand beschlossen habe, die Angelegenheit zu Beginn des Monats Mai endgültig zu. entscheiden. Dar Vorsitzende der Kasdhrut-KommAssion, das Mitglied des Gemeindevoirsiandes Adolf S c h o y e r , gab ein. Bild von der Entwicklung der Koscherfleischversorgung in den letzten Jahren. Er sagte, man komme um die Prüfung "der Frage nicht herum, welche Bedeutung die Ritualgesetze, insbesondere die Schechita, für das gesamte Judentum haben. Man könne nicht sagen-, das Gebot sei heute überholt, denn dann müßte man ebenso die ganze B i b e 1 für überholt erklären. Der Redner legte sodann im einzelnen dar, wie weit und in welchem Umfange Versuche mit elektrischer Betäubung vorgenommen worden seien und wie die . Fleäschversorgung au® dem Auslände geregelt ist. Es bestehe große Hoffnung, 'daß ledin gegenwärtig ausprobiertes Verfahren zu einem befriedigenden Ergebnis führe. Den Heimen werde gegen* wärtig pro Person und Woche 3/4 Pfund Fleisch, dem Krankenhaus 1 Pfund Fleisch vzugewiesen. Entsprechend dem Vorschläge dies Vorsitzenden des Gemeindevorstandes wurde von den Fraktionen eine Kommission eingesetzt, 'die gemednam mit dem Gemeindevorstand die Angelegenheit überprüfen soll. * * * \ Als Nachwort ZU der Koscherfledsch-Debatte in der Repräsentanten Versammlung veröffentlicht der Vorsitzende der Religiös-liberalen Vereinigung, Gern eindesyndikus R.-A. Heinrich Stern, im'Berliner Gemeindeblatt eine Stellungnahme zu den mit dieser Frage verbundenen Problemen.- Es* stehe mehr auf dem Spiel, sagt Stern zum Schluß. Wenn Juden heute ein Stück des ReÜgionsigesetzes über Bord werfen, in dem vollen Bewußtsein, eine Sünde zu begehen, so würden sie sich mit ihrem Gewissen auch abfinden können, andere religiöse 'Gebote zu übertreten, sie würden langsam aber sicher dem religiösen Judentum überhaupt verloren gehen. -Die konservativen Rabbiner müßten sich vor Augen halten, daß, Ali ihre Hand eine Entscheidung nicht nur über die Koseharflei'S'chfragie .gelegt ist, sondern daß sie für viele den Schlüssel zur religiösen Lebenshaltung überhaupt in Händen halfen. Können oder wollen sie .eine Bat«; Scheidung; nicht treffen, so müsse der Gemedndevorstand und so werde der Gemedndevortstand —• * Selbständig, handeln. (Wir verweisen hinsichtlick; dieses „Ultimatums'' an die .Rabbiner auf die Ausführungen, an leitender SteÜe dieser Nummer. D. Red) Der Handel mit Juden. . Berlin, 15. April.; Die „Allgemeine Rundschau" in Stuttgart schreibt: Wie bereits mitgeteilt, werden im Kreise Freudenstadt sämtliche Hotels, Gastsiätt&n und Pensionen künftig keine Juden mehr aufnehmen. Nun haben in Zusammenarbeit mit der Kreisleitung der NSDAP sämtliche 28 Viehversicherungsvereine des Kreises in ihren Satzungen die Bestimmung aufgenommen, nach/ der vom Juden gekauftes" Vieh nicht mehr versichert Wird, Die 26 Darlehenskassen des Knais.es beschlossen, für den Kauf von Vieh, das unmittelbar oder durch Vermittlung vom Juden kommt, kein Daxlehen mehr zu geben. Durch diese Maß* nähme ist im ganzen Kreis Freudenstadt der jüdische Viehhandel praktisch ausgeschaltet. Die „Zevener Zeitung" berichtet, daß auf einer Sitzung der Viehverteiler des Kreises Bremervörde Kreispropagandaleiter Flicke über grundsätzliche Fragen des Judentums:, insbesondere über die Ausschaltung de® jüdischen Viehhandeis auf den Viehmärkten gesprochen habe. sind Anzeichen für das Entstehen einer schädlichen Korruption bei den Aufsichtsorganen festzustellen. Aus all -diesen Gründen verstärken sich die auf eine Aenderuhg des Gesetzes gerichteten Bemühungeil. Bei ' einer vertraulichen Konferenz der christlichen Eledscherinnuinig wurde die Ansicht geäußert, daß entweder das Gesetz abgeändert oder die rituelle Schlachtung vollkommen verboten werden müsse. In diesem Zusammenhang wird berichtet, daß die Abgeordnete Prystor, auf deren Betreiben das Gesetz bekanntlich zustande gekommen ist, erklärt habe, sie interessiere sich nicht mehr für die Schächtirage, denn sie habe eingesehen, 'daß das Schlachtungsgesetz in der Praxis nicht verwirklicht wurde. Dagegen wird behauptet, daß der Abgeordnete Jedinafc -damit beschäftigt sei, eine Novelle zu dem Gesetz auszuarbeiten. Wie die geplante Aenderung des Gesetzes aussehen soll,, ist noch nicht bekannt* jedenfalls ist sie vor dem Herbst nicht zu erwarten. Das erste Urteil gegen Teilnehmer an dem Pogrom in Minsk-Mazowieck. Schweiz. Revisionistische Judenstaats-Petition vor der Mandats-Kommission. Genf, 16. April. Der ITA. wird von der Neuzaonistisclien Organisation mitgeteilt: Die Mandatskommission des Völkerbundes hat die Petition der Revisionistischen Weltunion über den Judenstaat als Ziel des Palästinamandats und der BalfoiUrfDeklaration offiziell registriert; ihre Behandlung ist in die Tagesordnung der nächsten Tagung der Mandatskommission aufgenommen worden. Bekanntlich hat 'die Mandatskommission früher die Entgegennahme einer ähnlichen revisionistischen Petition aus formellen Gründen abgelehnt. Jetzt sind dies© formelle« Schwierigkeiten beseitigt und die Petition wind in merito behandelt. Im Zusammenhang mit der durch die Kantonisierungspläne geschaffenen neuen politischen Situation besuchte der Leiter des politischen Departments der Nessiut der Neuzionistischen Organisation, Prof. B. Akzin, Amsterdam, Brüssel und Paris, wo er mit Mitgliedern der Mandatskommission des Völkerbundes und mit führenden politischen Kreisen Fühlung nahm. Di© dem P.alästmaeredgn.issen gewidmete Taigung der Mandatskommission des Völkerbundes, die . ursprünglich für Ende Mai festgesetzt war, auf Ersuchen der Britischen Regierung aber verschoben wurde, wird nicht vor Ende Juli stattfinden. Kolonienminister Ormsby-Gore wird der Tagung beiwohnen. Holland. Synagoge in Holländisch-Guyana feiert hundertjähriges Bestehen. Amsterdam, 11. April. Die Synagoge in Paramaribo, der Hauptstadt von Surinam in HoUanäMisdh-Giiyiama, begeht am 5. Mai das Jubiläum ihres 100jährigen Bestehens. Den ersten Pfahl zum Synagogenbau hatte Prinz Frederik Hendrik, der dritte Sohn des. Königs Wilhelm II. eingeschlagen. Die ersten Juden kamen nach Surinam im Jahre 1650 aus Brasilien, es waren Portugiesen. Etwas später kamen auch aschkenasAsehe Juden. Die erste Synagoge wurde im Jahre 1719' gebaut, sie wurde 118 Jahre später 'durch, den jetzt noch bestehenden Bau ersetzt. Die Synagoge heißt „Newe Schalom", ibr Ritual ist Bephardisch. Anläßlich des Synagögenjubiläum® . veröffentlicht der Gouverneur von Surinam, Prof. Dr. J, C. KieXstra, eine Botschaft, in der er erklärt, die Synagoge sei ein wertvoller Besitz für Surinam, die jüdische Gemeinde repräsen* tiere den -guten alten jüdischen Geist. Polen. Aenderung d«s Tierschlachtungs-GesetzSs in Polen? Nachteile der gegenwärtigen Regelung für die jüdische und christliche Bevölkerung. Warschau, 12. April. In Wirtschaf tskreäs.en ist man der Ansicht, daß mit . einer Aenderung des TierischlachtungisgieiSietzes, durch da® bekanntlich die Zuteilung von Schlachtvieh für rituelle Schlachtung kontingentiert wurde, zu rechnen »ed. Es wird darauf hingewiesen, daß trotz aller Bemühungen der Verwaltungsbehörden, das5 Gesetz in de« Praxi© durchzufuhren, dieses* bis jetzt nicht gelungen dst. Daran sollen nicht nur die jüdd« sehen Fleischer Schuld tragen, die unter dien neuen Bestimmungen schwer zu leiden hatten. Vielmehr kämen Klagen auch aus den Kreisen der christlichen Fleischer, die-dadurch große Verluste erleiden, daß die vorderen Teile der \ Rinder keine Käufer finden. Noch ungünstigier als in Warschau wirkt «ich das TierschlachtungsgesetE in der Provine aus. iDas Personal der Schächthäuser ist infolge des Verbotes der J Einfuhr von Kocberfleösch arbeitslos geworden. Es * Fünf Angreifer verurteilt, fünf Angeklagte freigesprochen. Warschau, 14. April. Vor dem Warschauer Krieisgericht wurde am 14. April der erste Prozeß .im Zusammenhang mit dem Progrom eröffnet, der im Juli 1936 in Minsk-Mazowieck stattgefunden hat. Zu dem Pogrom kam es nach der Ermordung eines polnischen Sergeanten durch einen geisteskranken Juden. Wegen Teilnahme an den Ausschreitungen, durch 'die. über 4000 Juden gezwungen worden waren, das c ädtchen zu verlassen, waren in dem ersten Pi-ozeß zehn Nationaldemokraten angeklagt. Sämtliche Beschuldigten erklärtem, bei den Ausschreitungen nur zufällig anwesend gewesen zu sein und an ihnen nicht teilgenommen zu haben. Im Laufe der Verhandlung wurde ein Bild von den grauenhaften Vorgängen in Minsk-Mazowieck entrollt. Von den Angeklagten wurden fünf freigesprochen, vier wurden zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, doch wurde ihnen die Untersuchungshaft an« gerechnet. Sie wurden deshalb sofort auf freien Fuß gesetzt. Der zehnte Angeklagte, ein Minderjähriger, wurde zur Abgabe in eine Besserungsanstalt verurteilt. * * *. Zu Ehren der freigelassenen Exzedenten veranstaltete die Nationaldemokratische Partei ein Bankett. Von den weiblichen Parteimitgliedern wurden ■den Pogromhelden Blumensträuße überreicht. Jüdische Familie in Przytik bis auf ein Mitglied ausgerottet. Warschau, 14. April. In P rzy tik , wo im Jahre 1935 ein blutiger Pogrom stattgefunden hatte, war eis im Mai 1936 aber* mals zu Ausschreitungen .geringejen Umfange« gekommen, bei denen die Familie Gedalja Fi» c hl er fürchterlich mißhandelt wurde. Zwei Wochen nach dem Ueberfall starb Fischlers Tochter Feige an den Folgen der erlittenen Mißhandlungen, acht Tage spä* ter sein Sohn Juda. Jetzt ist Gedalja Fischler selbst seinen Veidetzungien erleben. Von der ganzen Familie ist nur nochdie Mutter am Leben geblieben. Die Warschauer jüdische Presse veröffentlicht einen Aufruf zur Unterstützung der Frau Feige Chaja Demm, die nach dem Pogrom in Przytik nach Radom geflohen war. Ihr Mann wurde in Radom. getötet, als er einen Juden verteidigte, der von Huligaos überfallen worden war. Die Zeitungen weisen darauf hin, daß die Frau mit ihren beiden Kindern Hunger leidet. Tschechoslovakei. Eine neue Palästina-Siedlung tschechoslovakischer Juden« Prag, 13. April. Am 11. April fand in Prag unter Beteiligung.von 120 Delegierten aus 'der ganzen Republik die Landeskonferenz des Jüdischen Nationalfonds statt. Aus den Berichten ging hervor, daß im letzten Halbjahr auf dem Boden des Jüdischen iNationalfonds sieben neue jüdische landwirtschaftliche Siedlungen errichtet wurden, darunter 'eine bei Tiberias, die von jüdisehen Auswanderern aus der Slovaked und Karpathorußland geschaffen wurde. Auch in Nordpalästina sollen auf den Bodenflächen des Jüdischen Nationalfonds Auswanderer .aus der T&eheehoslovakei ans gesiedelt werden. Die Konferenz beschloß, eine Sammelaktion für diesen Zweck durchzuführen. Litauen. Zur KcWüatis-Frage. Kowmo, 18. April. Zur Zeit beherrscht die Kehillausfrage alle Gemüter in Litauen. Aufgeworfen wurde diese Frage von den zionistischen Parteien und freien Elementen, die auf Grund ihrer straffen Organisation das jüdische Leben beherrschen ru können glauben, aber auf eine Vergewaltigung der jüdischen Emunoh abzielein.