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Der Israelit · 1937-04-15 · Heft 15 (15.4.1937) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 15 (15.4.1937)
Date
1937-04-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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FeuiÜeton- Beila^e Wir, Von Alice Oppenheimer. (Schluß.) „Es wird kühl," unterbricht Dr. Winter die Stille, die über den drei Menschen liegt. „Friedel, mach' Deinen Mantel lieber zu, daß Du Dir nichts holst!" Schön ist doch die Heimat, das Land meiner Geburt, das Land meiner Sprache, die Erde, diese deutsche Erde." „Merkwürdig doch, Herr Dr. Winter," meint Heinz, „ich verstehe mich selbst nicht, wie ich heute noch mit dieser Scholle, die mir Vaterland schien, so, verbunden sein kann. Wieviele Jahre schon machen wir\ einen ^Schritt zurück in die Vergangenheit, wieviele Jahrzehnte, wieviele Jahrhunderte gab es für uns, da es uns vergönnt gewesen wäre, uns selbst glauben zu machen, es sei unsere Heimat. Nie gab es doch bis auf die letzten 120 Jahre eine Zeitspanne, in der wir nicht immer und immer wieder zu Fremden gestempelt worden wären. Die Kreuzzüge, die Ghettos, die Märchen der Ritualmorde, jedes Volkserlebnis, jeder politische Umsturz wirkt vernichtend auf die Jüdenheit. Ganz wahllos habe ich einige Ausschnitte aus der Geschichte herausgegriffen. Sie mögen beginnen, wo Sie wollen, immer sind und bleiben wir die Leidtragenden," „Entschuldigen Sie bitte, Herr Dr. Grünberg, wenn ich Sie unterbreche, aber ich muß'hier etwas richtigstellen, worüber Sie scheinbar falsch unterrichtet sind, etwas, von dem die meisten unserer assimilierten Juden eigenartigerweise nichts wissen. Sie glauben alle, daß die letzten 120 Jahre Zeiten des gegenseitigen Verstehens, Jahre des Wohlwollens waren. In gewissem Sinne mögen Sie recht haben, denn die jüdischen Erlebnisse dieser Periode waren nicht einschneidend für die deutsche Jüdenheit, sondern nur immer für kleinere Zirkel, für gewisse Bezirke. Denken Sie an die 80 Jahre, an die Zeit der Hepp-Hepp-Rufe. Sie in Ihrer ganzen Konstellation, Herr Grünberg, müßten doch die Geschichte jener Bewegung kennen, die von jüdischer Seite einsetzte, um dem Antisemitismus,x der am Ende des 19. Jahrhunderts zur Blüte kam, zu begegnen. Andere, heute in der ganzen Welt angesehene politische Tagesblätter haben ihre Entstehung der Abwehr des Antisemitismus zu verdanken. Wir Juden, ob fromm oder liberal, haben uns alle viel zu wenig um die Politik unseres Seins gekümmert, um SO mehr um das Werden der anderen Nationen. Hätten wir uns intensiver mit' den Theorien Hourton Stewart Chamberlain auseinandergesetzt, wären die Anschauungen der Neuzeit über Arier und Semiten uns nicht fremd. Wir Juden sind wie der italienische Bauer, der seine Wohnstatt am Fuße des Vesuvs erbaut hat. Er liebt das Land, bebaut es, jahraus, jahrein. Er vernimmt das Grollen im Innern des Berges, es stört ihn nicht, er hört das Tosen, er mag nichts davon wissen, bis dann eines Tages der Berg seine eigene Sprache spricht, .sich empört, daß Menschen Iii seinem Bereich sich ansässig machen. Seine Eruptionen sind gleich, den Revolutionen ^r Geschichte; der Völker/* mVater!" Zitternd stellt sich -Priedel dem Va* ter m den Weg. wKind; was ist Dir?" ,*,Mich friert so, Vater, laß* uns umkehren." „Aber Friede!, Du wirst \ Dich doch nicht erkältet haben." Heinz Grünberg und Dr. Winter hatten durch ihre lebhafte Unterhaltung ganz das Kind an ihrer Seite vergessen. ■ ix. ■.- Die drei Wandernden machen Kehrt. Friedel hat die Hand des Vaters ergriffen, geht eng angeschmiegt an seiner Seite. „Sehen Sie, Herr Dr. Winter, ich muß so oft an eine Frage denken, die meine Frau an mich richtete: Was kann ich dazu, ich einzelnes Individuum, daß man mich, haßt? Ich blieb ihr die Antwort schuldig, denn mir selber weiß ich nichts darauf zu sagen." „Aber Vater, ich hätte Mutter eine Antwort gewußt: Weil man Jude ist." „Still, Friedel, rede nicht in alles hinein! Herr Dr. Winter, können und wollen Sie mir eine Antwort geben?" „Gern, Herr Grünberg. Schauen Sie zum Himmel, sehen Sie dort die Milchstraße, diese Anzahl Meiner und größerer Sterne. Einer dieser Sterne, löst sich los, gleitet, fällt, kommt ins Rollen, reißt andere Himmelskörper, unserem Auge vielleicht unsichtbar, mit sich fort. Noch ist die Milchstraße unverändert, steht sie in der Million großer und kleiner Sterne. Ein Teilchen, ein kleines Etwas, mußte sich loslösen, um dem Willen eines Höheren Folge zu leisten. Der Sternschnuppe, ein Teilchen der Milchstraße mochte vergehen, das Sternenbild ist aber geblieben. Man haßt Sie, Heinz Grünbrg, mich, man mag das Kind schon nicht, weil es ein Teil ist einer Gesamtheit. Wir stehen gewissermaßen, seit dem Berge Sinai, im Mittelpunkt der Welt. Unsere Gesetze stellten und stellen uns außerhalb der Gemeinschaft anderer. Die Erkenntnis eines einzigen G'ttes, die uns so früh zuteil wurde, machte uns zu einem Volke, das in seiner geistigen Struktur anderen Nationen weder rational noch irrational begreifbar wurde. Das Durchdringen der G'tteserkenntnis unter den Nationen bildet unsere tausendjährige Hoffnung. Die Gesetze der Rassenreinheit, unsere Speisevorschriften, verlangen eine Absonderung, stempeln uns zu etwas Andersartigem, zu etwas Fremdrassigem. Eine Tradition, die man schon über 3000 Jahre hält, muß beängstigend, muß beunruhigend auf diejenigen wirken, die ihrer nicht teilhaftig werden. Ein Samenkorn, ein einziges Samenkorn aus dem Grabe des Aegypterkönigs glaubte man zum Wachsen bringen zu können, denn es schien in der Kraft seines Keimes unverletzt. Man legte es in die Erde, betreute es wie einen herrlichen Schatz. Und wirklich, es fing an zu keimen, sprengte seine Kapsel und schlug Wurzel in dem Erdreich. Nicht jünger als dieses Samenkorn ist unsere Lebensnahrung, unsere Religion; uralt, aber lebendig, fortlebend. Mag der einzelne Jude von uns gehen, mag er wandern und untergehen, die Gesamtheit bleibt. Die Masse, das Volk ist die Summe einzelner Menschen. Keiner und keine , kann aus seinem Volke sich fortleugnen, eine Verbindung bleibt stets. Jetzt ist es aber spät geworden, Friedel, eile Dich, in eine warme Stube zu kommen, und auch„ Sie, Herr Grünberg, haben die Ruhe nötig. Friedel, mein lieber, kleiner Schüler, leb' wohl! An Sie, Herr Grünberg, noch eine Bitte. Geben Sie Ihren Kindern, wenn Sie nach Palästina kommen, nicht nur eine neue Heimat, nicht nur ein Nationalbewußtsein, erneuern Sie in Ihren Kindern den Glauben an unsere uralte Tradition, die uns seit Jahrtausenden aufrechthält. Kennen Sie die hübsche Erzählung von dem G'ttesgeschenk der. Thora an die Völker?, G'tt bot seine Gesetzeslehre dem und jenem Volke Nummer 15 1937 an, aber alle nahmen sie Abstand davon, denn keiner wollte sich diesen Gesetzen unterordnen, sein Leben, wie er es führte, aufgeben. Eine Nation fröhnte dem Jägerhandwerk und wollte dieses nicht lassen, wollte den Sinn des Zehnwortes nicht anerkennen, die meisten Menschen aber konnten sich nicht entschließen, G'tt als den einzigen G'tt anzuerkennen. Auch den Juden bot G'tt seine Lehre an, dem Volke erschien sie unendlich schwer, doch entschlossen sie sich zur Annahme, G'tt aber mißtraute dem Volke, denn zu oft hatten sie sich gegen ihn gestellt. „Könnt' Ihr Bürgen stellen, daß Ihr meine Thora auch halten werden?" Die Juden überlegten. „Ja, unsere Kinder sollen Bürge sein. Lassen Sie, Herr Grünberg, Ihre Kinder nun Bürgen sein, Lebwohl, Friedel, Ihnen, Herr Grünberg, ein herzliches Schalom!" Der Jossef Omez über religiöse Disputationen, Zur 300. Wiederkehr des Todestages von Rabbi Juspho Hahn gibt Rabb. Dr. Jakob Horowitz in einem 28 Seiten starken Büchlein Auskunft über die bekannte Oxforder Handschrift des Jossef Omez. Es ist in der Hauptsache ein Separatabdruck der Abhandlung des Verfassers in -der Festschrift zum 70. Geburtstag von Rabbiner 'Dr. Jakob Freimann, zu dem noch einige wertvolle Ergänzungen gekommen sind. Am wertvollsten und interessantesten m dieser vom J. Kauffmann-Verlag Frank* fürt a. M. sauber und schön hergestellten Schrift ist der hebräische Text aus der Oxforder Handschrift' des J. O. über die religiösen Disputatio n e n mit Geistlichen anderer Konfessionen. Rabbi Juspho Hahn meint in diesen Kapiteln, man gehe solchen Disputationen au® dem Wege, stelle aber sei* nen Mann, wenn einem solche Aussprachen aufgezwungen werden. Er spielt darin auf die Verhältnisse" in Prag und Worms an, wo die Juden gezwun* geh wurden, in die Kirche zu gehen und die Predigten der Mönche anzuhören. In Frankfurt bestehe dank der Loyalität der höchsten Behörden solcher Zwang für die Juden nicht. Immerhin sei es Pflicht eines Jeden, sieh für alle Fälle mit Wissen im Sinne des yvtw n» 9t zu wappnen. Als Richtlinie für solche Disputationen stellt J. O. drei Regeln auf. .1. Man mache die Fragenden zu allererst darauf aufmerksam, .daß ihre Lehren aus unserer Bibel entnommen sind und daß man somit ihnen nur dann Rede' und Antwort stehen kann, wenn 6ie auch, Kenntnis der hebräischen Quellen haben, da sie sonst durch mangelhafte Uebersetzungen zu schiefen Urtei* len gelangen, die sie sich nicht mehr ausreden lassen. J. O. erzählt, daß er wiederholt auf Schiffsreisen mit diesem Argumente von vornherein aller Diskussion den Boden entziehen konnte, „Kommet mit mir zu den Quellen," so sprach er zu den Disputierenden, „dann sollt Ihr die richtige Antwort haben."' 2. Ist der. Fragende im Urtexte bewandert, so bemühe man sich, ihm die Antwort auf seine Frage aus dem gleichen Zusammenhang zu geben, denn manches, was uns zu Anfang einer Bibelstelle fraglich erscheint, klärt sich uns restlos auf, wenn wir weiterlesen und den Text im ganzen Zusammenhange zu erfassen suchen. J. O. erzählt, daß er aus diesem Gründe niemals auf Reisen ging, ohne die heilige Schrift mit sich zu tragen, um gleich die Antwort zur Hand zu haben, und er konstatiert, daß er auf diese Art bei allen Aussprachen als Sieger hervorging. Freilich bemerkt er -in seiner bescheidenen Art, daß es nicht an seinem Wissen und an seiner Rednergabe lag, sondern weil ihm G'tt im Kampfe für die Heiligkeit Seines iNamens immer den rechten Gedanken Und das richtige Wort eingab. 3. Es ist erforderlich, um die Opponenten mit ihrer eigenen Waffe zu schlagen, auch Kenntnis der Schriften zu besitzen, auf die sie sich berufen und .aus der sie ihr Wissen schöpfen, nämlich der Evan* gelien und verwandter Literatur. * *. i * . Die Separatausgabe dieser interessanten Schrift wird in der jüdischen Welt als sinniges Geschenk im Gedenkjahre für den großen Frankfurter Lehrer empfunden werden und sie wird dem Autor wie dem Verlage Dank dafür wissen.

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