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Der Israelit · 1937-04-15 · Heft 15 (15.4.1937) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 15 (15.4.1937)
Date
1937-04-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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15, April 1937 D 1 i t Nr. 15 oene o Zur Auseinandersetzu ng über S. R. Hirsch u. seine „Thora im Derech Erez"-Devise. (Fortsetzung von. Seite 1.) suche die erwähnte Devise „durch engere und engste Auslegung, ihres eigentlichen Charakters zu entkleiden und sie so, quasi entgiftet und unschädlich gemacht, als harmlose, traditionsgemäße Devise weiterzuführen/1 Es genügt Landau also nicht, daß ich in jener Broschüre für Hirsch einen EEfehplatz „in dem GemeinschaftsrTempel der n'lWltl und ü'mrW' die uns durch die Jahrtausende-Träger der kontinuierlichen weltanschaulichen und halachischen Tradition des Judentums sind"; in Anspruch nahm — er erblickt vielmehr eine Unterschätzung Hirschs in dieser seiner historischen Einordnung in die Traddtionskette neben Rabbenu Bechaj, Rabbenu Saadija Gaon, Rambam, Tanjo, Rabbi Ißroel Salanter u. a. m. und feiert seinen Helden i m au s d rück 1 i c henGegensatz dazu (indem er im Eifer des Gefechts bei mir noch die' „Rischonim" streicht und nur die „Achronim" übrig läßt) als „Verkünder einer neuen Zeit, Wegbereiter einer neuen Epoche — — in der Tat als „legitimen Revolutionär". In noch deutlicherer Form wendet sich Rabbiner Dr. Weinberg in B e r 1 i n im darauffolgenden Hefte der genannten Zeitschrift gegen meine angebliche Auffassung von Sinn und Bedeutung des „Thora im Derech-Erez-Prinzips" Hirschs, wobei aber leider kein Leser des Weinberg'schen Aufsatzes ein zutreffendes Bild von dem erhält, was ich über den Gegenstand wirklich geschrieben habe. Weinberg reißt drei Sätze meines Büchleins (offenbar hat er überhaupt nur einen der zusammengehörigen Aufsätze, die dort vereinigt sind, gelesen) aus ihrem Zusammenhang, noch dazu Sätze, die an v erschieden e'n Stellen stehen, setzt sie in gemeinsame Anführungsstriche, als ob sie /zusammengehörten und wirft mir dann auf Grund dieses höchst anfechtbaren, Zitierungs-Verfahrens nicht mehr und nicht weniger vor als „V e rzerrung der gigantischen G e s t a 11 H i r s c h s , ihre R e d ü k tibn a uf die Gestalt eines verdienstvollen Rabbiners und Lehrers, der für seine sü d d e u t - sehen Baalc Batim eine Realschule gründet,.damit sie den A u 1 o m h a s e als G. r o ß kau f 1 e u t e genießen können und'doch nicht des Aulom habo verlustig zu gehen brauchen." Herr Rabbiner Dr. Weinberg sucht mich alsdann noch darüber zu belehren, daß Rabbiner Hirsch nur deshalb sich nicht mit der Ausbildung von R a b b i n e r n beschäftigt habe, weil er alle Hände voll mit anderen Aufgaben zu tun hatte. Auch die Schriftleitung des „Nach'lath Zwi" wirft mir in einer Fußnote „ v ö 11 i g e ' V e r - Nennung" der iBildungsforderungen Hirschs vor, fall s' ich in seinem Verzicht auf'die Heranbildung von Lehrern und Rabbinern eine ».prinzipielle.; Einschränkung'' dieser Bildungsforderungeh erblickt haben sollte. Ob dies freilich wirklich der Fall sei, hatte die; Schriftleitung offenbar vor Erhebung des hypothetischen Vorwurfs keine Zeit festzustellen. Wie dem" auch sein möge — es handelt sich hier gewiß nicht um Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit literarischer Polemik, sondern einzig u"d allein um die Feststellung' der durchaus err weisbaren h i s t p rische n W a h r h e i t. •Diese kann aber nicht erkannt : Werden, wenn man , sich, wie Landau und Weinberg es tun, damit begnügt, in rhetorisch und ästhetisch zum Teil glänzenden Wendungen höchjst geisfc reiche, aber ganz I i c h s üb j e k ti yle W e rt u n g e,n; der vPersönlichkeit; Hirschs; tind i seines Derech 'Ejrez-Prihzips vorzutragen, sondern nur dann, wenn man 'sich die Mühe nimmt; das \recht komplizierte: ■jGeäätikengeweb.e' Hirschs, - soweit es'! S1ch um'^;iÄluse1näiiderset2ung zwischen :Thöra und Menschenkultur handelt^ g e w i s s e 'n h a f t zu zergliedern. Diese Zergliederung ist es, die ich in meiner Broschüre versucht habe und die, weil sie sich durchweg auf die Quellen stützt, überhaupt nicht durch allgemeine Behauptungen widerlegt werden kann, auch wenn bei der Polemik gerechter und gründlicher zu Werke gegangen wird, als es meine Kritiker getan haben. Es ist ferner, von vornherein unmöglich, über die Einstellung S. R. Hirschs zur allgemeinen Kultur mit irgendwelcher Aussicht auf Verständigung zu diskutieren, wenn die Begriffe von dem, was „Derech Erez" bedeutet, bunt durcheinander wirbeln und so jeder an demanderen vorbeiredet. Die Devise „Thora im iDerceh Erez" selbst, in dies er Wort p r ä g,u n g , hat Rabbiner Hirsch V'XT ohne Zweifel z u n ä c h s t durchaus in dem ihr in der Mischna innewohn enden eindeutigen Sinne aufgefaßt, wie sein Kommentar zu Owaus erweist. In diesem Ursinne (Derech Erez als Berufsbildung) kann aber — nach der gültigen Halacha — gar keine legitime Meinungsverschiedenheit auf dem iBoden des Thora-Judentums bestehen. , Die Verschiedenheiten der Auffassung beginnen erst, wenn es sich darum handelt, 1. Das Maß der notwendigen Berufsbildung im Verhältnis zum T'horalerneri zu bestimmen, 2. solche ©ildungsgüter, die über das DUaiN hinausgehen, also die reine Wissenschaft der Natur und Geschichte, die Realien, die Künste in den^ allgemeinen Erziehungsplan aufzunehmen und damit nicht nur die Erfüllung des nV^l OöV "n rPJtni scheinbar unmöglich zu machen, sondern auch neue Wertmaßstäbe logischer,; ethischer und ästhetischer Art in die Seele des werdenden Juden einzuführen,. deren Einordnung in die Wertskala der Thora nicht ohne schwierige Geistesarbeit möglich ist. 3. die völlige Versenkung aller Geisteskraft und alles seelischen Interesses in eine einzeln e als L e b e n s b e r u f erkorene fremde Wissenschaft in jahrelangem akademischem Studium zu legitimieren, 4. die intensivste Beschäftigung mit ausgesprochenem Dia^ö' z. B. der wissensahef tlichen Bibelkritik, in jahrelangem theolo» gischem oder altorientalistischem Studium als erlaubt und geboten zu erklären. Es scheint mir nun in der Tat erstaunlich, mit welcher Harmlosigkeit man im Kreise der Schüler S. R. Hirschs jahrzehntelang über die ungeheure Problematik hinweggeglitten ist. die in diesen vierfachen Verwicklungen und Konflikten des v o 11 ausgebaut e n „Thora im 1 Derech-Erez''-Prinzips mit den Grundsätzen der tradierten Emuna und Halacha geborgen liegt. Die gleiche, Harmlosigkeit aber auch einem Manne von der Geistesgröße und unermeßlichen ä^öttr riST» S. R. Hirschs zu unterstellen, schien mir, als ich meine Aufsatzreihe mir vom Herzen schrieb, und scheint mir nach wie vor geradezu eine Beleidigung seines Andenkens. Was ich mit meiner Broschüre wollte, war eben vor allem einmal der Nachweis, daß sich Rabb. Hirsch mit jeder einzelnen der gegen „Thora im Derech-Erez" mit. Fug und Recht vom Standpunkt der Halacha zu erhebenden vier Einwände in v o 11 e r E h r 1 i c h k e i t a u s e i n a n d e rgesetzt und sie entweder h alachisch entkräftet oder aber, wo er dies nicht konnte, sie anerkannt und bei der praktischen Anwendung seines Prinzips als echter' ÜjaiP 8*n b e r ü c k sich t i g t 'hat. Freilich stimmt diese Art der Würdigung Hirschs weder mit seiner Wertung als ~, eines himmelstürmenden, genialen, die Tradition verachtenden Revolutionärs überein, noch mit seiner Hinaushebung über alle vorangegangenen ^KIB"» *31lMl.'^naf als deren Schüler und Wegebereiter er selber sich doch zeitlebens betrachtete. Wie sich diese Auseinandersetzung Hirschs mit den vier großen Thora-Argumenten gegen Thora im Derech Erez, die im Osten noch heute eine Rolle spielen, vollzog und wie er — unter p f 1 i c h 11* evw ußter Würdigung der ihm gegebenen zeitlichen und örtlichen Bedingungen — genau wie Rabbenu iBachaj, Rabbenu Saadja Gaon, Rambam und die Späteren, auf Grun d der talmudischen Tradition und nicht "g e g e n sie seine Entscheidung aufbaute, das möge man in meiner kleinen Broschüre nachlesen. Hätte Herr Rabbiner Dr. Weinberg sich wenigstens hierzu verpflichtet gefühlt, bevor er gegen mich zu Felde zog, so wäre er nicht auf den grotesken Einfall gekommen, in meinem Namen die .sonderbare Lehre zu verkünden, Rabb. Jffirsch habe überhaupt nur Berufsbildung erlaubt! Und noch viel weniger würde er ,mir die Lächerlichkeit unterstellt haben, ich erblickte .in der Bildungshöhe einer Realschule — im Geiste S. R. Hirschs — die «Greniz e f ü r d i e;G ü 1tigkeit des Prinzips „Thora im Derech Erez", die nicht überschritten werden darf"!! Daran ist kein Wort wahr. Nicht mit iBezug auf die Ausbildung von Lehrern und Rabbinern an sich*) — wie Herr Dr. Weinberg und die von ihm irregeführte Schriftleitung des Nachlath Zwi meinen — habe ich jenen Satz von der nicht überschreitbaren Grenze niedergeschrieben, sondern einzig und allein hinsichtlich der intensiven Beschäftigung mit bibelkritischen Studien, die das rm'B in den 'fntnn 11») selber hineintragen. Ich habe darauf hingewiesen, daß Rabb. Hirsch V"2JT sich in seinen Werken niemals mit der Bibelkritik auseinandersetzte, obgleich er mittelbar in seinem Kommentar ihre Hypothesen häufig zu widerlegen sucht, ohne sie zu nennen, und habe dann — lediglich hypothetisch — folgendes hinzugefügt: Vielleicht hat das Gefühl, daß hier die Grenze-liege, die aus halachischen Gründen wohl für diesen oder jenen Meister, nicht aber für die Jünger überschritten werden dürfe, mit dazu beigetragen, daß S. R. Hirsch Zeit seines Lebens offenbar gar nicht den Versuch unternommen hat — der an sich gewiß nahe lag —, seine ea? mw ps «pit -Devise praktisch auf die Heranbildung von Rabbinern in Deutschland auszudehnen. Die geistigen Verheerungen, die die sogenannte „Wissenschaft des Judentums" in Deutschland angerichtet hatte und täglich anrichtete, standen «einer a'»w Mti» schreckend vor Augen. Es war ihm klar, daß dem Versuche, üherzeugungstreue . jüdische Aerzte und Juristen, Physiker und Naturphilosophen, Alt* und Neuphilologen und Mathematiker als geschlossene Persönlichkeiten ohne allzustarke innere Risse und Narben heranzuerziehen, auch ohne ausgesprochenen Konflikt mit dem D333> '"»"»n» •ninn *6v Erfolg Geschieden sein konnte, sofern der von ihm neu erschlossene Quell jüdischen Geistes aus T'nach und na ^ynt? nun dem Jüngling jeden Tag lebendig sprudelte und die in wissenschaftlichem Stoff und Universitätsmilieu etwa enthaltenen rTU'ö-Ingredienzien hihwegspülte. Wie aber, wenn der Lernende, wie es bei. der Bibelkritik der Fall war, sich einer „Wissenschaft" gegenüberbefand, die ihn zwang, das r~m">a g e - genüber dieser Quelle selber .— ehe erst ein Versuch der Widerlegung nur beginnen konnte — jahrelang geduldig in sich aufzunehmen und damit eine Infektion seines gesamten geistigen Organismus herbeizuführen, die für den tDurchschnitts-Studenten einerseits die tägliche und stündliche Uebertretung des vnnn fr-rin bedeuten m u ß t e und andrerseits eine niemals mehr ganz zu überwindende Schwächung der mm» nnaK an der Quelle herbeiführen konnte? Der Eindruck, daß hier für Hirsch in der Tat die Grenze seines p« ~\n ny rrnn =Progr«mme6 lag, *) Von Lehrerbildung war überhaupt nicht die Rede.

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