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Der Israelit · 1937-04-08 · Heft 14 (8.4.1937) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 14 (8.4.1937)
Date
1937-04-08
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 14 1937 Von Älice Öppenheimer. "'' ' ' . V; i' .')._■■ (Fortsetzung.) .• '; ,,Hein^f,,\.sagti;der//AÄdcre1 .,,ich-rede zu Dir, weil ich Pich kenne seit dem ersten Schrei, der Deinen1,Lippen entfloh. Deine Freuden und Deine Nöte -Heiltest' -(Du-- mit.; mir. ' Ich sah, auf welch schwankendem, Brett^Du Dich in Deinen Pubertätsjahren, befandest, ich war zur Stelle und half Dir fortMiber die Zeit Deiner Drangsale. : Ich bin mit Dir gewandert, ich habe Dich beschützt, als Du Kunde bekamst,' daß Dein Vater-. Vor Verdun fiel. Du glaubtest, däs Leben wäre., zu Ende, ie'h nahm Dich an. die Hand, führte Dich über die ""Klippe, wie über viele andere. Dann,! einige Jahre später, trat mii 'Üeih^r' jungen Frau, das Glück in Dein Haus, ,ichj': würde überflüssig. Ich verkroch mich, ging nicht ganz fort, lauerte auf meine Stunde, die ikömmen1 'mußte. Sie kam, sie ist da. Anders, als wie ich jnir vorstelltet bin ich zu Dir zurückgekehrt. Ich glaubte, meine Zeit reifen zu sehen, in den Stunden, da Dir -der Widersinn Deiner Assimilation/ klar wurde.' Ich streckte meine Fühler nach Dir aus," zog sie aber wieder zurück, denn Du standest .fest, warst hoch, ungetroffen. Hier .bin, ich.. Heinz -Grünberg, hier stehe ich, Teil Deines Ichs, das ich nicht lasse1, ich wanke und weiche nicht von Dir. Du wirst Dir nichts antun, so wenig wie Deinen Kindern, Du wirst leiden; aber Dein Leid tragen lernen. Dein persönliches Leid' wird die Zeit und ich Dir zu mildern suchen. Du tue, was ich Dir säge." Heinz sitzt mit weitgeöffneten. Augen , au? seinem Stuhl, der Andere ist da und;»doch ist; Heinz allein in seinem Unglück. Friedel öffnet leise die Tür, steckt, den Kopf herein: „Väter, Vater, warum läßt Du uns allein? Wo ist Mutter? In der Wohnung kann ich sie nicht finden. Vater, wo ist Mutter?! Wir sind-so allein." Noch starrt Heinz ins Leere. Frie.del kommt dem Vater ganz nahe, legt seinen Kopf an seine Schulter und?"flüstert Heinz ins Ohr; „Ich habe so Angst!" Heinz :hebt den Finger, zeichnet damit Linien in die Luft. „»Friedel, siehst Du sie, die Klagemauer, die großen breiten Quadersteine, wie sie aufeinändersiizen, siehst Du sie, einst der Glanz Israels, heute;dem Leide,^ der Klage Israels dienend? Hörst Du den alten. Mann mit, dem weißen .»Bart beten? Nun legt er die: Lippen an den Stein und küßt sie, die alten 'verwitterten Ueberres,te einstiger Größe und Herrlichkeit?. Kein Schwert, kein Eisen;hat diese großen Steine spalten dürfen, ikein' Metall .durfte ihre. Wucht verkleinern; Ein kleiner Wurm, . Schamir genannt1, am Boden herumkriechend, ein winziges Gewürm, war ausersehen' dazu. Steine .. -auseinanderjgur eißen, sie zu sprengen. Sind wir,. Friedel, gleich dem Wurme oder gleich" dem Steine." „Vater, . was redest Du, ich verstehe Dich nicht-" ,,Wir sind, Friede!, beides.* Höre Friedel, beides sind wir. Jetzt weiß ich es genau. Wir Juden, ob in Palästina, ob. in Australien■ in allen Weltteilen ^wer den , wir . getf etetfi wir ' wer.den gestoßen, wie der. Wurm,,4$,^ an, der Erde dähinjkriecht, der keine Waffen hat.--Kein. Stoß-, ^ahn.j keih iRaübtiergebiiß hilft ihnen vor Feinde und doch '"ist er mächtig, {er spaltet S^teirie,,' Blöcke, Felsen,/wenn sie dieheh' sollen der Verr herrlichung G'ttes. < Du Stein, geboren aus Schutt gefügt,, d^ .überdauernd. Der Götzendiener Kenaans trat auf Dich, David eroberte Dich, . Du Stadt Jerusalem, Salomon, Du Weiser, gabst diesen Steinen Zweck und Sinn. Perser und iBabylonier,Aegypter versuchten ihre Macht an ihnen, ah Euch, o Steine. Teile von Euch fielen um; Teile blieben. Es kamen Esra und Nechanja; sie fügten die Steine wieder aufeinander, wie Mensch zu Mensch sich fügt, Volk bildet. . Es ward Israel ein zweites Mal Staatengebilde, es gab einen zweiten Tempel. Erneut trat der Unglaube auf, Volk' blieb nicht Einheit,, es kamen die Römer, Tempel ging in Trümmer,. Judehstaat war vorbei, Eine einzige Mauer dieses Tempels, dieses Steingefüges, das nie Eisen an1'sieh verspürt hatte, blieb stehen, ist heute/ Und wird Geschlechter überdauern; Jüdenstaat ist verschwunden, Jude, ist geblieben,. wird bleiben, Zeiten und; Geschlechter überdauernd. Hörst Du's, Friedel, wir bleiben, Deine Mutter ging, wir bleiben." „Vatery4ich habe Angst, ichwill nicht bleiben.",. . „Nein, Friedel, wir gehen, wir wandern, mwir wollen, aber Juden sein und bleiben." ' ' ' - > VII. 'i - " ' „Papa, es 'klöpft. 'Papa, komm'-doch mal, da steht Einer.", „Ei, mach' doch schon auf," ruft eine Männerstimme von außen, „wie oft soll ich hier noch schellen." „Papa, komm' doch!" Heinz Grünberg erscheint in einer großen Schürze, die er schnell auszieht und in einen/Gang beiseite-* wirft, dann holt er ,sein Taschentuch hervor, wischt sich die nassen Hände ab, geht an die Tür und öffnet. „Noch ein bißchen länger hätten Sie wohl nicht warten können. Sie sind doch Rechtsanwalt 'Grünberg?" „Jawohl." „So, dann, kommen Sie mal mit zum Verhör. Man hat uns gesagt, Sie hätten eine schlechte Ehe geführt und hätten — na, ich will's schon sagen, die Frau in den Tod getrieben." „Was soll ich? Verstehe ich Sie recht, ich soll Ina, meine Ina, in den Tod getrieben haben? Mann, Sie sind verrückt!" „Sagen Sie das nicht noch einmal, das ist ja Beamtenbeleidigung, da sehen Sie meinen Ausweis. Kommen Sie schon, aber gleich. Immer, diese Scherereien!" „Papa!" „Mädi!" Das jüngste Mädel klammert sich an Heinz' Bein- „Papa, bleib hier Papa, bleib!" „Es tut -mir leid, ich kann eben nicht fort, ich kann doch unmöglich das Kind allein lassen." „Schließen Sie die Wohnung zu, nehmen Sie-Ihr Kind mit und kommen Sie." Unten steht ein Auto, ein Polizeibeamter am Steuerrad. Heinz, das Kind und der Kriminalbeamte steigen ein, Der Motor setzt ein, fort fährt es. Inalein, Inalein, macht der Lärm des Autos, soll ich wohl ein Mörder sein, ein Mörder sein, tönt es in Heinz wieder? Ueber die Straße geht . eine Frau, das Auto: hupt, die Frau fährt zurück. Heinz denkt an Ina. „Machst Du es eines Tages auch Wie- Ina?" Weiter rast das Auto, yreU&fdröhnt es in Heinzens Hirn'. Inalein, Inalein, soll-ich wohl Dein Mörder sein? Das AultÖ; hält. ..Steigen Sie aus,, das Kind können Sie mitnehmen, 3. . Stock, zweite Türe .rechts*" Das Zirhmerr in das Heinz r.eintritt, ist kahl und leer, zwei Beamte sitzen darin, der eine schreibend, der andere schaut beim Eintreten von Heinz auf. „Setzen Sie sich, das Kind hätten Sie zu Hause lassen können., Wie heißen Sie?" „Heinz? Grünberg." ,,So,. Grünberg, Grimberg, wo sind die Akten Grimberg? Jetzt 'haben wir sie schon. Also, Herr Grünberg, Ihre Frau ist auf tragische Weise.(ums Leben gekommen, des- Jialb muß der Fall von. der. Kriminalpolizei geprüft Werden.- Sie müssen dä's verstehen; Ihr. Leumund ist; gut, aber; inah muÖ; den Dingen .iiachgehen, . dafür" sind-,wir^, da." / Ein; einstündjges Verhör muß...Heinz.' übe* sich ergehen lassen,; -.zwischen-. 'düfqh; versucht ider"' Beafote, Drv Kohn zu errei-;cheii, -aüf •dösseii;Ä^skkgön er si&hf stu'tzdnuwill. iMäda si^zf und; ihr kindlicher Verstand den Dingen nicht zu folgen vermag. „So, Herr Grühbeirg, Sie können wieder fortgehen, der Tod der Frau, ihr Selbstmord hat ~ schon seine Richtigkeit." In der Tür dreht sich Heinz noch einmal dem Beamten zu und'fragt: „Wie kommt man jetzt nach -vier Wochen dazu, mich als den, Mörder meiner Frau zu bezichtigen?" Der Beamte steht auf, geht auf ihn zu und sagt: „Das weiß ich nicht und wenn ich es wüßte!" Er hebt die Schultern und läßt sie wieder sinken. „Denunziation, das ist eben so, wie man' nimmt, in. Mode." '~ "•• ■ ..VIII. •; ■ i f.-'. . Nun sind bereits viele viele; Wochen nach .'dem Schicksalsschlag, welcher über Heinz Grünberg hereingebrochen ist, vergangen. Die Ereignisse ließen :Heinz nicht viel Zeit . zum, Nachdenken.. Die Tage waren ausgefüllt mit Zertifikatsangelegenheiten, die Wohnung mußte vermietet werden, die Kinder bedurften der Wartung. Der Entschluß der Auswanderung stand für Heinz, unwiderruflich fest. , Inas Eltern, die Mutter herzleidend, der Vater im. Greisenalf er, hatten es. sich nicht nehmen lassen, nach .Mainz zu fahren, um dem Schwiegersohn mit den drei Kindern zur Seite zu stehen. Sie können und wollen es nicht begreifen, daß man fortgeht in. etwas Ungewisses, in ein Land, das bis in die jüngste Zeit hinein, als Land der Oede galt. War es möglich, war es denkbar, daß diese ' Erde fruchtbringend sich gestaltet? Sie stehen so skeptisch all diesen neuen Anschauungen gegenüber, so ^weltfern, wie ihrer Tochter Ina. Ihnen bietet ihr Alter einen Vorteil, sie haben vom Leben gelernt, nichts inehrv zu erhoffen, nichts mehr zu erwarten. Im Alter wird man genügsam mit seinen Fprderungen, wenn man lebt, weiter ins Greisenalter schlittert, ist die Erfüllung bereits gegeben. Ina, dieser junge Mensch, liebte auch das Leben, wußte vom Kampf ums Dasein, konnte aber keinen Unterschied finden zwischen Jude- und Deutschsein. Die Trennung dieser leiden iBegriffe bildeten die Tragik ihres Lebens. Ihr Sein haute sich auf den ethischen Anschauungen auf, die als philosophische Grundlage den Satz führten: „Der Mensch ist gut." Man-wollte „ihr diese Lebensauffassung nehmen, mäh suchte ihr zu entreißen, ~was ihr Lebensodem schien. Dem war sie nicht gewachsen, diesem- Druck mußte sie auf ihre Art weichen. Noch waren es acht Tage bis zur Abreise. »Die beiden kleinen Mädchen verstehen noch nicht viel von all dem, was um sie vorgeht, sie freuen sich auf alles Neue; Friedel hingegen hat der Tod der Mutter, die Unruhe, die den Vater beherrscht, das Zusammenleben mit den Großeltern, die Umgestaltung der Häuslichkeit, weit über seine Jahre hinaus reifen' lassen. Oft steht er sinnend am Fenster; oder läuft hinaus ans Rheinufer,, .nichts weiter dort unternehmend, als ""auf das Wasser zu schauen oder Steinchen in:die klare Flut zu werfen. Einigemale hat ihn Heinz dort so angetroffen. ,,Spielst Du. gerne mit den Steinen, Friedel?" Keine Antwort. „Friedel, ' Friede!!" Heinz legt ihm die Hand auf die Schulter. „Hörst Du nicht, Friedel?" Friedel sieht auf. „Du, Vater, bist Du auch hier?" ■„Warum auch, Frie- , del?" ,Ach nichts, Vater, gar nichts!'.' „Sag' mir doch, Friedel, was-Du eben dachtest." : „Ich dachte," fängt Friedel an und dabei setzt er sich an den Uferränd, „ich dachte an Mütter und an den Fluß. Auch wenn Du es mir nicht gesagt hast, Väter, ich weiß es doch. Mutter fiel ins Wäss er und ertrank. Vater, bist Du dem Fluß böse? Ich nichti kann nicht, es geht nicht, ich liebe den. Fluß! Weißt Du, seit/den letzten acht Tagen, weil ich weiß, Vater, daß wir sicher keine solchen Flüsse in' Palästina sehen werden wie diesen." Väter und Söhn sitzen/ am Wässer und

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