Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1937-04-08 · Heft 14 (8.4.1937) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 14 (8.4.1937)
Date
1937-04-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450961-2450974--82923-2540899
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 6 Nr, 14___ ihren Berichterstattern melden, daß eine geplante Teilung Palästinas, in dem Sinne vorgeschlagen werden dürfte, daß die Küstenebene, mit einer Aufnahmefähigkeit von 1.000,000 Seelen, als jüdisches Gebiet erklärt und als englisches Dominion in das britische Reich eingegliedert werde, während der übrige Teil Palästinas zusammen mit Transjordanien als arabisches Reich ernannt werden soll. Andere wiederum sprechen von der Schaffung jüdischer und arabischer Kantone in einem ungeteilten Palästina, etwa nach der Methode der Schweiz. Innerhalb der König!. Kommission, so heißt es in den Berichten, herrsche Meinungsverschiedenheit über die Art der Teilung, da manche aus einem Zusammen leben hart im Räume trotz der Kantonisierung noch Reibungen zwischen den Nationalitäten pe fürchten. Auf alle Fälle ringt die Kommission um eine Lösung, die nicht nur den beiden Be^ völkerungen, sondern auch dem britischen Reiche dienen und dem Völkerbund genehm sein muß. Ein Vorschlag zur direkten Verständigung zwischen Juden und Arabern kommt von Damaskus, über den ein Warschauer Journalist, der dort mit dem Ministerpräsidenten des Irak und Mitgliedern des muselmanischen Kongresses konferierte, berichtet. Die Herren wünschen zunächst eine Verständigung zwischen den Juden und Arabern im Libanon, Ben Gurion, der Vorsitzende der Exekutive der Jewish Agency, bemerkt aber dazu, daß die zionistischen Stellen kein Vertrauen zu der arabischen Verständigungsbereitschaft hätten. Eine Verständigung werde früher oder später ganz gewiß komm e n , aber ohne Konzessionen von Seiten oder auf Kosten der Juden und in voller Harmonie zwischen den jüdischen Forderungen und den arabischen Rechten. Eine Gefahr für die Freiheit und Einheit des arabischen Volkes drohe von der Konzentrierung der Juden in Palästina . nicht. Es ist dies alles richtig, und dennoch glauben wir, daß keine Hand, die sich von irgend einer arabischen Seite zum Frieden ausstreckt, zurückgewiesen werden darf. In Tripolis hat sich der Gouverneur, Marschall B a 1 b o , einem Vertreter der ITA. in Rom gegenüber über die Lage der Juden in Italienisch-Nordafrika in freundschaftlichem Sinne "ausgesprochen. Er zähle, sägte der Marschall, viele Juden zu seinem engsten Freundeskreis. Er habe große Achtung für die jüdische Gemeinde in seiner Heimatstadt F e r r a r a. In Tripolitanien habe °er während seiner Amtszeit das jüdische Handwerkertum organisiert und die jüdische Sportbewegung gefördert. Jedoch herrsche seiner Ansicht nach unter der jüdischen Bevölkerung in Tripolis, im Gegensatz zu den aufgeklärten italienischen Juden, „viel Aberglaube und Rückständigkeit", die den Reformversuchen hinderlich im Wege ständen. Es scheint beinahe so, als sehe Balbo in der Heiligung des Sabbat „Aberglaube" und „Rückständigkeit", die in der modernen Europäerstadt auszurotten, er sich zur Aufgabe gemacht hat. Es wäre doch aber ein leichtes, den Marschall davon zu überzeugen, daß die Sabbathaltung der frommen Juden in Tripolitanien so wenig aus Rückständigkeit komme, wie die Sabbatentweihung vieler Juden in seinem Mutterlande Italien ein Zeichen für Fortschritt "und .höhere Kultur sein kann. Auf die Frage des Vertreters, wie es um jene Bestimmungen über die Zwangssabbatarbeit stehe, gab der Gouverneur jedenfalls eine ausweichende Antwort, Die Bestimmungen, sagte er, verfolgten doppelten Zweck: die Juden vor Schaden zu schützen, der aus zwei Ruhetagen entstehen könnte, und dem zentralen neuen Stadtteil von Trippiis einen modernen Charakter zu sichern. D s r a e 1 i t Trotzdem darf man nach den Zusagen Müsso-, linis, wenn nicht eine Aufhebung, sö mindestens; eine Milderurig jeher Bestimmungen hoffen. Befestigt" wird diese Hoffnung durch' die Tatsache, daß denjenigen Geschäftsinhabern, denen nach Erlaß der Verordnung wegen ihrer Sabbathaltung die Handelslizenzen, entzogen worden waren, diese Lizenzen wieder zurückgehe:- ben worden sind, - Aus Rußland melden angesehene englische Zeitungen, daß zwölf fromme Juden im Alter von 60 bis 80 Jahren in Minsk verhaftet und für z ehn Jahre n a c h Sibirien verschickt wurden. Unter dem Rufe ,,Im Namen des G'ttes Israels" sollen die Greise in die zentrale kommunistische Partei eingedrungen sein, zwei dort diensttuende Kommunisten mißhandelt und die Bilder von .Lenin und. Stalin von den Wänden heruntergerissen und zerstampft haben. Die Meldung« solcher Aktion klingt sehr unwahrscheinlich, und sollte sie zutreffen, dann wäre auch in diesem Fälle zu sagen, daß Gewalt nicht, die Methode ist, um für den G'tt Israels zu kämpfen. Aber, wie tief muß doch die Tragik der jüdischen religiösen Gemeinschaft in Rußland sein, wenn sich alte schwäche Männer zu einer solchen Verzweiflungstat hinreißen lassen! Die zwölf Greise in der sibirischen Verbannung werden als Märtyrer der Welt über die Lage und die Leiden der religionstreuen Juden in Rußland die Augen gründlicher öffnen, als es bis jetzt alle Artikel, Berichte und Proteste zu tun vermochten. Der Oberste Legislative Rat Rumäniens hat erklärt, daß eine Unterscheidung zwischen Bürgern auf Grund ' der Abstammung v e r f a s s u n gswidrig sei. Damit ist nach rumänischem Gesetz dem Gesetzentwurf, von dem die Juden soviel zu befürchten hatten, zunächst der Weg in die Gesetzgeberische Körperschaft versperrt. Nach dem Gesetzentwurf 81 Aprit 1937 sollte Landesbesitz1 von 'Personen riiehtrumänischer Abstammung in der''Nähe der rumänischungarischen Grenze zugunsten des Staaten enteignet werden'. 'Auch andere Bestimmungen"jenes Gesetzes hätten sich sehr zum Schaden'für die Juden auswirkenkönnen. -Nun wisseir die rumänischen Parteien, daß' die' Annahme s'ölöher Gesetze einem Verfassungsbrüche gleichkäme und einer Verletzung der internationalen Verträge, in denen zwischen; Stß.ätsbürger#~ Rumäniens jq Sachen ihrer Rechtsstellung kein1 Unterschied gemacht wird. Mari darfhoffen, daß mit dieser Entscheidung der obersten Behörde in Rumänien auch anderen Gelüsten, die sich auf ähnlichem Geleise bewegen, zunächst ein Ende gemacht ist. Wie aus S a l o nik i berichtet wird, haben die Juden von Smyrna in allen Synagogen der Stadt Versammlungen abgehalten und dabei beschlossen, von nun an, n u r noch di e t ü r. kis.che Sprache an. Stelle, des Spaniolisehen . im öffentlichen . jüdischen Leben zu gebrauchen, ),■■■'' -'- : Die spaniolische Spräche und Kultur haben besonders die türkischen \Tüden. Jahrhunderte lang treulich gehütet und gepflegt. Mit dem spanischen Ritus pflegten die .sephardischen Juden in aller Welt das kastilische Spanisch von anno dazumal, genannt Spaniolisch, in ihren) i.Synagogen, ihrem Ritus und ihrem Kultus, auch .in ihrer täglichen Sprache und in ihrer lokalen Presse mit einer Treue, die die Bewunderung der Welt hervorrief. Nun werden in d e m Lande, in dem bisher die Juden zur alten spanischen Sprache und Kultur, am zähesten gehalten haben, in der Türkei, diese v e r s c h w in d e n. \ ,,Das Alte schwindet und das Neue bricht mit Macht heran! ... Wir wollen jedoch hoffen, daß das Neue, das mit der türkischen Sprache nun in die Häuser und Synagogen der sefardischen Juden der Türkei eindringt, keine Bresche, in die .Burg der alten jüdischen Religionstreue unserer türkischen Glaubensgenossen schlägt. Der dreifache Weg:- Von Dir, Dr. M. Elias in Frankfurt a. M, Wieder stehen wir am Anfang eine^ Schuljahres. Es gilt Abschied zu nehmen von alter Bildungsarbeit und es besteht Anlaß,,über ads, was wir gewollt und erreicht und über Zweckmäßigkeit und . Mängel unseres Schulsystems nachzudenken, ( ' Rückblick und Ausblick können sich nicht mehr in Höhen und Weiten verlieren. ' Die Schule ist mitten hineingerissen in den Strom rtatiottalpolitischen Geschehens, der in rascher Folge die politische, gesellschaftliche und wirt: schaftliche Basis unserer Existenz von Grund' auf veränderte, Sie bildet nun, wie'richtig gesagt wurde, ihre Schüler aus, ohne recht zu wissen, wofür. Denn nicht nur der Raumr in dem unsere, Schüler leben werden, ist unbekannt, sondern auch die berufliche Tätigkeit, die sie dort werden ergreifen müssen. , So viel ist aber sicher: Sfe sollen fort. Und weiter; <Ihr Weg führt aus harter Wirklichkeit zu harter Wirklichkeit, Wir alle wissen, daß diese Wirklichkeit nicht Raum laßt zu einem in literarischen Kränzchen sich breitmacheriden Bildungsbetrieb, und wir trauern ihin nicht nach. Wir alle wissen, daß Bedürfnisse .einer . höher hinauswollenden sozialen Schicht und der Wunsch nach äußerer Lebensverfeinerüng einer Schule, die mehr sein will als -privates Unter-1 nehmen,, keine Berechtigung verleiht. Die Schule ist heute und. muß heute sein ein ^eg zum;Nöt-• wendigen, .„Was tut not?" das ist die einzige' Frage, die sich der jüdische Jugendbildner, der ' sich dein Judentum' und dem /jüdischen Volke verantwortlich weiß, stellen wird. , Landwirtschaft, Hauswirtschaft/ Handwerk und Handarbeit, Handel und-Industrie,'- Säuglingspflege und Kindergarten werden da gewöhnlich unter den Berufen genahnt, denen sich unsere Schüler und Schülerinneri zuwenden sollen. Wir wollen davon absehen, ob es genug Lehrstellen \ '; /■;•;■-''_ :>--.-, . All diese Berufe' erfordern: aber, wenn früher oder später die durch präktisphe Erfahrung anzueignenden Fertigkeiten erreicht sind, zum weiteren Fortkominen noch ein anderes, als was 14jährige Jugend im allgemeinen mitbringt, auch wenn sie , .gesunden Menschenverstand" hat. Wem die Welt gleichbedeutend ist mit dem Le'bensraum,' der uns hier zur Verfügung steht, wird die Kinder nicht früh genug aus der Schule nehmen, wird in ihren geistigen Ansprüchen nur urihötigen Ballast' für das Leben sehen, sie möglichst früh in einen der genannten „praktischen" Berufe stecken,' je primitiver er ist, desto leichter. Aber die Welt, in die wir unsere Kinder hiriausschicken, denkt nicht so primitiv. Da', gibt es große Schulen mit langer Schulzeit, da sind richtige Lernschulen, mit hochgeschraubten Forderungen an die geistige Leistung, und mit den aus solchen Schulen kommenden Zöglingen werden unsere Kinder, die an sich in der Frepide einen schweren Stand .haben, konkurrieren und dabei mehr : einzusetzen haben als berufliche Fertigkeiten und Körpergewicht. Wir* leugnen gewiß nicht die ^Wichtigkeit "physischer ' LeisWngsfälfigkeit; - aber 'daß sie. das; Ausschlaggebende sei,; könrielti wir nicht äiierr kennen. So wenig. wir derVerachtung der iHand- ' arbeit das Wort reden, so, ^görri yxirir; zugestehen» daß in dieser' Beziehung :£iron:eK\-vieT:'ge6i£it<$i&t wurde, .so - wenig* - lassen wir!'uns. einrederi,' jiaß 'äte eine .Einseitigkeit' durch' eine; ändere .jgüige' macht wird, Ini Febfüärheft der Zeitschrift für

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.