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Der Israelit · 1937-04-08 · Heft 14 (8.4.1937) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 14 (8.4.1937)
Date
1937-04-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 14 D e r i s r a e l i t &-April 1937 hätCJ Keinjüdisc^ Sammeldose! ||P|| Bitte Dosen bei der Zentrale anfordern; Hamburg 1 3, Heinrich Barth straße 21 gische Erscheinung zu erklären oder mit billigen Witzen abzutun. Schon sehr früh hat er den Typ des wurzellosen assimilierten Literaten in all seiner Gefährlichkeit entlarvt und ist nicht müde geworden, ihn in allen seinen Verkleidungen zü verfolgen. Er hat auf eine gerechte, objektive Einschätzung der sich allmählich erhebenden nationaldeutschen Kräfte gedrungen, er hat eine stärkere Betonung der konservativen Elemente im Judentum gefordert und schärfere Abgrenzung gegenüber den liberalistischen und pseudo-pazifistischen Losungen der sozialistischen und demokratischen Linken — nicht aus Taktik, sondern aus innerjüdischer Notwendigkeit. Wer hat, außer dem Kreis der gläubigen Judenheit, auf diese prophetischen Warnungen gehört? Hat man nicht die Achseln gezuckt über den Sonderling, der sich bemühte, Verständnis für die Vorstellungswelt der judengegnerischen Gruppen zu finden? Seit vielen, vielen Jahren predigt Birnbaum die Notwendigkeit der Verländlicliung und Beruf sumschichtung der Juden. Das waren Vokabeln, die für das Gros der deutschen Juden exotisch klangen und dementsprechend auch gewürdigt wurden. Es waren Schrullen eines alten Herrn, über die man nachsichtig lächelte. Und keiner der superklugen Kritiker hatte eine Ahnung davon, daß diese verlachten Forderungen zu den meistgebrauchten Termini unserer Zeit werden würden, und es ist wohl keiner unter ihnen, der sich nicht davon Rechenschaft gäbe, welchen Segen es heute bedeuten könnte, wenn man Birnbaums Forderungen rechtzeitig verwirklicht hätte. Doch Birnbaum hat seinem Volk noch viel mehr zu sagen. Nicht alle Wahrheiten, die er seit Jahren unermüdlich kündet, haben schon mit so vor aller Augen zutage liegender, mit so grausamer Deutlichkeit ihre Gültigkeit erwiesen. Eine Reihe von anderen Erkenntnissen und Forderungen, die er mit dem Ungestüm und der Inbrunst eines gläubigen Herzens vertritt, haben beim Volke noch immer nicht das gebührende Echo gefunden. Noch immer werden diese reifen Früchte eines kampfreichen Lebens, das sich wie ein Ganzppfer restlos dem Volke geschenkt hat, eines unaufhörlichen, leidenschaftlichen Bemühens um jüdische Dinge nicht in ihrer vollen Bedeutung gewürdigt. Aber unbeirrt und mit nie ermüdender. Geduld setzt Birnbaum seinen Dienst am (jüdischen Volke fort, der ihm längst zu ejliem, inneren Müssen geworden ist. Mit ungebrochener, ja noch gesteigerter Kraft stellt dieser jugendliche Siebziger sich wieder mitten unter seine Brüder, um seine Sendung als Lehrer und Wegeweiser zu erfüllen. In dieser Zeit der dahinbrausenden Volk erstürme ,t der radikalen Umwälzungen, der großen Entscheidungen, von apokalyptischem Wetterleuchten durchzogen, findet Birnbaum die'ihm gemäße Luft. Seine mächtige Natur, niedergehalten beim sanften Plätschern der bürgerlichen Idylle, erwacht in dieser Zeit des weltgeschichtlichen Crescendo, reißt sich empor wie ein SchlachtroÖ beim Klang der Trommel/ Und er spricht nicht mehr vergebens. Sein Ruf -—so heißt symbolisch das publizistische Sprachrohr, das er sich neu geschaffen hat, — verhallt nicht mehr im Leeren, Immer größer wird die Zahl der Hirne und Herzen, die sich seinen Worten willig öffnen. \ Das Bewußtsein, daß Nathan iBirnbaiim zU einem kostbaren Besitz des jüdischen Volkes geworden ist, ist heute in'weitesten Kreisen der Judenheit lebendig. Die grandiose Erscheinung dieses trotzigen und innigen Juden, diese ragende, wuchtige, von Leidenschaft dürchbebte Gestalt — wie von Michelangelo genieß — zieht auch den Fernerstehenden in ihren Bann. Die gläubige Judenheit ist stolz darauf, daß dieser große Sohn unseres Volkes zu den ihren gehört. Sie schöpft daraus von neuem die tröstliche Gewißheit, daß nicht verwaist und nicht verwitwet ist Israel. In der Linie des Wegs, der Nathan Birnbaum mit zwingender Folgerichtigkeit in ihren Kreis führte, sieht sie ein verheißendes Zeichen für den Gang der künftigen geschichtlichen Entwicklung. Jacob über Nathan Birnbaum Ein kurzes Wort der Würdigung, .. An der iBahre Nathan Birnbaums neigen sich Freund und Gegner in stiller, Ehrfurcht., Auch diejenigen, die in Weltanschauung und politischem Wollen durch eine weite Kluft von ihm getrennt waren, beweinen den Heimgang einer wahrhaft heroischen jüdischen Persönlichkeit, die der ganzen Gemeinschaft zu Stolz und Ehre gereichte. Uns aber, die wir uns gesetzestreu nennen, und denen er während der letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens Freund und Genosse geworden, uns warermehr! Nicht nur geliebter Freund und Genosse, Führer und D e u t e r , dessen feuriges, Leben weckendes Mahnwort zur ewigen Selbstkritik und nimmer erlahmenden Tat aufrief, nicht nur das Vorbild selber eines zur höchsten sittlichen Heiligung emporstrebenden, in Gesinnungsadel und Vornehmheit niemals beirrbaren Po litikers, nicht nur der scharfe Denker und hinreißende Gestalter der Re d e — sondern vielmehr ein heiliges Symbol! Wie selten ein Mensch in der jüdischen Geistesgeschichte hat Nathan Birnbaum den unerhörten Mut besessen, im Angesichte einer verständnislosen Welt den Moria-Gäng von den tPlriK tPiT?K zum ins 'n zu vollbringen! Aus einem „Acher", der restlos eingebettet war in den kritischen Skeptizismus und den selbstgewissen Hochmut einer relativistischen wissenschaftlichen Zeitkultur, ward er zum echten, rechten nnityfl bV3.> zum wahrhaften), glutvollen fi&bw nJiaiO der mit rührender Gewissenhaftigkeit sein tägliches Leben wie sein geistiges Wirken unter die Disziplin des G'ttesgesetzes stellte und sich glücklich fühlte in der Gemeinschaft der 'n "ia*7 tPTin« Dieser seelische Genesungsprozeß hat aber einen um so tieferen symbolischen Charakter, als ef sich — wie wir aus Birnbaums .Bekenntnisbuch wissen — unmittelbar aus dem Erlebnis des wirklichen jüdischen Volkes als des von der T h o r a geradezu gezeugten Volkes entwickelte. Aus dem Irrtum der künstliehen zionistischen Völks-Konstrüktion erwachend, suchte Birnbaums Forschergeist zuerst in der jiddischen Sprache das Geheimnis der jüdischen Volksexistenz, um es schließlich in der o f f e nharten T h o r a zu finden, die zur Seele dieses Volkes geworden ist und deren Preisgabe darum für dieses Volk den Völkertod bedeutet. Kleines Feuilleton, Die Verjüngung eines Siebzigjährigen. Vor siebzig Jahren hat der in Wolf Heidenheims Fußtapfen wandelnde Dr. Seligmann Bär in Biebrich die jüdische Welt mit seinem vorbildlichen *vno '-tinw r-niay beschenkt, der während dieser sieben Jahrzehnte das Vorbeterpult unzähliger Gemeinden des deutschen Ritus geschmückt und Tausenden von interessierten Lernenden den Weg zur tieferen Erforschung des Gebetbuches und der Minhagim der Synagoge erschlossen hat. Der stattliche Band mit seinen 900 Seiten in Lexikon-Format war von vornherein nicht nur eine Fundgrube reichen jüdischen Wissensmaterials und ein Musterbild Wissenschaft* licher Akribie, sondern auch eine Augenweide für den Bücherliebhaber, denn die Lehrberger'sche Offizin hatte ihre Ehre darein gesetzt, Satz und Druck mit einer derartigen Genauigkeit und leuchtenden Farbenschönheit durchzuführen, daß auch der kritisch geschulte Blick nirgends die leiseste Unregelmäßigkeit 'des Satzes oder irgend eine Nuance schwächerer Farbengebuhg entdecken konnte.tDie satte, wuchtige Schönheit der großen hebräischen Quadrätschrift wetteiferte mit der mysteriösen, ästhetisch nicht minder reizvollen Begleitmusik des Raschischrift- Kommentars darunter, um auch in der Form den Eindruck der Vollkommenheit zu erzeugen. Selten hat sich diese Qualität eines Erst* drucke® so gelohnt wie in diesem Falle — denn nun bot sich, nachdem das Werk viele Jahre vergriffen war, dem Schocken-Verlag in Berlin nach siebzig Jahren die Möglichkeit, durch Anwendung eines photographischen Vervielfältigungsverfahrens eine neue Ausgabe des klassischen Werkes zu erschwinglichem Preise ' herauszubringen; die — man konstatiert es mit r. 'Freude und Ueberraschung — alle, typographischen Vorzüge der 'Erstausgabe aufweist, um ihr noch den Vorzug eines herrlichen Papiers und .eines wetterfesten, mehr als gediegenen Ganzleinen - Einbands zuzugesellen: . eine restlose Wonne für den. Bücherfreund und zugleich ein Zeugnis der nimmer verlöschenden Ehre und Würdigung, die das jüdische Volk* dem1 Schatz "seiner Gebete, ■diesem ewig sprudelnden Quell seiner Lebenserneuerurig, entgegenbringt. Bärs „Awaudas Isroel"- ist schon im Manuskript von keinem Geringeren als dem Kolmarer Oberrabbiner;- Rabbi Schlomo Klein b*"3t> als eine wissenschaftliche Leistung allerersten 'Ranges und als religiöse. Tat gewürdigt worden. Rabbi Schlomo Klein selber, hat zu der Ausarbeitung des schlichten, immer auf den einfachen WoHsinn hinzielenden Koinmentars beigetragen. Nicht weniger als acht der besten, ältesten Handschriften und etwa1 30-' Frühdrucke liegen, der Feststellung der wichtigen Lesarten zu Grunde, die in den deutschen Gemeinden ja' heute durchweg Bürgerrecht 'erlangt und zur Erziehung ' des hebräischen Sprachgefühls weit mehr beigetragen haben, als man sich gemeinhin: be* wüßt. ist. . •■■.... Darüber hinaus aber ist. der ßär'sche 'Kommentar als Quellen-Nachweis von unerreichter Voll* ständigkeit, für jeden ein unentbehrlicher Wegweiser, der in die biblischen,, talmudischen und midräsehischen Quellen des Gedankeninhalts wie der Form unsrer Gebete eindringen und sich auf diesem^unumgänglichen* Forschungswege der Tiefe, wie der Aktualität ihres Gehaltes voll bewußt werden will. . So darf man dem Schocken-Verlag für diese neue wertvolle Gäbe besonders warmen; Dank* wissen, grade weil sie zunächst nicht der großen Masse der jüdisch Ungebildeten, sondern nur dem Lernenden oder Wissenden zugute kommen kann.r Weiteren /Kreisen wird ein gleichzeitig erschienener Neudruck eines-früher weitverbreiteten? Büches willkommen sein, die Ausgabe der- Wiener "'»»in nwisn nun vom Jahre 5619 mit Raschi, Raschbam, Ramban, Ibn Esr;a, Siporno und den Targumim, die der S c h o c k e n V e r 1 ä g mit ebensolcher technischer Vollkommenheit photographisch vervielfältigt hat wie den Bär'schen Siddur. , In diesem Falle gehören allerdings" recht gute junge Augen oder ein Vergrößerungsglas dazu, um — trotz der S c h ä r f e des Druckes —- die. kleinen Tys pen eines Teiles der Kommentare bequem lesen zu können. Vielleicht wäre;, es praktsicher gewesen, lieber auf den Vorzug der Handlichkeit;'zu,' verzichten und ein etwas größeres Format' zu wählen. Durch die Wahr eines erstklassigen / Dünndruckpapiers ist es gelungen, die j;eiwa".1600 Seiten.^zu einem, in. der Tat handlichen;—vornehmausgestatteten —- Bande von etwa A% .ein,' Dick© zusammenzupressen, . der sicherlich bald eiä beliebtes Barmizwö-^ «e'n wird. Möge er fleißig benutzt, das heißt: in' Gründlichkeit .g el ern t],werden.';^\);V"; s.'\

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