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Der Israelit · 1937-04-08 · Heft 14 (8.4.1937) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 14 (8.4.1937)
Date
1937-04-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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8 Apfü 1937 D e r I s. r a e 1 i t Nr. 14 -Seite ö NATHAN BIRNBAUM b"22?. (Fortsetzung von Seite 1.) - per äußere Lcbensw«g Nathan Birnbaums. Nathan Birnbaum - wurde - 1864 in Wien geboren, wo er, nachdem er das Gymnasium mit Auszeichnung absolviert hatte, an der Universität studierte und 1887 promovierte. Schon m seiner Studienzeit wurde der Führerdrang in ihm wach, und so ' gründete -er .1883,; noch nicht 20 Jahre alt. den ersten jüdischen .Stüdentenverem; IC ad im a h " ',' in ' dem. unter seiner Leitung die jüdischen ^nationalen Werte schon . I S Jahre vor Herzt gepflegt und\genutet würden. 1884, dründete der Zwanzigjährige in Wien die Zeitschrift ,,Selbstemanizipaiion'', die mit einigen Unterbrechungen bis' 1892 die nationalen Ideen P i ri s k e r s vertrat und a u s b a ü t' e. Der. gleichen Tendenz diente seine 1893 erschienene Schrift „Nationale' Wiedergeburt-'. Damit war er der Vorläufer Theodor Herzls und der Wegeber reiter des im Herzl'schen „Judenstaat"; und auf den ersten Zionisferi-Kongressen proklamierten . modernen Zionismus. Wer aber sein Referat auf dem ersten Zionistenkongreß 1897 genau gehört und seine ersten Aufsätze in der 1897 in Berlin erschienenen. 'Monatsschrift-. j,Zion" recht^ liest,' kann hier <schon die - e i g-e ne n W e g e Birnbaums feststellen, seine langsame Abwendung von HerzT. und seiner Charterpolitik, von einer Taktik, die Palästina in den Vordergrund . und Mittelpunkt' der jüdischen Problematik stellt» unter Verneinung des Gallith und Negierung der jüdischen>Aufgaben in,, den jüdischen Zentren der Diaspora. -/ . . . . In der Zeitschrift „Ost und West" fand Birnbaum um 1900 die vornehme Revue zur Verbreitung seiner Ideen, die mehr und mehr die . Aufmerksamkeit eines großen Kreises fand, der sich durch Schlagworts nicht blenden und von den vitalen Aufgaben des jüdischen Volkes ablenken lassen wollte.. Zur weiteren Propagierung seiner Ideen gründete er bald darauf ein eigenes Monatsblatt unter, dem bezeichnenden Namen „ D e r Weg". Er wünschte, — und darin blieb er sich durch alle Wandlungen gleich, — eine national-kulturelle Autonomie in den jüdischen Massenzentren Osteuropas. Mit einem solchen politischen Programme kandidierte er sogar 1907 auf ein Mandat im 0 e s t e r r e i c h i s c h en R e i c h s r a t e , und, es kostete seihe Gegner nicht wenig Mühe und Arbeit, um mit Hilfe zweifelhafter Wählmanöver und käuflicher: Unterbehörden seine Wahl, die sicher schien, zü verhindern. ' ■ . v 's Von Anfang an erkannte Nathan Birnbaum, daß : das, Ostjudentum der wahre Träger der jüdischen Kultur, und des jüdischen Volkstums sei, und' nicht zuletzt war "es dieser seiner Seelen- und: Wahlverwandtschaft mit dem Osten zu verdanken, daß er sich später auf viel verschlungenen Umwegen zum Ju d,e n t um d e r T h o r a, mH ganzem "Herzen fand. Zunächst!; äußerte sieb: seine Liebe zum Osten durch Uebersetzungen jiddischer Schriftsteller, durch Einberufung einer Jüdisch e n Spr ach k o n f e r e ri x in Czernowitz, die 1908 das Aufsehen, der Welt erregt hat, durch Gründung einer -^Zeitschrift „Das Volk" zur Pflege der .jiddischen Spräche und Kultur. Aber 1910 beobachten wir bei B. schon die Wendung zur Religion, als er in dem von; ihm herausgegebenen,, „Freistatt", noch ein Mathias Acher, den Anderen in dem Maße immer fremder wird, wie er uns näher rückt. Von hier aus geht eine; gerade Linie bis zu seinem offenen . Bekenntnis?,'; das; er 1917 in sein er programmatischen und!' herrlichsten all seü>er1 Schriften'!„ G" 11 e s-: V ö%" ablegt, der später! noch:.weiter^ Schriften (,vÜm die Ewigeit" —- „Im biienste der Verheißung") folgen. Mit dem. Bekenntnis . zur Orthodoxie "hört ctber der kritische Rufer und Mähö:4t .nicht auf., r rechnet mit.deii-fMscheit ^Öpneten ■ jenseits es Thorajuderitums scharl jab,. äber er' hat auch.' Kritik im Tfioralager zu^üben und weiß* Verfallserscheinungen im eigenen neuen Kreise beißend' zu geißeln. Niemals hajfr die Orthodoxie über dem Mahner, der auch hier zuweilen seine eigenen Wege ging, den glühenden Freund übersehen. 3mx "'JTXS D^aSJ« Sein . Wort wurde gehört im Zentralrat der Agudas Jisroel,;auf der. Kenessio Gedaulo und auf den, diversen großen Konteren-. zen der Agudas Jisroel in Zürich und in Antwerpen, und man hatte oft Gelegenheit, i h m z u. danken für Anregungen, die er in prophetir scher Voraussicht schon vor Jahren gemacht hatte und die erst später verstanden und befolgt wurden. 1 Nathan Birnbaum hatte vor Jahren als Generalsekretär der' Agudas Jisroel Litauen, England und Amerika bereist. Er war nicht der eigentliche Agitator, die Massen zu entflammen und über Nacht Bewegungen zu entfachen. Aber die Erfahrungen, die er bei dieser abermaligen : engen Berührung mit den thoratreuen jüdischen Zentren samröeltG,lkanien der Aguda in allen späteren. Phasen ihrer; Tätigkeit und damit dem jüdischen Volke; zugute,. , ■ Durch all "seine ' Wandlungen blieb sich Nathan Birnbaum in einem treu: in der Liebe z u m ij ü d i s c h e n V o 1 k e , und als er nach allem Suchen und hartem kingen das Lebens¬ und Kraftzentrum;> des jüdischen* Volkes in der Thora. erkannte,; hätteter, wie immer, den Bekennermut, all die1 bisherigen Götzen zu zertrümmern und. mit; prophetischer Glut den von ihm als wahr und; echt erkannteft. Weg zu verkünden und zu - weisen. Eine Elite von 0 I i m , Aufsteigenden, wollte er erziehen, die mit ihm zur Höhe der^ nvnp 'streben sollten, ihnen galten seine letzten., Rufe.; Sie| seine Jünger und Sachwalter seines. Geistes; weiden nun ohne ihn und im Andenken an ihn. diesen Höhenweg, wei^ tergehen. ' . —tz. ■ Aus eiiier Würdigung Birnbaums an seinem 70. Geburtstage von Dr. Maximilian Landau. Als, wir vor dreizehn, Jahren den Sechziger feierten, in. einer ruhigeren Zeit und unter freundlicheren Umständen, war es uns damals schon bewußt, daß wir nicht bloß den Jubiläumstag eines verdienten Mannes festlich begehen, sondern daß der Ehrentag des alten Kämpfersfür uns zugleich ein Tag der Besinnung und Rechenschaftslegung ist. Wir haben uns damals Birnbaums Lebenswerk vor Augen geführt und haben gleichzeitig die Bilanz unserer nationalen Arbeit gezogen. Wir haben uns gefragt, wo wir stehen, was wir von unseren jüdischen Idealen verwirklicht haben, und ob wir die richtigen Wege gegangen sind. Viele von uns haben damals begriffen, daß Birnbaum dem jüdischen Volke etwas zu sagen hat. Viele haben in ihm den treüesten Warner und den echtesten 'Freund erkannt, und viele spürten mit überzeugender Kraft, daß die Judenheit allen Grund hatr aufzuhorchen, wenn Birnbaum spricht. Wenn wir h e u t e seine und unsere Bilanz ziehen, tun wirs in ganz anderer Weise als vor dreizehn Jahren. Damals, in den Zeiten der schein baren wirtschaftlichen und geistigen „Stabilisierung", glaubten wir. mit einer akademischen Betrachtung, unserer Pflicht Genüge: zu tun. Heute, in eineri großen geschichtlichen Stunde, da die jüdische ProDlemEatik in ihrem ganzen Umfang riesengroß vor . uns hintritt, muß diese .Bilanzziehung zu einem strengen Gericht, zu einer ergreifenden , Beichte . werden, und; in vielen Dingen auch — zu einer ehrlÄen Selbstanklage. Das jüdische Volkfftat Birnbaum Abbitte zu tun, fjs hat die- Warnungen seines ergebensten Freundes achtlos in den Wind geschlagen, den fruchtbaren Lpsungen eines glühenden Herzens gleichgültig den Rücken gekehrt. Es vertraute blindlings ' den falschen Propheten und hing sich schwärrnerisch an, trügerische Ideale. Es trottete; ' , j; i -°- _ gedankenlos" auf den ausgetretenen Wegen, die Birnbaum als ersterihm geebnet und mit den Siebenmeilenstiefelhi^des ahnenden Geistes vor- - auseilend, schon auf jfeinem höheren Aufstieg .begriffen, /wieder verlassen Jiat.. . r'.; Das jüdische Volk, oder richtiger dessen intellektuelle^ ^ortfü^rer; ^öllten ihn nicht verstehen, weil,, er ,inr e geisti^en^iFlünkereien nicht mitmachte, weil er ihre statistischen Jongleurkünste ablehnte, weil er nicht geistvoll bnllieren .wollte, weil er, anstatt neue originelle ,Jdeen" zu pror duzieren, bis zum. (Bersten erfüllt war von der einen großen, tragenden I d e e , hielten sie ihn für naiv. Weil er ihren modernen, Jargon verachtete, weil er nicht ihre intellektuelle Kunstsprache gebrauchte, sondern mit der großen Einfachheit der Klassiker in ursprünglichen, zu Herzen gehenden Worten lehrte und rief, hielten sie ihn für veraltet. Hinter den zürnenden Mahnwoiten, die ihre Eitelkeit verletzten, hörten sie nicht den unendlich zarten Unterton einer Liebe, die aus dem Innersten des- Wesens quillt. Ihre trüb gewordenen Augen erkannte nicht die adlige Linie einer Haltung, die in einer Welt der handgreiflichen politischen Interessen, in einem nach bruf talen Reklamegrundsätzen aufgezogenen öffentlichen Leben keine Stätte mehr finden konnte.. Auch die deutsche Judenheit hat sich dieser schweren Schuld, nicht gegen Birnbaum, sondern gegen sich selbst, anzuklagen. Birnbaum hat lange inmitten . der deutschen Judenheit gelebt und fühlte sich ihr,, zugehörig. Der Entdecker und Verherrlicher des Ostjudentums hat immer die hohen Werte und die große Bedeutung des deutschen Judentums für das jüdische Xolk zu schätr zen gewußt. Den Problemen der deutschen Juden hat er immer ernstestes Nachdenken; zugewandt. Oft nahm er zu. wesentlichen Frageft' der i deutschen Judenheit das Wort. Er sah die Probleme von der Nähe und sah sie tief. Hat die deutsche Judenheit auf die von ernster Sorge getragenen geistigen Bemühungen Birnr baums um ihre Nöte in nennenswertem Maße reagiert? Hat sie-überhaupt hingehört auf das, was er ihr zu sagen hatte? . ' An manchen Dingen wird es jetzt schon offenbar, wie schwer die deutsche Judenheit; gegen sich selbst gesündigt hat, als sie den (Mahnungen und Wärnungen Birnbaums kein Gehör schenkte. Seit vielen Jähren hat Birnbaum den deutsehen Juden begreiflich zu machen gesucht, daß sie dem 1 Phänomen des Antisemitismus gegenüber eine; 'völlig l-^i^ulänglicheHaltungeinnehmen.; I£r hat das damals allgemein übliche Verfahren gegeK ßelt, die antisemitische Bewegung in allen ihren Schattierungen in Bausch und Bogen als pathölp-

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