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Der Israelit · 1937-11-25 · Heft 47 (25.11.1937) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 47 (25.11.1937)
Date
1937-11-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Nummer 47 , 1937 Schwiegervater und Schwiegersohn. (Schluß.) Es kamen Klagen und Anklagen. Arme Witwen und sorgenbeladene Väter kamen mit ihrer persönlichen kleinen Not. Es gab auch vieles zu bessern und abzustellen. Es sammelten sich in der Burgenstadt auch sehr Viele von der jüngeren Generation, die sich die Rabbis und das ganze Treiben um sie herum ansehen wollten, kritisch überlegen, prüfend. Vielleicht auch, um sich Material für den Kampf gegen „den alten finsteren Geist" zu holen. Es war regelrechtes lebhaftes Meßtreiben in der sonst so stillen jüdischen Stadt. Aeltere Männer kamen und nutzten die Anwesenheit der hohen Gäste zu einer Anklage aus: Draußen bei Feinstein, dem Sammelpunkt der Modernen, säßen sie jetzt und immer nachts und spielten. Karten natürlich^ bei hohen Einsätzen, vergeudeten die kostbare Zeit und das kostbare Geld, indes in der Gemeinde viel Not herrsche, für die gerade diese Leute Herz und Hand fest geschlossen hielten. G'tt sei Dank nicht viele, einige seien jetzt von auswärts noch dazu gekommen. Aber es bedeute dieses Gefahr für die Jugend, die sich von diesem leichtfertigen Treiben locken lasse. Der gute Ruf der alten Gemeinde sei in Frage gestellt. ' „Spielen?" wunderte sich Rabbi Akiwa. „Ich kenne das von meiner Heimat her. Eine gefährliche Sache!" „Was könnten wir dagegen tun?" fragte Rabbi Mosche. „Ich habe es in meiner Gemeinde mit Strenge versucht, sogar mit Androhung des Cherem. Es hat bei denen, die diesem Laster verfallen sind, nicht durchgreifend gewirkt." „Ein lachender Teufel, der Spielteufel," meinte Rabbi Akiwa. „Wir kommen ihm nur mit Lachen bei. Versuchen wir es." Und schon erhob sich Rabbi Akiwa, griff nach dem Stock mit dem silbernen Knaufe und nahm den Schwiegersohn an der Hand. „Wir, gehen* gleich hin." Es war vorgerückte Nachtstunde. Der Schäme?, Reb Jekel, ein grimmiger Mann mit langem Knetenstock, bahnte ihnen mit der Oellaterne den Weg. Aus dem Hause Feinsteins blinkten viele Lichte?:. Schon am Eingange hörten sie ein Gewirre animiertet1 Stimmen. Es war schwer zu unterscheiden, ob sich die Leute Komplimente sagten oder Beschimpfungen an den Kopf warfen. Sie schrien laut und derb, aber in das Schreien mischte sich auch lautes Lachen. Rabbi Akiwa drückte kurz entschlossen dte Türklinke auf. Mitten im Zimmer standen die beiden Rabbis, von allen gleich erkannt. Eine kleine Verwirrung, fast eine Panik trat ein. Das laute Gerede verstummte sofort. Einige drückten sich scheu zur Seite. Einer suchte die Karten rasch zusammenzuwerfen und beiseite zu bringen. Ein Teller, vollgefüllt mit größeren und kleinen Münzen, stand in der rechten Mitte des Tisches, von denen, die vorhin ihre brennenden Augen darauf gerichtet hatten, jetzt vollkommen im Stich gelassen. Der Mann, der in Eile die Karten zusammenraffte, warf eines der weingefüllten Gläser um, es gab ein Geklirr, und rote Flüssigkeit rann über den Tisch. Nach einer Weile dumpfen, schweren Schweigens ergriff Rabbi Akiwa, der ältere, das Wort: „Verzeiht, Rabbosai, meine Herren, wir haben euch gewiß in bester Unterhaltung gestört. Es war aber gar nicht unsere Absicht, Wir kommen in wichtiger Angelegenheit. Da ist eine arme Witwe mit fünf kleinen Kindern, hat kein Brot im Hause, die letzten Kissen verpfändet, wird heute mit ihren armen Würmern auf die Straße gesetzt, wenn sie nicht ihre Miete bezahlt. Wir erkundigten uns nach den guten wohltätigen Menschen in der Stadt, die gern geben, und man sagte uns, hier seien sie alle versammelt und würden uns sehr danken, wenn wir ihnen zu einer guten Tat verhelfen . . ." Keiner unterbrach. Alle standen wie gebannt von der sanften, dunkel abgetönten Stimme des ehrwürdigen Rabbiners, die sich wie Oel mild und beruhigend auf die Wogen goß. Nichts von Vorwurf, keine Straf- und Moralrede. Noch weicher, noch Hebevoller, so ganz einschmeichelnd klangen jetzt die Worte des Friedländer Rabbiners weiter: „Nun, wir sehen, wir haben uns nicht getäuscht. Israels Kinder sind barmherzig, Söhne der Barmherzigen. Wie wir da draußen auf dem Vorplatze standen und lauschten und überlegten, ob wir am richtigen Platze seien, da hörten wir ein Wort drinnen fallen, ein herrliches Wort, nämlich da rief jemand: Herz ist Trumpf! Ist d ä s ein echtes jüdisches Wort.' Herz, das jüdische Herz, ist immer Trumpf! Das steht schon in der Thora bei der Gabe für das Stiftszelt: „Und Alle, die mit dem Herzen spendeten!" Und was hatte der weise Salomo etwa anders gesagt, *äa er lehrte: „vor allem hüte Dein Herz, denn von ihm geht das Leben aus?!" Herz ist Trumpf! Ich sehe, ihr habt schon vorgebeugt. Denn wie der eine das schöne Wort rief und dabei den Sammelteller vorhielt, war jeder gleich dem Rufe mit seinem Obolus gefolgt. Hier ist ja schon ein hübsches Sümmchen beisammen. Ihr habt nur auf uns gewartet. Wollen mal zählen: Zehn, dreizehn, siebzehn, siebenundzwanzig, halt noch einmal fünf, also. zweiunddreißig Gulden! Vortrefflich. Dreißig Gulden für die Miete. Mit zwei Gulden kann die arme Familie ein paar Tage leben . . ." Sprachlos standen die Leute, überrumpelt wie noch nie im Leben, und dennoch so ins tiefste angesprochen. Bis der reiche Nathansohn kurz entschlossen in die Tasche griff, ein goldenes Zehrtguldenstück herausholte und klirrend in den Teller warf. Dankbar für diesen Ausweg, der Entspannung brachte, folgte ihm jeder der Korona mit einigen Gulden. Alles für die arme Familie. Herz ist Trumpf! Der Preßburger Raw war nicht ganz zufrieden. .„ „Eine Guttat löscht die Sünde nicht aus," zitierte er flüsternd aus Talmud. Er wollte noch weiter zitieren, doch Rabbi Akiwa war noch gar nicht fertig: „Und nun, ihr lieben Menschen, noch ein Wori, nachdem ich euch für Belehrung so empfänglich finde. Es ist hier aus dem Spiel eine gute Sache geworden. Es wird nicht immer so sein. Wißt ihr nicht, was die Mischna sagt von denen, die ihre Zeit mit Würfel- oder Kartenspiel verbringen? Unbrauchbar für die Zeugenschaft vor Gericht und andere Ehren- und Vertrauensämter. Jeder Jude ist tagtäglich Zeuge der Schöpfung, Zeuge der G'tteswaltung, Z^uge vor dem Richter der Welt. Ihr wollt doch nichf . . ." Der Rabbi sprach das harte Wort nicht zu Ende. Jetzt fand der reiche Herr Nathansohn endlieh seine Sprache wieder. „Der Rabbi muß uns nicht mißverstehen. Wir sind keine gewerbsmäßigen Spieler, Nur abends mal so ein Stündchen, um, wie man sagt, die Zeit totzuschlagen ..." „Zeit totschlagen?!" wunderte sich Rabbi Akiwa. „Das ist, mit Verlaub ihr Herren, wieder k e i n schönes Wort! Wo gibt es Schöneres und Kostbareres als die Zeit, und ihr wollt sie totschlagen? Wenn Menschen gemeiniglich sagen, „wir haben keine Zeit," so haben sie in einem recht, denn „in Deine- Hand sind meine Zeiten," heißt es in den Psalmen. W i r haben keine Zeit. Nun da sollte ein Mensch, ein Jude, der Thora gelernt hat und der die Psalmen belet, etwas totschlagen wollen, was gar nicht ihm gehört? Wißt ihr, was das heißt: Zeit7 Zeit ist die Ewigkeit, die Ewigkeit ist das All und Herr des Alls ist G'tt, Z'eitl Ich will euch etwas aus unserer Gegend erzählen. Da herrschte voriges Jahr, G'tt behüte uns alle davor, die Choleraepidemie. Wir taten, was wir konnten, um den Unglücklichen, die davon betroffen wurden, beizustehen. Aber wir sahen Hunderte dahinsterben. Wie haben wir da um jede Minute und jede Sekunde ihres Lebens gerungen, der Aerzte Kunst eingesetzt und heiße Gebete zu G'tt geschickt, daß ihnen, den Kranken, noch e i n Tag, eine Stunde, einige Minuten ihrer Zeit erhalten werde! . . , Und da sollte es Menschen geben, die bei gesundem Leibe so mir nichts dir nichts ihre Zeit totschlagen? Das habt ihr ( nicht überlegt, und meint es auch gar nicht so . , ." Ein großer Ernst, ein stilles Nachdenken legte sich auf die vor wenigen Minuten noch so heiter frohen Gesichter. Mit einem liebevollen Gutenachtgruß verabschiedeten sich die beiden Rabbis. Kurz darauf sah man auch die Lichter bei Feinstein erlöschen. Man hat in nächster Zeit von Zusammenkünften des Spielklubs nichts mehr gehört. Der Preßburger Rabbiner meinte, als sie durch die dunkle Nacht nach Hause tappten: „Eine besondere Gabe hat der liebe G'tt dem großen Friedländer Raw verliehen, die Gabe, mit den Menschen in ihrer eigenen Sprache zu reden und aus ihren Herzen Erkenntnisse herauszuholen, die wohl immer schon darin schlummerten. Mein Rebbe, Rabbi Nosson, er war ein Heiliger und nicht von dieser Erde, konnte es n i c h t, Ich glaubte, die Gabe zu besitzen und muß jetzt in Gegenwart des Friedländer Raw einsehen, w i e der wahre Weg zu den Herzen der Menschen ist." „Nein," wehrte der Rabbi Akiwa ab, „so ist es nicht. Im Talmud finden wir, dajß der Größte der Großen/ Rabbi Schimeon, Sohn Schetachs, sich in persönlicher Not eines namenlosen Frommen bediente, daß er für ihn betete. „Der Diener vor dem Herrn," so wird das dort begründet, „darf sich einer simplen allverständlichen Sprache bedienen. Der Fürst muß Distanz halten." Der Preßburger Raw darf es sich leisten, daß die Menschen den Weg zu ihm suchen und finden. ' Es genügt, wenn er ihnen auf halber Strecke entgegenkommt und die Hand entgegenreicht. Ich aber-, . ." Erschrocken fiel ihm Rabbi Mosche ins Wort: „Darf der Oberrabbiner von Friedland gering von sich denken und reden?" „Oberrabbiner von Friedland!", wiederholte der andere etwas wegwerfend. „Ist es dem Preßburger Raw bekannt, daß ich, als die Verantwortungslast mich zu erdrücken drohte, den ernstlichen Entschluß faßte, alle rabbinischen Aemter und Ehren von''mir zu weisen und als M e 1 a m e d , als kleiner Kinderlehrer irgendwo mein Brot zu verdienen und mich ungestört dem Studium zu widmen? Man ließ mich nicht. Man setzte mich mit Gewalt auf den Thron. Die Freien, die Modernen und Fortgeschrittenen bis Posen, erhoben ein Zetergeschrei, fürchteten den ' „Finsterling", der den neuen Berliner Geist bekämpfte, gingen sogar bis an die Regierung. Nun sagte ich; jetzt erst recht, und blieb da, Ich begann die Arbeit, auch die Verantwortung und den Kampf zu lieben, und nun sind sie alle, jene früheren Gegner, sozusagen an meinem Gängelband, verehren mich und folgen auch im Ganzen in allen Gemeindeangelegenheiten meinem Rate und meinen Weisungen. Wenn sie nur den Weisungen G'ttes in der Thora so folgten! . . . Hierin bin ich mit meiner Arbeit und mit dem Erfolg noch ganz und gar nicht zufrieden. „Von diesem Kampfe," setzte Rabbi Akiwa fort, „könnte man ganze Bücher schreiben. Ich hatte meine eigene Taktik und meine eigene Waffe, die nicht für alle zu empfehlen ist. Andere — er sah dabei seinen Schwiegersohn an — werden mit anderer Taktik und besserer Waffe gewiß mehr erreichen, ich machte es eben so, wie es mir gegeben war. Da geschah es einmal in der ersten Zeit, daß ich einen Schochet, der mein Vertrauen verlor, außer Amt setzte. Dieser Mann hatte verwandtschaftliche Beziehungen zu der oberen Schicht. Ein Sturm erhob sich. Ich sollte den Gemaßregelten wieder in Amt und Ehren einsetzen. Man wollte an diesem ersten Fall meine rücksichtslose Unduldsamkeit der Gemeinde "-zeigen. Ich bewahrte meine Ruhe und sagte einfach und freundlich: Nein! Aber jene Schichten ruhten nicht und gingen bis an die höchsten Aemter, bis Berlin. Und eines Tages erhielt ich das Dekret, mit königlichem Siegel versehen. „Im Namen des Königs." Ich hätte öffentlich in der Synagoge vor versammelter Gemeinde die ausgesprochene Absetzung des Beamten in aller Form wieder zurückzunehmen. Was geschah? Ich tat es, oder richtiger, ich tat es nicht und konnte dennoch weiter im Amte bleiben. — — — „Ich tat ganz nach Befehl und Geheiß. Eine Verordnung der königlichen Behörde ist Befehl, so gut wie Religionsgesetz, Also betrat ich am Sabbai nach dem Vorlesen der Thora das Almemor, verrichtete das Königsgebet wie üblich und knüpfte daran folgende Bekanntmachung; „Rabbosai, wie euch allen bekannt, habe ich den Schochet . . . aus den und den Gründen seines Amtes enthoben. Ich habe euch an dieser Stelle bekannt zu geben, daß „Hamelech jorum hodo", seine königliche Majestät anderer Meinung sei und ihn für geeignet hält. Uw« le zion goel, und so möge Zion der Erlöser erstehen, bald in unseren Tagen, Amen! ..." Ein helles Lachen überzog das Gesicht Rabbi Mosches. Aber Rabbi Akiwa erzählte in' der natürlichsten und bescheidensten Art der Welt.^Allda, wo er befürchten mußte, ein Wort oder eine Mitteilung könnte überheblich wirken, schränkte er die Bemerkung sofort durch eine Mitteilung von seiner Schwäche, von einem Mißerfolg ein. Er wollte vom großen Schwiegersohn lernen, wie man es in solchem Falle anders und besser mache . . . Zwei Männer standen an den Wagen, die nach zwei verschiedenen Richtungen., sich in Bewegung setzen sollten. Zwei Könige im Reiche des Geistes, beide im Besitze unermeßlicher Reichtümer und doch so grundverschieden geartet. Des Einen Lande hatten großen Reichtum an leuchtenden Perlen, nann-., ten weite Goldminen ihr Eigen; der Andere mit der Residenz in Preßburg hatte der Welt Bücher und Bände gegeben, die, blühende üppige Fruchtäcker, den Menschen das tägliche geistige Brot reichten. „Mein Lehrer und Meister!" verabschiedete sich Rabbi Akiwa. „Mein Fürst und mein Führerj!^ sprach Rabbi Mosche. („Licht aus dem Westen" von S.. Schachnowitz ist als Chanukahgescherik zürn Ausnahmepreis von Mk. 3.50gebunden, Mk. 2.50 broschiert im Hermon-Verlag, Frankfurt a, M,, Schützenstraße 12 zu beziehen.)

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